Stand: 14.02.2018

Diese Portalseite enthält Beiträge für die Formulierung einer tätigen christlichen Laienspiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen. Der Inhalt der Seite, von der sich Teile noch im Entwurfsstadium befinden, wird laufend aktualisiert.

Diese Beiträge werden im Dialog zwischen katholischen Geistlichen und vorwiegend in Sicherheitsberufen tätigen Menschen formuliert.

Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar sagte:

Wenn mein Christsein der weltlichen Welt dienen soll, muss ich ein verstehbares, überblickbares Leitbild davon haben. Diese muss aber menschlicher Vernunft und menschlichem Handeln angemessen sein […].

Die hier dargestellten Inhalte sollen in diesem Sinne ein Leitbild für den Bund Sankt Michael und seinen Dienst sein.

1. Grundlagen der Spiritualität des schützenden Dienstes

Die Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes strebt die Nachfolge Jesu Christi an. Der Weg und die Wahrheit und das Leben ist mit der Akzeptanz höchster Risiken im Festhalten am unbedingten Gehorsam gegenüber Gott sowie im Dienst an anderen Menschen verbunden.

Dieser Weg ist auch der Weg der Kirche im Sinne des Aufrufs von Papst Piux XI., der im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre moderne Ideologien an die „ungenannten Soldaten Christi“ appellierte, dem heiligen Erbe des Christentums tapfer die Treue zu halten, „im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes“ dienend tätig zu werden und „alles zu hüten und zu schützen, worauf der Völker Heil und Glück beruht“.

Diese Spiritualität ist zudem Teil der apostolischen Pflicht aller Christen zur Verteidigung der Kirche im Sinne der Gesamtheit aller Christen gegen ihre Feinde.

  • Die Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes ist die des Apostels Paulus, der die ihm anvertrauten Menschen und Werke auf seinen mit Gefahren verbundenen Fahrten sicher durch den Sturm brachte (Apg 27,10).
  • Sie ist die Spiritualität des Nehemia, der die schützenden Mauern Jerusalems in Zeiten der äußeren Bedrohung und der inneren Auflösung erneuern, bewachen und verteidigen ließ.
  • Sie ist die Spiritualität des Ezechiel, den Gott im Angesicht von Gefahren und Bedrohungen zum Wächtertum berief (Ezechiel 33,2-7) und ihn aufforderte, sich zu rüsten und bereitzuhalten zur Abwehr der weltlichen Gegner des Volk Gottes, damit dieses Volk in Sicherheit leben kann (Ezechiel 38,7-9). Gott beruft mit den Worten im Buch Ezechiel den zum Dienst bereiten Mann, damit er „eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt“ (Ezechiel 22,30).
  • Sie ist die Spiritualität des hl. Bernhard von Clairvaux, der zum schützenden Dienst gegen jene aufrief, die daran arbeiten die „unschätzbaren Reichtümer des christlichen Volkes zu rauben, das Heiligtum zu schänden und den heiligen Tempel Gottes in Besitz zu nehmen.“
  • Diese Spiritualität strebt danach, „geschult für den Kampf […] gegen die Schrecken der Nacht“ zu sein (Hoheslied 3,8).
  • Sie orientiert sich an den Erfordernissen des Dienstes in Grenzsituationen, unter Gefahr und im Angesicht von Risiken. Ihr Inhalt ist die immer weiterreichende Indienststellung des eigenen Lebens und der Aufbau und die Pflege von entsprechender Tauglichkeit. Ihr zu folgen ist damit verbunden, Herausforderungen aktiv zu suchen, auf sie zuzugehen und auf den Ruf Gottes zu antworten: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6,8)

Das Streben des Menschen zum Ewigen und Erhabenen führt zu unterschiedlichen Antworten und Ansätzen, was diese Nachfolge Lebensgestaltung aus dem Glauben angeht. Eine Spiritualität ist in diesem Zusammenhang ein bestimmter Weg, das eigene Leben und Handeln aus dem Glauben heraus und in Übereinstimmung mit den Anforderungen zu gestalten, die Gott daran stellt. Es geht darum, einen konkreten Weg zu beschreiben, wie Jesus Christus, der „sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm […] und gehorsam wurde bis in den Tod“ (Phil 2,7-8) dienend nachgefolgt werden kann, um die Bestimmung des Menschen zu erfüllen.

In ihrer  Spiritualität verwirklicht und beweist sich eine Religion und wird in ihr erfahrbar und zugänglich. Sie umfasst dabei die bewusste Gestaltung aller Bereiche des eigenen Lebens in Bezug auf das Transzendente.

Im Zusammenhang mit der Suche nach einer Spiritualität des schützenden, bewahrenden Dienstes wurden bislang die nachstehend aufgeführten Themen behandelt. Alle zu den Themen Glaube und Ethos erschienenen Beiträge können hier abgerufen werden.

2. Das Streben des Menschen zum Heiligen, Ewigen und Erhabenen

Das Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen sowie die Suche nach dem Absoluten, Ewigen, Uralten und Heiligen und nach Dingen und Aufgaben, die größer und wichtiger sind als die eigene Person, sind in der Seele des Menschen angelegt. Dieses Streben, das den Menschen über sich hinausweist, ist eine seiner besten Eigenschaften und gehört zu den Dingen, die ihn wesentlich ausmachen. Laut Romano Guardini gebe es in der Seele des Menschen „einen sehr edlen Drang: unmittelbar zu dem aufzusteigen, was hoch und vollkommen ist.“

Die damit verbundenen großen Fragen nach der geistigen Beschaffenheit der Welt und der Rolle des Menschen darin sind nur religiös zu beantworten. Sie öffnen den Menschen für das Unendliche sowie den Glauben und führen und führten Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu Gott. Diese Suche ist zudem die treibende Kraft hinter aller großen Werken des Menschen und allen Hochkulturen. In der Welt des Glaubens gibt es nichts Banales und Bedeutungsloses.

Die mit dieser Suche verbundene Sehnsucht ist so tief im Menschen verankert wie es sonst nur Impulse sind, die für sein physisches Überleben notwendig sind. Dass es auf diese Sehnsucht keine materielle Antwort gibt belegt, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist. Diese Sehnsucht ist auch der Garant dafür, dass Religion und Glaube nicht aus der Welt verschwinden werden, solange es Menschen gibt.

Materielle Dinge können von dieser Suche ablenken oder die dahinterstehende Sehnsucht betäuben, wie es bei ungeistigen Menschen zu beobachten ist. Diese Dinge können jedoch nicht das Ziel der Suche ersetzen. Materialistische Ideologien ähneln Ersatzreligionen, die keine Antworten auf die großen Fragen geben, sondern die Fragen für illegitim erklären und den betrügen den Menschen indem sie behaupten, dass es keine große Fragen gäbe. Sie führen den Menschen auf falsche Wege, indem sie behaupten, dass die wichtigen Fragen des Menschen sich auf die nach der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse und Leidenschaften beschränken. Sie leugnen zudem den Menschen, indem sie seine Würde leugnen und das, was ihn vom Tier unterscheidet.

Sören Kierkegaard schrieb:

Denn nichts Endliches, nicht die ganze Welt kann eine Menschenseele befriedigen, in der das Bedürfnis nach dem Ewigen sich regt.

2.1 Die Ansprechbarkeit des Menschen für das Heilige und Erhabene

Der Mensch ist sich seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ebenso intuitiv bewusst wie der Möglichkeit seiner Seele, darüber hinauszuwachsen. Die Seele des Menschen kann das Heilige und Erhabene, das ihm dies ermöglicht, erkennen, wenn es sich ihm Wahren, Guten und Schönen zeigt, und reagiert mit religiösen Empfindungen, wenn sie ihm begegnet.

  • Naturerfahrung: In der Schöpfung offenbart Gott etwas von sich selbst. Naturbetrachtung kann im Menschen religiöse Erfahrungen hervorrufen, weil die in der Natur wahrnehmbare Größe und Schönheit dem Menschen die Erfahrung ermöglicht, dass es geheimnisvolle Dinge gibt, die unendlich größer sind als er selbst. Die ersten Religionen waren dementsprechend Naturreligionen.
  • Schönheit in der Kunst: Die ersten Kunsterwerke des Menschen waren von der Erfahrung des Erhabenen und Geheimnisvollen in der Natur und somit religiös inspiriert. Große Kunstwerke sind das Ergebnis des Wirkens von Menschen, die zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind und das von ihnen Geschaute anderen Menschen vermitteln können.
  • Philosophische und naturwissenschaftliche Wahrheit: Philosophen und anderen Denker, die wie die Schöpfer großer Kunstwerke zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind, drücken dieses in ihren Werken aus. In den Naturwissenschaften ist das Streben nach der Erkenntnis letzter Ursachen auch mit religiösen Impulsen verbunden.
  • Selbstlose Taten: Diese sprechen die Seele des Menschen an, weil sie darin das Wirken und einen Ausdruck des Heiligen erkennt und den Blick des Menschen über die materielle Welt hinausweist, nach deren Regeln solches Handeln meist als sinnlos oder irrational erscheint. Erzbischof Charles Chaput betonte, dass die Seele des Mannes nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens suche, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Der Evolutionsbiologe E.O. Wilson bezeichnete Altruismus dementsprechend als eines der größten ungelösten Rätsel seiner Disziplin.
  • Letzte Dinge: Zu den ältesten Kulturzeugnissen der Menschheit zählen Grabstätten, aus denen sichtbar wird, dass das Geheimnis des Todes in den Menschen die Frage nach der Seele und ihrer Fortdauer nachd dem Tod aufgeworfen hat.

Die Betrachtung dieser Dinge kann im Menschen zudem die Sehnsucht nach dem Heiligen verstärken, weil sie ihm vor Augen führt, dass es keine weltliche Dinge gibt, die diese Sehnsucht stillen können.

2.2 Die Unvollständigkeit des Menschen ohne Bindung an transzendente Dinge

Es ist eine Erfordernis der Natur des Menschen, dass er zum Heiligen, Erhabenen und Transzendenten strebt. Dies ist notwendig, damit er über die niedrigen Aspekte seiner Natur hinauszuwachsen und sie kontrollieren kann. Die Frage nach Möglichkeiten der sinnvollen Gestaltung des Lebens hat zudem nur zum Teil materiell begründbare Antworten.

Ein Leben, das nicht von der Existenz von etwas ausgeht das höher ist als es selbst und sich daran bindet, muss ebenso scheitern wie ein Leben, das nur materielle Dinge als wirklich wahrnimmt.

3. Das vertikale Weltbild und die hierarchische Ordnung des Kosmos

3.1 Materielle und immaterielle Wirklichkeit

Die meisten bedeutenden Religionen gehen von ähnlichen Annahmen und Beobachtungen über die Wirklichkeit aus wie das Christentum. So teilen sie etwa die Annahme, dass die Wirklichkeit nicht nur eine materielle sondern auch eine geistige Dimension umfasse, und dass die materielle von der geistige Dimension abhängig und ihr bedeutungsmäßig untergeordnet sei.

Die geistige Dimension der Wirklichkeit wird als vertikal und hierarchisch geordnet verstanden und davon ausgegangen, dass sich an ihrer Spitze ein für den Menschen physisch nicht wahrnehmbares höchtes Element befinde, das den Maßstab aller für das Leben des Menschen entscheidenden geistigen Dinge und des Wahren, Guten und Schönen darstelle, und das mit dem Gott der jeweiligen Religion identisch ist.

Der Mensch verfüge über eine Seele, die Teil dieser geistigen Dimension sei, weshalb sein Leben nicht nur in der materiellen Welt stattfinde. Für den Menschen geht es in allen Religionen darum, sein Leben im richtigen Verhältnis zu Gott zu gestalten.

Die nahezu universelle Verbreitung dieses Weltbildes deutet darauf hin, dass es der Mensch naturgemäß auf seine Erkennung angelegt ist und dieses auf Wahrheiten beruht, die unabhängig von der Wahrnehmung des Menschen existieren. Auch die Existenz des freien Willens, der auf Grundlage eines materialistischen Weltbildes nicht erklärbar ist, ist legt nahe, dass die Wirklichkeit auch einen immateriellen Teil umfast.

3.2 Der überzeitliche Kampf in der Welt

Viele Religionen teilen auch die Annahme und Beobachtung, dass es in dieser geistigen Welt einen Konflikt gebe, in dem geistige Gegenkräfte Gott und die Ordnung, an deren Spitze er steht, herausfordern. Die Fronten dieses Konflikts, der auch auf die zeitliche Welt übergreift, verlaufen dabei durch die Seelen der Menschen

4. Jesus Christus: Der Weg, die Wahrheit und das Leben

Die Herrlichkeit des Herrn (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Jesus Christus ruft zur Nachfolge auf. Alle Menschen sind dazu aufgerufen, es ihm gleichzutun, der „sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm […] und gehorsam wurde bis in den Tod“ (Phil 2,7-8).

Ihr wisst, dass diejenigen, welche als Herrscher der Heidenvölker gelten, sie unterdrücken, und dass ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Jesus Christus nach Markus 10, 42-45

5. Der Dienst als Berufung des Menschen

Die Würde des Menschen liegt darin begründet, dass er dazu berufen ist, am Aufbau des Reiches Gottes und am überzeitlichen Kampf mitzuwirken. Der Mensch ist nicht nur passiv der Materie unterworfen, sondern kann in den Dienst Gottes treten und zu seinem Mitarbeiter werden. Jesus Christus berief dazu Apostel in seinen Dienst und sandte sie aus.

Dienende Menschen sind gemäß der biblischen Bilder das „Licht der Welt“ und das „Salz der Erde“, die wie ein Sauerteig in der Welt wirken.

Dienen kann nur wer liebt und anerkennt, dass es etwas wichtigeres gibt als ihn selbst, und der seine eigenen Interessen dem nachordnet. Ein dienendes Leben unterscheidet sich somit deutlich von einem individualistischen und materialistischen Leben, das den eigenen Erfolg oder das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. Der Gegensatz zwischen diesen Lebenswegen kann nicht genug betont werden.

Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!

Jesaja 6,8

Ein dienendes Leben gibt mehr als es nimmt, legt sich härtere Pflichten auf, übernimmt größere Verantwortung und bringt größere Opfer.

Der christliche Weg ist kein leichter Weg. Er stößt zudem bei vielen Menschen auf Ablehnung, die sich dadurch provoziert fühlen, dass Christen sich dem Weg dieser Welt nicht unterwerfen wollen und nicht für ihre Leidenschaften leben.

Das Christentum ist eine Religion des Dienstes, und es über die Jahrhunderte eine Kultur geschaffen, deren Mittelpunkt der Dienst ist. Hans Urs von Balthasar zufolge sei für Christen die Bibel das „Wort, das den volleren Gehorsam lehrt“ und die heilige Messe „die Anbetung ihres Herrn und die Belehnung mit seiner Kraft für seinen Auftrag“.

Christ sei von Balthasar zufolge derjenige, der im Dienst stehe. Die Forderung nach Selbstlosigkeit und ständigem „Zur-Verfügung-Stehen“ im Rahmen einer dienenden Berufung würde die Identität des Christentums bestimmen.

Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet.“

Erzbischof Joseph Chaput erinnerte 2018 daran, dass der westlichen Welt schwere Zeiten bevorstehen würden. Sie werde künftig in noch stärkerem Maße den Dienst christlicher Männer brauchen, die den Kampf um die Seele der Welt aufzunehmen bereit seien. Jeder Mann sei zu diesem Dienst berufen und dieser Dienst beginne damit, selbst zu einem Vorbild traditioneller christlicher männlicher Lebensführung zu werden und korrupte und vulgäre Elemente modernen Lebens aus dem eigenen Leben auszuscheiden. Dieser Dienst setze sich fort mit dem Dienst als Ehemann und Vater, der kommende Generationen präge. Darüber hinaus könne dieser Dienst bis zur vollständigen Hingabe ausgeweitet werden.

5.1 Dienst und Nächstenliebe

Christliche Liebe ist laut der Enzyklika Rerum Novarum dadurch gekenzeichnet, „sich selbst für des Nächsten Heil zu opfern“.

Hans Urs von Balthasar sagte, dass es für den Christen „nur einen einzigen wahren Einsatz“ gebe, nämlich „den für die Brüder, für die Welt“ und den „Einsatz des Menschen, dem der Bruder mehr wert ist als sich selbst“.

5.2 Dienst als Berufung

Laut Hans Urs von Balthasar definiere es den Christen, dass er seine Berufung kenne und sein Leben für sie einsetze, wobei diese Hingabe bis zum Opfertod gehen könne. Derjenige Mensch verwirkliche sein Dasein am stärksten, „der es, für eine endliche Aufgabe, die ihm wert erscheint, so gründlich wie möglich einsetzt.“ Der Christ praktiziere seinen Glauben, indem er „die ihm geschenkten Gnaden in Umlauf zugunsten der Mitmenschen“ einsetze.

Wer Ja zu Gott sage, erhalte eine solche Berufung und „seine Sendung zu den Menschen“. Diese könne auch ein „Weltauftrag“ sein, der in „Familie, Staat, Gesellschaft“ zu leisten sei.

5.3 Der Dienst als Erfüllung des Lebens

Die Annahme der Berufung zum Dienst befreit den Menschen aus dem Gefängnis seines Egoismus.

Im Buch Jesaja findet sich diese Beschreibung des dienenden Lebens:

Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt. Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.

Jesaja 58, 8-12

5.4 Dienst, Leid und Opfer

Der Dienst des Christen ist Hans Urs von Balthasar zufolge mit Härten verbunden, die als Erprobung der Seele durch Gott verstanden werden sollten. Gott könne sich eines Menschen erst sicher sein, „wenn er ihn, wie Gold im Feuer, erprobt hat.“ Da das Christentum im Dienst erbrachtes Leid unabhängig von der Wirksamkeit des Dienstes als sinnvoll erachte, gebe es für Christen kein sinnloses Opfer. Das Christentum „vertieft die Möglichkeit, sein Leben in einer Aufgabe hinzugeben, fast unendlich, da […] vor allem das Leiden, dort wo man nichts Aktives mehr leisten kann, mit in das Werk, in die Fruchtbarkeit hineinbezogen wird.“

5.4.1 Christliches Märtyrertum

Märtyrer sind die Christen, die im Angesicht der Bedrohung durch die Feinde des Christentums am Glauben festhielten und deshalb einen gewaltsamen Tod starben. Verfolgung und Tod waren in der Geschichte häufig die Folgen eines christlichen Lebens und sind es auch heute in vielen Teilen der Welt.

Todesbereitschaft ist im Kern des christlichen Glaubens angelegt und zwingend Teil der Nachfolge Christi. Jesus Christus selbst forderte seine Jünger zu unbedingter Treue auch in Extremsituationen auf als er sagte, dass er sie „wie Schafe mitten unter die Wölfe” sende (Lk 10,3). Jesus Christus sagte zudem:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

Der Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass ein christliches Bekenntnis ohne diese Todesbereitschaft, also die Bereitschaft zum vorbehaltlosen Dienst gegenüber Gott, nur eine bedeutungslose Oberflächlichkeit sei und ein Glaube ohne Todesbereitschaft drohe, zu „einem seichtem humanistischen Geplätscher“ voller Unverbindlichkeiten zu werden.

Das Martyrium ist im Katechismus der Katholischen Kirche so definiert:

Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. Der Märtyrer legt Zeugnis ab für Christus, der gestorben und auferstanden ist und mit dem er durch die Liebe verbunden Er legt Zeugnis ab für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre. Er nimmt in christlicher Stärke den Tod auf sich.

Laut dem hl. Johannes Paul II. ist die Hingabe des eigenen Lebens durch den Märtyrer „die radikalste und erhabenste Manifestation jenes lebendigen und heiligen Opfers, das Gott gefällt und das der wahre Gottesdienst ist (vgl. Röm 12, 1) – Ursprung, Seele und Höhepunkt jeder christlichen Gottesdienstfeier.“

  • Das Martyrium ist laut dem hl. Thomas von Aquin ein Ausdruck von Tapferkeit im Angesicht des Todes. Der Märtyrer sei ihm zufolge ein Zeuge des christlichen Glaubens, weil er durch sein Handeln glaubwürdig belegt habe, dass es für ihn Dinge gab, die wichtiger waren als sein eigenes Leben. Der Märtyrer weise den Blick anderer Menschen über die materielle Welt hinaus, weil er sich durch seine Tat über deren scheinbare Absolutheiten erhebe.
  • Der Märtyrer widerlegt zudem durch sein Handeln das materialistische Menschenbild, das den freien Willen des Menschen leugnet und in ihm nur ein besseres Tier sieht, das nach Maximierung seiner Lebensdauer und seines materiellen Wohlbefindens strebe. Der Märtyrer stellt durch seine Tat den wahren Menschen dem durch Sünde und falsche Weltanschauungen geschaffenen Zerrbild des Menschen gegenüber.
  • Der katholische Philosoph Robert Spaemann betonte, dass die Geschichten der Märtyrer zu den „heiligen Erzählungen“ des Christentums zählen würden. Von den Märtyrern könne man lernen, was die Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne.

Der Theologe Hans Urs von Balthasar sah in der Bereitschaft zum Tod den höchsten und eigentlichen Maßstab des Glaubens. Der Ernstfall sei für die Klärung von Glaubensfragen „das beste Kriterium […] weil er vor die christliche Wahrheit zwingt“ indem er die Frage stelle, ob man persönlich die richtige Antwort auf den dienenden Opfertod Jesu Christi gebe, die nur „meine Bereitschaft, für Christus zu sterben“ sein könne:

Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.

Dabei müsse nicht jeder Christ als Märtyrer sterben; es käme vielmehr auf die dienende Grundhaltung im Leben und dessen vorbehaltslose Indienststellung an.

Ein Martyrium kann sich über viele Jahre hinziehen und mit extremen Härten verbunden sein. Viele christliche Märtyrer starben nach langen Zeiten der Haft und der Folter.

Das Martyrium darf nicht aktiv gesucht oder angestrebt werden, denn der Tod ist nicht das Ziel des Dienstes des Christen, sondern nur seine im Extremfall in Kauf zu nehmende Begleiterscheinung. Wer tot ist, kann nicht mehr dienen. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila wies jedoch darauf hin, dass es durchaus möglich sei, seinen Dienst als Christ bewusst unter der Inkaufnahme höchster Risiken zu verrichten:

Es gibt immer Thermopylen, bei denen man sterben kann.

Als erster bekannt gewordener christlicher Märtyrer gilt der hl. Stephanus, der als Diakon der Urgemeinde in Jerusalem wegen seines christlichen Glaubens gesteinigt wurde.

Die um das Jahr 150 n. Chr. entstandene frühchristliche Schrift “Der Hirte des Hermas” unterscheidet zwischen Märtyrern, die den Tod bereits gefunden haben, und Christen, die durch ihre Taten unter Beweis gestellt haben, dass sie zur Annahme des Todes bereit seien. Letztere seien “Bekenner” (confessores), die im Frühchristentum besondere Autorität besaßen. Im Frühchristentum wurden zudem jene, die in der Prüfung der Verfolgung versagten und dem Christentum abschworen anstatt den Tod in Kauf zu nehmen und am Christentum festzuhalten, als „Gefallene“ (lapsi) bezeichnet.

Der Todestag eines Märtyrers wurde im frühen Christentum als dies natalis („Tag der Geburt“) gefeiert. Zu diesem Anlass versammelten sich die Mitglieder einer Gemeinde zur Feier der Liturgie, wobei vermutlich auch die Taten des Märtyrers vorgelesen wurden.

Weil Märtyrer häufig unbekannt bleiben, bezeichnete Papst Johannes Paul II. sie als die „unbekannten Soldaten“ der Sache Gottes.

Angesichts der zunehmenden Feindseligkeit gegenüber Kirche und Christentum gab es im 20. und 21. Jahrhundert bislang mehr christliche Märtyrer als in der gesamten vorherigen Geschichte des Christentums. Hunderttausende Christen wurden alleine in dieser Zeit als Märtyrer vor allem durch Kommunisten, Nationalsozialisten, radikale Muslime und andere Feinde des Christentums getötet.

5.4.2 Dem Tod begegnen

Die Haltung des Menschen gegenüber dem Tod prägt sein Leben, denn die Frage nach dem Tod ist eng mit der Frage nach Sinn und Ziel des Lebens und der Bestimmung des Einzelnen verbunden. Der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das sich der Endlichkeit seines Lebens bewusst ist, und die Auseinandersetzung mit dem Tod ist die Grundfrage aller Philosophie. Das Sterben zu lernen ist dabei ein wesentlicher Inhalt praktischer Philosophie und Ausdruck der Erkenntnis, dass man das eigene Sterben aktiv gestalten und dadurch zu einer höheren Form des Lebens gelangen kann.

Der im Dienst stehende Mensch muss in besonderem Maße darauf gefasst sein, dass sein Leben nicht durch Alter und Krankheit endet, sondern durch die Risiken, denen er in seinem Dienst gegenübersteht. Das Leben prüft den dienenden Menschen bis zur Vernichtung, aber alles Leben beruht darauf, dass sich über viele Generationen lang immer wieder Menschen dieser Prüfung gestellt haben. Der hl. Apostel Paulus beschrieb diese Form des bis zur eigenen Zerstörung gehenden dienenden Lebens:

Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. […] Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

Die Konfrontation mit dem Tod kann das Beste oder das Schlechteste im Menschen freilegen, und in seiner Gegenwart wird der Charakter eines Menschen freigelegt. Nichts ist ehrlicher als eine Handlung, die im Bewusstsein der Möglichkeit des Verlusts des eigenen Lebens vollbracht wird. Im Tod kann der Mensch dabei eine besondere Würde haben. Nur der Mensch kann sterben oder sogar fallen, während das Tier nur verendet oder eingeht.

Der Moment der Begegnung mit dem Tod kann über den Wert eines ganzen Lebens entscheiden, und er ist die letzte Gelegenheit, sich noch einmal ganz Gott zuzuwenden. Einem der beiden mit Jesus Christus gekreuzigten Verbrecher, der im Sterben Glauben und Reue zeigte, sagte Christus: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Der Tod verleiht dem Handeln des Menschen besondere Bedeutung, weil er Entscheidungen unwiderruflich macht. Der Tod ist etwas Absolutes, das Halbheiten als Lügen entlarvt. Der Theologie Hans Urs von Balthasar betonte, dass man dem Leben nur von der Möglichkeit des eigenen Todes ausgehend eine christliche Gestalt geben und offene Lebens- und Glaubensfragen zuverlässig beantworten könne. Die eigene Antwort auf die Möglichkeit des Todes lasse den Menschen zudem zuverlässig wissen, wer er wirklich sei.

Die Betrachtung von Lebensfragen vor dem Hintergrund des Todes lässt diese aus der richtigen Perspektive sichtbar werden, nämlich aus der er Ewigkeit. Manche scheinbaren Probleme werden kleiner, wenn man sich die Frage stellt, ob man sich auch dann noch über sie sorgen würde, wenn man müsste, dass man morgen sterben wird. Der hl. Josemaria Escriva, der sich intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hat, sagte dazu:

Stell dir deine Todesstunde vor Augen – wenn es auch nur einmal am Tag ist -, und erwäge in ihrem Licht die Ereignisse des Tages. Ich versichere dir: Du wirst erfahren, wieviel innerer Frieden von diesem Gedanken ausgeht.

Der hl. Thomas von Kempen sagte:

Selig, wer die Stunde seines Todes immer vor Augen hat und sich täglich zum Sterben bereitet….Ist’s Morgen, so glaube, daß den den Abend nicht erreichen wirst; ist es aber Abend geworden, dann getraue dir nicht, noch einen Morgen zu versprechen. Immer also sei bereit und lebe also, dass niemals der Tod dich unbereit finde.

Einige Heilige haben dazu geraten, sich die Möglichkeit des eigenen Todes ständig vor Augen zu führen und sich geistig auf ihn vorzubereiten, so dass man bereit sei, wenn man ihm gegenüberstehe. Der hl. Josemaria Escriva sagte:

Der wahre Christ ist immer bereit, vor Gott zu erscheinen. Denn wenn er sich bemüht, als Jünger Christi zu leben, dann ist er in jedem Augenblick darauf vorbereitet, seine Pflicht zu erfüllen.

Ein Leben im Bewusstsein der Gegenwart des Todes kann das Leben erheben und ihm gesteigerte Intensität verleihen. Wer im Bewusstsein der Möglichkeit lebt, dass der heutige Tag vielleicht sein letzter ist, wird sinnvoller und bewusster handeln als derjenige, der meint, mit wichtigen Entscheidungen noch lange warten zu können.

Menschen haben eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod, aber der im Dienst stehende Mensch sollte vor allem fürchten, in seinem Dienst zu versagen. Für ihn bemisst sich ein erfülltes Leben nicht an dessen Dauer, sondern an der Größe des Dienstes, für das es eingesetzt wird. Der Tod an sich sollte für Christen keinen Schrecken haben, denn für sie ist er der Übergang der Seele in die Ewigkeit. Der hl. Josemaria Escriva beschrieb dies so:

Hast du an einem trüben Nachmittag im Herbst die Blätter fallen sehen? So fallen jeden Tag die Seelen in die Ewigkeit. Eines Tages bist du das fallende Blatt. Hörst du wie die Menschen der Welt traurig klagen, „dass jeder vergehende Tag ein wenig sterben heiße“? Aber ich sage dir: Freue dich, apostolischer Mensch, denn jeder vergehende Tag bringt dich näher zum Leben. […] Für sie ist er Ende, für uns Anfang.

Der Christ könne ihm zufolge Angesicht des Todes gelassen bleiben, denn er wisse: „sein Leben wird verwandelt, nicht genommen…Sterben? Nein: Leben!“ Der Dichter Hermann Hesse beschrieb es ähnlich:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Nur wer davon ausgeht, dass es Dinge gibt, die größer und bedeutsamer sind als sein eigenes Leben, ist zu einer entsprechenden Begegnung mit dem Tod in der Lage. Für den katholischen Schriftsteller und Offizier Ernst Jünger waren manche Tote lebendiger als viele Lebende, weil sie das Äußerste auf sich genommen hätten, wozu Menschen in der Lage wären, und in ihrem Dienst an die Grenze des Möglichen gelangt seien.

Man kann in Situationen geraten, in denen man sich dem Tod bewusst stellen und ihn annehmen muss, um handlungsfähig zu bleiben und seinen Dienst fortsetzen zu können. Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, berichten von erhabenen inneren Zuständen, die mit der Entscheidung verbunden gewesen seien, das Leben hinter sich zu lassen und dadurch über diese Welt hinauszugreifen. Das Sterben kann aber mit Härten verbunden sein, die den stärksten Menschen zerbrechen.

Auch die Entscheidung für eine bestimmte Art zu sterben kann noch eine Form des Dienstes darstellen. Der Kapitän eines Schiffes, der nicht von Bord geht bis Passagiere und Besatzung in Sicherheit sind und deshalb den Tod findet, hat mehr getan als nur denen gedient, die seinem Schutz befohlen waren. Er inspiriert durch sein Opfer auch andere dazu, es ihm gleich zu tun.

Besonders hart ist der Tod, wen er einen geliebten Menschen nimmt. Dies gilt insbesondere für Mütter, Ehefrauen und Kinder. Rituale helfen diesen Menschen dabei, diesen Verlust besser zu bewältigen. Der im Dienst stehende Mensch kann ihnen dabei helfen, indem er im Vorfeld dafür sorgt, dass für diejenigen, die er im Fall seines Todes zurücklässt, materiell und in anderer Hinsicht aufgefangen werden.

6. Der schützende und bewahrende Dienst

Es gibt viele unterschiedliche Wege, auf die Berufung zum Dienst zu antworten. Jeder Mensch muss seine Berufung erkennen, und eine davon kann die zum schützenden und bewahrenden Dienst sein.

6.1 Die christliche Berufung zum schützenden Dienst

Die Vorstellung einer christlichen Berufung zum schützenden Dienst entstand vermutlich im 9. Jahrhundert. Haimon von Auxerre formulierte damals den Gedanken, dass eine gute christliche Gesellschaft Menschen umfassen müsse, die jeweils beteten, kämpften und arbeiteten. Dieser Gedanke wurde durch Bischof Gerhard von Cambrai in einer um 1020 entstandenen Schrift übernommen. Ebenfalls um das Jahr 1020 beschrieb Bischof Adalbero von Laon das Haus Gottes, das aus diesen drei Berufungen bestehe. Die Last aller laste dabei auf dem Amt eines einzigen, und jeder trage dazu bei die Last aller zu tragen.

Mit der Entwicklung des Rittertums schuf das Christentum zudem eine Spiritualität des schützenden Dienstes, die den Schutz der „homines minus potentes“, also der physisch wehrlosen Menschen zum Gegenstand hatte.

In der von Romano Guardini beschriebenen christlichen Weltanschauung ist der Lebensbereich des Mannes der „ritterliche Dienst“ an Gott und am Nächsten.

Wer dient, sagt: Ich bin nicht für mein Behagen da, sondern für einen Menschen oder eine Sache, oder für eine Aufgabe. […] Der Knecht dient, weil er einen Lohn will, oder weil er gezwungen wird. Der Ritterliche dient, weil es einer großen Sache gilt, unabhängig von Vorteil und Zweck. Daß die Sache siege, das ist sein Wille. Er dient nicht gezwungen, sondern aus freier Hingabe.

Der Dienst des christlichen Mannes sei Dienst am Heiligen, also an Gott. Zugleich sei er ein Dienst an denen, die schutzbedürftig seien.

Ritterlichen Dienst schuldet der Mann den Schwachen. Er schützt sie vor Not und äußeren Gefahren; schützt ihre Ehre und ihren guten Namen. Der ritterliche Mensch schlägt sich unwillkürlich auf die Seite des Bedrohten, des Schwächeren, des Unterliegenden. Edelster Ritterdienst gebührt dem Heiligen, das ist Gott und sein Reich.

Im Zusammenhang mit Terroranschlägen oder vergleichbaren Taten, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet werden, wird häufig die Frage gestellt, wie diese aus christlicher Perspektive zu bewerten sind. Dabei wird das Geschehen teilweise zum Anlass genommen, an der Existenz Gottes zu zweifeln, von dem erwartet wird, dass er solches Geschehen verhindere. Das Christentum verspricht aber keine sichere Welt, sondern stellt dem Menschen in Aussicht, durch die Annahme der Berufung zum selbstlosen Dienst am Nächsten und damit verbundene Opfer Gott näher zu kommen.

Das Christentum nimmt das Geschehen in der Welt als Ausdruck eines überzeitlichen Kampfes zwischen Gott und ihm widerstrebenden Kräften wahr, dessen Fronten durch die Seelen der Menschen verlaufen. Die gleiche Willensfreiheit, die den Menschen Gott ähnlich macht, ermöglicht es vor dem Hintergrund menschlicher Schwäche, dass der Wille des Menschen durch das Böse korrumpiert wird, wie es bei islamistischen Terroristen geschieht.

Den korrumpierten, Gott zurückweisenden Seelen der Mörder und Terroristen stehen in diesem in die zeitliche Welt hineinreichenden Kampf die Seelen derjenigen gegenüber, die dem Ruf zum Dienst folgen, sich in den Dienst nehmen lassen, den Kampf zum Schutz des Nächsten aufnehmen und der Gefahr entgegentreten, wo andere fliehen oder zurückweichen. Bei diesen Menschen kann es sich um Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Polizisten, Soldaten oder andere Personen handeln.

Indem sie das Leben anderer höher achten als ihr eigenes und sich in den Dienst stellten, folgten sie Jesus Christus nach.

Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen. Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war […] [E]r entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Philipper 2, 2-8

Mit dem Hervortreten dieser Menschen ist auch eine andere starke Botschaft verbunden, denn im modernen, die Optimierung des eigenen Vorteils und des eigenen Wohlergehens anstrebenden Denken, müsste ihr Handeln als absurd bewertet werden. Da die Größe des Handelns solcher Menschen jedoch offensichtlich ist, widerlegen sie durch dieses Handeln modernes Denken, das solche Taten weder verstehen und begründen noch hervorbringen kann.

Das Phänomen des Hervortretens von Menschen, die zum Schutz anderer ihr eigenen Leben einsetzen und häufig dabei auch verlieren, tritt dabei kultur- und religionsübergreifend auf, wie das Beispiel der Südkoreanerin Park Jee Young als eines von vielen zeigt. Es handelt sich dabei also offenbar nicht nur um ein christliches Phänomen. Die Besonderheit des Christentums ist es, dass die sich aufopfernde Form der Liebe und der Dienst am Nächsten unter Einsatz und Aufgabe des eigenen Lebens das Zentrum seiner Religion bilden.

Wie in keiner anderen Religion findet man im Christentum daher eine Tradition und eine Sammlung von Methoden, welche die Seele des Menschen Gott näher bringen und sie über die Grenzen der körperlichen Natur und des Strebens nach Selbsterhalt heraustreten lassen können. Raymond Kardinal Burke sprach daher vom Christentum als einer heroischen Religion.

Herr, den ganzen Tag stehe ich auf meinem Posten, die ganze Nacht halte ich Wache.

Jesaja 21,8

Die Heiligung der Arbeit und die Heiligung des schützenden Dienstes

Der hl. Josemaria Escriva formulierte im frühen 20. Jahrhundert eine Laienspiritualität, welche die Heiligung der Arbeit zum Inhalt hatte. Er ging dabei auch von der Erkenntnis aus, dass nicht nur Priester und Mönche dazu berufen sind, ein geheiligtes Leben zu führen, sondern alle Menschen.

Auch Berufungen im Zusammenhang mit dem schützenden Dienst können in diesem Sinne aus dem Glauben heraus gestaltet werden. Das christliche Rittertum, das ein geheiligtes Leben nicht in der Abwendung von der Welt sondern in der Erfüllung eines Auftrages in ihr anstrebte, ging bereits von diesem Ansatz aus.

6.2 Der schützende und bewahrende Dienst als christlicher Auftrag

Der schützende und bewahrende Dienst des Christen kann Menschen in Not, dem christlichen Erbe und dem Gemeinwesen dienen. Das Kompendium der Soziallehre der Kirche beschreibt alle Felder des gesellschaftlichen Lebens als Gebiete, auf denen Christen ihren Dienst zu verrichten hätten. Neben dem christlichen Dienst am Menschen gebe es auch einen christlichen Dienst an der Kultur oder an der Politik.

6.2.1 Schutz der Schwachen

Der schützende Dienst des Christen gilt vor allem den Menschen in Not, die sich nicht selbst schützen können. Lactantius, einer der Kirchenväter, betonte, dass zu den helfenden Werken des Christentums auch gehöre, die Unterdrückten zu befreien, die Waisen zu verteidigen und die Witwen zu schützen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass Petrus in Johannes 18,11 sein Schwert aus Liebe zu Jesus Christus gezogen habe:

Aber es war ja Liebe in diesem Ziehen des Schwerts. Nur reichte die Liebe nicht aus, im Zustand der Wehrlosigkeit Christus nicht zu verleugnen. Wie viele ziehen aber ihr Schwert nur deshalb nicht, weil ihre Liebe nicht einmal so weit reicht?

6.2.2 Bewahrung und Verteidigung der Kirche sowie des christlichen Erbes

Alle Christen habe die apostolische Pflicht zur Verteidigung der Kirche im Sinne der Gesamtheit aller Christen gegen ihre Feinde.

Piux XI. rief im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre moderne Ideologien die „ungenannten Soldaten Christi“ dazu auf, dem heiligen Erbe des Christentums tapfer die Treue zu halten, „im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes“ dienend tätig zu werden und „alles zu hüten und zu schützen, worauf der Völker Heil und Glück beruht“.

Leo III. schrieb 1890, dass das Naturrecht den Menschen zur Verteidigung seiner Heimat auch unter Einsatz seines Lebens verpflichte. Noch größer sei jedoch die Pflicht des Christen gegenüber der Kirche.

Alles, was in der Welt Wert besitzt, wuchs aus der Bindung des Menschen an die höchsten Dinge, die über dem Menschen stehen. Das Christentum und alles Wahre, Gute und Schöne werden bedroht und herausgefordert bleiben, solange es diese Welt gibt. Es besteht nur deshalb fort, weil sich in jeder Generation Menschen fanden, die den damit verbundenen Auftrag annahmen, ihr Leben in den Dienst stellten, an die Grenzen gingen, die im Heiligen wurzelnde Ordnung auch unter den härtesten Bedingungen und in den schwierigsten Umfeldern errichteten und sie gegen die unablässig angreifenden Kräfte des Chaos unter großen Opfern behaupteten.

Der schützende und bewahrende Dienst am dabei geschaffenen Erbe und seine Fortsetzung gehört zu den größten Aufgaben, denen sich ein Mensch stellen kann. Das Versagen einer einzigen Generation würde ausreichen, dieses Erbe für immer zu beenden.

G.K. Chesterton beschrieb die Kirche als Trägerin und Hüterin dieses Erbes und seiner kulturellen Kontinuität. Der Glaube war dabei zu allen Zeiten die heroische Gegenposition zu den Kräften der Auflösung, die Menschen Jesus Christus dienend nachfolgend auch unter scheinbar aussichtslosen Bedingungen den Kampf gegen diese aufnehmen ließ.

Die Bibel beschreibt das christliche Erbe mit dem Bild des Weinbergs, der zu pflegen und an die nächste Generation weiterzugeben sei. An anderen Stellen wird erwähnt, dass der Weinberg mit einer Mauer umgeben und mit einem Wachturm versehen werden solle.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb im zweiten Band seiner „Meditationen eines Christen“ auch über christliche Identität und ihre Weitergabe durch „heilige Erzählungen“. Diese würden nicht nur Inhalte der Bibel umfassen, sondern auch die Traditionsbestände der ersten zwei Jahrtausende christlicher Geschichte umfassen. Dies gelte vor allem für die Geschichten der christlichen Heiligen und Märtyrer, von denen man lernen könne, was Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne. Auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“, also schützender Dienst, sei so eine Form der Nachfolge.

Menschen wie der im Alten Testament beschriebene Nehemia übernahmen aus dem Glauben heraus in schwieriger Zeit Verantwortung, erneuerten und bewachten die schützenden Mauern der heiligen Stadt und traten dem Verfall in ihrem  inneren entgegen, damit sie nicht von seinen Gegnern überwältigt wurde. Wo es an solchen Menschen mangelt, sind Not und Chaos die Folgen. Wo sie hingegen hervortreten, entfaltet sich das Reich Gottes in Räumen der Ordnung, des Lebens, der Kultur und des Friedens.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ die besonderen spirituellen Herausforderungen, die mit der Krise Europas verbunden seien. Tapferkeit, „die sich dem heraufdrohenden Chaos entgegenstellt“, beschrieb er dabei als eine zentrale Eigenschaft einer dieser Lage gerecht werdenden Spiritualität. Sie habe gegen „den universellen Feind, das im Menschenwerk selbst aufsteigende Chaos zu bestehen“ und dabei „die Öffentlichkeit, die in Parolen und Organisationen verdichtete Unwahrheit“ gegen sich.

6.2.3  Bewahrung des Gemeinwesens und Schutz des Gemeinwohls

Jedes dauerhafte Gemeinwesen braucht Menschen, die sich schützend, bewahrend und verteidigend für es einsetzen, etwa durch den Dienst in Sicherheitsbehörden, Streitkräften und der Politik.

Politische Ordnungen und Staaten beruhen auf kulturellen Grundlagen, die intakt sein müssen, damit sie funktionieren. Der katholische Rechtsphilosoph und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Böckenförde-Diktum darauf hingewiesen, dass der freiheitliche Staat auf kulturellen Grundlagen beruhe, die er selbst nicht erzeugen oder regenerieren könne:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.

Das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik sind nicht weltanschaulich neutral, sondern im Wesentlichen ein Werk des christlichen Konservatismus, der Deutschland nach der Herrschaft des Nationalsozialismus und angesichts der Herausforderung durch totalitäre Ideologien wieder an seine abendländischen Wurzeln anbinden wollte. Die Vorstellung einer unverfügbaren Würde des Menschen oder der Naturrechtsbezug des Grundgesetzes sind nur zwei Beispiele für die christlich-weltanschauliche Prägung der freiheitlichen Ordnung.

Die Aufrechterhaltung dieser Ordnung kann durch Institutionen und Gesetze alleine nicht gewährleistet werden. Sie beruht auf dem Dienst von sie tragenden kulturellen Kräften. Eine angesichts der von Heinig beschriebenen Tendenzen an Bedeutung gewinnende Form des schützenden und bewahrenden Dienstes von Christen am Gemeinwesen ist daher der Einsatz für die Aufrechterhaltung der Bindung der staatlichen Ordnung an ihre kulturellen Grundlagen.

Der katholische Philosoph Josef Pieper sprach im Zusammenhang mit den Taten der Männer des 20. Juli 1944 von den „unsichtbaren Fundamenten“, derer es bedarf, „damit das Leben eines Volkes gesund oder doch der Gesundung fähig bleibt“, sowie von „Opferhandlungen“, von denen sich „das wahrhafte Leben eines Volkes nährt“:

In ihnen allein bleibt, wenn das Unrecht regiert, unvergessen, was Gerechtigkeit ist. Indem sie sich opfert, ergreift und übt die wahre Elite das natürliche, von den tatsächlichen Machthabern verratene Amt echter Herrschaft: Sorge zu tragen für die Gerechtigkeit.

Der Theologe Romano Guardini sprach davon, dasss christliche Weltanschauung ein Konzept von Macht hervorgebracht habe, das diese als „dienende Stärke“ definiere:

Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.

Dieses Machtverständnis könne jedoch nicht auf Grundlage modernen, säkularen Denkens entstehen, da es von der Legitimation politischen Handelns durch einen göttlichen Auftrag ausgehe, in dessen Rahmen der Dienst ausgeübt werde, und an dem er sich zu messen habe. Die politischen Eliten, die das künftige Europa schaffen, sollten dies in Abgrenzung von den Entwürfen der Moderne auf Grundlage des Gedankens der „dienenden Stärke“ tun:

Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde wieder Recht werden. In dieser Form der Machtübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.

In seinem Text „Die Waage des Daseins“, in dem sich Guardini sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus auseinandersetzte, schrieb er zudem dass es eine tätige Form des Dienens gebe, die Nöte bewältige und in ihnen Rettung bewirke, Ordnung schaffe oder Recht begründe. Dieser Dienst verlange besondere Tugenden, etwa“ Mut, der den geschützten Bereich verlässt und ins Offene geht, weil er einen Ruf vernimmt“ oder „Bereitschaft, die sich dem zur Verfügung stellt, was noch nicht ist, aber werden soll.“

Helmuth James Graf von Moltke, einer der Männer des 20. Juli, wies die Behauptung zurück, dass dieser schützende und bewahrende Dienst ohne Glaube an Gott möglich sei:

Der Grad von Gefährdung und Opferbereitschaft, der heute von uns verlangt wird, setzt mehr als gute ethische Prinzipien voraus.

Laut der 1964 promulgierten dogmatischen Konstitution Lumen Gentium bestehe der Auftrag des Christentums auch im Kampf „gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister des Bösen“ (Eph 6,12) und gegen entsprechende Strukturen in der Welt.

6.2.4 Verteidigung des Gemeinwesens

Während das Christentum von Anfang an den Dienst von Soldaten und Polizisten zum Schutz des Gemeinwesens grundsätzlich befürwortete, dienten Christen in der Frühzeit der Religion selbst nicht in den Streitkräften des Römischen Reiches. Der Grund dafür war, dass dies einen Eid auf den sich als Gott verstehenden Kaiser erfordert hätte, was für Christen eine Gehorsamsverweigerung gegenüber dem tatsächlichen Gott bedeutet hätte.

Dies änderte sich mit dem Wandel des Selbstverständnisses des Kaisertums und des Römischen Reiches im Zuge seiner Christianisierung. Christen übernahmen von da an die Aufgabe der Verteidigung dieses Reiches, und der hl. Augustinus entwickelte seine Lehre des gerechten Krieges.

Leo III. schrieb 1890, dass das Naturrecht den Menschen zur Verteidigung seiner Heimat auch unter Einsatz seines Lebens verpflichte.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb im ersten Band seiner „Meditationen eines Christen“:

Seit Christus den Zaun niedergerissen hat, der den Baum Gottes in seinen jungen Jahren vor Verbiss schützen sollte, ist es keinem Volk mehr erlaubt, seine Sache a priori für die Sache Gottes zu halten. Aber jedes Volk hat das dieses Recht, wenn es in seiner Freiheit und Existenz bedroht wird. Jeanne d’Arc wusste: Solange die Engländer in Frankreich regieren, ist die Sache des Königs von Frankreich die Sache Gottes, weil es die Sache der Gerechtigkeit ist. Und ein Volk, das sich von Fremdherrschaft oder von der Bedrohung durch sie befreit hat, darf auch heute das Te Deum oder den neunten Psalm singen: „Meine Feinde sind rückwärts gewichen, nieder sind sie gestürzt, vor Deinem Antlitz zunichte geworden.“

Der christliche Schriftsteller J.R.R. Tolkien schrieb in seinem Werk „Der Herr der Ringe“:

Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der uns alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen.

Militärpsychologe Dave Grossman: Das Phänomen der Berufung zum Kampf

Der amerikanische Militärpsychologe Oberstleutnant Dave Grossman sprach vom Phänomen der „Berufung zum Kampf“. Er habe in seiner Arbeit beobachtet, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Bedrohung und Gefahr reagieren würden. Während die meisten Menschen unter solchen Bedingungen handlungsunfähig würden oder die Flucht ergriffen, würde eine Minderheit anders reagieren, sich selbst vergessen und auf die Gefahr zugehen, um ihr zu begegnen. Diese Menschen würden eine Reihe von besonderen Eigenschaften aufweisen:

Er lebt nach einer Regel […]. Seine Regel im Frieden ist die gleiche wie im militärischen Dienst: Tue Deine Pflicht, schütze die Schwachen, schütze die Gemeinschaft, trete dem Aggressor entgegen, stehe aufrecht, denke voraus, sei bereit, sei treu, vermeide es selbst aggressiv zu sein solange es möglich ist und falls nicht, dann kämpfe um zu siegen. […] Die Geschichte kennt tausende militärische Regeln, aber ich glaube, dass sie alle einige Kernaussagen teilen: Lebe ehrenhaft, und lasse deinen Tod nicht von Sargträgern namens Schande, Grausamkeit, Schwäche und Angst begleitet werden.

6.3 Risiken der Spritualität des schützenden Dienstes

Diese Spiritualität befasst sich mit Grenzsituationen, in denen der Mensch in besonderer Weise anfällig ist für das Wirken korruptiver Kräfte in seiner Seele. Zudem sind Ansätze einer solchen Spiritualität in der Vergangenheit durch säkulare Ideologien missbraucht worden.

7. Dienst und Tauglichkeit

Um im Dienst Wirkung erzielen und Frucht bringen zu können, ist Tauglichkeit erforderlich. Der Dienst des Christen fordert den ganzen Menschen, der dafür geistig, seelisch und körperlich bereit werden und in Form kommen muss.

Die abendländische Tradition betont die Bedeutung der Beherrschung sowohl geistiger als auch praktischer  Fertigkeiten durch den Mann. In den Klöstern Europas wurden neben den sieben freien Künsten auch praktische Künste („Artes Mechanicae“) gepflegt und ausgebildet. Neben verschiedenen Handwerken gehörten dazu laut dem im 9. Jahrhundert wirkenden Gelehrten Johannes Scottus Eriugena auch die Künste der „Militia“ und der „Venatoria“ (Kampfkunst, Waffenkunde und Jagd).

Wer dienen will, muss Hans Urs von Balthasar zufolge etwas geben können und im Bereich seiner Berufung „tüchtig und beschlagen“ sein. Tauglichkeit setze vor allem aber den Willen zum Dienst in Form von Freiwilligkeit, der Bejahung des eigenen Auftrags und der Absage an den eigenen Egoismus voraus. Der Mensch erhalte für seinen Auftrag Fähigkeiten von Gott, die er nicht verbergen, sondern einsetzen solle. Aus den wenigen Jahren des eigenen Lebens müsse man an Dienst herausholen, was nur möglich sei, und den Ehrgeiz haben, diesen so gut wie möglich zu leisten.

Die Ausbildung und Aufrechterhaltung von Tauglichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der tätigen Spiritualität des schützenden Dienstes. Der dienende Mensch wirkt edel, hilfreich und gut in seinem Umfeld und darf keine vermeidbare Schwäche in sich dulden. Er muss sich dazu zunächst innerlich von den geistigen Auflösungstendenzen befreien, die sein Umfeld bestimmen.

Erzbischof Charles Chaput erinnerte er daran, dass das Christentum in Form des Rittertums ein zeitloses Bild von dienstbereiter Männlichkeit geschaffen habe, das angesichts der sich ankündigenden Verwerfungen in westlichen Gesellschaften an Bedeutung gewinne.

  • Erinnerung sei eine Säule von Identität. Moderne Ideologien, welche die Bindung an die eigene Geschichte und die Erinnerung an sie auflösen wollten, würden dadurch Gesellschaften zerstören, so wie die Krankheit Alzheimer den individuellen Menschen zerstöre, indem sie ihn seines Gedächtnisses beraube.
  • Für die Formung des Mannes seien Erinnerung und Tradition jedoch von besonderer Bedeutung, da Männlichkeit erlernt werden und dazu auf die von der Tradition aufgebauten kulturellen Bestände zurückgreifen müsse.
  • Das Rittertum habe ein zeitloses männliches Ideal geschaffen, nämlich das der Gemeinschaft wehrhafter Männer, die als Brüder ein Leben der asketischen Strenge, der Disziplin und der Glaubenspraxis führen wollten, um Gott und dem Nächsten vorbehaltlos zu dienen.

 

Feminismus und Genderideologie, die den Menschen als fluides, nach materiellen Dingen und nach Befriedigung seiner Triebe strebendes Wesen betrachteten, wirkten destruktiv, weil sie die Berufung des Mannes zu großen Taten leugneten. Jeder Mann müsse sich entscheiden, ob er sich von solchen Ideologien in ein kleines Leben herabziehen lassen oder Jesus Christus nachfolgen und ein Leben im Dienst am Nächsten führen wolle.

Sieh da, das ist Salomos Sänfte; sechzig Helden geleiten sie, Israels Helden, alle vertraut mit dem Schwert, geschult für den Kampf; jeder trägt sein Schwert an der Hüfte gegen die Schrecken der Nacht.

Hoheslied 3,8

Ein dienendes Leben befindet sich in ständiger Spannung mit den ungeordneten Teilen der eigenen Seele und den korrumpierenden Kräften, die darin wirken. Ein diszipliniertes Leben nach den von Jesus Christus aufgestellten evangelischen Räten (Lösung der Bindung an materielle Dinge bzw. Armut, Unterwerfung des Körpers unter den Willen bzw. Keuschheit sowie die Ausrichtung an einer Lebensregel bzw. Gehorsam) wirkt dem Einfluss dieser korrumpierenden Kräfte entgegen und öffnet die Seele für das Wirken Gottes.

Tauglichkeit ist zudem eine der Grundlagen der Tugend der Tapferkeit, denn nur dazu in der Lage ist, einer Herausforderung gegenüber zu treten, wird dies auch mit der nötigen Entschlossenheit tun können.

Zum Auftrag der Kirche gehört es, „die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten“ (Epheser 4,20).

Der Apostel Paulus über Tauglichkeit und Härte

In einer der frühesten Schriften des Christentums, dem um das Jahr 55 n. Chr. entstandenen 1. Korintherbrief, rief der hl. Apostel Paulus christliche Männer dazu auf, jegliche Neigung zu unmännlicher Weichheit in sich zu bekämpfen. Weichlinge würden nicht zu den Erben des Reiches Gottes gehören.

  • Auch wenn man die Freiheit habe, sich für ein entsprechendes Leben zu entscheiden, so sei eine solche Entscheidung doch falsch. Christliche Männer seien zum vorbehaltlosen Dienst berufen, und dazu tauge nur, wer „standhaft und unerschütterlich“ und „mannhaft“ sei.
  • Das Reich Gottes entstehe laut Paulus durch den Dienst der Christen an Gott und dem Nächsten. Dem Reich Gottes werde nicht angehören, wer diesen Dienst verweigere oder ein Leben führe, das zu diesem Dienst untauglich mache.

Unmännliche Weichheit stellt für Paulus ein Laster dar, also einen Tauglichkeitsmangel, der den Mann daran hindert, seinen Auftrag zu erfüllen. Das gleiche gilt laut Paulus auch für Männer, die sich dazu entschließen Trinker oder Ehebrecher zu sein oder anderen verkehrten Neigungen nachgehen.

Paulus verwendete in seinem Brief das altgriechische Wort „Malakoi“ zur Bezeichnung weichlicher Männer. Die dazugehörige Eigenschaft, die „Malakia“, beschreibt nicht nur die Eigenschaft der Weichheit allgemein, sondern speziell die Eigenschaft des verweichlichten, effeminierten Mannes.

Einige deutsche Bibelübersetzungen übersetzen das Wort mit „Lustknaben“ etc., da der Begriff im Altgriechischen auch die Wesenseigenschaft des eine weibliche Rolle annehmenden Homosexuellen beschreibt. Diese Übersetzung erscheint jedoch zu stark auf eine Nebenbedeutung des Begriffes verengt zu sein.

  • Paulus dürfte aufgrund seines hellenischen Bildungshintergrundes das Wort in einem ähnlichen Sinne verwendet haben wie Platon, der in seinen Ausführungen über die Ausbildung der Wächter des Gemeinwesens Weichheit als eine zum Dienst untauglich machende Eigenschaft beschrieb, die Folge der Vermeidung des Harten und Unangenehmen sei. Im Sport sah Platon ein wichtiges Gegenmittel zur Weichheit.
  • Aristoteles, dessen Gedanken der hl. Thomas von Aquin in das Christentum integrierte, beschrieb Weichheit ebenfalls als die Eigenschaft des Vermeidens des Unangenehmen. Sie führe zur Unfähigkeit, Belastungen zu ertragen. Andere klassische griechische Philosophen betonten, dass Weichheit nicht nur untauglich mache, sondern auch Feigheit im Sinne des Zurückweichens vor schwierigen Aufgaben begünstige.
  • In der römischen Kultur beschrieb das Konzept der Weichheit bzw. der Verweichlichung überfeinertes Verhalten bei Männern sowie die Annahme weiblicher Sprache, Gesten, Körpersprache, Haltung und Verhaltensweisen. Zudem bezeichnete es die Abwesenheit von körperlicher Stärke, emotionaler Selbstkontrolle und Tapferkeit bei Männern.

Der hl. Thomas von Aquin definierte Weichheit in Anknüpfung an antike Philosophie bzw. an Aristoteles als ein „der Beharrlichkeit entgegenstehendes Laster“. Der verweichlichte Mann ziehe sich aus Angst vor Unlust davon zurück, das Gute anzustreben, oder er ertrage beim Streben nach dem Guten auch den geringsten Widerstand nicht mehr. Je mehr man im eigenen Leben nach dem Angenehmen suche, desto schwerer ertrage man seine Abwesenheit, und desto mehr verweichliche man.

Der hl. Apostel Paulus war selbst keine weichliche Person. Als er das Christentum nach Europa trug, hielt er größten Belastungen stand, darunter Folter und Schiffsuntergängen. In seinen Briefen äußert er sich ausführlich über die Härten, die der „Dienst, der mir anvertraut wurde“, ihm auferlegt habe.

Seine Sprache ist dabei von militärischen Bildern und soldatischer Sprache geprägt. Zudem verwendet er häufig wettkampforientierte sportliche Bilder, auch aus dem Kampfsport, und betont durchgängig die Bedeutung der Disziplin in der christlichen Lebensführung.

  • Das Leben des Christen stellt für Paulus die aktive Teilnahme an einem Kampf zwischen übergeordneten Mächten dar, dessen Fronten durch die Seelen der Menschen verlaufen. Die Härte, die Paulus fordert, ist in diesem Zusammenhang nicht Härte gegenüber menschlichen Gegnern, sondern die zur totalen Rücksichtslosigkeit gesteigerte Härte gegenüber der eigenen Schwäche, zu der Jesus Christus in der Bergpredigt aufgerufen hatte.
  • Paulus geht davon aus, dass derjenige, der sich statt dessen zur Weichheit entscheide, in diesem Kampf kaum eine Chance habe. Entsprechende Neigungen wirft er dabei niemandem vor, denn sie sind Teil der Natur des Menschen. Harte Worte äußert Paulus hingegen gegenüber jenen, welche die christliche Botschaft bereits als wahr erkannt haben und wissen, dass der Sinn des Lebens im Dienst an Gott und dem Nächsten liegt, die sich aber dennoch für die egoistische Kultivierung ihrer Schwächen entschieden haben.

Paulus war vor seiner Berufung an den ersten Christenverfolgungen aktiv beteiligt und wusste, dass verweichlichte Männer unter solchen Bedingungen nicht standhalten könnten.

Die Entscheidung für das Christentum erscheint in seinen Briefen zudem auch als eine Entscheidung gegen die egoistische Dekadenz in der Welt und ihren Materialismus. Christen würden sich in einen radikalen Gegensatz dazu stellen, indem sie sich zum Dienst an Gott und dem Nächsten entschieden. Sie würden sich nicht mehr selbst gehören und müssten daher jeglicher Tendenz zur inneren Verweichlichung entgegenwirken. Das Feuer werde prüfen, von welcher Qualität ihr Dienst sei.

Platons Gedanken über die Ausbildung des Wächterstandes

Platon beschreibt in seinem Werk „Der Staat“ einen Wächterstand, der den Auftrag habe, das Gemeinwesen zu schützen und seine „Philosophenherrscher“ hervorzubringen. Wegen der Bedeutung dieses Auftrages, aber auch wegen der Gefahr des Missbrauchs der damit verbundenen Macht, geht Platon besonders auf die Ausbildung der Wächter ein, bei der es vor allem um den Aufbau von männlicher Tugend gehe im Sinne körperlicher, geistiger und charakterlicher Tauglichkeit und die Formung der Seele gehe.

Christlicher Humanismus: Der Dienst fordert den ganzen Menschen

Der Humanist und Universalgelehrte Enea Sylvio Piccolomini trat nach der Eroberung Konstantinopels und der Vernichtung des Byzantinischen Reiches durch die Osmanen im Jahre 1453 sein Amt als Papst Pius II. an. Vor dem Hintergrund der Bedrohung Europas entwickelte er ein humanistisches Bildungsprogramm, das Adelige dazu befähigen sollte, den mit der osmanischen Bedrohung verbundenen Herausforderungen entgegenzutreten. Die Bewältigung dieser existenziellen Bedrohung würde ihm zufolge den vollständigen Einsatz des Menschen fordern, weshalb bei den Verteidigern Europas alle Fähigkeiten entsprechend entwickelt werden müssten.

Seine Gedanken dazu hat er in seiner um 1450 entstandenen Schrift mit dem Titel „De Librorum Educatione“ festgehalten. Diese enthält ein umfassendes Bildungsprogramm für die Adligen, die für die Verteidigung Europas und des Christentums tauglich gemacht werden sollten.

  • Der Autor betont die Gleichwertigkeit von geistiger und körperlicher Bildung bzw. Ausbildung sowie die Bedeutung der Bildung des Charakters. An den Erfordernissen der Verteidigung Europas ausgerichtete Bildung entwickele alle diese Aspekte im Menschen.
  • Weiterhin fordert der Autor als Bildungsziel die Entwicklung einer von Vulgarität freien, von Selbstkontrolle und Würde geprägten Haltung sowie die Herausbildung einer an den Anforderungen des militärischen Dienstes ausgerichteten Belastbarkeit und Härte durch asketische Lebensführung.
  • Die Entwicklung des Charakters erfordere insbesondere das Studium der Philosophie, die sich mit dem Wesen der Tugenden auseinandersetze und die eigenen Pflichten gegenüber Gott, den Vorfahren und dem Gemeinwesen besser erkennen lasse.
  • Das Studium der Geschichte entwickele durch Vermittlung der Erfahrungen früherer Generationen die Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen. Das Studium der Werke der Antike wie die Ilias würden außerdem heroischen Geist vermitteln.
  • Darüber hinaus sollten das Studium der Rhetorik, Logik und Mathematik die Fähigkeit des Denkens schulen und  Fremdsprachen, Naturwissenschaft und Technik wegen ihrer praktischen Anwendungen gelehrt werden.

Dieses Programm und seine Nachfolger wirkten über Jahrhunderte nach und prägen die Identität der kulturtragenden Eliten Europas bis in die Gegenwart. Denen, die sich auf das humanistische Erbe Europas berufen, ist dabei oft nicht bekannt, dass es seinen Ursprung auch in christlichen Anstrengungen zur Verteidigung Europas hat.

7.1 Die Tugenden des schützenden Dienstes

Tugenden sind Fertigkeiten des dienenden Lebens, die alle Kräfte des Menschen in den Dienst stellen, und die der Mensch durch Einübung entwickeln stärken kann.

Das Christentum geht in Anknüpfung an die Philosophie der griechischen Antike von vier Kardinaltugenden aus, denen wiederum Untertugenden zugeordnet sind. Im Rahmen der Spiritualität des schützenden Dienstes werden diese auf eine bestimmte Weise betont und interpretiert.

Die Kardinaltugenden

Die christlichen Kardinaltugenden werden meist als Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung angegeben. Der katholische Philosoph Josef Pieper wies darauf hin, dass normsetzende Begriffe im alltäglichen Sprachgebrauch aufgrund von stetigem Bedeutungswandel rasch ihren ursprünglichen Sinn verlieren, weshalb die Kardinaltugenden hier im Sinne ihres ursprünglichen Inhalts benannt werden.

  • Klugheit: Die Klugheit ist die höchste Kardinaltugend und beinhaltet die Fähigkeit, die Wirklichkeit, die eigene Lage und das Gute zu erkennen, um ihnen entsprechend handeln zu können. Klugkeit ist somit im Wesentlichen identisch mit nüchternem Wirklichkeitssinn.
  • Gerechtigkeit: Diese Kardinaltugend der Gerechtigkeit beinhaltet die Verpflichtung darauf, dass durch die Klugheit erkannte Gute in der Welt zu verwirklichen sowie die Verpflichtung des Handelns sowohl des einzelnen als auch der Gemeinschaft auf das Gemeinwohl.
  • Tapferkeit: Diese der Kardinaltugend beschreibt die Fähigkeit, unter den Bedingungen von Risiko und Gefahr und gegen Widerstand das Richtige zu tun und das Gute zu verwirklichen.
  • Disziplin: Diese entspricht der Kardinaltugend der Mäßigung und ist die Fähigkeit, die eigenen Neigungen und Triebe der Herrschaft des von Klugheit geleiteten Willens und Verstandes zu unterwerfen.

Sonstige Tugenden

  • Ehre
  • Treue: Treue ist die Tugend des Festhaltens am eigenen Auftrag und am eigenen Wort sowie der Kontinuität beim Ausüben der eigenen Pflicht im Gehorsam gegenüber Gott. Ein moderner Begriff für Treue ist „Integrität“.

7.2 Körperliche Tauglichkeit

In den Satzungen des Jesuitenordens heißt es:

Wie eine übertriebene Sorge in dem, was den Leib betrifft, zu tadeln ist, ebenso ist die gebührende Wachsamkeit, die darauf schaut, wie die Gesundheit und die Körperkräfte für den Göttlichen Dienst erhalten werden, zu loben und muß von allen beachtet werden.

8. Die dienende Gemeinschaft

Wirkung erzielen, Frucht bringen und Tauglichkeit aufbauen kann der im Dienst stehende Menschen am besten als Teil einer Gemeinschaft. In einer Gemeinschaft, in der alle dienen wollen und ihren Stärken gemäß eingesetzt werden, erweitern sich die Stärken des einzelnen und verbinden sich mit denen der anderen zu einer neuen Kraft.

Gemeinschaft kann auf freiwillig eingegangener Freundschaft oder, etwa in Streitkräften und der Polizei, auf dienstlichen Erfordernissen und Kameradschaft beruhen. Gemeinschaft wächst durch die Erfahrung gemeinsam bewältigter Herausforderungen an einem höhere Ziel, und vor dem individuelle Unterschiede und Ansrüche kleiner werden.

Aristoteles beschreibt die gegenseitige Unterstützung und das gemeinsame charakterliche Wachstum als den Inhalt von guter Freundschaft und Kameradschaft. Falsche Freunde und Kameraden hingegen würden sich in ihren Schwächen bestätigen und gemeinsam auf ein tieferes Niveau hinabsinken.

  • Gutes Gemeinschaftsleben ist von Demut sowie der Vermeidung von Überheblichkeit geprägt. In guter Gemeinschaft erkennen alle Mitwirkenden ihre eigenen Schwächen an und arbeiten an ihnen, während sie mit den Schwächen anderer Menschen geduldig sind. Eine gute Gemeinschaft erzieht sich dabei gegenseitig und vermeidet es, Außenstehende erziehen zu wollen. Auf sie wird nur das gute Beispiel und das gute Leben der Gemeinschaft überzeugend wirken.
  • Gute Gemeinschaft hält Menschen von sich fern, die noch nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügen. Der hl. Apostel Paulus spricht von denen, die Unzucht treiben, am Geld hängen, andere verleumden, Götzen anbeten oder Trinker und Kriminelle sind.
  • In guter Gemeinschaft zählt nicht der eigene Vorteil, und man achtet den anderen mehr als sich selbst (Phil 2, 3-4).