Im Dialog zwischen katholischen Geistlichen und in Sicherheitsberufen dienenden Menschen erschließen wir im Rahmen unseres Projektes die Elemente einer tätigen christlichen Laienspiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen.

  • Diese Spiritualität ist Teil des Dienstes der Kirche im Sinne des Aufrufs von Papst Piux XI., der im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre moderne Ideologien an die „ungenannten Soldaten Christi“ appellierte, dem heiligen Erbe des Christentums tapfer die Treue zu halten, „im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes“ dienend tätig zu werden und „alles zu hüten und zu schützen, worauf der Völker Heil und Glück beruht“.
  • Sie ist die Spiritualität des Nehemia, der die schützenden Mauern Jerusalems in Zeiten der äußeren Bedrohung und der inneren Auflösung erneuern, bewachen und verteidigen ließ. Sie ist auch die Spiritualität desjenigen, den Gott beruft, damit er im Angesicht von Gefahren und Bedrohungen „eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt“ (Hesekiel 22,30), und die Spiritualität des hl. Bernhard von Clairvaux, der zum schützenden Dienst gegen jene aufrief, die daran arbeiten die „unschätzbaren Reichtümer des christlichen Volkes zu rauben, das Heiligtum zu schänden und den heiligen Tempel Gottes in Besitz zu nehmen.“
  • Sie orientiert sich an den Erfordernissen des Dienstes in Grenzsituationen, unter Gefahr und im Angesicht von Risiken. Ihr Inhalt ist die immer weiterreichende Indienststellung des eigenen Lebens und der Aufbau und die Pflege von entsprechender Tauglichkeit. Ihr zu folgen ist damit verbunden, Herausforderungen aktiv zu suchen, auf sie zuzugehen und auf den Ruf Gottes zu antworten: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6,8)

Das Streben des Menschen zum Ewigen und Erhabenen führt zu unterschiedlichen Antworten und Ansätzen, was diese Nachfolge Lebensgestaltung aus dem Glauben angeht. Eine Spiritualität ist in diesem Zusammenhang ein bestimmter Weg, das eigene Leben und Handeln aus dem Glauben heraus und in Übereinstimmung mit den Anforderungen zu gestalten, die Gott daran stellt. Es geht darum, einen konkreten Weg zu beschreiben, wie Jesus Christus, der „sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm […] und gehorsam wurde bis in den Tod“ (Phil 2,7-8) dienend nachgefolgt werden kann, um die Bestimmung des Menschen zu erfüllen. In einer Spiritualität verwirklicht und beweist sich eine Religion. Sie wird in ihr erfahrbar und zugänglich. Eine Spiritualität umfasst dabei die bewusste Gestaltung aller Bereiche des eigenen Lebens in Bezug auf das Transzendente.

Im Zusammenhang mit der Suche nach einer Spiritualität des schützenden, bewahrenden Dienstes wurden bislang die nachstehend aufgeführten Themen behandelt. Alle zu den Themen Glaube und Ethos erschienenen Beiträge können hier abgerufen werden.

1. Das Streben des Menschen zum Ewigen und Erhabenen

Das Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen sowie die Suche nach dem Absoluten, Ewigen, Uralten und Heiligen und nach Dingen und Aufgaben, die größer und wichtiger sind als die eigene Person, sind in der Seele des Menschen angelegt. Dieses Streben, das den Menschen über sich hinausweist, ist eine seiner besten Eigenschaften und gehört zu den Dingen, die ihn wesentlich ausmachen.

Die damit verbundenen großen Fragen nach der geistigen Beschaffenheit der Welt und der Rolle des Menschen darin sind nur religiös zu beantworten. Sie führen und führten Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen zur Suche nach Gott. Diese Suche ist zudem die treibende Kraft hinter aller großen Werken des Menschen und allen Hochkulturen. In der Welt des Glaubens gibt es nichts Banales und Bedeutungsloses.

Die mit dieser Suche verbundene Sehnsucht ist so tief im Menschen verankert wie es sonst nur Impulse sind, die für sein physisches Überleben notwendig sind. Dass es auf diese Sehnsucht keine materielle Antwort gibt zeigt, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist.

Materielle Dinge können von dieser Suche ablenken oder die dahinterstehende Sehnsucht betäuben, wie es bei ungeistigen Menschen zu beobachten ist. Diese Dinge können jedoch nicht das Ziel der Suche ersetzen. Materialistische Ideologien ähneln Ersatzreligionen, die keine Antworten auf die großen Fragen geben, sondern die Fragen für illegitim erklären und den betrügen den Menschen indem sie behaupten, dass es keine große Fragen gäbe. Sie führen den Menschen auf falsche Wege, indem sie behaupten, dass die wichtigen Fragen des Menschen sich auf die nach der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse und Leidenschaften beschränken. Sie leugnen zudem den Menschen, indem sie seine Würde leugnen und das, was ihn vom Tier unterscheidet.

Denn nichts Endliches, nicht die ganze Welt kann eine Menschenseele befriedigen, in der das Bedürfnis nach dem Ewigen sich regt.

Sören Kierkegaard

2. Das vertikale Weltbild und die hierarchische Ordnung des Kosmos

Die meisten bedeutenden Religionen gehen von ähnlichen Annahmen und Beobachtungen über die Wirklichkeit aus wie das Christentum. So teilen sie etwa die Annahme, dass die Wirklichkeit nicht nur eine materielle sondern auch eine geistige Dimension umfasse, und dass diese geistige Dimension von größerer Bedeutung sei als die materielle.

Die geistige Dimension der Wirklichkeit wird als vertikal und hierarchisch geordnet verstanden und davon ausgegangen, dass sich an ihrer Spitze ein für den Menschen physisch nicht wahrnehmbares höchtes Element befinde, das den Maßstab aller für das Leben des Menschen entscheidenden geistigen Dinge und des Wahren, Guten und Schönen darstelle, und das mit dem Gott der jeweiligen Religion identisch ist.

Der Mensch verfüge über eine Seele, die Teil dieser geistigen Dimension sei, weshalb sein Leben nicht nur in der materiellen Welt stattfinde. Für den Menschen geht es in allen Religionen darum, sein Leben im richtigen Verhältnis zu Gott zu gestalten.

Die nahezu universelle Verbreitung dieses Weltbildes deutet darauf hin, dass es der Mensch naturgemäß auf seine Erkennung angelegt ist und dieses Wahrheiten beruht, die unabhängig von der Wahrnehmung des Menschen existieren.

2.1 Der überzeitliche Kampf in der Welt

Viele Religionen teilen auch die Annahme und Beobachtung, dass es in dieser geistigen Welt einen Konflikt gebe, in dem geistige Gegenkräfte Gott und die Ordnung, an deren Spitze er steht, heraufordern. Die Fronten dieses Konflikts, der auch auf die zeitliche Welt übergreift, verlaufen dabei durch die Seelen der Menschen

3. Jesus Christus: Der Weg, die Wahrheit und das Leben

Die Herrlichkeit des Herrn (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Jesus Christus ruft zur Nachfolge auf. Alle Menschen sind dazu aufgerufen, es ihm gleichzutun, der „sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm […] und gehorsam wurde bis in den Tod“ (Phil 2,7-8).

Ihr wisst, dass diejenigen, welche als Herrscher der Heidenvölker gelten, sie unterdrücken, und dass ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Jesus Christus nach Markus 10, 42-45

4. Der Dienst als Berufung des Menschen

Die Würde des Menschen liegt darin begründet, dass er dazu berufen ist, am Aufbau des Reich Gottes und am überzeitlichen Kampf mitzuwirken. Der Mensch ist nicht nur passiv der Materie unterworfen, sondern kann in den Dienst Gottes treten und zu seinem Mitarbeiter werden. Jesus Christus berief dazu Apostel in seinen Dienst und sandte sie aus.

Dienende Menschen sind gemäß der biblischen Bilder das „Licht der Welt“ und das „Salz der Erde“, die wie ein Sauerteig in der Welt wirken.

Dienen kann nur wer liebt und anerkennt, dass es etwas wichtigeres gibt als ihn selbst, und der seine eigenen Interessen dem nachordnet. Ein dienendes Leben unterscheidet sich somit deutlich von einem individualistischen und materialistischen Leben, das den eigenen Erfolg oder das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. Der Gegensatz zwischen diesen Lebenswegen kann nicht genug betont werden.

Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!

Jesaja 6,8

Die Annahme der Berufung zum Dienst befreit den Menschen aus dem Gefängnis seines Egoismus. Ein dienendes Leben gibt mehr als es nimmt, legt sich härtere Pflichten auf, übernimmt größere Verantwortung und bringt größere Opfer.

Der christliche Weg ist kein leichter Weg. Er stößt zudem bei vielen Menschen auf Ablehnung, die sich dadurch provoziert fühlen, dass Christen sich dem Weg dieser Welt nicht unterwerfen wollen und nicht für ihre Leidenschaften leben.

Das Christentum hat über die Jahrhunderte eine Kultur geschaffen, deren Mittelpunkt der Dienst ist.

5. Der schützende und bewahrende Dienst

Es gibt viele unterschiedliche Wege, auf die Berufung zum Dienst zu antworten. Jeder Mensch muss seine Berufung erkennen, und eine davon kann die zum schützenden und bewahrenden Dienst sein.

5.1. Der schützende und bewahrende Dienst als christlicher Auftrag

Alles, was in der Welt Wert besitzt, wuchs aus der Bindung des Menschen an die höchsten Dinge, die über dem Menschen stehen. Das Christentum und alles Wahre, Gute und Schöne werden bedroht und herausgefordert bleiben, solange es diese Welt gibt. Es besteht nur deshalb fort, weil sich in jeder Generaton Menschen fanden, die den damit verbundenen Auftrag annahmen, ihr Leben in den Dienst stellten, an die Grenzen gingen, die im Heiligen wurzelnde Ordnung auch unter den härtesten Bedingungen und in den schwierigsten Umfeldern errichteten und sie gegen die unablässig angreifenden Kräfte des Chaos unter großen Opfern behaupteten.

Der schützende und bewahrende Dienst am dabei geschaffenen Erbe gehört zu den größten Aufgaben, denen sich ein Mensch stellen kann. Das Versagen einer einzigen Generation würde ausreichen, dieses Erbe für immer zu beenden.

G.K. Chesterton beschrieb die Kirche als Trägerin und Hüterin dieses Erbes und seiner kulturellen Kontinuität. Der Glaube war dabei zu allen Zeiten die heroische Gegenposition zu den Kräften der Auflösung, die Menschen Jesus Christus dienend nachfolgend auch unter scheinbar aussichtslosen Bedingungen den Kampf gegen diese aufnehmen ließ.

Menschen wie der im Alten Testament beschriebene Nehemia übernahmen aus dem Glauben heraus in schwieriger Zeit Verantwortung, erneuerten und bewachten die schützenden Mauern der heiligen Stadt und traten dem Verfall in ihrem  inneren entgegen, damit sie nicht von seinen Gegnern überwältigt wurde. Wo es an solchen Menschen mangelt, sind Not und Chaos die Folgen. Wo sie hingegen hervortreten, entfaltet sich das Reich Gottes in Räumen der Ordnung, des Lebens, der Kultur und des Friedens.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ die besonderen spirituellen Herausforderungen, die mit der Krise Europas verbunden seien. Tapferkeit, „die sich dem heraufdrohenden Chaos entgegenstellt“, beschrieb er dabei als eine zentrale Eigenschaft einer dieser Lage gerecht werdenden Spiritualität. Sie habe gegen „den universellen Feind, das im Menschenwerk selbst aufsteigende Chaos zu bestehen“ und dabei „die Öffentlichkeit, die in Parolen und Organisationen verdichtete Unwahrheit“ gegen sich.

5.2 Die christliche Berufung zum schützenden Dienst

Im Zusammenhang mit Terroranschlägen oder vergleichbaren Taten, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet werden, wird häufig die Frage gestellt, wie diese aus christlicher Perspektive zu bewerten sind. Dabei wird das Geschehen teilweise zum Anlass genommen, an der Existenz Gottes zu zweifeln, von dem erwartet wird, dass er solches Geschehen verhindere. Das Christentum verspricht aber keine sichere Welt, sondern stellt dem Menschen in Aussicht, durch die Annahme der Berufung zum selbstlosen Dienst am Nächsten und damit verbundene Opfer Gott näher zu kommen.

Das Christentum nimmt das Geschehen in der Welt als Ausdruck eines überzeitlichen Kampfes zwischen Gott und ihm widerstrebenden Kräften wahr, dessen Fronten durch die Seelen der Menschen verlaufen. Die gleiche Willensfreiheit, die den Menschen Gott ähnlich macht, ermöglicht es vor dem Hintergrund menschlicher Schwäche, dass der Wille des Menschen durch das Böse korrumpiert wird, wie es bei islamistischen Terroristen geschieht.

Den korrumpierten, Gott zurückweisenden Seelen der Mörder und Terroristen stehen in diesem in die zeitliche Welt hineinreichenden Kampf die Seelen derjenigen gegenüber, die dem Ruf zum Dienst folgen, sich in den Dienst nehmen lassen, den Kampf zum Schutz des Nächsten aufnehmen und der Gefahr entgegentreten, wo andere fliehen oder zurückweichen. Bei diesen Menschen kann es sich um Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Polizisten, Soldaten oder andere Personen handeln.

Indem sie das Leben anderer höher achten als ihr eigenes und sich in den Dienst stellten, folgten sie Jesus Christus nach.

Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen. Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war […] [E]r entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Philipper 2, 2-8

Mit dem Hervortreten dieser Menschen ist auch eine andere starke Botschaft verbunden, denn im modernen, die Optimierung des eigenen Vorteils und des eigenen Wohlergehens anstrebenden Denken, müsste ihr Handeln als absurd bewertet werden. Da die Größe des Handelns solcher Menschen jedoch offensichtlich ist, widerlegen sie durch dieses Handeln modernes Denken, das solche Taten weder verstehen und begründen noch hervorbringen kann.

Das Phänomen des Hervortretens von Menschen, die zum Schutz anderer ihr eigenen Leben einsetzen und häufig dabei auch verlieren, tritt dabei kultur- und religionsübergreifend auf, wie das Beispiel der Südkoreanerin Park Jee Young als eines von vielen zeigt. Es handelt sich dabei also offenbar nicht nur um ein christliches Phänomen. Die Besonderheit des Christentums ist es, dass die sich aufopfernde Form der Liebe und der Dienst am Nächsten unter Einsatz und Aufgabe des eigenen Lebens das Zentrum seiner Religion bilden.

Wie in keiner anderen Religion findet man im Christentum daher eine Tradition und eine Sammlung von Methoden, welche die Seele des Menschen Gott näher bringen und sie über die Grenzen der körperlichen Natur und des Strebens nach Selbsterhalt heraustreten lassen können. Raymond Kardinal Burke sprach daher vom Christentum als einer heroischen Religion.

Militärpsychologe Dave Grossman: Das Phänomen der Berufung zum Kampf

Der amerikanische Militärpsychologe Oberstleutnant Dave Grossman sprach vom Phänomen der „Berufung zum Kampf“. Er habe in seiner Arbeit beobachtet, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Bedrohung und Gefahr reagieren würden. Während die meisten Menschen unter solchen Bedingungen handlungsunfähig würden oder die Flucht ergriffen, würde eine Minderheit anders reagieren, sich selbst vergessen und auf die Gefahr zugehen, um ihr zu begegnen. Diese Menschen würden eine Reihe von besonderen Eigenschaften aufweisen:

Er lebt nach einer Regel […]. Seine Regel im Frieden ist die gleiche wie im militärischen Dienst: Tue Deine Pflicht, schütze die Schwachen, schütze die Gemeinschaft, trete dem Aggressor entgegen, stehe aufrecht, denke voraus, sei bereit, sei treu, vermeide es selbst aggressiv zu sein solange es möglich ist und falls nicht, dann kämpfe um zu siegen. […] Die Geschichte kennt tausende militärische Regeln, aber ich glaube, dass sie alle einige Kernaussagen teilen: Lebe ehrenhaft, und lasse deinen Tod nicht von Sargträgern namens Schande, Grausamkeit, Schwäche und Angst begleitet werden.

 

Herr, den ganzen Tag stehe ich auf meinem Posten, die ganze Nacht halte ich Wache.

Jesaja 21,8

Ridolfo di Arpo Guariento – Das Heer der Engel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

5.1 Risiken einer Spritualität des schützenden Dienstes

Diese Spiritualität befasst sich mit Grenzsituationen, in denen der Mensch in besonderer Weise anfällig ist für das Wirken korruptiver Kräfte in seiner Seele. Zudem sind Ansätze einer solchen Spiritualität in der Vergangenheit durch säkulare Ideologien oder für säkulare Zwecke instrumentalisiert worden.

6. Dienst und Tauglichkeit

Um im schützenden Dienst Wirkung zu erzielen und Frucht zu bringen, ist Tauglichkeit erforderlich. Dieser Dienst  fordert den ganzen Menschen, der dafür geistig, seelisch und körperlich bereit werden und bleiben muß.

Die Ausbildung und Aufrechterhaltung dieser Tauglichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der tätigen Spiritualität des schützenden Dienstes. Der dienende Mensch wirkt edel, hilfreich und gut in seinem Umfeld und darf keine vermeidbare Schwäche in sich dulden. Er muss sich dazu zunächst innerlich von den geistigen Auflösungstendenzen befreien, die sein Umfeld bestimmen.

Ein dienendes Leben befindet sich in ständiger Spannung mit den ungeordneten Teilen der eigenen Seele und den korrumpierenden Kräften, die darin wirken. Ein diszipliniertes Leben nach den von Jesus Christus aufgestellten evangelischen Räten (Lösung der Bindung an materielle Dinge bzw. Armut, Unterwerfung des Körpers unter den Willen bzw. Keuschheit sowie die Ausrichtung an einer Lebensregel bzw. Gehorsam) wirkt dem Einfluss dieser korrumpierenden Kräfte entgegen und öffnet die Seele für das Wirken Gottes.

Platons Gedanken über die Ausbildung des Wächterstandes

Platon beschreibt in seinem Werk „Der Staat“ einen Wächterstand, der den Auftrag habe, das Gemeinwesen zu schützen und seine „Philosophenherrscher“ hervorzubringen. Wegen der Bedeutung dieses Auftrages, aber auch wegen der Gefahr des Missbrauchs der damit verbundenen Macht, geht Platon besonders auf die Ausbildung der Wächter ein, bei der es vor allem um den Aufbau von männlicher Tugend gehe im Sinne körperlicher, geistiger und charakterlicher Tauglichkeit und die Formung der Seele gehe.

Christlicher Humanismus: Der Dienst fordert den ganzen Menschen

Der Humanist und Universalgelehrte Enea Sylvio Piccolomini trat nach der Eroberung Konstantinopels und der Vernichtung des Byzantinischen Reiches durch die Osmanen im Jahre 1453 sein Amt als Papst Pius II. an. Vor dem Hintergrund der Bedrohung Europas entwickelte er ein humanistisches Bildungsprogramm, das Adelige dazu befähigen sollte, den mit der osmanischen Bedrohung verbundenen Herausforderungen entgegenzutreten. Die Bewältigung dieser existenziellen Bedrohung würde ihm zufolge den vollständigen Einsatz des Menschen fordern, weshalb bei den Verteidigern Europas alle Fähigkeiten entsprechend entwickelt werden müssten.

Seine Gedanken dazu hat er in seiner um 1450 entstandenen Schrift mit dem Titel „De Librorum Educatione“ festgehalten. Diese enthält ein umfassendes Bildungsprogramm für die Adligen, die für die Verteidigung Europas und des Christentums tauglich gemacht werden sollten.

  • Der Autor betont die Gleichwertigkeit von geistiger und körperlicher Bildung bzw. Ausbildung sowie die Bedeutung der Bildung des Charakters. An den Erfordernissen der Verteidigung Europas ausgerichtete Bildung entwickele alle diese Aspekte im Menschen.
  • Weiterhin fordert der Autor als Bildungsziel die Entwicklung einer von Vulgarität freien, von Selbstkontrolle und Würde geprägten Haltung sowie die Herausbildung einer an den Anforderungen des militärischen Dienstes ausgerichteten Belastbarkeit und Härte durch asketische Lebensführung.
  • Die Entwicklung des Charakters erfordere insbesondere das Studium der Philosophie, die sich mit dem Wesen der Tugenden auseinandersetze und die eigenen Pflichten gegenüber Gott, den Vorfahren und dem Gemeinwesen besser erkennen lasse.
  • Das Studium der Geschichte entwickele durch Vermittlung der Erfahrungen früherer Generationen die Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen. Das Studium der Werke der Antike wie die Ilias würden außerdem heroischen Geist vermitteln.
  • Darüber hinaus sollten das Studium der Rhetorik, Logik und Mathematik die Fähigkeit des Denkens schulen und  Fremdsprachen, Naturwissenschaft und Technik wegen ihrer praktischen Anwendungen gelehrt werden.

Dieses Programm und seine Nachfolger wirkten über Jahrhunderte nach und prägen die Identität der kulturtragenden Eliten Europas bis in die Gegenwart. Denen, die sich auf das humanistische Erbe Europas berufen, ist dabei oft nicht bekannt, dass es seinen Ursprung auch in christlichen Anstrengungen zur Verteidigung Europas hat.

6.1 Die Tugenden des Dienstes

7. Die dienende Gemeinschaft

Wirkung erzielen, Frucht bringen und Tauglichkeit aufbauen kann der im Dienst stehende Menschen am besten als Teil einer Gemeinschaft.

Stand: 13.10.2017