Hugo Rahner: Das unsterbliche Erbe des abendländischen Rittertums

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Theologe und Jesuit Hugo Rahner (1900-1968) ist vor allem durch seinen Einsatz für die Verteidigung des abendländischen Gedankens in Erinnerung geblieben. Das christliche Abendland empfand er als ein hohes Gut, das es verdient, bewahrt zu werden.

Er verfasste in diesem Zusammenhang 1959 einen Aufsatz, in dem er das zeitlose Erbe des abendländischen Rittertums beschrieb.1 Dessen Ideale seien die Antwort auf die Probleme einer „im Wohlstand alt und fett gewordenen Welt“.

Das Urbild des Ritters

Rahner sprach von einem „Urbild vom Reiter“, das in den Mythen der Menschheit beschrieben werde und in vielen Hochkulturen vorhanden sei. Das antike Griechenland und Rom habe Vorläufer des Rittertums gekannt und das Ideal des im Dienst am Gemeinwesen stehenden Bürgers gepflegt. Hier sei bereits ein Ehrenkodex des im Dienst an höheren Dingen stehenden Kämpfers vorhanden gewesen, welcher „der Adelige im besten Sinne des Wortes“ sei. Das christliche bzw. das abendländische Rittertum habe auch an dieses heidnisch-antike Erbe angeknüpft.

Jesus Christus: Der erste Ritter

Das Alte Testament habe Jesus Christus als „gottgesandten Reiter“ angekündigt. Hier sei „ein Reiter in leuchtend weißem Gewand, der eine goldene Bewaffnung schwenkte“ beschrieben worden, der das Volk Gottes im Kampf gegen seine Feinde anführe. Dieses Bild finde sich in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament wieder:

„Dann sah ich den Himmel offen und siehe, da war ein weißes Pferd und der, der auf ihm saß, heißt: Der Treue und Wahrhaftige; gerecht richtet er und führt er Krieg. […] Bekleidet war er mit einem blutgetränkten Gewand; und sein Name heißt: Das Wort Gottes. Die Heere des Himmels folgten ihm auf weißen Pferden; sie waren in reines, weißes Leinen gekleidet. Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen. Und er weidet sie mit eisernem Zepter und er tritt die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung. Auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte trägt er den Namen geschrieben: König der Könige und Herr der Herren.“2

Sowohl das Alte als auch das Neue Testament hätten Christus als Ritter beschrieben, weil diese kämpfende Form des Dienstes ein Weg der Nachfolge Christi sei:

„Das ist der Reiter Christus. Der Ritter, unser König und Herr. Das ist der apokalyptische Reiter des weltgeschichtlichen Sieges, den er durch den Bluttod am Kreuz errungen hat. […] Das ist der Ritter Christus, der durch die Jahrtausende der Weltgeschichte reitet, der König, der Freie, der die Erde unter sich hat, der erhaben ist und dienend, anführend und als letzter das Kampffeld räumend. Das ist der Herr Jesus Christus, der bis in den Tod getreu war und dafür die königliche Krone des Lebens erhielt […]. […] Der Herr ist, wie das Wort der Geheimen Offenbarung andeutet, König geworden gerade durch seine Hingabe in den Tod, im Blutvergießen des Kreuzestodes.“3

Der Sieg über die Welt durch den in bedingungsloser Nächstenliebe erlittenen dienenden Tod bezeuge das Herrentum und das Königtum Christi, der mit „Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ sei. Rahner betonte in diesem Zusammenhang die Eigenschaft Christi als „dem Sieger, dem Welteroberer, dem Ritter, dem Führer Eures jungen Lebens, dem Ihr Treue haltet“.

Das soldatische Christentum der abendländischen Tradition

Bereits in den ältesten Texten des Neuen Testaments sei das Christentum mit soldatischen Bildern beschrieben worden. Der hl. Apostel Paulus habe etwa das Kreuz Christi mit einem Tropaion bzw. mit einem Feldzeichen römischer und griechischer Armeen verglichen.

Von Paulus beginnend hätten die frühen Christen das christliche Leben mit dem Dienst des Soldaten verglichen, das für sie „Kriegsdienst für den König Christus“ gewesen sei. Von Beginn an hätten sich Christen als Soldaten in einem metaphysischen Krieg gegen nichtmenschliche Gegner bzw. gegen die Kräfte des Bösen verstanden. Rahner spricht von einer „heiligen Gewalt, die einmal das christliche Abendland, dieses Herz der Völker, durchpulst hat“.

Eine der ältesten überlieferten Formen der Taufe bzw. des Eintritts in das Christentum habe darin bestanden, dass der in den Dienst Christi eintretende Mensch sich in Richtung der aufgehenden Sonne gewandt und feierlich ausgesprochen habe: „Ich trete in dein Heer ein, o Christus.“4 Bereits Clemens von Alexandria (ca. 150-215) habe gesagt, dass es eine „herrliche Gefahr“ darstelle, „überzulaufen zur Front Gottes hin“.5

Die zeitlose Berufung des christlichen Mannes zum Rittertum

Aus dem oben beschriebenen Gedanken des Königtums Christi habe sich das christliche Rittertum entwickelt. Der Gründer des Jesuitenordens, der hl. Ignatius von Loyola, habe diesen Gedanken später weiterverfolgt und betont, dass Christus sich zu allen Zeiten seine kämpfende Gefolgschaft suche und seinen „Ruf des Königs“ an jene richte, die dafür in Frage kämen.

Das Erbe des abenländischen Rittertums sei zeitlos, weil es in jeder Generation Christen geben müsse, die zum kompromisslosen und kämpferischen Dienst an Gott und dem Nächsten bereit wären:

„Da nun aber das Werk der im Kreuzestod vollendeten Welterlösung sich durch alle Erdenzeiten hindurch entfalten muß, muß sich das Geheimnis der Überschwenglichkeit fortsetzen, muß es zu allen Zeiten Menschen geben, die das Großartige der in Christus uns geschenkten Liebe des Vaters mit einem großartigen Herzen erfassen können. Der Reiter Christus sucht Mitreiter, Mitstreiter, Mitsoldaten, Commilitones. Christus braucht Menschen, die Ritter sein wollen, Freie, Adelige, die die Erde unter sich haben, die jauchzend reiten können, die über das Gewöhnliche demütig erhaben sind, dienend und befehlend, anführend und als letzte das Kampffeld räumend. Menschen, die etwas ahnen von dem Sieg, der nur im Kreuz errungen wurde. Menschen, die wie eine Feldwache das Tropaion des Königs umstehen. […] Wer immer zu diesen Freunden, Mitstreitern und Mitknechten des Herrn gehören will: der ist ein Ritter. Eques Christi. Gehören wir zu ihnen?“6

Sein Reich brauche dienstbereite Männer, die nach höchsten Dingen streben. Jeder christliche Mann müsse sich die Frage stellen, ob er in diesen Dienst eintreten wolle:

„Willst Du? Das ist der Ruf des Königs.“

Hintergrund: Die Abwendung vom abendländischen Gedanken im modernen deutschen Katholizismus

Rahners Aufsatz beruht auf einem Vortrag, den er auf einer Veranstaltung des „Bund Neudeutschland“ hielt. Dieser ursprünglich elitäre Männerbund pflegte den abendländischen Gedanken und die Ideale des Rittertums in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Sein erklärtes Ziel war es, „einsatzfreudige Katholiken heranzubilden“, was dem Bund tatsächlich gelang, aus dem Widerstandskämpfer wie Alfred Delp oder Willi Graf hervorgingen. Seit den späten 1950er Jahren begannen sich in diesem Bund jedoch Kräfte durchzusetzen, die das abendländische Erbe ablehnten. Durch seinen Vortrag wollte Rahner diesen Auflösungserscheinungen entgegenwirken.

  • Der Politikwissenschaftler Rolf Eilers hatte den inneren Verfall des Bundes in einer 1998 erschienenen Studie beschrieben.7 In den 1950er Jahren habe der Bund sich für einen Modernisierungskurs entschieden und einen „Abschied vom Rittertum“ und auch vom Prinzip des elitären Männerbundes vollzogen. Anstelle der Verteidigung des abendländischen Erbes habe von da an das „kritische Hinterfragen“ dieses Erbes im Vordergrund gestanden.
  • Der Bund habe zudem seine „Offenheit“ betont, was praktisch dazu führte, dass die Anhänger radikaler utopischer Ideologien in ihm an Einfluss gewannen. Die abendländische Tradition sei von diesen radikalen Kräften, die sich zunehmend an marxistischer Ideologie orientiert hätten, als nicht offen genug abgelehnt worden.
  • Anstelle von Lebensgestaltung nach dem Vorbild ritterlicher Ideale habe der Bund seit den 1960er Jahren vorwiegend politischen Aktivismus betrieben. Die Hochschulgruppen des Bundes hätten sich damals zunehmend in eine linksradikale Richtung entwickelt.

Von dieser Entwicklung hat sich der Bund Neudeutschland nicht mehr erholt, der sich heute nach eigenen Angaben nicht mehr für ein christliches, sondern für ein „vielfältiges Deutschland“ einsetzt. Zu seinen bekannteren Mitgliedern gehört Kardinal Reinhard Marx, der kürzlich erklärte, dass er das Konzept des christlichen Abendlandes ablehne, weil es „ausgrenzend“ sei. (ts)

6 Kommentare

  1. Da scheint von den Rahner-Schülern nicht viel geblieben zu sein:
    Kardinal Marx hält den Begriff „christliches Abendland“ für ausgrenzend

    Seine Einstellung, die vermutlich von der Mehrheit der Bischöfe getragen wird, fußt sowohl
    a) auf Heraklit: alles fließt. Somit möge jeder nach seiner Façon selig werden. Wir müssten uns nur alle lieb haben. Alles andere sei ausgrenzend als auch
    b) auf der Angst selber ausgegrenzt zu werden. Er dürfte dann nicht mehr Preise an Kanzlerinnen verteilen, würde nie mehr zu den Banketten der Mächtigen geladen und am Ende stünde der Verlust zahlreicher, „wertschöpfender“ Privilegien. (Wo Korruption beginnt weiß nur Gott)
    Die Ausgrenzung ist heute zu einer der 7 Todsünden geworden. Nur das allgemein anerkannte, gewissermaßen staatlich approbierte Böse, wie z.B. die AfD, wird ausgenommen.
    Jede Zellorganelle, jede Zelle, jedes Organ ist ausgrenzend durch Abgrenzung. Ansonsten tritt der Zelltod ein oder es besteht Krebs. Haben wir Bischöfe, die an spirituellem Krebs leiden? Sind sie heute nur überflüssig wie ein Kropf, oder sind sie so gefährlich wie ein Kanzerogen der Kategorie 1A?
    Vor Jahren schrieb ich schon: Der Imam steht neben, hinter und vor seinem Muslim. Mein Bischof frägt sich: Bin ich, oder bin ich nicht? Und wenn ich bin, wer bin ich wo? Er steht nie hinter mir, und so stehe ich nie mehr vor ihm!
    Aus der CDU hört man gerade, dass der begriff Nationalstaat wichtig sei. Man dürfe ihn nicht den Rechten überlassen (CDU eben eine Linkspartei?). „National“ sei, was da gerade so kreuche und fleuche im Lande. Und genau damit identifiziert sich auch der Kardinal!
    Die wichtigsten Begriffe des GG wurden bereits entwertet durch Umdeutung, und keiner, auch kein Bischof, will etwas gemerkt haben.
    Sie alle sind desertiert.
    Die Abräumer kommen!

  2. Werter Herr Kemmer,
    da die Seite aus technischen Gründen zurückgesetzt werden musste, ist einer Ihrer Kommentare verlorengegangen.
    Sie hatten dort einen Link auf einen Beitrag gesetzt, in dem behauptet wird dass Papst Franziskus eine Exkommunikation von Migrationskritikern in Erwägung ziehe, und erklärt, dass Sie nicht wissen, ob die Meldung zutrifft.
    Die Prüfung ergab, dass es sich bei der italienischen Originalmeldung um einen Kommentar eines Journalisten handelte, der dies gefordert hatte. Der von Ihnen verlinkte Artikel, der darauf verweist, schreibt diese Äußerung fälschlicherweise Papst Franziskus zu.
    Es handelt sich somit also um eine Falschmeldung. Die Seite, auf der er erschien, ist als Quelle von Falschmeldungen bekannt.

    • Werte Redaktion,
      ich bedanke mich sehr für Ihre Recherche und bin sehr froh, dass dieser Kommentar verlorengegangen ist und nicht veröffentlicht wurde.

  3. Ausläufer dieser politisierenden, Ideale zersetzenden Welle ist auch der Niedergang des katholischen Pfadfindertums, das 1973 das von Baden-Powell definierte „Pfadfindergesetz“ als zu schwierig und unmodern abschaffte, vor allem auch die 10. Regel „Der Pfadfinder ist rein in Gedanken, Worten und Werken“. Angeblich könne man das nicht einhalten (nach dem Motto „Wat de Körper braucht, dat braucht he eben!“). Verstößen gegen das 6. Gebot ist hier Tür und Tor geöffnet. Wir brauchten uns um Missbrauchsfälle gar nicht zu sorgen, wenn Kardinäle heute fähig wären, mal an den Festtagen von den hl. Don Bosco, Agnes, Aloisius u. a. m. eine flammende Predigt für die Keuschheit/Reinheit zu halten! Kardinal Marx müsste eigentlich sein Vorname Reinhard schon auf die Pflicht des Christen zur Reinheit der Seele mit der Nase stoßen! Ulrich Bonse

  4. Die unsägliche Perfidie, die offenbar den Anlass für diesen Artikel darstellt, erfüllt mich mit Zorn.
    Frauen können in der katholischen Kirche zwar nicht Bischöfe werden. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass man die Inhaber dieses Amtes deshalb automatisch als Männer bezeichnen sollte.

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