Manfred Spieker: Grenzschutz und Migrationskontrolle als Forderungen der katholischen Soziallehre

Domenico Cetto - Ansicht der Stadt Wien zur Zeit des Osmanensturms (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Martin Spieker lehrte Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück. In einem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienenen Aufsatz kritisiert er die Stellungnahmen der katholischen Kirche in Deutschland zum Thema Migration, die mit der katholischen Soziallehre „nichts mehr zu tun“ hätten. Der Schutz staatlicher Grenzen und die Steuerung von Migration seien wesentliche Forderungen der katholischen Soziallehre.

Das Versagen des Staates und der katholischen Kirche in der Migrationsfrage

Offene Grenzen und der Sozialstaat seien neben der politischen Instabilität und geringen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vor allem islamischer aber auch afrikanischer Gesellschaften die wesentlichen Ursachen von Migration nach Deutschland.

Dies habe seit 2015 zu unkontrollierter Massenmigration geführt, mit der die vorhandenen Systeme zur Steuerung von Migration sowie die Fähigkeit der Bundesregierung zur Beurteilung der Lage und ihr politischer Wille zum Ergreifen angemessener Maßnahmen überfordert gewesen seien.

Auch die katholische Kirche habe hier versagt, in deren Stellungnahmen zum Thema Migration „das Erfordernis einer Grenzkontrolle ein blinder Fleck“ sei. Mit der katholischen Soziallehre hätten die Positionen der Kirche, darunter auch die von Papst Franziskus, „nichts mehr zu tun“.

Die Kirche missachtet in ihrem Eintreten für offene Grenzen das Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre

Die kirchlichen Stellungnahmen für offene Grenzen würden sich vor allem auf das Prinzip der Solidarität berufen. Dabei würden sie jedoch von einem falschen Verständnis dieses Prinzips ausgehen:

Solidarität ist ein Bewusstsein wechselseitigen Verbundenseins und Verpflichtetseins. Der Begriff kommt vom lateinischen „solidare“ und meint verstärken, verdichten, fest zusammenfügen. In der politischen Philosophie und in der Sozialethik bringt der Begriff die Tatsache zum Ausdruck, dass die Menschen aufeinander angewiesen sind – nicht nur in Familie und Gemeinde, sondern auch in Gesellschaft, Staat und internationalen Beziehungen. […] Solidarität ist wie die Subsidiarität eine zentrale Möglichkeitsbedingung des Gemeinwohls. Sie ist, so Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ 1987, „nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah und fern“, sondern „im Gegenteil . . . die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen“. Solidarität ist nicht dasselbe wie Nächstenliebe. Sie ist ihrer Tendenz nach utilitaristisch. Solidarität rechnet mit Solidarität, Nächstenliebe rechnet nicht. […]

Der Staat als der größte verfasste Solidarverband ist selbst Ausdruck der Solidarität. Er wird konstituiert durch ein Volk, ein umgrenztes Territorium und eine Verfassung, der eine gemeinsame Idee von Freiheit, Gerechtigkeit und politischer Willensbildung zugrunde liegt, sowie durch eine entscheidungs- und durchsetzungsfähige Staatsgewalt. Der Staat ist ebenso Bedingung wie Ergebnis einer funktionierenden Rechts- und Verfassungsordnung.

Die Migranten, die seit 2015 nach Europa kamen, stammten vorwiegend aus „Staaten, die ihrer Ordnungsfunktion nicht gerecht wurden“. Sie hätten sich gezielt in ein Gebiet „territorial umgrenzte[r] Herrschaft“ begeben, in dem Ordnung herrscht. Die „Kontrolle der Staatsgrenzen ist deshalb eine Conditio sine qua non, um die neue Migrationsdynamik zu bewältigen.“

Die katholische Kirche hat Gesinnungsethik an die Stelle ihrer Soziallehre gesetzt

In den „aktuellen kirchlichen Stellungnahmen bleibt das Erfordernis einer Grenzkontrolle“ trotz der signifikant negativen Folgen von Massenmigration für das Gemeinwohl „ein blinder Fleck“:

Sie ermangeln einer sozialethischen Perspektive, deren Fokus auf den institutionellen Möglichkeitsbedingungen einer schutzbietenden Grenze und eines Grenzen sichernden demokratischen Rechtsstaates liegt. Das gilt für die Leitsätze der Deutschen Bischofskonferenz zum Engagement für die Flüchtlinge ebenso wie für die Stellungnahmen von Papst Franziskus und die 20 Handlungsschwerpunkte, mit denen der Heilige Stuhl Einfluss auf die beiden UN-Abkommen über Flüchtlinge und Migranten nehmen wollte. Es dominiert die moralische Perspektive, die Franziskus in den vier Imperativen zum Ausdruck bringt: „aufnehmen, schützen, fördern, integrieren“.

Die seitens der Kirche formulierten Forderungen bgzl. des Umgangs mit Migration seien nicht falsch, aber unvollständig:

Sie ermangeln einer Reflexion auf das Subjekt, das in der Lage sein muss, aufzunehmen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren. Dieses Subjekt ist der Staat, im Falle der europäischen Zielländer der demokratische Rechtsstaat. Erst wenn seine Ordnungsfunktion und seine Stabilität gesichert sind, können die vier Forderungen erhoben werden, Flüchtlinge aufzunehmen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren. Diese Ordnungsfunktion zu sichern ist eine staatliche und somit politische Aufgabe.

Die Öffnung von Grenzen stehe im Widerspruch zur Sicherung der staatlichen Ordnungsfunktion, was in den Stellungnahmen der Kirche ausgeblendet werde. Angesichts eines globalen Migrationspotenzials von rund 250 Millionen Menschen müsse jedoch die Frage beantwortet werden, unter welchen Bedingungen Migranten abzuweisen seien.

Die katholische Sozialehre kann auch die Zurückweisung von Migranten erfordern

Ein „undifferenzierte[s] Aufnehmen, Schützen, Fördern und Integrieren“ sei nicht realistisch. Man werde künftig stärker zwischen Flüchtlingen und Migranten unterscheiden und die mit dem Asylrecht verbundenen Ansprüche, etwa auf Familiennachzug, einschränken müssen:

Armut, wirtschaftliche Not oder die Auswirkungen von Krisen und Kriegen reichen ebenso wenig für die erfolgreiche Berufung auf das Asylrecht aus wie die Flucht vor politischer Instabilität. Wer vor dem Krieg in Syrien und im Irak in ein Flüchtlingslager der Türkei, des Libanons oder Jordaniens geflohen ist, hat dort bereits Schutz gefunden. Wer aus einem solchen Flüchtlingslager weiterzieht nach Europa, mutiert vom Bürgerkriegs- zum Wirtschaftsflüchtling.

Die Sicherstellung des Gemeinwohls, die das Ziel der katholischen Soziallehre ist, erfordere eine Steuerung von Migration primär nach den Erfordernissen des Gemeinwohls und nicht nach den Ansprüchen der Migranten.

Die begrenzte Integrationsfähigkeit von Muslimen erfordert besondere Maßnahmen der Migrationskontrolle

In diesem Zusammenhang seien angemessene Unterscheidungen bei der Aufnahme von Migranten zu treffen, wobei u.a. „die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Integration, zur Achtung der Verfassungs- und Rechtsordnung und der Landesbräuche“ sowie Religion und Kultur der Migranten zu betrachten seien:

Wenn rund 70 Prozent der Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Ländern stammen, kann die Frage nach der Integrationsfähigkeit des Islams nicht mit Verweis auf den säkularen Staat, der alle Religionen gleich behandelt und die Religionsfreiheit achtet, abgetan werden. […] Dass die Integrationsfähigkeit und -bereitschaft von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern ein Problem ist, ist seit der Anwerbung türkischer Gastarbeiter Anfang der sechziger Jahre bekannt. […] Je strenger der Islam interpretiert und gelebt wird, desto schwieriger wird die Integration. Die Scharia ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Bereits der hl. Thomas von Aquin sei im 13. Jahrhundert als einer der Begründer der katholischen Soziallehre daher für „kulturell differenzierte Zuwanderungsrechte“ eingetreten und habe Migrationsschranken je nach kultureller Nähe und Gemeinwohlkompatibilität für legitim gehalten. Näher stehenden Menschen habe ein Gemeinwesen größere Verpflichtungen als ferner stehenden.

Hintergrund

Ludger Schwienhorst-Schönberger, der katholische Theologie an der Universität Wien lehrt, hatte im Mai 2018 das Problem gesinnungsethischer Tendenzen in der katholischen Kirche im Zusammenhang mit Migrationsfragen analysiert. Diese Tendenzen hätten die rationale Ethik der katholischen Soziallehre in Deutschland weitgehend verdrängt und in der Migrationspolitik zu falschen Entscheidungen beigetragen.

Der Politikwissenschaftler Martin Wagener, der an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung im Fachbereich Nachrichtendienste in Berlin lehrt, hatte vor einigen Monaten analysiert, wie Staaten ihre Außengrenzen wirksam schützen können, um das Gemeinwohl sicherzustellen.

Impulse der katholischen Soziallehre zur gemeinwohlorientierten Gestaltung von Migration haben wir hier zusammengefasst. Eine ausführliche Definition des Solidaritätsprinzips findet sich hier und eine Definition des katholischen Begriffs des Gemeinwohls hier. (ts)

4 Kommentare

  1. Die aktuelle „Migrationspolitik“ ist in einem einfachen und elementaren Sinn unchristlich: Sie richtet sich gegen die Wahrheit. Sie basiert auf Lügen wie der, daß „Seenotrettung“ zur Schlepperei berechtigt, daß ein Anspruch Nötigung erlaubt, daß Migranten Flüchtlinge sind oder daß ein „Humanitärer Imperativ“ über dem Gesetz steht. Will man Menschen in echter Not wirklich helfen, muß man ganz sicher nicht derart lügen, überwältigen, mißbrauchen und niederbrüllen. Und hier stellt sich dann die Frage nach dem eigentlichen -unchristlichen- Motiv.

  2. Werter Herr Bestek,
    hervorragender Kommentar! Danke. Ja, „Das Christentum“ ist für das (Super-Ausdruck) „Tugend-Gepansche“ nicht verantwortlich, wohl jedoch dessen Vertreter. Diese Vertreter meinen bei den Christen, bei „hochmoralischen“ Tugend-NGOen, Tugendwächtern und Tugendparteien punkten zu können und bewirkten eher das Gegenteil. Es hinterlässt Frust, Fragen und Orientierungslosigkeit.

    Dieses Verhalten, diese Verkündigung konnte jedoch nur durch die Verwässerung des Glaubenswissens erreicht werden und geschehen. Gott verlangt von niemandem Nächstenliebe bis zur Selbstaufgabe und zur Selbstzerstörung. Liebe als Nächstenliebe, die nicht größer sein möge, als die Liebe zu sich selbst. Dazu muss die Frage gestellt werden: Was ist überhaupt „Selbstliebe“? Schon da kann es zu Fehlinterpretationen kommen. Waren z. B. der Hl. Franziskus und die hl. Elisabeth „Selbstliebende“? Ja und nein. Würden sie diese Migrationspolitik gutheißen und die Stellungnahmen der Kirchen darauf? Wir wissen es nicht, jedoch wahrscheinlich nicht. Sie wären wohl nicht zu dem geworden, was sie geworden sind, wenn sie nicht höchstselbst die große unmittelbare Not der Menschen zu ihrer Lebenszeit mit eigenen Sinnen hätten wahrnehmen können. Fest steht jedoch, dass sie über ein extrem starkes Selbstbewusstsein, und zwar in und aus Gott (das ist der große Unterschied zum Tugendgepansche von heute) verfügten und eben nur den echten Notleidenden geholfen haben, nicht denen, denen es am leiblichen Wohl hier wohl kaum mangelt (Vollversorgung) Ich glaube, dass die beiden diese Art der Fernstenliebe abgelehnt hätten. Sie waren nämlich mit einer Armut der jeweils akuten Existenzbedrohung konfrontiert, und zwar in ihrer unmittelbaren Umgebung.

    Während heute die jungen kräftigen Männer aus anderen Kulturkreisen vor Selbstbewusstsein nur so strotzen aufgrund ihrer patriarchalischen kulturell-religiösen Herkunft, kämpften die Leidenden in der Nähe der Heiligen um ihr Leben. Das war dann auch im Dankverhalten grundlegend anders.

    Wir haben heute eine Situation, in der dieser Begriff der „Nächstenliebe“, die mein Vorkommentator so glänzend beschrieben und analysiert hat, eher bis zur Unkenntlichkeit pervertiert wird. Diese Menschen sind einfach nur auf der Suche nach einem besseren Leben ohne in akuter Lebensgefahr gewesen zu sein, echte Kriegsflüchtlinge und politisch verfolgte Menschen einmal ausgenommen. Sie werden erkennen, dass die Versprechungen, die Soros und die Schleuserorganisationen, aber auch die permanent einladende „Kanzlerin“ ihnen gemacht haben, hier auf Dauer nicht zutreffen. Die Arbeitgeberschaft wird ihnen nicht das bieten können, was sie erwartet haben und sie nur für geringwertige Arbeiten heranziehen können, und zwar für Arbeitsplätze, die in Zukunft aufgrund technischer Entwicklungen vielfach auch noch wegfallen werden und wenn dann auch nur eine wirtschaftliche Delle dieses Land ereilt, die dazu führt, die Ruhigstellungsgelder nicht mehr zahlen zu können, wird hier das Chaos ausbrechen. Und diese jungen Männer werden sich das Lebensnotwendige zu nehmen wissen im Gegensatz zu der verweichtlichen Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage und fähig ist, für sich selbst zu sorgen, selbst wenn lediglich der Strom ausfallen sollte. Diese werden dann die Rolle derjenigen spielen müssen, die die hl. Elisabeth und den hl. Franziskus dazu bewogen haben, „heilig“ zu werden.

    Was erleben die Migranten hier? Sie nehmen wahr, dass sie vorwiegend nur an den Rändern der Gesellschaften existieren können. Sie erleben die Schwäche und Feigheit der Menschen, die Schwäche des Staates, die Überdehnung ihrer Rechte, Vollversorgung, ohne dafür zahlen oder irgendwelche Gegenleistungen erbringen zu müssen. Sie erleben in dieser Gesellschaft ein ihnen völlig fremdes Verhalten der Verweichlichung, der rechtlichen Zügellosigkeit und der Unmoral, Matriarchats und verweichlichten Männern und wundern sich, dass diese für sie zu verachtende, weil nicht patriarchalische Gesellschaft finanziell und wirtschaftlich so gut aufgestellt ist, zumindest zurzeit noch, solange wir uns noch relative „Ruhe“ erkaufen können durch Vollalimnetierung.
    Wir dürfen nicht so tun, als ob diese Entwicklungen sich hier wie von selbst eingestellt haben sozusagen als durch Zufall agierende Evolution im menschlichen Verhalten. Diese Fehlentwicklungen in Staat, Gesellschaft und Kirche sind jedoch nicht versehentlich oder aus Naivität geschehen, sondern diese wurde seit Jahrzehnten planvoll inszeniert, um die europäischen Gesellschaften oder die wirtschaftlich funktionierenden Gesellschaften von innen heraus zu zerstören. Dazu brauchte es wie vom Vorkommentator so formvollendet beschrieben, das Tugend-Gepansche, welches sich ohne Gottesbezug doch so „barmherzig“ geben konnte und noch heute gibt und sich zu Ersatzreligionen verselbständigt hat. Die Kirchen haben es nicht bemerkt oder sie wollten es nicht bemerken. Der oberste Repräsentant im Vatikan ist im Gegensatz zu seinem unmittelbaren Vorgänger der Prototyp des globalistischen Vordenkers der Barmherzigkeit, dem die „vielen Verwerfungen“ offensichtlich wie den Politikern Westeuropas leider völlig egal sind, auch wenn er hier und da davon spricht, dass die Integrationsleistungen des Aufnahemstaates nicht überfordert werden dürfen. Er als moralische Instanz für den Westen hat hier im Großen und Ganzen einfach nur versagt. Er scheint die katholische Soziallehre, die er ja kennen sollte, für einen globalistisch denkenden Mann für unbrauchbares Instrument zu halten, welches der Vergangenheit angehört und marginalisiert werden kann.

    Ist die Gewaltorgie von Amberg im Grunde die Zukunft für unser Land, welche sich dann durch Gewalt und Gegengewalt immer weiter ins Chaos aufschaukelt? War das so unvorhersehbar? Diese Zeiten sind von Angst gekennzeichnet, und zwar von einer gesteuerten Angst, der das Armageddon jederzeit heraufbeschwören soll.

    Am Ende soll die gottferne globalisierte sozialistische Diktatur stehen, die wie ein Phönix aus der Asche der Nationalstaaten als Retter hervorgehen kann. Daran wird seitens der Politik zumindest hier in Deutschland, Spanien und Frankreich hart gearbeitet! Sind wir davon noch sehr weit entfernt?

    • Lieber Herr Kemmer,
      danke für diesen klugen, zustimmenden Kommentar. Eine Ermutigung:

      >> Hier liegt, wie Donoso Cortés es formuliert hat, eine besondere Chance katastrophischer Zeitläufte. Die unsicheren Zeiten sind die sichersten; man erfährt, woran man ist mit der Welt. << (Josef Pieper) – und erkennt seine Gegner, unverblümt.
      Der Kairos ist da!

  3. Warum unsere „Willkommenskultur“ völlig unchristlich ist

    Die „Willkommenskultur“ – die für viele Christen arg- und fraglos zu einem christlichen Gebot wird, so daß man schon von einer „Migrationstheologie“ sprechen kann – exemplarisch seien hier die Kirchenfürsten Woelki, Marx, Bedford-Strohm und der rheinische Populist Norbert Blüm genannt –
    diese Willkommenskultur beleuchtet einen ethischen Irrweg – und eine christliche Häresie –

    Ein Grundgesetz der Moral, gleichsam in der Evolution verankert, wird in der Bibel so formuliert: „Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“ (1. Timotheus 5:8)
    Es ist das Prinzip der abgestuften Verantwortlichkeit und der bedingten Solidarität und in der Folge der abgestuften Hilfeleistungen. Was immer und überall selbstverständlich war (und in den meisten Fällen, so keine ideologische Verblendung vorliegt, noch ist): Jeder wird zunächst seinen Kindern und Eltern beistehen und ihnen alle möglichen Hilfen gewähren, dann den konkreten Nächsten, dann den Angehörigen seiner Gemeinschaft – und so fort. Entsprechend heißt es im vierten Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Also die eigenen „konkreten“ Eltern – und nicht alle Älteren oder gleich alle Welt! Das bedeutet eine eindeutige Privilegierung des Eigenen (was nicht ausschließt, daß man allen alten Menschen Achtung entgegenbringt). Den umgekehrten Weg könnte man als pathologischen Altruismus bezeichnen – pathologisch ist er, denn er leugnet die evolutionär erfolgreichen und anthropologisch festgeschriebenen „Vorzugsregeln“ (siehe oben).

    Nichts ist ungerechter und zerstörerischer als die Leugnung und Auflösung des Ur-Zusammenhangs von Säen und Ernten, den die Bibel immer wieder betont – so durch die leichtfertige und ungeprüfte Verschenkung des mühsam erarbeiteten Erbes der Vorfahren, das wir von unseren Nachkommen (mit denen viele wohl gar nicht mehr rechnen) nur geborgt haben, an vielförmig Fordernde aus aller Welt.
    Natürlich sollte man den wirklich Notleidenden nach Maßgabe seiner Kräfte engagiert und nachhaltig helfen, was am besten in deren Heimatländern geht.

    Aber, wie die pathologischen Altruisten (vulgo Gutmenschen) es unentwegt tun – ostentativ vielförmige Wohltaten fordern und verfechten (eines billigen Anerkennungsgewinns oder postreligiöser Selbstrechtfertigungsbedürfnisse wegen), die ANDERE (und dieses „ANDERE“ hat auch eine Zukunftsdimension, insofern eigene Nachkommen überhaupt mitbedacht werden) UNGEFRAGT lange bezahlen und mühsam bewerkstelligen müssen – das ist für mich, theologisch gesprochen, böse. Daraus spricht ein Geist, der vordergründig (und auf bequeme Weise) das Gute will und langfristig das Böse schafft. Dazu gehört die leichtfertige und empathielose Zerstörung einer gewachsenen, weitgehend stabilen Sozialstruktur, was man etwa im Ruhrgebiet in der Emscherzone gut beobachten kann. Der Multikulturalismus, auf dem die Migrationtsheologie fußt, fühlt sich „mit 10 000 Euro Monatseinkommen ganz anders an als mit 1 000, wenn man um Wohnungen, Jobs und Bildung für seine Kinder kämpfen muß“ (So der französische Sozialgeograph Christophe Guilluy). Unsere Weltretter-Altruisten sind in der Regel gutsituiert und (durch den Staat) wohlalimentiert und achten – auch das gehört zum Begriff, zum Eindringen des Bösen – sehr genau darauf, daß im persönlichen Bereich die eigenen Besitzstände und Konsumoptionen garantiert bleiben.

    Man lese demgegenüber das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Herzstück christlicher Moral, und beachte besonders Lukas 10:34 u. 35 ! Fällt etwas auf?
    Der Samariter sucht nicht nach radikalen sozialen und politischen Lösungen, sondern er hilft ohne Aufsehen ganz persönlich und schenkt einem verletzten und leidenden Menschen wieder die Gesundheit. Es wäre sicher vieles besser in unserer Welt, und es wäre um das Christentum besser bestellt, wenn viele es so machten. Statt sich in Weltverbesserungsphantasien und Großprojekten (wie die „Willkommenskultur“ – „Wir schaffen das!“) zu verlieren, deren
    überwältigende Größe dann als Entschuldigung für das absehbare Scheitern dient.
    Der barmherzige Samariter – ein Gleichnis gegen die „Willkommenskultur“!

    Ja, die selbstverständliche Sorge um die „Seinen“, die das Bibelzitat anspricht – in unserer individualisierten, sozial atomisierten Gesellschaft weiß man allerdings vielfach nicht mehr, wer diese Seinen, wer die „Hausgenossen“ eigentlich sind (möglicherweise sind sie real auch gar nicht mehr vorhanden – es gibt bei weitem mehr Katzen und Hunde als Kinder in deutschen Haushalten – aber Haustiere meint die Bibel sicher nicht mit „Hausgenossen“), und man fühlt sich nicht besonders für diese „Eigenen“ verantwortlich – dafür aber dann gleich unterschiedslos für die ganze Welt, auf eher unverbindliche Weise. Da einem die Adressaten echter Menschenliebe wie die eigenen Kinder oder überhaupt die eigene Generationenkette fehlen, muß man kompensieren und sich wechselnde Ersatzobjekte suchen. Und wenn es nicht „Flüchtlinge“ sind, dann ist es süßes Kuschelgetier, wie die Inflation von Katzen- und Hundebildern etwa auf Facebook kundtut.
    So erleben wir nun also die hohe Zeit der Moralapostel&moralischen Maulhelden (philosophisch nüchtern werden sie „Humanitaristen“ mit „Hypermoral“ genannt), deren Mantra lautet: „Seid umschlungen, Milliarden! Diesen Kuß der ganzen Welt!“
    Die langfristigen negativen sozialen, wirtschaftlichen, demographischen Folgen (nicht zuletzt die, die sich in der Kriminalstatistik widerspiegeln) – die Folgen für die „Seinen“ – werden ausgeblendet.

    Hochmoral mutiert regelmäßig unabwendbar zur Unmoral.
    Der Glaube an die Existenz des Bösen – das Böse als eigenständige, unheimliche Macht, nicht als Sekundärprodukt „schlechter Umstände“, die man ändern könnte – das ist etwas genuin Christliches. Und so müßten die Christen gerade jetzt erkennen: Der Teufel hat die Moral entdeckt, und er fährt gegenwärtig recht gut damit. Und so die Aktualität des Goethe’schen Diktums erkennen, das er dem Teufel in den Mund legt:
    „Mephisto zu Faust:
    Den Teufel spürt das Völkchen nie,
    und wenn er sie beim Kragen hätte.“

    Wie ist es dazu gekommen, daß sich die Christen mit einer bestimmten Moral identifizieren und ihr auf den Leim gehen, so daß diese Moral, besser: der Moralismus, sukzessive den Glauben ersetzt? So daß viele Sonntagspredigten genauso auf einem Parteitag der Grünen gehalten werden können? Die Häresie, das Menetekel wird augenfällig, wenn die Kirchen Flüchtlingsschlepper-Boote und Rettungswesten zum neuen Anbetungsobjekt machen. Man denke an Kardinal Woelkis Flüchtlingsboot-Altar, der auf fatale Weise an das Goldene Kalb erinnert.

    Ich versuche eine Antwort mit Gilbert Keith Chesterton, dem großen christlichen Apologeten:

    Christentum versus „Moral“ – Hier ist G.K. Chestertons Befund des eskalierenden Moralismus in unserer Zeit (der zur christlichen Modedroge geworden ist); seine hellsichtige Pathogenese des Gutmenschen:

    „Die moderne Welt ist nicht böse; in mancher Hinsicht ist sie entschieden zu gut. Sie ist voll wüster und vergeudeter Tugenden. Wenn ein religiöses System zertrümmert wird (wie das mit dem Christentum in der Reformation geschah), dann führt das nicht nur zu einer Entfesselung der Laster. Keine Frage, daß die Laster entfesselt werden; sie streifen umher und stiften Schaden.
    Aber auch die Tugenden werden entfesselt, und sie streifen noch haltloser umher und richten noch schrecklicheren Schaden an. Die heutige Welt steckt voll von alten christlichen Tugenden, die durchgedreht sind. Sie sind durchgedreht, weil sie auseinandergerissen wurden und allein umherstreifen.“
    (Gilbert Keith Chesteron: ‚Orthodoxie‘, 1908)

    „Entfesselte“ und „durchgedrehte“ urchristliche Tugenden: Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gleichheit (vor dem Gesetz und vor Gott), Gerechtigkeit, Mündigkeit des Gewissens, Arbeitsethos gemäß seinen Gaben (seine Berufung finden!) …

    Man erkennt in diesen Tugenden leicht ihre aktuellen grünlinks pervertierten, atheistischen Zerrformen, Kompensationsformen, die mit ersatzreligiöser Inbrunst verfolgt werden : Sozialismus, Egalitarismus, Inklusion, SOZIALE Gerechtigkeit, Feminismus, Quotismus, Gender-Mainstreaming, Multikulturalismus&Humanitarismus mitsamt Willkommenskultur (die Religion der „Gutmenschen“), Diskursethik, Toleranzträume, Pazifismus u. Appeasement, eigensüchtige Selbstverwirklichung, Bio-, Öko-, Klima- … Weltrettungs-Fixierung usw.
    Und man erkennt, daß dieses Tugend-Gepansche „noch schrecklicheren Schaden anrichtet“.
    Und erkennt folgerichtig: Das Christentum ist nicht dafür verantwortlich; es ist Opfer der Tugend-Umdeutungen.
    An diesen Umdeutungen sind leider zu viele Christen beteiligt.

    Christen arbeiten an ihrer eigenen Marginalisierung, weil sie in den Begriffen und Konzeptionen ihrer Gegner denken und reden.

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