Laurent Bègue: Psychologische Voraussetzungen der kulturellen Erneuerung von Gesellschaften

Ambrogio Lorenzetti - Die Gerechtigkeit (Ausschnitt aus 'Die Allegorie der guten Regierung', Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Laurent Bègue lehrt Sozialpsychologie an der Universität Grenoble Alpes. In einem aktuellen Beitrag fasst er Erkenntnisse der Forschung darüber zusammen, wie weltanschauliche Minderheiten langfristig Gesellschaften in ihrem Sinne umgestalten können.

Gesellschaftliche Veränderungen seien in der Vergangenheit häufig von einzelnen Personen oder kleinen Gruppen ausgegangen, die sich anfänglich in einer schwachen Position befunden hätten. Die größte Herausforderung in dieser Phase sei die Bewältigung dessen gewesen, was Psychologen als „Compliance Bias“ bezeichneten. Der Großteil der Menschen sei vor allem durch das Streben nach sozialer Anerkennung motiviert und orientiere sich aus Furcht vor sozialer Isolation am vermuteten Standpunkt der Mehrheit.

Alternative kulturelle und weltanschauliche Positionen und Konzepte könnten unter diesen Bedingungen nur dann Wirkung entfalten, wenn das Vorgehen der entsprechenden Akteure die folgenden Grundsätze berücksichtige:

  • Glaubwürdig sein: Glaubwürdigkeit entstehe, wenn ein Akteur seine Position auch unter Druck und unter Inkaufnahme von Nachteilen aufrechterhalte. Gleichzeitig müssten Positionen laufend an neue Lagen und bessere Argumente angepasst werden.
  • Nicht als bedrohlich erscheinen: Die Positionen einer Minderheit dürften nicht als gefährlich erscheinen, wenn sie sich in der Mehrheit verbreiten sollen. Die Identität der Mehrheit bzw. ihr ethnisches und nationales Selbstverständnis dürfe nicht abgelehnt werden, weil dies Abwehrreaktionen erzeuge. Außerdem dürfe die Position der Minderheit von den Angehörigen der Mehrheit nicht als Versuch wahrgenommen werden, sie in ihrer individuellen Entscheidungsfreiheit einzuschränken.
  • Gemeinsame Identität betonen: Erfolgreiche Minderheiten würden sich nicht gegen die Identität der Mehrheit definieren, sondern ein Identitätskonzept vertreten, dem sich die Mehrheit anschließen könne. Sie würden außerdem ihre Gemeinsamkeiten mit der Mehrheit betonen und Forderungen nach radikalen Veränderungen des Status Quo vermeiden.

Wenn diese Grundsätze befolgt würden und das alternative kulturelle oder weltanschauliche Konzept hinreichend interessant sei, könnten entsprechende Akteure den oben erwähnten Compliance Bias reduzieren und latenten Einfluss in den geistigen Eliten eines Gemeinwesens entfalten. Alternative Ideen würden dann nicht spontan abgelehnt, sondern geprüft und in die eigenen Überlegungen einbezogen, was bei einigen Angehörigen der Mehrheit ein Umdenken bewirke.

Solche Prozesse würden jedoch nur langsam ablaufen. Erfolgreiche Akteure hätten für die kulturelle Veränderung eines Gemeinwesens rund 25-50 Jahre gebraucht.

Hintergrund: Joseph Ratzingers (Benedikt XVI.) Strategie der schöpferischen Minderheit

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge hätten Christen den Auftrag, in einem von utopischen und postmodernen Ideologien geistig und kulturell zerstörten Europa als „schöpferische Minderheit“ zu wirken und es im Geist des Christentums kulturell zu erneuern.

Er entwarf in diesem Zusammenhang die Grundlagen einer Strategie, die den oben beschriebenen Erkenntnissen Bègues entspricht. Sein Entwurf stützt sich auf Netzwerke aus im Glauben gefestigten „scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen“, die „intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen“.

Ziel dieser Strategie sei es, die „innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen“:

Wie soll es weitergehen? Gibt es in den gewaltigen Umbrüchen unserer Zeit eine Identität Europas, die Zukunft hat und zu der wir von innen her stehen können? […] Europa braucht eine neue – gewiss kritische und demütige – Annahme seiner selbst, wenn es überleben will. […] Wenn wir dies nicht tun, verleugnen wir die Identität Europas – und versagen den Anderen einen Dienst, auf den sie Anspruch haben.

Europa sei in der Vergangenheit „immer wieder von schöpferischen Minderheiten“ erneuert worden. Er bezog sich dabei vor allem auf Beobachtungen des Historikers Arnold Toynbee.

2 Kommentare

  1. Sie legen eine ausgezeichnete Analyse über die Grundlagen christlicher Erneuerung in Europa vor. Danke für die Klarheit dieser Gedanken, die unbedingt einer größeen Öffentlichkeit nahegebracht werden sollten.

  2. Weitere Begriffe und Konzepte, die man in diesem Zusammmenhang m.E. nennen sollte, sind die des Overton-Fensters und der kulturellen Hegemonie. Außerdem ist m.E. die Erkenntnis relevant, dass erfolgreiche Vorhaben kultureller Veränderung immer bei Eliten ansetzen. Man kann in dieser Hinsicht viel von der 68er-Bewegung lernen.

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