James H. Toner: Das militärische Ethos als Impuls zur Erneuerung der Kirche

Friedrich Bury - Porträt des Heeresreformers General von Scharnhorst (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

James H. Toner lehrte Militärethik an der Führungsakademie der amerikanischen Luftwaffe. In einem Beitrag im „Crisis Magazine“ beschreibt er das militärische Ethos als einen möglichen Impuls für die Erneuerung der katholischen Kirche.

Die gegenwärtige Krise der Kirche ähnele der kulturellen Krise, die das amerikanische Heer im Zuge des Vietnamkriegs durchlaufen habe, und in deren Verlauf dort Disziplin und Moral zusammengebrochen seien.

Die Krise des amerikanischen Heeres nach dem Vietnamkrieg und ihre Überwindung

Das amerikanische Heer habe in den 60er Jahren aufgrund des kriegsbedingten Personalbedarfs die Standards bei der Offizierauswahl gesenkt, was untaugliche Kandidaten angezogen habe. Außerdem habe man die in Folge dessen während des Vietnamkriegs zu Tage getretenen vielfältigen Disziplinverstöße sowie Korruption geduldet. Dies habe eine kulturelle Abwärtsentwicklung in Gang gesetzt, die innerhalb weniger Jahre zum weitgehenden Zusammenbruch von militärischer Tradition, Disziplin und Moral im Heer geführt habe. Ende der 70er Jahre sei das amerikanische Heer in Folge dieser Entwicklung nicht mehr dazu in der Lage gewesen, seinen Auftrag zu erfüllen.

  • Dies erinnere Toner an die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche. Die zunehmend sichtbar werdenden Aktivitäten von Missbrauchs-Netzwerken würden darauf hindeuten, dass Teile der Führung der katholischen Kirche auf eine ähnliche Weise korrumpiert seien, wie es das amerikanische Offizierkorps in den 70er Jahren gewesen sei.
  • Die Krise des amerikanischen Heeres sei jedoch durch eine Reform überwunden worden, die hohe Standards bei der Personalauswahl, insbesondere bei der Auswahl von Offizieren, betont habe. Außerdem habe man das militärische Ethos wieder stärker betont und von Offizieren gefordert, ein Vorbild an Disziplin, Professionalität und Integrität zu sein.
  • Darüber hinaus sei das Ziel aufgegeben worden, dass das Führungspersonal den Querschnitt der Gesellschaft abbilden oder die in ihr voherrschenden Ansichten teilen solle. Statt dessen habe man die Besonderheit des militärischen Ethos und der soldatischen Berufung sowie deren Unterschied zur zivilen Kultur in den Vordergrund gestellt. Dadurch habe man Offiziernachwuchs gewonnen, der sich mit seiner Berufung identifiziert und mit Freude hohe Standards angestrebt habe.

Auf diese Weise sei innerhalb einiger Jahre ein erneuertes Offizierkorps entstanden, das durch sein Wirken und sein Vorbild schließlich auch das Heer als Ganzes erneuert habe. Auch das auf dem besonderen Dienst des Soldaten beruhende militärische Standesethos sei erfolgreich wieder hergestellt worden, was verstärkt Rekruten angezogen habe, die sich mit diesem Ethos identifizierten.

Entwurf einer Kirchenreform nach militärischem Vorbild

Die katholische Kirche könne von dieser Heeresreform lernen. So wie das amerikanische Heer durch integere Offiziere erneuert worden sei, könne die Kirche durch unter verbesserter Aufsicht ausgewählte und ausgebildete heilige, glaubenstreue und kluge Priester erneuert werden, die sich nicht an den Weltanschauungen und kulturellen Tendenzen der modernen Welt orientierten, sondern an der Lehre der Kirche.

Ebenso müsse die Liturgie wieder hergestellt werden, damit Katholiken wieder lernen könnten was es bedeute, katholisch zu sein. Schulen und Universitäten, die sich katholisch nennen, müssten zudem garantieren, tatsächlich auch katholische Inhalte zu vermitteln. Außerdem könne zur Erhöhung von Standards der Antimodernisteneid in einer aktualisierten Form wieder eingeführt werden.

Wenn große Teile der Gesellschaft darauf ablehnend reagieren würden, wäre dies ein gutes Zeichen, denn der Versuch, säkularen Kräften zu gefallen, habe die Kirche in ihre heutige Krise geführt. Die Zukunft der Kirche seien jene, die sich als Soldaten Christi verstehen und für die Kirche kämpfen würden.

Martin Mosebach über erfolgreiche Reformen in der Geschichte der Kirche

Martin Mosebach wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in der Kirche immer auch dekadente Tendenzen gegeben habe. Diese seien immer wieder durch Reformen unter Kontrolle gebracht worden, die eine „Rückkehr zu einer strengeren Ordnung“ sowie „Rückehr zu religiöser Radikalität“ und „Wiederherstellung verlorengegangener geistlicher Disziplin“ zum Inhalt gehabt hätten.1

Im militärischen Bereich gibt es ähnliche Erfahrungen. Erfolgreiche Reformen sind dort meist das Ergebnis von Niederlagen, die dazu zwingen, die dafür ursächlichen Schwächen in der Führung beginnend abzustellen. Es gibt kein einziges militärhistorisches Beispiel dafür, dass eine Armee nach der Senkung von militärischen Standards ihren Auftrag besser erfüllen konnte. (ts)

1 Kommentar

  1. Dazu nur: Martin van Creveld, Kampfkraft.

    Das hat zwar mit der Römischen Kirche nichts zu tun, allerdings viel mit der Herangehensweise, Krisen zu lösen,
    kirchliche, außerkrichliche.
    Allerdings mache man sich nichts vor: Gegen die Umwälzungen die uns bevorstehen, werden die Reformationsjahre und deren Folgezeit harmlos aussehen. Und bisher hat noch niemand irgendwelche Thesen an irgendeine Kirchentür genagelt.

    Formel: Voraussetzungen(industrielle_Revolution) * Voraussetzungen(Buchdruck+Reformation+Renaissance+30igjähriger_Krieg) * Voraussetzungen(Franz_Revolution) * Voraussetzung(Völkerwanderung) * Voraussetzung(Kontradjew-Wellen)= Voraussetzungen(Gesamt)

    Der Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau, bzw. der Bismarck und Roon, der das das meistern könnte, ist zumindest in der westlichen Welt nicht in Sicht. Das dürfte daran liegen, das die realen Wirkstrukturen extrem dezantralisiert sind und meist über Hebel (Demokratie, Massenmedien) funktionieren.

    Der „Hebel“ Chlodewigs und war die römische Kirche, ähnlich im Engalnd des sich konsolidierenden Königreiches.
    es waren damals die effizienteste Massenkommunikationsstruktur. Unter Luther (deswegen war er erfolgreich, Jan Hus nicht) der Buchdruck, unter der französischen revolution der billige Massendruck, unter den Dikaturen des 19. Jhdts. (und ich schließe Großbritannien, Frankreich und die USA mit ein – dort nannte man es nicht so, funktionierte aber genauso).
    Der Werbe-Fernseher hat die Ostzone gekillt.

    Und heute? Entweder nutzt man das Netzt zur Volkspsychologie und Erziehung (China) oder wie im Westen dilettiert.
    Der aum für die Römische Kirche mag sich hier öffnen, aber ich kann nicht sehen, dass sie es nutzt.

    Der Unterschied zu ihrem sich Durchsetzen in Europa, das zu ca. 100% auf machtstrategischen Partnerschaften mit den sich taufen lassenden Fürsten beruhte, steht die Kirche als MassenkommunikationsMITTEL, dem man sich unter Todesstrafe nicht entziehen konnte, nicht mehr zur Verfügung.

    Sie kann bestenfalls profitieren, wenn sie sich des sich öffnenden Raumes bedient. – Davon ist allerdings nicht die Spur zu sehen. Eine Alternative wäre sogar sich dieses Mittels vollständig zu entledigen. Aber das ist natürlich auf elitäre Background-Srukturen abgezielt und würde die Römische Kirche ins unerkennbare Veränderen.

    Die Fragen vor denen alle gesllschaften und Organsiation stehen, lautet: Sich öffnen oder verschließen.

    Die Beantwortung dieser Frage ist jeweils existenziell entscheidend. Und beide Antworten drängen sich auf.
    Kurzum: Spaltpotential! Überall. Auch in der katholischen Kirche. Ggf, ist die Spaltung sogar DIE Überlebenscahnce. Ggf. sogar DIE Wachstumschance, vielleicht nur einer dieser, oder sogar beide denkbaren Wege gleichzeitig.

    Ich bin gespannt, ob ich in meiner Lebenszeit diese Bewegung noch sehen kann. Anfänge hat man zweifelsohne schon gesehen, Pius-Brüder.

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