Matthias Heine: Stil und Haltung des abendländischen Konservativen

Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson - Jaques Cathelineau (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Germanist Matthias Heine setzt sich in einem heute in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienenen Beitrag mit der Haltung und dem Stil des christlich-abendändischen Konservativen auseinander. Während konservative Haltung Selbstkontrolle betone und elitär sei, würden sich moderne linke und rechte Strömungen an der Masse und ihren Leidenschaften orientieren.

Eine Neubestimmung des Konservatismus-Begriffs sei notwendig, weil dieser von „Zeitgeist-Boys wie Jens Spahn oder Peter Altmaier“ entstellt worden sei. Heine betont, dass er sich selbst als „reaktionär“ bezeichne, um sich von unauthentischen Konservativen abzugrenzen.

Stil und Haltung des abendländischen Konservativen

„Familie, Gott und Vaterland“ seien die Leitsterne konservativen Denkens. Konservativer Stil und Haltung seien von Gottvertrauen, aber auch von „Affektkontrolle, Demut, Verzicht, ‚Mehr sein als scheinen‘, Abwägung, Pflicht“ geprägt. Der Begriff der „Manneszucht“ beschreibe die Gesamtheit konservativer Eigenschaften am besten. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Ernst Jünger seien als Vorbilder dieser Haltung hervorzuheben.

Die konservative Haltung gehe auf die altrömischen Tugenden zurück, die für die Eliten Europas bis in die Zeit vor der Französischen Revolution maßgeblich gewesen seien:

Pietas hieß beispielsweise der Respekt für die gegebene Ordnung in sozialer, politischer und religiöser Hinsicht. Severitas war die Strenge gegen sich selbst. Gravitas meinte Verantwortungsgefühl und Ernst. Prudentia hieß Voraussicht, Weisheit und persönliche Diskretion.

Der Konservative misstraue zudem der Natur, vor allem seiner eigenen, und strebe nach ihrer Kontrolle. Er habe außerdem Sinn für Distanz und sei elitistisch eingestellt.

Die moderne Orientierung an den Leidenschaften der Masse als Gegenbild zu konservativer Haltung

Man erkenne an der Ästhetik des Gegenübers dessen Wesen häufig besser als an dessen politischen Bekundungen. Das Gegenteil zu konservativer Haltung äußere sich in „Gebrüll, Reklame, Übergeschnapptheit und Selbstüberschätzung“.

Linke und Rechte würden im Gegensatz zum Konservativen das Elitäre und Hochstehende verachten und seien kulturell gleichermaßen von „Entgrenzung und Hemmungslosigkeit“ gekennzeichnet. Hinter ihrer Berufung auf das Volk bzw. die Masse würden sich niedere Instinkte und die Verherrlichung der entfesselten Leidenschaften der Masse verbergen.

Linker und rechter Stil würden außerdem die Zurschaustellung von Emotion, das „theatralische Außer-sich-Geraten“ und das Ausleben der „niedrigsten Pöbelinstinkte“ betonen:

Man lässt heute sofort und ungebremst raus, was einem durch die Rübe und den Unterleib rauscht. Das Gezücht, das auf einer Pegida-Veranstaltung „Absaufen! Absaufen!“ ruft, handelt im Geist des antiautoritären Kinderladens.

Wer weder die Bibel noch die Gedichte Goethes kenne und seine Kinder nach amerikanischen Schauspielern benenne, solle sich nicht auf das Abendland berufen.

Auch das Betonen der eigenen Meinung sei ein Phänomen moderner Unkultur:

Reaktionäre haben keine Meinungen. Meinungen sind eine Ausgeburt der verfluchten Französischen Revolution. Wenn sich einem doch eine aufdrängt, behält man sie für sich. Wenn es innen kocht, reguliert man die Temperatur runter. Der Einzelne ist egal; also auch, was er denkt. Reaktionär sein ist, als Letzter auf dem Deck der untergehenden „Titanic“ auszuharren und dabei kälter zu bleiben als das steigende Wasser. Ein Reaktionär schreit den Kapitän nicht schon an, bevor überhaupt ein Eisberg in Sicht ist.

Hintergrund: Die christlich-abendländischen Wurzeln des konservativen Stils

Haltung ist die zum Charakter gewordene Gesamtheit der inneren Eigenschaften eines Menschen. Gute Haltung ist das Ergebnis der Arbeit am eigenen Wesen, das in eine entsprechende Form gebracht wird. Stil ist der äußerliche Ausdruck einer Haltung.

Das christliche Haltungsideal betont vor allem Selbstbeherrschung bzw. die Kontrolle der schlechten Aspekte der Natur des Menschen und Rücksichtnahme gegenüber anderen. Es wurde von Teilen der antiken griechischen Philosophie der Stoa sowie durch das römische Haltungsideal beeinflusst, die in der Antike in die christliche Kultur integriert wurden.

  • Der Philosoph Edmund Burke bezeichnete den „Geist der Religion“ sowie den „Geist des Gentleman“ als die Grundlagen der europäischen Kultur und ihres Verständnisses von Haltung und Stil. Den in den Evangelien mehrfach wiedergegebenen Ausspruch Jesu Christi, er sei nicht gekommen „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“, bezeichnete Asfa-Wossen Asserate als den „Prolog der europäischen Manieren“.
  • Das Ideal des Edelmannes entstand im christlichen Rittertum des Mittelalters. Geoffroi de Charny (ca. 1300-1356) stellte dabei den Begriff der Tauglichkeit in den Mittelpunkt. Das Ideal des christlichen Mannes bzw. des Ritters sei der Edelmann (altfrz. Preudomme), der Tüchtigkeit mit Frömmigkeit vereine. Der christliche Edelmann diene Gott, führe den asketischen Kampf gegen seine ungeordneten Leidenschaften, empfange die Sakramente und sei tapfer, diszipliniert, treu und kompetent.
  • In der christlichen Auseinandersetzung mit diesem Ideal wurde im Mittelalter vor allem auf das biblische Vorbild des Judas Makkabäus verwiesen, der sowohl ein fähiger Soldat als auch ein weiser, frommer und demütiger Mann war.

Der hl. Pius X. knüpfte an diese Gedanken an, als er 1906 das Ideal „edler Mannhaftigkeit“ betonte. „Mannhafte Tugend“ sei neben Frömmigkeit und anderen Eigenschaften erforderlich, damit der christliche Mann für seinen Dienst am Nächsten tauglich sei.

Das Ideal des Gentleman oder auch des Offiziers in europäischen Streitkräften sind säkularisierte Formen eines christlichen Konzepts. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila betonte, dass das preußische Offizierkorps die einzige „ethische Konstruktion großen Stils“ des 19. Jahrhunderts dargestellt habe. (ts)

Das Bild zeigt Jacques Cathelineau (1759-1793), der einer der Führer des katholischen Widerstandes gegen den Genozid der Französischen Revolution an den Menschen der Vendée war und im Volksmund als „der Heilige von Anjou“ bezeichnet wurde.

8 Kommentare

  1. Eine allgemeine Anmerkung:

    Ich beglückwünsche Sie zu BStM und zu diesem Blog und zu der Art und Weise, wie Sie Ihr – es ist unser aller! – Vorhaben umsetzen!

  2. Meine Antworten verfasse ich als eigenständige Punkte, denn die Antwortfunktion ist ein Script. Diese Funktion ist in einem sicherheitsorientierten Browser deaktiviert, ebenso wie fremde Frames.

    1. Die abstrakten Aussagen Stauffenbergs kann ich weit umfänglich unterschreiben – obwohl mir persönlich zu romantisch. Sein Tun halte ich jedoch für seinen verbalen Grundsätzen diametral gegenläufig. – Und völlig unadelig!

    2. Die Gefahr unter obigen Punkt 2. hinsichtlich des Zwecks erfolgreich zu sein, besteht darin, dass die Nebenwirkungen dieses sedierenden „Medikaments“ erheblich sind. Vor allem könnten diese einen langfristigen Schaden am Skelett hervorrufen. Ich habe allerdings für dieses Ansinnen jedes Verständnis. Daher:

    3. Finden sich nicht Leitfiguren, die dem Zweck unter 2. dienlich sind, ohne diese „Nebenwirkungen“ zu zeitigen? Ich stelle tatsächlich mal Friedrich Ebert in den Raum. Allerdings müsste man sein Verhalten im Rahmen der Erpressung der Reichsregierungn durch die SPD untersuchen. Seine Rolle – und die von Noske, den er gedeckt hatte, während der Wirren um die USPD/KPD und dem notstandsmäßigen Handeln waren zumindest vorbildlich. Seine Konfession ist mir nicht bekannt. – Mir ist aber klar, dass diese Person kaum marketingfähig ist. Käme ich aus einem SPD-Haus, und wollte dieser „Kultur“ nicht entfleuchen, so suchte ich mir ihn (und Schumacher), um eine positives Leitbild zu erzeugen.
    Aber hier trifft er nicht. Von daher:

    Ich bin auch der Ansicht, dass man echte Frontoffiziere (S. war keiner!), die eine nachvollziehbare Haltung zu den ethischen Fragen der Zeit ( – im Vereinigten Königreich, in der UdSSR oder in Übersee machte man sich über solche Fragen keine Gedanken -) ohne die politischen und militärischen NOTWENDIGKEITEN außer Betracht zu lassen, bewiesen.
    Persönlichkeiten, die sich durch ihr Handeln NICHT unmöglich gemacht haben, weder auf die eine, noch auf die andere!

    Zumindest Luther verlangt im großen Katechismus das Handeln nach den Realitäten. Dies entspringt der augustinischen Zwei-Reiche/-Schwerter/-Regimenter-Lehre. Und diese Lehre ist evangelisch und katholisch zugleich.

    Daran schließt sich gedanklich die Frage an: Ist ein positiver Begriff findbar, der das abbildet, was Katholizismus, Orthodoxie, Calvinismus und Evangelisches Bekenntnis vereinen, ohne die Differenzen zu erdrücken, wie dies die „Ökumene“ tut. Dieses Wort ist links-grün-waschlappig konnotiert.

    – Das Christentum sei die Gesamtmenge. Die einzelnen Bekenntnisse Teilmengen. Diese haben mehrere – vollständige – Überschneidungsbereiche. Wie ließe sich dieser benennen? So etwas schwebte König Friedrich-Wilhelm III. v.Pr. vor, der dies – aus Erfolglosigkeit – ohne den Katholischen teil „uniert“ nannte.
    Dies trifft aber nicht auf den von mir gesuchten Begriff, der die vier den gemeinsamen KERN der tradierten Bekenntnisse umfasst.

    Ebenfalls bin ich auf der Suche nach einem Begriff, der die Melange zwischen Germanentum und Christentum in seinen sich gegenseitig beeinflussenden Wirkungen, beschreibt. Sicher passt römisch-germanisch am besten. Sollte ein „Offizieller“ tatsächlich ein wenig literat sein, so begibt man sich damit allerdings in des Teufels Küche. Denn wessen Vorbild die Weiterführung dieser Melange war, sollte klar sein.

    • Sehr geehrter alter Leser,
      vielen Dank zunächst für die freundlichen Worte.
      Was das „Handeln nach den Realitäten“ angeht: Dieses Konzept ist Teil der Kardinaltugend der Klugheit. Hier ist ein erster Entwurf zu diesem Thema: https://bundsanktmichael.org/glaube/dienst-und-tauglichkeit/die-kardinaltugend-der-klugheit/
      Bzgl. einem Begriff, der die Schnittmengen zwischen den Konfessionen beschreibt, kenne ich mich nicht aus, aber was die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Christentum und den vorchristlichen europäischen Kulturen angeht, so gibt es dazu einiges an interessanter Literatur. Diese kulturelle Verbindung ist ein wesentliches Merkmal des Katholizismus. Protestanten werfen diesem daher teilweise Synkretismus vor. Eine katholische Antwort darauf lautet, dass das Christentum zu Beginn noch nicht über eine eigene Kultur verfügte und daher von anderen Kulturen das aufnahm, was seinem Geist entsprach, und dies zu seiner eigenen Kultur zusammenfügte. In Europa wuchs die christliche bzw. die abendländische Kultur auf diese Weise aus griechischen, römischen, keltischen und auch germanischen Wurzeln. Der Historiker Christopher Dawson hat dies am Beispiel der keltischen Kultur anschaulich beschrieben (https://bundsanktmichael.org/2018/05/19/christopher-dawson-die-apostel-des-abendlandes-teil-1-der-lange-winter/)

      Dawson hebt das Wirken des iro-schottischen keltischen Mönchtums hervor, welches das Christentum in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas verbreitete. Die keltischen Mönche hätten den Zusammenbruch des Römischen Reiches an entlegenen Orten an der Peripherie Europas überstanden und dort eine Kultur geschaffen, die von ausgeprägter Disziplin, Opferbereitschaft, sowie Wertschätzung von Ehre, Treue und Arbeit gekennzeichnet gewesen sei.
      Diese Kultur habe römische und christliche Kultur mit dem lokalen Erbe sowie dem Ethos der heidnischen Kriegerbünde verbunden. In Form der Heiligenlegenden habe man die alte Heldendichtung fortgesetzt, die zudem christianisiert worden sei, etwa in Form des Beowulf-Mythos. Dadurch sei enorme kulturelle Strahlkraft auf die Umgebung entstanden, aus der sich vor allem Adelige den Mönchen angeschlossen hätten.
      Die keltischen Mönche hätten außerdem unter heidnischen Bauern gewirkt, zunächst in Irland und Schottland und später auf dem europäischen Kontinent. Sie hätten den „bäuerlichen Geist von der Ankunft einer neuen Macht überzeugt, stärker als alle Naturgeister der alten Bauernreligion“. Dies sei ihnen gelungen, weil sie nicht als Fremde in Erscheinung traten und die mönchische Kultur stark von Elementen heidnischer Kultur geprägt gewesen sei, die jedoch durch christlichen Geist veredelt waren.
      Diese Mönche seien, „selbst Landleute mit einem tiefen Gefühl für die Natur und ihre Wildheit“ gewesen. Sie „standen der bäuerlichen Gesittung nah genug, um sie mit dem Geist der neuen Religion durchtränken zu können“. Wo früher Naturgeister verehrt worden seien, habe man nun christliche Heilige sowie heilige Quellen und Bäume verehrt, die den neuen, größeren Mächten geweiht gewesen seien. Steinkreuze hätten die Druidensteine des alten Kultes ersetzt, dessen Bräuche man ebenfalls umgewidmet habe.

      Das waren die Mönche, die das Christentum in großen Teilen Mitteleuropas verbreiteten, auch in Deutschland.

      In neuerer Zeit wurde zudem die sog. „Inkulturation“ stark betont und darauf hingewiesen, dass das Christentum die vorgefundene Kultur nicht zerstören und durch eine Einheitskultur ersetzen wolle, sondern diese durch seinen Geist beleben solle: http://www.kathpedia.com/index.php/Inkulturation

  3. @BSTM: Mit der Entfernung der Stauffenberg-Anmerkung wird ja nichts entstellt. Von daher, kein Problem!
    Ich hatte diesen Teil verfasst, bevor mir an anderer Stelle der kurze Ansatz einer Diskussion um diese Personalie aufgefallen ist.

    Nicht richtig ist, dass ich eine Diskussion um diese Personalie und um deren rezeption im Grundsatz vermeiden möchte. Im Gegenteil! Es handelt sich HIER lediglich um eine Nebenthema.

    Zwei grundsätzliche Annahmen in dieser Beziehung:
    1. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine positive Bezugnahme auf diese Personalie von Dritten, Freund wie Feind, als DER Sprung über DAS Stöckchen bzw. DAS Laufen an DIESEM Nasenring interpretiert wird, ist nicht von der Hand weisbar. Darüber muss man sich bewußt sein.

    2. Ich verstehe die wahrscheinlich gewünschte Wirkung: a) Irreale Nostalgiker der dutzend Jahre werden abgeschreckt und b) zugleich eine Hürde gegen negative Sanktionierung „de officio“ wird errichtet.
    Deutsche, die unter lit. a) fallen sind mir noch begegnet. Ausländer viele.
    Zu b): Und die Offizialen werden in ihrem Tun und Handeln gewiss nicht von „grundsätzlichen“ Erwägungen geleitet sondern vom Vorgesetzen-Prinzip. Und oben wird nach Zweckerwägungen entschieden. Art. 20 III GG ist da eher hinderlich, denn eine Richtschnur.

    Fragen dazu:
    Sollte man wirklich jemanden, dessen Handeln am 20. Juli 1944 ganz klar unter den heutigen und damaligen § 211 StGB, nicht § 212!, zu fassen ist, als Leitfigur erwählen? Diese Einordnung war auch lange nach dem Krieg Allgemeingut.
    Sollte man wirklich eine Gruppierung, die alles was sie anfasste, stümperhaft machte, als Leitideal erwählen?
    Sollte man eine Gruppierung idealisieren, die nachweislich mit dem westlichen Feind in der Schweiz konferierte ( und die Gruppe in Bezug zu Georg Leber wurde von der UdSSR geheimdienstlich geführt – woher kamen die Zünder englischen Typs eigentlich!, Schulenburg war der Verbindungsmann des Kreises um Stauffenberg zu den Kommunisten.), während eines Existenzkampfes, den wir übrigens verloren haben, idealisieren? Vor allem, WEIL wir ihn verloren haben.

    Gibt es einen der dies wirklich anders sieht? ich meine: Anders sehen kann! ( – soweit die Tatsachen richtig sind.)

    PS: In keinster Weise bestehe ich darauf, diesen Text freigestellt sehen zu wollen. Wenn nicht, so soll er Ihnen dienen. Wenigstens will ich damit deutlich machen, dass an „Stauffenberg“ und dem „Widerstand“ Ihnen positiv zugewandte Personen, diesen weit mehr als blos symbolischen Punkt erheblich anders betrachten und diesem Punkt auch erhebliche Bedeutung beimessen.

    Zum Schluss: Der Fahneneid wurde ab 1934 auf Hitler persönlich gefasst. Galen hat diesen autorisiert! Stauffenberg diesen abgelegt.

    Eignen sich Eidbrecher wirklich zum Vorbild, zur Ikone?

    • Werter alter Leser,
      unter dem Punkt 2. Ihres Kommentars fassen Sie m.E. die wesentlichen Erwägungen, die dem positiven Bezug auf dem 20. Juli zugrundeliegen, gut zusammen.
      Es geht hier unabhängig davon auch gar nicht darum, die Männer des 20. Juli zu Menschen ohne Fehler zu erklären, sondern darum, wie man der gegenwärtigen Gesellschaft das traditionelle Denken vermitteln kann, ohne das sie keine Zukunft haben wird.
      Die Kreise um den Widerstand bewegten sich m.E. trotz aller Einwände innerhalb dieses Denkens. Da sich nicht nur die Bundeswehr, sondern auch der gesamte Staat auf sie beruft, besteht hier die Gelegenheit, beide an gewisse kulturelle Mindestanforderungen zu erinnern, die diese lieber ignorieren würden.
      Was die Eidfrage angeht, so würde ich Eide angesichts der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte davon abgesehen nur noch auf absolute Dinge ablegen und nicht auf politische Führungen jeglicher Art. Der Amtseid des Bundespräsidenten nach Art. 56 GG entspricht m.E. halbwegs diesem Gedanken:

      Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, […] meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.

      Es geht allerdings noch deutlich besser:

      Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.(Mk 12, 29-31)

      Zur Erläuterung: „Israel“ steht hier für das Volk Gottes, also alle Menschen, die Gott als höchste Autorität anerkennen. „Liebe“ bedeutet hier selbstlosen Dienst und der „Nächste“ ist der Mensch im konkreten eigenen Umfeld.
      Wenn man der Quelle alles Wahren, Guten und Schönen in unbedingtem Gehorsam dient, ist das Risiko, grundsätzliche Fehler zu begehen, erfahrungsgemäß deutlich geringer als wenn man diesen Gehorsam politischen Funktionsträgern gleich welcher Art gewährt.

  4. Heines Stil erinnert mich stellenweise an den Stil Klonovskys, der sich den Begriff des Reaktionärs selbstbewusst angeeignet hat und mit elitären Gesten gleichermaßen Distanz nach Links und nach Rechts pflegt.
    Wenn man nicht aufpasst, kann daraus kann freilich auch Zynismus werden, der den Verzicht auf die Übernahme von Verantwortung zum Ausdruck der eigenen Überlegenheit hochstilisiert. Eliten haben es eben an sich, dass sie sehr klein sind, und wer Verantwortung übernimmt kommt nicht umher, sich auch mit dem gemeinen Volk auseinanderzusetzen.

    • Werter Morbrecht,
      Zynismus kann ich hier nicht erkennen. Der elitäre Gedanke im Zusammenhang mit der Betonung von Selbstkontrolle hat sich in der Praxis nach meiner Erfahrung absolut bewährt. Man kann die besten Vorhaben zerstören wenn man in ihnen auch nur eine einzige Person akzeptiert, die sich nicht hinreichend im Griff hat und die deshalb zu Unzeiten schlechte Neigungen gleich welcher Art überwältigen.
      Eine prägende Erfahrung diesbezüglich war ein Erlebnis auf einer christlichen Demonstration für den Schutz von Ehe und Familie vor einigen Jahren in Stuttgart, bei der mehrere tausend Menschen durch ihre Haltung und ihr Auftreten die Glaubwürdigkeit ihres Anliegen unter Beweis stellten. Die anwesenden Medienvertreter sammelten sich aber um eine ebenfalls anwesende primitive Person, die durch das Ausstoßen von dummen Unflätigkeiten über Homosexuelle die Aufmerksamkeit auf sich zog und dadurch den erzielten Erfolg teilweise zunichte, weil dieser Auftritt die Außenwahrnehmung prägte.
      Natürlich kann man jetzt darauf verweisen, dass bestimmte Journalisten auch unter anderen Umständen kein günstigeres Bild der Veranstaltung vermittelt hätten, aber die erwähnte Person machte es ihnen unnötig leicht. Und das ist noch ein harmloses Beispiel.
      Denjenigen, die Klugheit und Mäßigung als Kardinaltugenden formulierten, ist m.E. nichts hinzuzufügen. Diesbezüglich in seinen Forderungen (vor allem gegenüber sich selbst) kompromisslos zu sein hat nicht mit dem Ausweichen vor Verantwortung zu tun, sondern ist die Voraussetzung dafür, unter den schwierigen Bedingungen mit denen wir es zu tun haben Verantwortung irgendeiner Art überhaupt gewachsen sein zu können.

  5. Bin sehr erfreut, dass Sie diesen Aufsatz aufnehmen. Ich wollte diesen zwar unbedingt lesen, allerdings der „Die Welt“ keinen Kapitalfluss zukommen lassen.

    Kurze Anmerkung zur Form: Es erfreut, dass Sie den Inhalt korrekterweise im Konjunktiv wiedergeben. Das ist selten geworden. Das hat mit Konservativ nichts zu tun, – zumindest nicht direkt – , sondern ist von hoher Funktionaliät.

    Zum Inhalt des Welt-Artikels:
    „Ein Reaktionär schreit den Kapitän nicht schon an, bevor überhaupt ein Eisberg in Sicht ist.“
    Dieser Satz stimmt, wenn es einen persönlich betrifft. Er ist falsch und unmännlich, wenn es um Wichtiges oder das Ganze geht. Dann wird kalkuliert und gehandelt! (So interpretiere ich auch den Hagakure.)

    Dem Autoren Heine nehme ich einerseits seine geäußerte Haltung kaum ab. Ich will nicht gleich Feigheit als sicher annehmen, zumindest aber vermuten. Und die Außenwirkung – auch auf mich – ist identisch, als würde es sich um eine solche handeln. Er hätte seinem eigenen Prinzipien folgend schweigen sollen. So ist er ein Maulaffe, seinen Verachtungsobjekten gleich.
    Andererseits: Wenn ich mich – ganz Reaktionär – den „Brüllaffen“ (die auch mir zuwider sind.) verweigere, verweigere ich im Wesentlichen der Realiät. Und die bemißt sich in Ursache und Wirkung. Und die Wirkung wird verstärkt dadurch, dass man Hebel ansetzt. Und Brüllaffen sind ein solcher.
    Selbst wenn man sich (wie Heine sich selbst zu unrecht, wie seine Vita aufzeigt) der „Elite“ zuordnet, so ist es doch lediglich eine Operetten-Attitüde, die am Aufprall mit der Realität, sagen wir in Berlin-Neukölln, zerplatzt.

    [Moderationshinweis: Sie schreiben ja selbst, dass Sie die Diskussion zum Thema Stauffenberg „nicht entflammen“ wollen. Erfahrungsgemäß führen diese Diskussionen nicht weiter, weshalb ich mir erlaubt habe, diesen Absatz aus Ihrem Kommentar zu entfernen. -ts]

    Nachdem Dobrindt die „Konservative Revolution“ adaptierte, Spahn den Konservativismus, folgt jetzt das kleine Licht Heine mit der „Reaktion“. Ekelhaft – Punkt.

    Als Alternative zum Reaktionär bringe ich an dieser Stelle den Biographen Bismracks ins Spiel, der selbigen als „Weißen Revolutionär“ bezeichnete.
    Mit dem Wort „Revolution“ hat man die ganzen Anbiederer und Falschspieler gewiss auf Jahre noch abgeschreckt. Bis irgendwer, irgendwann vielleicht wieder hohe Parteinummern zu vergeben hat. Dann waren die wahrscheinlich auch „schon immer revolutionär“, nehme ich mal an.

    Bei diesem Pack handelt es sich bloß um Frühadaptierer. Das vierzehnjährige Mädchen im Kölner Hauptbahnhof ist denen in ihrer ganzen Elitärerei völlig wurscht.

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