Francis Fukuyama: Die Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch Vielfalts-Ideologien

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (Ausschnitt, gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama lehrt an der Stanford University in den USA und gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Liberalismus der Gegenwart. In einem in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Aufsatz setzt er sich mit der Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in westlichen Gesellschaften durch neomarxistische Vielfalts-Ideologien auseinander.

„Vielfalt“ als Angriff auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Der Begriff der „Vielfalt“ beschreibe im Sinne von Ideologien wie dem Multikulturalismus bzw. dem Antirassismus, dem Feminismus oder dem LGBT-Aktivismus nicht einen geordneten Zustand des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen in einer Gesellschaft und deren gemeinsames Streben nach dem Gemeinwohl. Statt dessen würden diese Ideologien danach streben, Randgruppen und Minderheiten politisch zu mobilisieren, indem sie ihnen vermittelten, dass diese durch die Mehrheitsgesellschaft benachteiligt oder unterdrückt würden. Dadurch seien in westlichen Gesellschaften ethnische, kulturelle und soziale Bruchlinien vertieft, entsprechende Konflikte verstärkt und die Grundlagen des Strebens nach dem Gemeinwohl zerstört worden.

Mittlerweile würden auch in der Mehrheitsgesellschaft Vorbehalte gegenüber Randgruppen und Minderheiten wieder zunehmen, weil diese in Folge des Wirkens dieser Ideologien verstärkt als Herausforderer wahrgenommen würden. Westliche Gesellschaften seien dadurch in einen Prozess beschleunigter Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts eingetreten:

Demokratische Gesellschaften zersplittern in Segmente mit immer enger gefassten Identitäten, was die Möglichkeiten gesamtgesellschaftlicher Erwägungen und kollektiven Handelns zunehmend bedroht. Eine solche Entwicklung führt unweigerlich zum Kollaps und zum Scheitern des Staates.

„Nationale Bekenntnisidentitäten“ als Antwort auf die Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Bereits vor einigen Monaten hatte Fukuyama versucht, Antworten auf das Identitätsvakuum westlicher Gesellschaften zu formulieren. In seinem aktuellen Aufsatz fordert er, „grössere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren“, auf deren Grundlage gesellschaftlicher Zusammenhalt wieder möglich sein solle. Die Natur des Menschen beinhalte ein Streben nach authentischen Bindungen und nach Gemeinschaft, das man nicht ignorieren dürfe.

Gemeinwohlorientierte Politik müsse daher danach streben, „kleinere Gruppen in ein grösseres Ganzes einzubeziehen“ und solle dazu „nationale Bekenntnisidentitäten“ fördern, auf deren Grundlage die Assimilation von Randgruppen und Minderheiten möglich sei.

Bewertung: Fukuyamas säkulare Zivilreligion und die inneren Widersprüche des Liberalismus

Fukuyamas Problembeschreibung deckt sich weitgehend mit der aus der Perspektive der katholischen Soziallehre, die ebenfalls vom Gemeinwohl ausgeht und starke Bindungen in einem Gemeinwesen als dessen Grundlage betrachtet. Auch seine Bewertung des destruktiven Wirkens neo-marxistischer Ideologien, die das Konzept des Gemeinwohls ablehnen und revolutionäre Kämpfe zum Kern ihrer politischen Konzepte machen, deckt sich mit der Bewertung der katholischen Soziallehre.

Allerdings erklärt Fukuyama, dass die von ihm geforderte „nationale Bekenntnisidentität“ nicht auf „einer einheitlichen Religion“, sondern allgemeinen „Grundwerten und -überzeugungen“ beruhen solle, wobei er offen lässt, was deren Grundlage sein soll. Der Staat solle diese Werte definieren und von seinen Bürgern „Treueeide“ auf diese einfordern.

  • Dem liberalen Denker Fukuyama gelingt es hier nicht, eine liberale Lösung für die von ihm angesprochenen Probleme liberaler Gesellschaften zu formulieren. Die Vorstellung eines Staates, der sich eine religiöse Funktion aneignet, indem er sich zur Quelle von Grundwerten erklärt und zudem seine Bürger zu entsprechenden Bekenntnissen verpflichten will, ist nicht liberal, sondern beruht auf einem totalitären Impuls.
  • Außerdem gibt es keine Hinweise darauf, dass zivilreligiöse Konzepte hinreichend starke Bindungen in einer Gesellschaft begründen können. In Frankreich wird das, was Fukuyama vorschlägt, bereits seit langer Zeit umgesetzt. Die dort durch den Staat definierten Identitätskonzepte haben sich im Vergleich zu religiösen Konzepten jedoch als schwächer erwiesen, weshalb die Integration von Muslimen in Frankreich nicht besser gelungen ist als in anderen europäischen Staaten.

Die katholische Soziallehre hat in der Praxis bewährte Lösungen für die von Fukuyama beschriebenen Herausforderungen entwickelt. Diese Lösungen beruhen auch auf der Erkenntnis, dass ein Staat bei der Sicherstellung des Gemeinwohls umso zurückhaltender agieren kann, je intakter die kulturelle und damit auch die religiöse Substanz ist, auf der er beruht. Diese Substanz kann ein freiheitlicher Staat jedoch nicht selbst erzeugen. Ein nachhaltig freiheitlich organisiertes Gemeinwesen kann es nur auf einer christlichen Grundlage geben. Der Liberalismus blendet diesen Zusammenhang aus, weshalb er nicht dazu in der Lage ist, die weltanschauliche Grundlage eines solchen Gemeinwens darzustellen. (ts)