Die Himmelsscheibe von Nebra und die religiösen Ursprünge europäischer Kultur

Die Himmelssscheibe von Nebra (Urheber: dbachmann, CC BY-SA 3.0)

Der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel beschreiben in ihrem Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ eine bis vor kurzem weitgehend unbekannte Kultur, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands vor rund viertausend Jahren neben der Himmelsscheibe auch den ersten bekannten Staat Mitteleuropas schuf. Dabei gehen die Autoren ausführlich die religiösen Ursprünge der Kulturen Europas ein, an die das Christentum später anknüpfte.

Meller und Michel weisen die These zurück, der zufolge Religion im Zuge des technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritts aus der Welt verschwinden würde. Die im Zuge der Erforschung der europäischen Ur- und Frühgeschichte gewonnenen Erkenntnisse würden belegen, dass Religion in der Natur des Menschen verankert sei und dass jede höhere Kultur auf einer Religion aufbaue.

Die Himmelsscheibe von Nebra und die Sonnenreligion der europäischen Bronzezeit

Die 2002 am Mittelberg in Sachsen-Anhalt gefundene Himmelsscheibe sei vor rund viertausend Jahren durch die nach einem Fundort von Artefakten benannte indoeuropäische Aunjetitzer Kultur (ca. 2.200-1.600 v.Chr.) geschaffen worden.

  • Die Himmelscheibe markiere einen entscheidenden Punkt in der religiösen und kulturellen Entwicklung des Menschen. Es handele es sich bei ihr um die älteste bislang bekannte konkrete Himmelsdarstellung überhaupt. Sie sei das Produkt einer Religion, die versucht habe, die Geheimnisse des Unendlichen und der transzendenten Kräfte zu ergründen, von denen der Mensch abhängig sei.
  • Erstmals in der bekannten Geschichte Mitteleuropas und vielleicht auch der Menschheit habe sich hier eine Religion für größere Dinge interessiert als das bloße physische Überleben ihrer Anhänger. Dies sichere der Himmelsscheibe einen „Ehrenplatz im kulturellen Gedächtnis der Menschheit“.
  • Die Sonne und sonstige astronomische Phänomene seien als sichtbarer Teil der transzendenten Wirklichkeit verstanden worden, weil in ihnen bzw. den mit ihnen verbundenen geheimnisvollen Abläufen die Abhängigkeit des Menschen von einer transzendenten Ordnung konkret erfahrbar gewesen sei. Gleichzeitig sei man davon ausgegangen, dass in dieser Ordnung ein göttlicher Wille wirke.

Diese Religion habe nicht nur auf der Erfahrung der Menschen, sondern auch auf dem höchsten Wissen der damaligen Zeit beruht, das auf der Scheibe verschlüsselt dargestellt worden sei. Die entsprechenden astronomischen Kenntnisse und mythologischen Bezüge würden nahelegen, dass ihre Hersteller im Kontakt zum damaligen Ägypten und Mesopotamien gestanden hätten.

Die Religion der Aunjetitzer Kultur stehe am Beginn der Herausbildung höherer Kultur in Mitteleuropa. Dabei seien kulturelle Kontinuitätslinien bis in die Gegenwart erkennbar. Die heutigen Europäer seien „alle Erben der Welt der Himmelsscheibe.“

Die religiöse Natur des Menschen und die religiösen Grundlagen höherer Kultur

Die Erforschung der europäischen Ur- und Frühgeschichte belege, dass das Streben nach der Erkenntnis des Unendlichen, Transzendenten und Erhabenen in der Natur des Menschen liege. Religion und Wissenschaft seien aus dem gleichen Impuls des Menschen heraus entstanden, die ihn umgebende Welt und die in ihr wirkenden Kräfte zu verstehen, um wirklichkeitsgerecht leben zu können.

Alle höheren Kulturen seien religiös und würden auf der Annahme beruhen, dass der Mensch Teil einer unverfügbaren, nicht seinem Willen unterworfenen kosmischen Ordnung sei, die er zutreffend erkennen müsse, um seine Rolle in dieser Ordnung richtig einnehmen zu können. Außerdem gebe es allen höheren Kulturen der Welt die Annahme einer unsterblichen Seele.

Die wichtigste Grundlage des durch die Aunjetitzer Kultur geschaffenen Staates sei seine Religion gewesen. Andere Faktoren wie seine günstige geographische Lage, die den relativen Wohlstand dieser Gesellschaft und den Unterhalt einer Armee ermöglicht hätten, seien zwar nicht unwichtig, aber sekundär gewesen. Erst die Religion habe eine Grundlage dafür geschaffen, dass Menschen aus verschiedenen Stämmen sich zu einer größeren Gemeinschaft hätten zusammenschließen können.

Bewertung: Der abendländische Gedanke und das vorchristliche Erbe Europas

Der abendländische Gedanke beruht auf einer prinzipiell positiven Bewertung der geistigen und kulturellen Bestände des vorchristlichen Europas. Im Sinne der Forderung des hl. Apostels Paulus, alles zu prüfen und das Gute zu behalten,1 integrierte das Christentum in Europa das, was dort an Wahrem, Guten und Schönen vorhanden war.

Dabei wurde nicht der christliche Glaube an den fremder Religionen angepasst wie einige Kritiker meinen, sondern auf der Grundlage dieses Glaubens der Wert nicht-christlicher kultureller Bestände bestimmt, um diese ggf. in die christliche Kultur zu integrieren. Auf diesem Weg wurde das Erbe des Abendlandes geschaffen.

Der katholische Philosoph Rémi Brague hatte diesbezüglich von einer spezifisch christlichen Form der Weltoffenheit gesprochen. Da das Christentum in seiner frühen Phase noch nicht über eine eigene Kultur verfügt habe, habe es diese erst schaffen müssen, wozu es auf die besten Elemente der Kulturen zurückgegriffen habe, die es vorfand.

Im Fall des durch die Aunjetitzer Kultur begründeten und durch ihre Nachfolger weitergegebenen kulturellen Erbes erkannte das Christentum zum Beispiel an, dass deren religiöse Symbolik der Sonnenverehrung Ausdruck der Anerkennung einer (allerdings unzureichend erkannten) transzendenten Ordnung war. Das Christentum integrierte diese Symbolik, indem es seine wichtigsten religiösen Feiertage auf die Tage der Sonnenwenden legte und setzte so einen Teil des Erbes dieser Kultur bis in die Gegenwart fort.

  • Bereits das frühe Christentum betrachtete heidnische Philosphie und Kultur nicht nur als Gegner, sondern auch als „Wegweisung auf den Logos“ hin. Clemens von Alexandria (150-215) habe etwa die antike griechische Philosophie mit einer Lampe verglichen, die der Mensch in der Nacht vor dem Erscheinen Christi entzündet habe. Mit dessen Erscheinen sei der Tag angebrochen und eine gewaltige Sonne aufgegangen, was den Wert der Lampe jedoch nicht herabsetze.2
  • Pius XII. betonte, dass das Christentum vorgefundene Kulturen nicht einebne oder auflöse. Es sei ihm immer darum gegangen, „das religiöse Leben auf jede Weise mit dem Brauchtum der Heimat zu verbinden“.3
  • Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge vollende das Christentum das Geschehen, das die Mythen der Menschheit zum Teil angekündigt und welche die Menschen damit auf das Christentum vorbereitet hätten.4 Über das Judentum seien auch Elemente ägyptischer, persischer, hethitischer, sumerischer, babylonischer und anderer vorchristlicher Kulturen in das Christentum eingeflossen und von ihm in einer veredelten Form bis in die Gegenwart weitergegeben worden.5
  • Der Historiker Christopher Dawson hatte die Integration keltischer und germanischer Elemente durch das Christentum im Mittelalter beschrieben, woraus einige der größten Werke der christlich-abendländischen Kultur entstanden seien, etwa das Rittertum oder die gotische Architektur.

Der katholische Mensch ist der abendländische Mensch, der mittels der ihm zur Verfügung stehenden überlegenen religiösen Wahrheit in der Lage dazu ist, die von ihm vorgefundene Dinge zu bewerten, zu ordnen und ihrem Wert entsprechend entweder zu verwerfen oder zu integrieren. Er wurde dadurch über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg nicht nur zum Erben der besten Bestände der Kulturen des antiken Griechenlands und Roms, sondern auch zum Erben älterer Kulturen wie der Aunjetitzer Kultur. (ts)

3 Kommentare

  1. Aus dem Artikel: Die Erforschung der europäischen Ur- und Frühgeschichte belege, dass das Streben nach der Erkenntnis des Unendlichen, Transzendenten und Erhabenen in der Natur des Menschen liege.

    Wie soll dieser doch recht theoretische Satz in der Praxis abgelaufen sein?
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mensch ohne echte historisch-realistische transzendente Erfahrungen zum religiösen Menschen „mutierte“. Allein das Erkennen des Universums, das Erkennen des Ichs reicht meines Erachtens nicht unbedingt aus. Ich denke persönlich, also nur meiner bescheidenen Meinung nach, dass z. B. Nahtoderfahrungen in allen Kulturen und zu allen Zeiten die Menschen zu religiösen Wesen gemacht haben in Einklang mit den Medizinmenschen, die Kräuter und Pflanzenmischungen mit halluzinierenden Effekten, gefunden haben.

    Es gibt viele Menschen, die solche Erfahrungen eben nicht gemacht haben, wohl die meisten nicht. Aber die wenigen, die solche Erfahrungen gemacht haben, erzählten davon. So entstanden wohl auch die ersten Ahnenkulte. Das sind nur meine persönlichen Gedanken ohne da historische Tatsachen vorweisen zu können.

    Der Artikel als solcher ist eine gute Antwort auf Denkweisen, die die elitäre und absolutistische Ansicht vertreten, dass das Juden- und das Christentum alle heidnischen Kulte niedergemäht haben.

    Daumen hoch!

    • Werter Herr Kemmer,
      auch die Maria von Guadalupe ist in diesem Zusammenhang m.E. sehr interessant (falls Sie dieses Beispiel nicht bereits kennen sollten). Sie löste die größte Welle von Bekehrungen zum Christentum in der bisherigen Geschichte aus, was offenbar damit zusammenhing, dass die Bilder und Symbole den Menschen der aztekischen Kultur eine äußerst starke Botschaft vermittelten.
      https://de.catholicnewsagency.com/story/maria-von-guadalupe-die-frau-mit-der-sonne-umkleidet-0289
      http://www.kath-info.de/guadalupe.html
      So grausam die aztekische Kultur auch war: Es gab in ihr Spuren Gottes, die würdig genug dafür waren, dass sich die Muttergottes in ihrer Botschaft darauf beziehen konnte.
      Es ist allerdings auch eine Botschaft in die andere Richtung damit verbunden: Christianisierung ist nicht identisch mit Zwangseuropäisierung.

      • Werte(r) ts.
        Danke für Ihr Statement. Ja, Sie haben recht, ich kenne das Wunder von Guadalupe. Ein wahrlich treffendes Beispiel. Die Bekehrungswelle von Guadalupe war mehr als beeindruckend.

        Aber ich meinte mit meinem Kommentar wohl eher die Menschen ab „Adam und Eva“. Ich glaube schon, dass solche transzendenten, vielleicht sogar spiritistische Erfahrungen (die ich persönlich als gefährlich ablehne,wenn man sich mit ihnen abgibt) zumindest den Glauben an höhere Mächte ganz allgemein gefördert haben. Auf diese Weise mag der Gottesglauben, aber eben auch der Besessenheitskult des Bösen die Glaubenselemente zwar nicht geschaffen, aber vielleicht doch bestätigt haben in den ersten Kulturen.
        Aber das ist natürlich reine Spekulation.

        Darüber scheint aber historisch wohl nicht viel bekannt zu sein.

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