Mark Lilla: Nationalgefühl als Grundlage des Gemeinwohls

Michael Echter - König Otto I. in der Ungarnschlacht auf dem Lechfeld 955 (gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Mark Lilla lehrt an der Columbia University in New York. Er ist einer der gegenwärtig am stärksten wahrgenommenen Kritiker des Strebens moderner und postmoderner Ideologien nach der Auflösung von Bindungen.

Vor einigen Tagen stellte er seine Gedanken in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ vor. Er kritisierte hier vor allem das mangelnde Verständnis progressiver Akteure für die Bedeutung des Nationalgefühls, das die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts darstelle.

Wer aus Furcht vor Nationalismus jegliches Nationalgefühl grundsätzlich ablehne, wirke dadurch nicht der der totalitären Überhöhung der Nation entgegen, sondern schwäche die Auseinandersetzung mit nationalistischen Ideologien:

Unter vielen deutschen Linken ist es ja üblich, sich aufgrund der NS-Vergangenheit nicht mit Deutschland identifizieren zu wollen, aber so geraten sie in Widerspruch mit sich selbst. Denn der einzige Weg, Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, ist die Identifikation mit der Geschichte ihres Landes. Wenn Deutschsein nur eine wählbare Option ist, dann wird niemand Verantwortung für das Vergangene tragen wollen. Die Linke hat diesen Reflex, Nationalgefühl als Rassismus zu stigmatisieren, und begreift nicht, dass nationale Zugehörigkeit eine Notwendigkeit für die Demokratie und die historische Verantwortung ist.

Progressive Akteure müssten „begreifen, dass man in eine Nation hineingeboren wird und sich mit ihr identifizieren muss, um sie vor falschem Patriotismus zu schützen und sie zum Besseren zu verändern“. Statt dessen strebten diese jedoch nach Auflösung der Nation durch die Überhöhung der Identität von Randgruppen und vermittelten „den Eindruck, die Identitäten aller Gruppen anerkennen zu wollen, außer die der Deutschen.“

Ohne Nationalgefühl gebe es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieser werde durch die Überhöhung von Randgruppen und durch die Schaffung überzogener und zunehmend unglaubwürdiger Diskriminierungsnarrative geschwächt. Gemeinwohlorientierte Politik hingegen stärke Bindungen und betone die gemeinsame Identität in einem Gemeinwesen, wofür eine gemeinsame Identifikationsgrundlage erforderlich sei.

Auch in Deutschland sei das progressive Lager zunehmend von „säkularen Snobs getrieben“, die Bindungen weiter auflösen wollten:

Wieso geht niemand von der SPD nach Bayern und sagt: Ich kann Kruzifixe in Behörden nicht dulden, aber ich respektiere Ihren Glauben, Ihre Lebensart und Ihre Bedenken? Warum ist das so schwer? […] Die deutsche Linke fordert, dass man die Kultur und Lebensweise der Muslime akzeptiert, aber verweigert den Katholiken in Bayern ihre Ansichten.

In einem anderen Gespräch hatte Lilla progressive Aktivisten und Intellektuelle in westlichen Gesellschaften als „reiche Kinder aus der Bourgeoisie“ bezeichnet. Diese seien „Einzigen auf der Welt, die sich für Dekonstruktion interessieren“. Sie gehörten „zu den privilegiertesten Menschen auf Gottes grüner Erde“ und seien daher als selbsterklärte politische Repräsentanten mutmaßlich diskriminierter Randgruppen unglaubwürdig.

Bewertung: Die Stärkung von Bindungen aus der Perspektive der katholischen Soziallehre

Lilla lässt offen, was die Grundlagen des von ihm als notwendig beschriebenen Nationalgefühls sein soll. Nur eine religiöse bzw. eine christliche Identitätsgrundlage ist jedoch zuverlässig dazu in der Lage zu verhindern, dass sich ein Gemeinwesen beim Versuch der Stärkung innerer Bindungen auf pseudo- bzw. zivilreligiöse oder totalitäre Konzepte stützt.

Die katholische Soziallehre hat in jahrhundertelanger Arbeit Lösungen für das von Lilla beschriebene Problem ausgearbeitet. Im Rahmen ihres Solidaritätsprinzips betont sie die positive Bedeutung von Patriotismus und fordert von politischen Akteuren die Bejahung des Eigenen und den Einsatz für die Stärkung von Bindungen in einem Gemeinwesen.

  • Damit das Solidaritätsprinzip wirken und Subsidiaritätsprinzip greifen kann, sind starke Bindungen und Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft erforderlich. Je stärker diese sind, desto zurückhaltender kann der Staat agieren. Ein freiheitlicher Staat kann daher nicht ohne starke Bindungen funktionieren.
  • Die Bildung und der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setzen voraus, dass seine Mitglieder eine Gemeinschaft bilden. Dazu muss aus Vielfältigem durch fortlaufende Anstrengung eine Einheit geschaffen werden, wofür geistige und kulturelle Gemeinsamkeiten erforderlich sind. Wo diese fehlen, zerfällt ein Gemeinwesen. Je heterogener ein Gemeinwesen ist, desto wichtiger werden solche geteilten geistig-kulturellen Grundlagen.

Die katholische Soziallehre beinhaltet zudem das Konzept der „sozialen Liebe“ (lat. dilectio socialis), das durch den hl. Thomas von Aquin formuliert wurde. Es sei demnach anzustreben, Bindungen und die Wahrnehmung von Zusammengehörigkeit in einem Gemeinwesen zu fördern, weil dadurch auch der Wille zum Dienst am Gemeinwohl gefördert und das Gemeinwesen gestärkt werde.1

Platon schrieb in seinem Werk „Der Staat“ über die Bedeutung bindungsstärkender Kräfte in einem Gemeinwesen:

Gibt es nun etwas Schlimmeres für einen Staat als das, was ihn auflöst und in eine Vielheit zerspaltet? Oder etwas Vorzüglicheres als das, was ihn verbindet und vereinheitlicht?

Das Wirken von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft stärkt Bindungen, integriert Fremde und Randgruppen und wirkt durch die Schaffung einer gemeinsamen geistig-kulturellen Grundlage den zentrifugalen Tendenzen in einem Gemeinwesen entgegen.

Dieser Gedanke liegt auch einem Leitspruch des republikanischen Pluralismus („E pluribus unum“) zugrunde, der sich auf Formulierungen des hl. Augustinus bezieht, mit denen dieser das Entstehen enger Bindungen auf der Grundlage gemeinsamen Geistes beschreibt.2

Auch Papst Franziskus betonte im Oktober 2017 die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln und rief dazu auf, diese zu stärken. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“. (ts)