Das Christentum als „Aberglaube“: Thilo Sarrazins antireligiöse Weltanschauung

Religion als Hindernis wirtschaftlichen Fortschritts - Sowjetisches Propagandaposter, ca. 1965 (Ausschnitt/gemeinfrei)

Der Volkswirt Thilo Sarrazin setzt sich in seinem Buch „Feindliche Übernahme“ mit islambezogenen Herausforderungen für Europa auseinander. Dabei betont er, dass sein Ziel nicht die Bewahrung, sondern die weitere Auflösung des christlichen Erbes Europas sei.

Er lehnt alle Religionen als Ausdruck von „Aberglaube“ ab und vertritt eine radikale materialistische Weltanschauung, die volkswirtschaftlichen Erfolg über alles andere stellt. Auf kultureller Ebene treibt er dadurch das voran, was er in anderem Zusammenhang als die „Abschaffung Deutschlands“ kritisiert hatte.

Sarrazins vordergründige Abendland-Bezüge

Sarrazin erklärt, die „eigene Identität schützen und bewahren zu wollen“. Die von ihm kritisierten Strömungen im Islam würden das ablehnen, „was die europäische und abendländische Kultur ausmacht“.1 Er beruft sich auf die „Werte des Abendlands“2 und spricht von „unseren kulturellen Grundwerten“.3

Sarrazin macht jedoch deutlich, dass er das abendländische Welt- und Menschenbild in weiten Teilen ablehnt. Er will nicht die christlich-abendländische Kultur Europas bewahren, sondern eine „säkulare offene Gesellschaft“, die er im Gegensatz zur abendländischen Tradition definiert.4 Er denkt nicht abendländisch, sondern vertritt einen betont antireligiösen Liberalismus, der sich ebenso gegen die kulturellen Wurzeln Europas richtet wie der von ihm kritisierte Islamismus.

Das Christentum als „Aberglaube“

Sarrazin bezeichnete das Christentum im Rahmen einer Vorstellung seines Buches als „Aberglauben“, der keine geeignete Antwort auf einen anderen Aberglauben darstelle. Die Antwort auf islambezogene Herausforderungen könne laut Sarrazin nicht auf christlichen Ansätzen beruhen, sondern erfordere „mehr säkulare Aufklärung“:5

Wissenschaftlich gesehen, ist jede Religion nichts als ein Aberglaube, der von vielen geteilt wird, und eine Weltreligion ist ein Aberglaube, der von besonders vielen Menschen über besonders lange Zeit geteilt wird.6

Sarrazins materialistisches Weltbild

Sarrazin betrachtet gesellschaftliches Geschehen fast ausschließlich in materiellen Kategorien. Er spricht zwar positiv von einem „abendländischen Projekt“, das es zu bewahren gelte, erklärt aber zugleich, dass dieses für ihn primär aus „Marktwirtschaft und Leistungsorientierung“ bestehe.7

  • Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Religionen stellt Sarrazin nicht, sondern bewertet diese danach, ob sie volkswirtschaftlich nützlich seien oder nicht. Eine Religion, deren Mitglieder in modernen Volkswirtschaften sozioökonomisch weniger erfolgreich sind, hält er dadurch bereits für hinreichend widerlegt.8 Sarrazin übersieht dabei, dass der individuelle Verzicht von Menschen auf potenzielle Wohlstandsgewinne zugunsten anderer Güter eine notwendige Voraussetzung eines dauerhaften Gemeinwesens, wie z.B. das Beispiel von Eltern zeigt, die zugunsten von Kindern wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen.
  • Die Annahme einer Verbindung zwischen Religion und Moral sei Sarrazin zufolge „besonders unsinnig und gefährlich“, da sich „die moralischen Gefühle“ im Zuge der Evolution als „Ergebnis des Prozesses der natürlichen Selektion“ entwickelt hätten und „genetisch vorgegeben“ seien.9 Sarrazin weist hier die Grundlagen des abendländischen Menschenbildes, das den Menschen als Träger eines freien Willens betrachtet, dessen Handeln nicht primär biologisch determiniert ist, zugunsten eines biologistischen Materialismus zurück.

Fortschritt sei ihm zufolge identisch mit der schrittweisen Emanzipation der Gesellschaft von der Religion.10 Bildung ist für Sarrazin beschränkt auf volkswirtschaftlich verwertbare „Spracherziehung, Mathematik und Naturwissenschaften“.11 Die Integration von Migranten bemisst er ausschließlich an materiellen Kriterien wie „Bildungsleistung und Arbeitsmarktbeteiligung“.12

Der totale Anspruch des Staates gegenüber der Religion

Sarrazin geht von einem totalen gesellschaftlichen Herrschafts- und Gestaltungsanspruch des Staates aus. Der „säkular-neutrale Staat“ habe „spätestens seit dem 18. Jahrhundert […] den Religionen überall dort Einhalt“ geboten, „wo ihr Treiben seinen Zielen und Werten widerspricht“, was er positiv bewertet. Eine mögliche Notwendigkeit, totale Ansprüche von Staaten zu begrenzen, erwähnt Sarrazin hingegen nicht.13 Die Werte, auf die sich Sarrazin dabei bezieht, sind die Erfordernisse ökonomischer Vernunft, die bei ihm an die Stelle religiöser Letztbegründungen treten und eine ersatzreligiöse Funktion einnehmen.

  • Sarrazin kritisiert außerdem, dass für Muslime „der islamische Glaube weitaus höher“ stehe „als jede politische Demokratie“ und islamisches Recht für sie im Zweifelsfall über weltlichem Recht stehe.14 Er geht auch hier von einem staatlichen Totalitätsanspruch aus, den das in der abendländischen Tradition der Naturrechtslehre stehende deutsche Grundgesetz bewusst nicht erhebt.
  • Sarrazin lehnt zudem wesentliche Aspekte der Religionsfreiheit ab. So betont er etwa, dass Religionsfreiheit auf das Umfeld religiöser Einrichtung und die private Wohnung zu beschränken sei.15 Da es im Wesen echter Religion liegt, dass sie alle Aspekte des Daseins des Menschen bestimmt, verbirgt sich hinter Sarrazins Definition von Religionsfreiheit letztlich die Forderung nach der Aufhebung dieser Freiheit.

Der säkulare Staat solle zudem eine „inhaltliche Bewertung von Religionen“ vornehmen und deren Aktivitäten entsprechend regulieren.16 Als zentrales Kriterium dafür betrachtet Sarrazin den volkswirtschaftlichen Nutzen, der von einer Religion ausgeht bzw. die Frage, ob eine Religion sozioökonomisch definierten Lebenserfolg fördere oder nicht.17

Sarrazins schwarze Legenden

Der Historiker Julián Juderías schuf den Begriff der “schwarze Legenden” zur Bezeichnung der antikatholischen englischen Propaganda des 15. Jahrhunderts. Dabei ging es meist darum, die katholische Kirche, als rückständig, irrational, abergläubisch und verbrecherisch darzustellen. Diese Propaganda wurde später von radikalen Strömungen der Aufklärung aufgegriffen und auf das gesamte Christentum ausgeweitet. Später griffen totalitäre Bewegungen darauf zurück. Sarrazin knüpft in seinem Buch an solche historisch unhaltbaren Delegitimationsversuche an.

  • Religion neige grundsätzlich zur Gewalt, während atheistische Weltanschauungen friedfertig seien. Er zitiert Henryk M. Broder mit den Worten, dass man noch nicht von einem Atheisten gehört habe, der „mit einem Messer in der Hand und dem Ruf ‚es gibt keinen Gott‘ auf Menschen losgegangen ist“. Die Ansicht, „dass die Pflichterfüllung für Gott gegenüber allem anderen Priorität hat“, bringe Selbstmordattentäter hervor.18 „Die allergrößten Grausamkeiten“ seien im Namen von Religonen begangen worden.19 Die von totalitären, auf atheistisch-materialistische Ideologien gestützten Regimen im 20. Jahrhundert an Christen und anderen Menschen verübten Massenmorde blendet Sarrazin dabei ebenso aus wie den Widerstand jener Menschen, die Gott unter diesen Bedingungen mehr gehorchten als dem totalitären Staat.
  • Religion sei grundsätzlich irrational, da ihre Inhalte „mit den Mitteln des Geistes weder bewiesen noch widerlegt werden und so aus der Sicht des wahrhaft Gläubigen auch nicht kritisch hinterfragt werden“ könnten.20 Religion verlange „dass man [….] etwas für wahr halten soll, obwohl man seine Wahrheit nicht überprüfen kann und es keinen Beleg dafür gibt“.21 Das „Sichbeugen vor den Gesetzen der Logik und des wissenschaftlichen Denkens“ habe die positive Folge „dass Religion immer abstrakter, immer entfernter und folglich auch immer gleichgültiger wird“.22 Sarrazin zeichnet hier ein Zerrbild von Religion, das u.a. die zweitausendjährige christliche Tradition des systematischen Nachdenkens über religiöse Fragen, aus der u.a. die europäischen Universitäten sowie die an ihnen zunächst als Hilfswissenschaften der Theologie entwickelten sonstigen Wissenschaften hervorgingen, ausblendet.

Sarrazins Darstellungen der historischen Rolle des Christentums in Europa sind auch darüber hinaus weitestgehend unhaltbar. So behauptet er, dass erst die Aufklärung in Europa eine Trennung zwischen religiöser und politischer Hierarchie hervorgebracht habe. Tatsächlich hatte bereits der hl. Augustinus diese Trennung in der Spätantike theologisch ausführlich begründet. Infragegestellt wurde diese Trennung dabei nicht von politischen Herrschaftsansprüchen der Kirche, sondern von den Machtansprüchen weltlicher Herrscher, welche die Kirche kontrollieren wollten. Im Hochmittelalter wurde die weitgehende Trennung zwischen politischer und kirchlicher Hierarchie jedoch auf den Druck der Kirche hin durchgesetzt. Sarrazin stellt diese Trennung durch seine Forderung nach staatlicher Kontrolle der Religion wieder in Frage, ohne sich dessen allerdings bewusst zu sein.

Er behauptet außerdem, dass es ein Beleg für den durch die Zurückdrängung des christlichen Glaubens durch die Aufklärung erzielten Fortschritts sei, dass europäische Staaten im 19. Jahrhundert die Sklaverei und den Sklavenhandel verboten hätten. Tatsächlich begann der Kampf gegen die Sklaverei im europäischen Kulturraum bereits im Mittelalter, wobei er sich ausdrücklich auf das christliche Menschenbild berief. Die treibende Kraft hinter der endgültigen Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert waren christliche Bewegungen.

Ansätze zur differenzierten Betrachtung des Christentums bei Sarrazin

Trotz seines antireligiösen Weltbildes und negativer Aussagen über das Christentum ist Sarrazin nicht direkt christenfeindlich eingestellt. Er hält das Christentum für eine vergleichsweise harmlose Religion, die aufgrund der Durchsetzung materialistischer Ideologien irrelevant geworden sei.

Sarrazin erklärt außerdem, dass die christliche Kultur, in der er aufgewachsen sei, ihm „kulturelle, aber nicht religiöse Heimat“ sei.23

  • Sarrazin setzt nicht alle Religionen gleich, sondern nimmt Unterschiede zwischen ihnen zur Kenntnis. Islam und Christentum bewertet er wegen ihrer von ihm trotz allem anerkannten verschiedenen Beiträge zu modernen westlichen Gesellschaften entsprechend unterschiedlich.
  • Die Verwirklichung der Menschenrechte in einem Staat korreliere laut Sarrazin positiv mit dem Anteil der Christen an dessen Bevölkerung. 24
  • Er teilt zwar nicht das christliche Menschenbild im Allgemeinen, bejaht jedoch dessen Skepsis gegenüber dem Menschen, etwa wenn er betont, dass „menschliche Irrtümer, Bosheit und Unvernunft […] niemals an ihr Ende“ kämen. Vor diesem Hintergrund erklärt er, „Utopien jeder Art“ abzulehnen.25
  • Sarrazin spricht zudem das Problem der islambezogenen Christenverfolgung ausführlich an.

Darüber hinaus thematisiert er in seinem Buch reale islambezogene Herausforderungen für Deutschland und Europa, die auch aus christlicher Sicht relevant sind. Seine Argumentation ist dabei dort, wo er sich auf die sozioökonomischen Fragestellungen konzentriert, die sein eigentliches Fachgebiet darstellen, überwiegend fundiert, wie auch der Politikwissenschaftler Johannes Kandel in einer ausführlichen Rezension des Buches betonte.

Sarrazins kulturelle und politische Antworten auf die von ihm angesprochenen Herausforderungen sind aus der Perspektive der Bewahrung des christlichen Europas betrachtet jedoch kaum weniger destruktiv als die Probleme, die er lösen will. (sw)

10 Kommentare

  1. Um Missverständnisse im Grundsätzlichen zu vermeiden: Mit geht es primär um Trennschärfe bei der Beurteilung genuin christlicher Vorstellungen und der nicht-christlicher Vorstellungen. Gerade bei der Verwendung von Begriffen wie „christliches Abendland“ und „christlich geprägte Kultur“ besteht m. E. nach akute Verwechslungsgefahr. Dies bedeutet jedoch beileibe nicht, dass es nicht zu einer zeitlich oder thematisch begrenzter Zusammenarbeit kommen könnte. Nur sollte man nicht der Illusion erliegen, dass jeder, der diese (in bürgerlichen Wählerschichten halt populären) Begriffe verwendet, nun quasi naturgegeben der legitime Erbe der „alten CDU“ wäre (die ich persönlich recht kritisch sehe). Ausgangspunkt gesellschaftspolitischer Tätigkeit muß die präzise Analyse realer Gegebenheiten sein, sonst sind schmerzhafte Enttäuschungen unumgänglich.

  2. Cher Monsieur Kemmer,

    Übrigens: Je näher an Rom, umso weniger „Hexen“ wurden verbrannt.

    Stimmt. Läßt nur außer Acht, DASS „Hexen“ verbrannt wurden — auch nahe Rom. Was immer noch ein Skandal ist. Und daß es Greueltaten seitens der Inquisition gab — jawohl, ich weiß: nicht nur der katholischen, sondern auch der vergleichbaren protestantischen Seite — , ist ebenso nicht bestreitbar. Auch wenn es (wie ein Historiker, dessen Name mir derzeit aber leider nicht einfällt) seitens der RKK „nur“ ca.5.000 Todesopfer waren (statt manchmal kolportierter 100.000e …) — ist auch das für eine mit angeblicher göttlicher Leitung und Gnade ausgestattete Institution ein erbärmliches Armutszeugnis.

    Und was das von Ihnen gerühmte Faktum, daß

    … dieser Staat so sozialpolitisch aktiv ist, hat sie wohl auch dem Nächstenliebeglauben des Christentums und auch der Kirche und ihrer Soziallehre zu verdanken

    ist auch mehr als fragwürdig! Denn gerade der bei uns überbordende Sozialstaat ist doch einer der wesentlichen KrGründe, warum sich Wirtschaftsmiganten aus aller Welt nach Europa aufmachen — und nicht deshalb, weil sie „Dschihad“ machen wollen. Das ist nur ein „nettes“ Nebenprodukt, das sich neben der Abzocke der zahlenden Dumm-Micheln (wenigstens eine Zeit lang) betreiben läßt: für ca. eine Generation haben die Invasoren ja wirklich die beste aller Welten: Schutzgeld-Zahler, die sich nicht trauen aufzumucken; eine absolute Narrenfreiheit, sich jede Vergnügung zu nehmen, die sie gerade wollen (Sex nach Belieben, Rache nach Belieben, Opferrollen-Status nach Belieben …) — und die Deutschen zahlen alles und halten brav und devot den Mund.

    Insgesamt halte ich es jedoch für keineswegs „einseitiger gesehen“, wenn man die durch Jahrhunderte der „Christianisierung Europas“ geschehenen Untaten thematisiert, als wenn man derzeit (auch und eigentlich nur von kirchlicher Seite!) mit flagranten Geschichtslügen bspw. von einem friedlichen Andalusien unter mohammedanischer Herrschaft, oder mit dem unsägliche Gerede von den „drei abrahamitischen Religionen“ (die doch so gut harmonieren könnten) zugemüllt wird!

    • Werter LePenseur,
      kann in ihrem Statement viel Übereinstimmung erkennen. Danke! Der „sozialpolitisch aktive“ Staat hat zwar den „Nächstenliebe/Glauben Geltung verschafft, jedoch meint Jesus die Nächstenliebe dem Individuum eines jeden seiner Nachfolger zuzutrauen. Ja, damit meinte ich in erster Linie Gesetze, die der Würde des Menschen definieren und zuträglich sind und durchaus auch in der „sozialen Marktwirtschaft“, als sie noch funktionierte, erkennbar war. Dass der Sozialstaat völlig fehlgeleitet wird in dieser Zeit, ist hier wohl allgemeiner Konsens.

      Ja, die Kirche zurzeit gibt schon ein desolates Bild ab. Die 3 abrahamitischen Religionen haben letztlich noch nie zueinandergefunden, auch wenn sich die kath. Kirche jetzt so ins Zeug legt, gemeinsame Glaubensgeflechte zu entwicklen, was die beiden anderen Religionen jedoch letztlich ablehnen und ich würde dies auch ablehnen, denn eine Einheit oder den Synkretismus auf Halbwahrheiten und teilweise auch auf Lügen aufzubauen kann nur als ein Wunschprojekt wahrgenommen werden, welches dann als Kartenhaus nur in sich zusammenfallen kann. Denn Häuser sollten schon – wie Jesus sagt, nicht auf Sand gebaut sein. Das konnte aber nur geschehen, weil in der kath. Kirche die Klarheit, das Streben nach Wahrheit ins Wanken geraten ist. Denn lediglich mit Metaphern in der Verkündigung kann niemand bei den Gläubigen und erst recht nicht bei den Nichtgläubigen punkten.

      Dass eine Institution wie die kath. Kirche, die seit 2000 Jahren besteht, Dreck am Stecken zu finden ist, wurde hier wohl noch nie bestritten und von mir schon gar nicht. Nur muss der Fairness halber schon gesagt werden, dass eben nicht alles – und m. E. schon gar nicht die Glaubensregeln der kath. Kirche schlecht waren. Wer sich mit diesen Regeln beschäftigt, findet viel Licht dort.

      Nun, selbst die ersten Christen haben sind sich in den Haaren gelegen, selbst Petrus und Paulus waren wohl nicht immer einer Meinung. Die Abschaffung der Beschneidung haben wir wohl Paulus zu verdanken. Petrus meinte, das Christentum wohl nur den „Beschnittenen“, also dem auserwählten Volk der Juden verkündigen zu müssen. Da hat Paulus ihm wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht. Also: Streit war von Beginn in der christlichen Gemeinde an. Und Konzile waren immer mit Streitthemen gefüllt. Letztlich also auch nichts Neues unter der Sonne.

  3. Es ist schwierig, über ein Buch zu schreiben, dass ich nicht gelesen habe. Immerhin hat die Kanzlerin aber schon – ohne sein erstes Buch zu kennen – geurteilt, dass dieses Buch nicht hilfreich sei. Aber letztlich: Was wollen wir von Atheisten oder bestenfalls Agnostikern erwarten? Wohl kaum ein Hoch auf die katholische Soziallehre. Nicht umsonst verlässt Sarrazin nicht die SPD.

    Ganz allgemein jedoch – ohne das Buch zu kennen – kann jedoch festgestellt werden, dass es die Kirchen und religiösen Eliten doch selbst sind, die leider aus dem Christentum einen Mythos machen, aus der Auferstehung ein Gedankenkonstrukt und aus christentumscharakterlichen Glaubensinhalten Metaphern.

    Ein sehr guter Brief einer Religionslehrerin, die anhand von Religionsbuch-Material, was ihr zur Verfügung steht, belegt, wie ausgehöhlt den Jugendlichen Glaubenssätze vorgelegt werden, wurde auf kath.net veröffentlicht. Kein Wunder, dass Jugendliche sich von dieser Form der Glaubensverkündigung abwenden bzw. keinerlei Inspiration erfahren, dieser Relgiion in ihrem Herzen eine Chance zu geben.

    http://kath.net/news/65349

    Dort heißt es:
    S. 153: „Lange Zeit waren die Christen überzeugt, dass die Auferstehung Christi ein historisches Ereignis war, und viele glauben auch heute noch daran. Der Leichnam Jesu wäre demnach wieder lebendig geworden und Jesus wäre – verwandelt, aber sinnenfällig – seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen. – Christen, die das glauben, sehen in den Auferstehungsgeschichten des Neuen Testaments historisch zuverlässige Berichte, auf deren Wahrheit sie sich als Gläubige verlassen können.

    Die wissenschaftliche Bibelauslegung bezweifelt dieses historisch-faktische Verständnis. Sie sieht in den Auferstehungsüberlieferungen Glaubenserzählungen, die man symbolisch verstehen sollte. Nach diesem symbolischen Verständnis bedeutet Auferstehung durchaus nicht, dass ein toter Körper wiederbelebt wird; vielmehr vertraut der Auferstehungsglaube darauf, dass der ermordete Jesus über seinen Tod hinaus gegenwärtig und wirksam bleibt.“

    S. 154f: „Die Geschichte der Kirchen und die Kulturgeschichte des Abendlandes insgesamt dokumentieren, dass Auferstehung ein starkes und vielschichtiges Symbol ist. Seine Reichweite lässt sich nur dann halbwegs ermessen, wenn man mehrere Bedeutungsebenen bedenkt:
    • Schon im Alten Testament (Ez37) wird die Metapher der Auferstehung geschichtlich verwendet:[ … ]Damit gewinnt der Glaube an Auferstehung eine politische Dimension.- […]
    • Psychologisch gesehen kann Auferstehung jene Wachstumsprozesse bezeichnen, in denen bisherige Lebensformen absterben und neue Lebensmöglichkeiten sichtbar werden. […]
    • […] sozialpsychologische Deutung[…]
    • […] Kulturgeschichtliche Interpretation […]
    Darüber hinaus aber gibt es einen Rahmen, der sich nur schwer abstecken lässt: Es ist der unbesiegbare Traum, dass dieses hinfällige Leben in einem Zusammenhang mündet, der größer ist als der Tod. Dass die Energien des Lebens die Mächte des Todes überwinden.

    Ende des Artikelausschnitts.

    Weshalb also kritisieren wir hier Sarrazin oder Münkler, die es immerhin aus ihrem materiellen Gesichtskreis oder ihrer Ideologie schaffen, bestimmte Gefahren für diese Gesellschaft aufzuzeigen. Hier schreibt Sarrazin für Menschen, die ebenfalls keinen echten Glauben mehr ihr eigen nennen oder für diejenigen, die das christliche Abendland bemühen, die, wie Kirchfahrter Archangelus so sinngemäß so schön beschrieb, lange Zeit keine Kirche mehr von innen gesehen haben. Und dieser blutleere Glaube wird ja nicht nur in Religionsbüchern versucht, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, sondern auch auf der Kanzel den Restgläubigen nahezubringen, wohl nur um zeitgeistig modern zu erscheinen.

    Völlig zu Recht hat damals Paulus schon die vernichtende Kritik einer solchen Christentumshaltung abgegeben (hier weiter im Kath-net-Artikel):

    Ich stelle mit Paulus die Frage: „Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?“ 1 Kor 15,12

    Was jetzt: Auferstehung ja – oder nein? Was soll denn eine symbolische, metaphorische Auferstehung konkret sein? Ein Märchen. Eine fixe Idee. Eine Psychose. Ein Betrug?

    „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren“ 1 Kor 15,17f

    Ende der Zitierung.

    In diesem Religionsbuch steht der Urglaube als eine Sichtweise neben vielen anderen der natur- und geisteswissenschaftlichen Sicht- und Denkweisen zur Auferstehung. Die Wunderleugner haben hier ganze Arbeit geleistet. Warum also soll ein Gläubiger noch als Märtyrer enden, wenn doch alles nur symbolhaft zu verstehen ist. Märtyrer wären nach dieser Sichtweise doch nur arme Irre gewesen, die hätten auch ihr Leben z. B. auch als Muslime weiterführen können, denn alle kommen ja in den Himmel.
    Wir sollten froh sein, dass jetzt endlich auch Materialisten immerhin wach geworden sind.

    Dass sie urkatholische Positionen übernehmen, war wohl kaum zu erwarten. Ich denke, dass die hiesigen Erwartungshaltungen an diese Art von Büchern letztlich irreal sind. Wie soll der Autor urkatholische Positionen beziehen, an die er ohnehin nicht glauben kann und die Kirche, die ja das Katholische vertreten soll, selbst den ureigensten Kern, die Auferstehung, überwiegend noch als Metapher begreifen kann.

    Darum, so meine ich, mag die Kritik aus urkatholischer Sicht natürlich berechtigt sein, aber nicht in objektiver Sicht, denn der Autor richtet sich ja letztlich als Atheist an Staatsbürger, an die Wähler und Wählerinnen, und die sind in der großen Mehrzahl nicht mehr christlich gebunden und katholisch schon mal gar nicht.

    Ich denke, dass wir angesichts des „10 nach 12“, in der sich unsere Gesellschaft befindet, überhaupt berechtigte Kritik selbst von atheistisch geprägten Menschen wahrnehmen können, die die desolate Realität der Gegenwart und der nähreren Zukunft aus gesellschaftspolitischer Sicht beschreiben.

    Dass Atheisten, wenn sie den Islam vorwiegend kritisieren, alle Religionen mit dem Bade ausschütten, ist irgendwie selbstverständlich und als Meinung legitim. Würde er sich auch noch mit der kath. Soziallehre und differenziert mit der Kirchengeschichte auseinandersetzen, würde jedes Buch wohl den Rahmen sprengen. Und dass er für Islamkritiker wohl kaum Neues bringen kann, halte ich auch für gegeben, weshalb ich dieses Buch auch nicht gekauft habe.

  4. Sarrazins betont atheistische Einstellung ist in der Tat bedauerlich und war mir in der hier im Artikel skizzierten deutlichen Ausprägung auch bisher nicht bekannt.
    Eher hatte ich ein bildungsbürgerliches Bewusstsein für die historisch-kulturellen Wurzeln und die Bedingtheit der abendländischen Kultur angenommen.

    Sarrazins großen Verdienste im aktuellen geistigen Bürgerkrieg sollte dieser Schatten aber nicht allzu sehr schmälern.

    Im Übrigen scheint mir der Rückzug auf eine eindeutig säkulare Einstellung in Zeiten des boomenden Islams und des schrumpfenden Christentums in strategischer Sicht immer noch vernünftiger als das Beharren auf nicht mehr haltbaren christlichen Stellungen.
    Selbst in Bayern, der wohl immer noch traditionellsten und am stärksten katholisch geprägtenregion Deutschlands ist das christliche Erbe in der kultur und im öffentlichen Raum trotz Söders „Kreuz-Erlass“ im Zurückgehen.

    Eine pronnciert säkulare, atheistische und auf Neutralität zielende Haltung ist mir insofern angesichts der Herausforderung durch einen totalitären Islam, der ja eine religiös-gesellschaftspolitische Mischideologie darstellt, nicht das größte Übel.

  5. Eine gelungene Analyse.
    Ja, es lohnt sich, genauer hinzuschauen, welche Kräfte nun – geeint lediglich durch die gemeinsame Gegnerschaft zur globalen Systemtransformation – an einem Strick ziehen. An einem Strick vielleicht, aber in dieselbe Richtung?
    Da wird ein „christliches Abendland“ oftmals von Menschen beschworen, die seit Jahr(zehnt)en keine Kirche mehr von innen sahen (an dieser Stelle hört man dann leise ein verschämtes „aber gemeint ist doch das Kulturchristentum…“). Auch werden gerne „die Werte der Aufklärung“ in Stellung gebracht (Motto: viel hilft viel), ohne zu überlegen, dass genau deren antireligiöse Grundhaltung zum heutigen „anything goes!“-Größenwahn führte: „Das Abendland hat sich in der Neuzeit, vor allem seit der Aufklärung und durch deren Gedanken, immer mehr vom Christentum und seiner Sicht der Welt abgewendet. Es besitzt heute keine einheitliche Kultur mehr und zerfällt sowohl im Werte- wie auch im Ideenbereich in viele Meinungen und Ansichten, in einen Pluralismus sich widersprechender Gedanken und Weltanschauungen. Durchsetzen kann sich, dem demokratischen Grundprinzip entsprechend, vor allem die Mehrheitsmeinung. Um das Richtige oder die Wahrheit an sich geht es im Pluralismus nicht mehr“ (aus: Lang, Walter „Der Modernismus als Gefährdung des christlichen Glaubens“, Seite 13, 2004 erschienen im Stella Maris Verlag).

    Gerade besagte „säkulare offene Gesellschaft“ erleben wir jetzt in Reinkultur: Offen für jeden (völlig gleich, welchen kulturellen oder religiösen Hintergrund er haben mag), der Willens ist, wie der vorgefertigte Bolzen Teil der Wirtschaftsmaschinerie zu werden, nicht von, sondern für seine Arbeit zu leben (neudeutsch: „für den Job zu brennen“) und diesem notfalls als wurzelloser Nomade hinterher zu ziehen. Wurzeln, ob nun religiöser, familiärer oder kultureller Art, sind hinderlich und folglich abzuschneiden.

    • Bei all dem Getöse über „westliche Werte“ und deren kulturellen Wurzeln hört das Quellenstudium bei den verlogenen Anhängern der christlichen Kirchen stets auf bei Bonifacius. Diese westliche Welt hatte ein solides Wertefundament lange vor der Vergewaltigung der westlichen/nordischen Völker durch das Christentum. Der Verrat der christlichen Kirchen an den Anhängern wird jeden Tag von den Kanzeln gepredit und kaum jemand geht noch hin, sich dieses Gesülze anzuhören, bei dem man mit Freude in den Selbstmord taumeln und die Zukunft von Kindern und Enkeln möglichst widerstandslos einer Entwicklung preisgeben soll, in der allein das Tragen der weißen Haut einem Todesurteil gleichkommt. Glaube ist fähig, die Kräfte der Menschen zu verzehnfachen – der Glaube an die satanische christliche Kirche mit ihren gierigen Verstrickungen zum khazarischen Materialismus und deren Menschenverachtung ist ganz sicher das Ticket in den Untergang.

      • @Furor Teutonicus
        Ihr Ton entspricht nicht ganz dem hier gepflegten Standard, aber ich habe den Kommentar ausnahmsweise einmal freigeschaltet, weil er die in einem bestimmten politischen Lager vorhandenen Behauptungen über das Christentum m.E. gut zusammenfasst. In aller Kürze:

        – Es gab vor der Christianisierung Nordeuropas dort keine Völker, sondern nur Stämme. Erst das Christentum gab z.B. Clovis oder Otto I. die kulturelle Grundlage dafür, aus fränkischen bzw. ostfränkischen Stämmen größere Einheiten zu schaffen, aus denen später das französische und das deutsche Volk wurden.

        – Eine kulturelle „Vergewaltigung“ fand nicht statt. Gerade der katholischen Kirche wird interessanterweise eher das Gegenteil vorgeworfen, nämlich angeblicher Synkretismus, weil sie die vorgefundene Kultur achtete und ihre Stärken in christliche Kultur integrierte. Das Werk „The Germanization of Early Medieval Christianity“ von James C. Russell beschreibt ausführlich, wie das Christentum die vorgefundene Kultur fortsetzte und veredelte. Die Christianisierung der Deutschen war ein Akt der Schaffung und nicht der Vernichtung von Kultur. Die ältesten in deutscher Sprache überlieferten Werke haben z.B. einen christlichen Hintergrund und wurden in einer von Mönchen geschaffenen Schrift niedergeschrieben.
        Die Synthese zwischen Christentum und ansässiger Kultur beschreibt auch der Historiker Christopher Dawson sehr anschaulich am Beispiel Irlands: https://bundsanktmichael.org/2018/05/19/christopher-dawson-die-apostel-des-abendlandes-teil-1-der-lange-winter/

        Dawson hebt das Wirken des iro-schottischen keltischen Mönchtums hervor, welches das Christentum in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas verbreitete. Die keltischen Mönche hätten den Zusammenbruch des Römischen Reiches an entlegenen Orten an der Peripherie Europas überstanden und dort eine Kultur geschaffen, die von ausgeprägter Disziplin, Opferbereitschaft, sowie Wertschätzung von Ehre, Treue und Arbeit gekennzeichnet gewesen sei.

        Diese Kultur habe römische und christliche Kultur mit dem lokalen Erbe sowie dem Ethos der heidnischen Kriegerbünde verbunden. In Form der Heiligenlegenden habe man die alte Heldendichtung fortgesetzt, die zudem christianisiert worden sei, etwa in Form des Beowulf-Mythos. Dadurch sei enorme kulturelle Strahlkraft auf die Umgebung entstanden, aus der sich vor allem Adelige den Mönchen angeschlossen hätten.

        Die keltischen Mönche hätten außerdem unter heidnischen Bauern gewirkt, zunächst in Irland und Schottland und später auf dem europäischen Kontinent. Sie hätten den „bäuerlichen Geist von der Ankunft einer neuen Macht überzeugt, stärker als alle Naturgeister der alten Bauernreligion“. Dies sei ihnen gelungen, weil sie nicht als Fremde in Erscheinung traten und die mönchische Kultur stark von Elementen heidnischer Kultur geprägt gewesen sei, die jedoch durch christlichen Geist veredelt waren.

        Diese Mönche seien, „selbst Landleute mit einem tiefen Gefühl für die Natur und ihre Wildheit“ gewesen. Sie „standen der bäuerlichen Gesittung nah genug, um sie mit dem Geist der neuen Religion durchtränken zu können“. Wo früher Naturgeister verehrt worden seien, habe man nun christliche Heilige sowie heilige Quellen und Bäume verehrt, die den neuen, größeren Mächten geweiht gewesen seien. Steinkreuze hätten die Druidensteine des alten Kultes ersetzt, dessen Bräuche man ebenfalls umgewidmet habe.

        Was Sie beschreiben, sind im 19. Jahrhundert entstandene, historisch keiner Überprüfung standhaltende moderne Phantasiekonstrukte, mit denen man damals eine auf ausschließlich materiellen Bezügen ruhende künstliche Ersatzreligion schaffen wollte.

        In den nächsten Tagen erscheint hier übrigens eine Rezension des gerade erschienenen Buches „Die Himmelsscheibe von Nebra“ des Archäologen Harald Meller, der sehr schön die tatsächliche religiöse Entwicklung des frühen Europas und vorhandene Kontinuitätslinien bis ins christliche Mittelalter und darüber hinaus herausarbeitet. Was an Wertvollem noch vom ältesten kulturellen Erbe Europas übrig ist, ist der Fortsetzung und Weitergabe durch das Christentum zu verdanken.

      • Werter Furor Teutonicus (Nick-Name wow)

        Selbstverständlich hat die Kirchengeschichte so manche Ungeheuerlichkeit offenbart. Sie hat haber auch mehr als Gutes geboten, z. B. die hier schon einmal veröffentlichte Bulle des Papstes Paul, des III.

        http://www.stereo-denken.de/sublimis_deus.htm

        Ebenso die Hexenverbrennungen: Beschäftigen Sie sich mal mit Friedrich von Spee und die Rolle des Staates in Deutschland, die den dort vorhandenen Aberglauben so instrumentalisierte. Übrigens: Je näher an Rom, umso weniger „Hexen“ wurden verbrannt. Natürlich ging es in der Kirche auch immer um Machtinteressen. Ihr Fokus ist zu sehr das Negative und Sie meinen das Negative als Ganzes verabsolutieren zu können. Sie vergessen aber wirklich das Gute, das aus dieser Kirche auch hervorgegangen ist. Lesen Sie doch einmal die Biographien von Heiligen. Diese sind auch aus dieser Kirche hervorgegangen wie Franz von Assisi oder Elisabeth, die hl. Hildegard von Bingen oder andere Ordensgründer. Dass dieser Staat so sozialpolitisch aktiv ist, hat sie wohl auch dem Nächstenliebeglauben des Christentums und auch der Kirche und ihrer Soziallehre zu verdanken. Die Würde des Menschen des Grundgesetzes stammt aus der jüdisch-christlichen Religion.

        Wer das alles einseitig sehen will, schafft das auch. Wer sich jedoch mit der Gesamtsicht der Kirchengeschichte ihrer sowohl faulen als auch guten Früchte beschäftigt, bekommt ein wesentlich differenzierteres Bild.

        Die Bibel spricht von „Menschen guten Willens“. Und der ist auch gefragt. Das wird immer deutlicher.

    • Werter Kirchfahrter Archangelus,
      eigentlich hatte ich das Buch mit der Absicht zu lesen begonnen, die Stärken von Sarrazins Argumentation für die Leser dieser Seite zusammenzufassen. Ich war seinen Positionen gegenüber auch keinesfalls negativ voreingenommen. Leider kommen seine Stärken, die m.E. im Bereich sozioökonomischer Analyse liegen, in diesem Buch fast überhaupt nicht zur Geltung, weshalb ich mich ausnahmesweise zur Herausstellung und Kommentierung der kritikwürdigen Inhalte entschloss.
      Sarrazins hier angesprochene inhaltliche Schwächen betreffen zugleich m.E. auch weite Teile der sog. Islamkritik in Deutschland, die in erster Linie eine Form der säkularen Religionskritik ist.
      Man merkt zudem, dass Sarrazin sich nicht besonders tief mit dem Thema Islam auseinandergesetzt hat. Zur kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung mit dieser Religion und ihren vorherrschenden Strömungen bzw. dem Spannungsfeld zwischen ihr europäischen Kulturen gibt es deutlich bessere Texte, etwa von Tilman Nagel, den Sarrazin auch zitiert.
      Am stärksten ist das Buch m.E. in seiner Bestandsaufnahme der sozioökonomischen Lage des islamischen Kulturraums und der Muslime in Deutschland und Europa. Hätte er sich ganz auf dieses Thema konzentriert, das seinen Stärken entspricht, wäre ein brauchbares Buch dabei herausgekommen.

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