Jörg Baberowski: Der überlegene Realismus der konservativen Weltanschauung

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einem heute in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Gespräch beschreibt er, dass er sich im Zuge seiner Studien und seiner damit verbundenen Erkenntnisse über die Natur des Menschen von progressiven Ideologien abgewandt und der realistischeren konservativen Weltanschauung zugewandt habe.

Als Historiker sei er mit „mit den Resonanzböden konfrontiert“ worden, „auf denen Ideen schwingen“. In seiner Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und den Folgen seiner Herrschaft habe er erfahren, „was Chaos im Leben bewirken kann“.

Konservative Weltanschauung beruhe auf tiefen Erkenntnissen über die Natur des Menschen und der Wirklichkeit, weshalb sie realistischer sei als die auf Wunschdenken über den Menschen beruhenden utopischen Ideologien der Moderne:

Die radikale Aufklärung ist die Emanzipation des Geistes von den Institutionen. Sie ist von der falschen Vorstellung beherrscht, dass der Mensch der Schöpfer seiner Welt sei und sie nach Belieben beherrschen könne. Der voraussetzungslose Mensch kann also tun und lassen, was er will, weil er vernunftbegabt ist und sich keiner letzten, unbegründeten Ordnung mehr unterwerfen muss. […] [S]olches Denken weiss nicht um die Gebundenheit der Existenz.

Der reale Mensch „steht in Überlieferungszusammenhängen, er hat einen Ort und eine Geschichte“. Einen „Menschen an sich“ gebe es nicht, da der Mensch immer Teil einer Bindung sei, etwa Teil einer Familie oder einer Religion. Der reale Mensch sei daher nicht beliebig durch Staat und Gesellschaft formbar, wie utopische Ideologien meinten, deren fehlerhaftes Menschenbild zu den totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt habe:

Alle grossen Weltverbesserungsprojekte haben nichts als Elend und Gewalt produziert. Sie sind gescheitert, weil sie auf menschliche Möglichkeiten keine Rücksicht genommen haben. […] Manche Fehler kosten das Leben.

Progressive politische Eliten in Europa würden weiterhin von diesem fehlerhaften Menschenbild ausgehen und durch ihr Handeln neue Krisen auslösen. Man könne „Menschen nicht ihre materielle und geistige Heimat nehmen und sich dann über die Wut der Heimatlosen beklagen.“

Konservative seien trotz ihrer realistischeren Weltanschauung „im politischen Kampf unterlegen, weil es ihnen zuwider ist, sich in Herden zu organisieren“. Der von Nüchternheit und Skepsis geprägte konservative Stil sei nicht massentauglich und zudem weniger mobilisierungsfähig als der enthemmte Moralismus eines selbstgerechten „juste milieu“.

Der Konservative könne daher an den dem „Blödsinn, der sich vor aller Augen vollzieht“, vorerst wenig ändern, aber er verzichte darauf, diesen auch noch zu bejubeln und gehe „mit Ernst Jünger lieber in den Wald.“

Hintergrund

Baberowski trat in früheren Äußerungen für die Bewahrung eines Deutschlands ein, „das auf einem christlichen Wertefundament beruht.“ Sein Konservatismus ist christlich fundiert und beruht auf einem spezifisch christlichen Menschenbild, das von der Unvollkommenheit des Menschen ausgeht.

Zudem bezieht sich Baberowski in seinen Ausführungen auf den christlichen Realismus, der ausgehend von der Kardinatugend der Klugheit und vom skeptischen Menschenbild des Christentums die Möglichkeit des Ernstfalls in alle seine Überlegungen mit einbezieht und utopisches Denken grundsätzlich als nicht wirklichkeitsgerecht ablehnt. (ts)

1 Kommentar

  1. Dieser Artikel, wieder gut aufbereitet, zeigt letztlich auf, was in Gesinnungsethik und was in Veranwortungsethik mündet.

    Progressive Ideologie = Das Denkbare, dem Willen und Wollen des Menschen unterworfen, dessen Ziel bereits der Weg ist. Um dieses Ziel zu erreichen, wird alles andere diesem Ziel untergeordnet. Alles, was diesem Ziel zuwiderläuft, wird abgekanzelt und auf den Scheiterhaufen der Ablehnung geworfen einschließlich einer möglichen Kriminalisierung anderer Meinungen (Endstadium der Diktatur).

    Konservativer Realismus =
    Das Unabänderbare und Feststellbare annehmen, analysieren und (politische) Handlungen durchführen, deren Folgen nach menschlichem Ermessen einschätzbar sind und auch Schutzhandlungen durchführen und insbesondere darauf achten, dass die Orientierung nicht verloren geht nach den drei Grundfragen: Woher komme ich (Wurzeln), wer bin ich (Stamm) und wohin gehe ich (Krone), also die „Baumfragen“.

    Die erste Variante kommt in der Regel ohne göttliche Transzendenz aus, da der Mensch Gott ersetzt. Die „Baumfrage“ ist zweitrangig bis eliminierungsfähig. Die zweite Variante (politisch gesehen) begutachtet, was in der Religion brauchbar ist und kanalisiert das politisch Mögliche wie z. B. im Grundgesetz und im StGB Teile der 10 Gebote (Glaube und Vernunft). Die Politik richtet sich danach aus, teilweise achtet sie darauf, dass Grundlegendes wie diese Gebote auch zum Gesetz aufschwingt. (Zurzeit schmeißt diese Politik sämliche Grundwerte über Bord)

    Progessive Ideologie trachtet danach, den Menschen „frei“ von Religion und Moral zu machen,da sie ihn angeblich „einengen“, damit er „geformt“ werden kann im Sinne der Ideologie. Alles denkt in eine Richtung, ansonsten Ablehnung, über Mobbing bis Knast.

    Konservativer Realismus lässt dem Menschen Freiheit, weil Konkurrenz das Geschäft belebt und jeder seinen Verstand frei gebrauchen kann. (Darum in der westlichen Welt viele Erfindungen und z. B. in der orthodox islamischen Welt wenige). Es werden weite Rahmenbedingungen gesteckt, innerhalb derer viel freier Raum zu eigenen Ideen gewährt wird, die Ideen sogar gewünscht werden, weil sie Entwicklung und Fortschritt zulassen.

    Ideologien und faschistische Religionen sind bereits fertig gedacht und lassen keinen Denkspielraum. Wissenschaft, Kunst, Kultur und sonstige kreative Dinge haben nur den Sinn diese Ideologie zu unterstützen. Fragen der Kritik: Mangelware, denn da könnte die Ideologie Schaden nehmen, wenn gesunder Menschenverstand zum Angriff bläst. Die Ideologen erwarten von ihren Untertanen absoluten Gehorsam, da die Ideologie Gott ersetzt. Bei Religionen ist Gott der Unerbittliche, der Gerechte und der höchstrichterliche Roboter, der die Welt wie ein Computer richten wird. Dem Allen ist nicht nur zu folgen, sondern man erwartet volle Akzeptanz, will man keine Nachteile im gesellschafltichen Leben in Kauf nehmen. Sie sind und werden dann mental „gewaltsam“ ideologiehörig gemacht mit Druck und Repressalien.

    Die kreative Seite beim konservativen Realismus lässt diese Dinge an langen Leinen laufen und entscheidet von Fall zu Fall, was nützlich und was für die Gesellschaft abträglich ist.

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