Herfried Münkler: Deutschland mangelt es an identitätsstiftenden Narrativen

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler lehrt an der Humboldt-Universität in Berlin. In der aktuellen Ausgabe von „ZEIT Geschichte“ setzt er sich mit dem Mangel Deutschlands an identitätsstiftenden Narrativen auseinander, der das Land verwundbar mache.

  • Im Mittelpunkt der kollektiven Selbstvergewisserung“ hätten in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten „immer Geschichten über die eigene Wirtschaftskraft“ gestanden. Deutsche Identität habe sich auf die Wahrnehmung als „Exportweltmeister“ oder als leistungsfähiger Automobilhersteller zu gründen versucht.
  • Dies mache Deutschland verwundbar, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen belastbare Identitätskonzepte besonders wichtig seien, könnten auf wirtschaftlicher Leistung beruhende Narrative nicht wirken.
  • Materialistische Narrative seien außerdem von allgemeiner „Mobilisierungsschwäche“ gekennzeichnet. Auch in guten Zeiten würden Wohlstandsnarrative nur eingeschränkt identitätsstiftend wirken, da nicht jeder am Wohlstand partizipieren könne.
  • Wirksame Narrative müssten dazu geeignet sein, „kulturelle Hegemonie“ zu erlangen. Sie seien auch Geschichten von Kämpfen und überwundenen Herausforderungen und müssten „Freund- und Feindbilder“ einschließen.

Es brauche angesichts der Herausforderungen der Gegenwart „haltende Narrative, um die Folgen der Globalisierung auszubalancieren und die Verlierer dieser Entwicklung nicht nur sozialpolitisch aufzufangen.“

Bewertung

Münkler spricht einen wesentlichen Mangel materialistischer Philosophien und Ideologien an, die nicht dazu in der Lage sind, die kulturelle Substanz zu erzeugen, auf der dauerhafte Gemeinwesen beruhen. Da Münkler jedoch selbst den Rahmen materialistischen Denkens nicht verlässt, scheitert er bei dem Versuch, eine belastbare Antwort auf den von ihm erkannten Mangel zu formulieren.

Sinn- und identitätsstiftende Narrative (Münkler spricht auch von „Mythen“) müssen auf objektivem und absolutem Sinn beruhen, um mehr sein zu können als nur zu politischen Zwecken geschaffene Konstrukte. Mythen sind nicht  nur beliebige Konstrukte, sondern Erzählungen über heiliges Geschehen, welche die eigene Verortung in diesem Geschehen ermöglichen. Mythen besitzen nur in dem Maße Kraft, in dem sie tatsächlich heilige Dinge beschreiben.

Münkler weist jedoch die historisch gewachsenen und auf der christlichen Vorstellung von absolutem Sinn beruhenden identitätsstiftenden Narrative Europas aus politischen Gründen zurück. Er versteht sich vor allem als Berater der gegenwärtigen deutschen Regierung, die er dabei unterstützen will, für sie politisch nützlichere Narrative zu finden. In diesem Zusammenhang fordert er auch die Dekonstruktion historisch gewachsener Narrative und ihre Ersetzung durch politische Zwecknarrative, wodurch er zur weiteren kulturellen Schwächung Deutschlands beiträgt.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann hatte sich mit der Frage auseinandergesetzt, was die „heiligen Erzählungen“ ausmacht, die über zweitausend Jahre lang Europa kulturell prägten, formten und trugen. Wie auch Münkler betont er, dass bestandene Kämpfe und überwundene Herausforderungen dabei eine wichtige Rolle spielen. Anders als Münkler bejaht er jedoch die Erinnerung an die realen Kämpfe Europas:

Was begründet die Identität eines Volkes? Die Gemeinsamkeit der Erinnerung. Die Gemeinsamkeit einer ‚großen Erzählung‘. Und das gilt erst recht für das Volk Gottes. Es lebt von der Tradition, vom Empfangen und von der Weitergabe des Empfangenen. […] In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].

Münkler hingegen will dies aus der kollektiven Erinnerung auslöschen und fordert (bezogen auf die Erinnerung an die historischen Konflikte zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Orient) „starke Gegenerzählungen, um solche Mythen zu entkräften“.

Er schlägt vor, das von Spaemann beschriebene Narrativ durch ein künstliches Narrativ zu ersetzen, das nicht auf historischer Erfahrung und tatsächlich überwundenen Herausforderungen, sondern auf Hoffnungen darauf beruht, dass kulturelle Konflikte zu einem späteren Zeitpunkt durch Integration in den Arbeitsmarkt gelöst werden könnten. Das von ihm vorgeschlagene Narrativ erfüllt dabei die von ihm selbst erkannten Anforderungen an ein solches Narrativ nicht, denn die historische Lebensdauer von Narrativen, die auf utopischen Hoffnungen beruhen, ist ebenso gering wie die der Gemeinwesen, die sich auf sie stützen.

Münkler bleibt auch in seinen sonstigen Betrachtungen an der Oberfläche. Er geht beispielsweise nicht auf die kulturelle Dimension identitätsstiftender Narrative ein. Die Literaturwissenschaftlerin Angela Contzen hatte in diesem Zusammenhang die tiefe Durchdringung deutscher und europäischer Kultur durch die Bilder vorwiegend christlichen Geisteslebens beschrieben:

Wir meinen die Bilder von winterlichen Landschaften und blühenden Frühlingswiesen, wir meinen die Weihnachtsfeste und das Geläut der Glocken, wir meinen eine Messe oder ein Requiem, meinen Regenpfützen und Herbstabende mit Hunderten von Märchen und Liedern. Wir meinen die Bilder von Seerosen, Sonnenblumen oder apokalyptischen Reitern, von Madonnen und einem gekreuzigten Messias, von einer schaumgeborenen Venus oder einem gefesselten Prometheus, dem ein Adler mit spitzem Schnabel die Leber herauspickt. Wir meinen Kathedralen, Labyrinthe und ein Schiff, das eine unbekannte Küste sucht. Wir meinen die Geschichten von Narren, Helden und gefallenen Engeln, von einer großen Flut und einem geheimnisvollen Garten, den Gott pflanzt zur Seite des Morgens. […] Eine verschneite Landschaft und ein Kind in einem Stall. Eine flammende Zypresse und ein Kirchturm unter einem Sternenhimmel. Eine antike Tempelruine und eine Madonna im Rosenhag, ein kahler Eichenwald und ein windschiefes Kreuz.

Die materialistische Kultur der Gegenwart hat nichts von vergleichbarer Tiefe und Kraft hervorgebracht. Wenn Deutschland aus einem wachsenden Bewusstsein für den Mangel an identitätsstiftenden Narrativen heraus künftig nach solchen Narrativen suchen sollte, werden ihm materialisische Philosophien und Ideologien dabei keine Hilfe sein können. (sw)

2 Kommentare

  1. Zum vorherigen Kommentar: Ja, es ist unmöglich. Aber wir kennen einen Gott, der Tote auferweckt und der Ostern das Unmögliche geschehen läßt. Gott liebt es geradezu, die Dinge menschlich unmöglich werden zu lassen, damit das Geschehen als Werk Gottes erkannt werden muß/kann und keiner die Rettung sich und seinem Patriotismus zuschreiben kann.

  2. Es lohnt sich, einmal auf Japan zu schauen. Auch Nippon sublimierte nach dem verlorenen Krieg viel nationale Energie in seiner Wirtschaftskraft, gab dabei allerdings (anders als Deutschland) weder Volkstum noch Tradition auf, sondern behielt seine Narrative bei. Im kollektiven Gedächtnis blieb die innere Beziehung zur eigenen Geschichte, dem Kaiserhaus und der Tradition im Wesentlichen ungebrochen, weder die fremdgesteuerten „Tokioter Prozesse“ noch politisch-kulturelle Umerziehungsversuche konnten etwas daran ändern. Wenn es auch teilweise zu nationalistischen Auswüchsen kam, so hat durch das Volk als Ganzes weder seine kämpfenden Väter und Söhne als Kriegsverbrecher verunglimpft (sondern in Shinto-Schreine aufgenommen) noch die beiden verbrecherischen Atombomenangriffe der USA auf zivile Ziele als „gerechte Strafe“ glorifiziert.

    Hingegen wurde in Deutschland bereits in den 1950ern von Linksintellektuellen perverserweise die Teilung als „Strafe für Auschwitz“ förmlich begrüßt, Patriotismus entweder angrundtief gehaßt (linke Mitte bis linksaussen) oder vorsorglich in die völlig artifizielle Kopfgeburt eines „europäischen Patriotismus“ entsorgt (CDU-Tradition seit Adenauer bis Kohl, Merkel warf dann das schwarz-rot-goldene Fähnchen voller Ekel von der Bühne…). Als Folge existiert ein deutsches Volk – beispielsweise – mit gemeinsamer Geschichte und Erlebnissen im Generationengedächtnis, Sprache und gemeinsamer Kultur (natürlich mit regionaler Ausdifferenzierung) real höchstens noch fragmentarisch. Ein lebendiges, organisches Volkstum ist Fehlanzeige. Grund dafür ist das hierzulande vorherrschende – weil seit Jahrzehnten medial und schulisch implantierte – Ideal der hedonistischen Egomanie mit dem ausschließlichen Ziel der eigenen Triebbefriedigung. Bemerkenswerterweise völlig gleichgültig, welche Parteifarben die verschiedenen Kultusminister trugen, das Ergebnis war identisch. Demzufolge hat Deutschland hat so seit den 1960ern nicht nur seine zukünftigen Generationen, sondern gleich seine eigene Zukunft „verhütet“ (und abgetrieben). Wir haben derzeit eine (noch) größtenteils deutsch sprechende Wohnbevölkerung, mehr nicht. Die Suche nach sog. „identitätsstiftenden Narrativen“ dürfte sich erübrigt haben…

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