John Gray: Das Scheitern des Liberalismus

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph John Gray war Professor für europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. In einem Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung beschrieb er vor einigen Tagen die Symptome des Scheiterns des Liberalismus in westlichen Gesellschaften. Keines der großen Projekte dieser Ideologie habe zuletzt noch Erfolge aufweisen können. Der Liberalismus sei intellektuell nicht dazu in der Lage, die Herausforderungen der Gegenwart zu verstehen und politisch unfähig, sie zu lösen.

Gray zufolge sei das Welt- und Menschenbild liberaler Ideologen im Kern defekt:

Für viele von ihnen besteht die Welt aus einfachen moralischen Fakten. Der westliche Kolonialismus sei durch und durch böse, historische nationale Identitäten seien dem Wesen nach rassistisch und Religionen nichts weiter als Strukturen der Unterdrückung. Jeder, der diese angeblichen Fakten in Frage stellt, hat eine Umschulung nötig oder die fristlose Kündigung zu erwarten.

In der politischen Praxis sei liberale Ideologie wegen ihres mangelhaften Verständnisses entscheidender Zusammenhänge und Sachverhalte auf beinahe allen Gebieten gescheitert. Dies zeige sich im laufenden Zerfall des „hyperliberalen Projekts“ Europäische Union, aber auch in Finanzkrisen, dem sozialen Abstieg der Mittelschichten und den zunehmend krisenhaften Folgen unkontrollierter Massenmigration und offener Grenzen.

  • Liberale würden sich dabei weigern, Verantwortung für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. Wo sie damit konfrontiert würden, etwa bei der Wahlniederlage Hillary Clintons in den USA, würden sie sich in Verschwörungstheorien flüchten, anstatt sich mit den Ursachen des Geschehens und ihren eigenen Fehlern auseinanderzusetzen.
  • Es habe sich ein „postfaktischer Liberalismus“ herausgebildet, der sich geistig immer stärker von der Wirklichkeit abschotte und Fakten ignoriere oder leugne, die nicht im Einklang mit der Ideologie stünden.
  • Dieser Liberalismus könne innerhalb der engen geistigen Grenzen seiner Ideologie „die Gegenwart nicht begreifen“ und gehe immer aggressiver gegen „Abweichler“ vor, die für Liberale unangenehme Tatsachen ansprechen.

Der Liberalismus könne die Herausforderungen der Gegenwart somit weder verstehen, noch sie bewältigen. Er sei daher intellektuell und politisch am Ende.

Hintergrund

Der Anthropologe Scott Atran, der Politikwissenschaftler Patrick Deneen, der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier, der Verfassungsrechtler Adrian Vermeule, der Historiker Caspar Hirschi, der Soziologe Wolfgang Streeck und der Autor Pankraj Mishra hatten sich in den vergangenen Monaten ebenfalls zur Krise des Liberalismus geäußert.

Bewertung

Die katholische Soziallehre verwies frühzeitig auf die Schwächen liberaler Ideologie. Papst Leo XIII. schuf mit seiner Enzyklika „Libertas praestantissimum“ 1888 die Grundlagen der katholischen Liberalismuskritik.

Gleichzeitig versuchte die Soziallehre, positive Konzepte, die aus liberalem Denken ebenfalls hervorgingen (wie u.a. der katholische Philosoph Martin Rhonheimer betont), zu integrieren. Der hl. Johannes Paul II. verwies zum Beispiel 1991 in einer Enzyklika „Centesimus annus“ auf die positiven Beiträge von sozialer Marktwirtschaft und eines im Rahmen einer gerechten Ordnung handelnden freien Unternehmertums zum Gemeinwohl. Er bezog sich hier auf die Ansätze des Ordoliberalismus.

Das Welt- und Menschenbild des Liberalismus wurde von katholischen Denkern jedoch durchgängig negativ bewertet. Der katholische Philosoph Josef Pieper beschrieb etwa, dass der Liberalismus als materialistische Ideologie die Anerkennung der religiösen und kulturellen Voraussetzungen seiner Ordnungsvorstellungen überwiegend verweigere. Er bekämpfe diese in der Regel sogar, weil er die Lösung des Menschen aus religiösen und anderen Bindungen als Voraussetzung von Freiheit verstehe. Der Liberalismus zerstöre somit beim Versuch, seine Ziele zu erreichen, seine eigenen kulturellen Grundlagen.

Liberale Ideologie stelle daher eine Sammlung von „religiösen und metaphysischen Irrlehren“ und ein trotz vielfältiger Ausprägungen im Grunde einheitliches „Geflecht von Mißdeutungen der objektiven Menschenwirklichkeit“ dar. Nicht wirklichkeitsgerechte Ideologien müssten jedoch zwangsläufig scheitern.1

Der katholische Denker und Bischof Fulton J. Sheen setzte sich Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv mit den Irrtümern und Fehlern moderner Ideologien auseinander:

  • Liberalismus sei eine radikal materialistische Ideologie, die den Menschen auf seine ökonomische Funktion reduziere. Kennzeichnend für den Liberalismus sei die Ansicht, dass „der Mensch ein hochentwickeltes Tier sei und keine andere Funktion im Leben habe, als Reichtum zu produzieren und dann, wie das Vieh auf der Weide, die Jahre dahinzubringen und zu sterben“.2
  • Unrealistischer Optimismus über die Natur des Menschen und das Wesen des Bösen seien kennzeichnend für liberale Ideologie. Das Böse nehme der Liberalismus als Folge eines Mangels an Wissen und günstigen materiellen Bedingungen war. Dabei gehe er davon aus, dass materieller und naturwissenschaftlicher Fortschritt den Menschen zu einem immer besseren Wesen machen würden. Die Geschichte habe diese Annahme jedoch widerlegt.3

Liberalismus funktioniere allenfalls vorübergehend unter den Bedingungen einer Gesellschaft, in der „noch immer Trümmer des über Bord geworfenen Christentums in der Welt umhertreiben“. Der Liberalismus sei ein „Parasit auf der christlichen Kultur“, der zugrundegehe, wenn die ihn tragende und von ihm ausgezehrte Kultur in Folge seines Wirkens zerfalle.4

Der katholische Historiker Christopher Dawson warnte ebenfalls, dass der Liberalismus vom geistig-kulturellen Kapital des Christentums lebe, das er nicht erneuern könne. Wenn dieses verbraucht sei, werde der Liberalismus zunehmend zu einem totalitären Säkularismus werden.5

Der katholische Rechtsphilosoph und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde knüpfte an diese Liberalismuskritik in seinem „Böckenförde-Diktum“ an, in dem er darauf verweist, dass der liberale und säkulare Staat von kulturellen Voraussetzungen lebe, die er selbst weder erzeugen noch erneuern könne. Ein solcher Staat sei von einer „moralischen Substanz“ aus einer nicht-liberalen und nicht-säkularen Quelle abhängig. (ts)