Der Prophet Ezechiel und die christliche Berufung zum schützenden Dienst

Spinello Aretino - Sankt Michael und andere Engel (Ausschnitt/gemeinfrei)

Der damalige Priester und spätere Prophet Ezechiel war im Jahre 597 v. Chr. Zeuge des Falls Jerusalems und der existenziellen Krise, die das Volk Israel an den Rand der Vernichtung brachte.

Das Buch des Alten Testaments, das seine Worte wiedergibt, setzt sich intensiv mit den Problemen zerfallender Gemeinwesen auseinander, deren Auflösung schließlich in der Katastrophe endet. In diesem Zusammenhang schildert das Buch jedoch auch die Berufung zum Wächtertum und zum schützenden Dienst, die dem entgegenwirken soll.

Die Wächter seien jene, die Gott damit beauftrage, Krisen frühzeitig zu erkennen und die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, damit „mein Volk Israel in Sicherheit wohnt“1:

  • Wenn sich schwere Zeiten ankündigten, suche Gott nach Männern, die er in seinen Dienst als Wächter berufen könne. Der Wächter sei dafür da, dass er „eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt“ und die bevorstehende Katastrophe abwendet.2
  • Der Auftrag der Wächter sei es zudem, die Lage richtig zu erkennen, vor Krisen und Katastrophen zu warnen3 und die Maßnahmen zu entwerfen und zu formulieren, die erforderlich seien, damit das Volk Gottes überleben könne. Die wichtigste dieser Maßnahmen sei die Wiederherstellung der Bindung des Volkes an Gott und seine Ordnung.4
  • Die Wächter würden vor Gott die Verantwortung für die Menschen tragen, die er ihrem Schutz anbefohlen habe. Wenn sie ihren Auftrag nicht erfüllten, werde Gott sie dafür zur Rechenschaft ziehen.5
  • Die Wächter müssten zur Ausführung ihres Auftrags hart „wie Diamant“ sein, um die Widerstände, denen sie begegneten, überwinden zu können.6
  • Außerdem müssten die Wächter in höchstem Maße wachsam und aufmerksam gegenüber Verfalls- und Auflösungserscheinungen sein. Ezechiel schreibt, dass Gott ihm die Tatsache der bevorstehenden Katastrophe „laut in die Ohren“ geschrien habe.7

Defekte religiöse und politische Eliten erkenne man auch daran, dass sie das Vorhandensein von Krisenpotenzial leugnen oder nicht erkennen und den schützenden Dienst am Volk Gottes verweigern würden:

Ihr seid nicht in die Bresche gesprungen. Ihr habe keine Mauer für das Haus Israel errichtet, damit es am Tag des Herrn im Kampf standhalten kann.8

Solche Akteure seien „wie Schakale in Ruinen“ und „gehören nicht in die Gemeinschaft meines Volkes“.9

Hintergrund

Die Kirche ist nach katholischen Verständnis Volk Gottes, weil Jesus Christus mit ihr einen Bund gestiftet hat. Die durch den Propheten Ezechiel beschriebene Berufung zum Wächtertum im Dienst am Volk Gottes ist somit eine Berufung für Christen.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb die großen Propheten des Alten Testaments als Männer des Unbedingten. Ihr in höchstem Maße fordernder Auftrag sei nur mit übermenschlichen Kräften zu leisten gewesen, die von dorther gekommen seien, „woher die Aufgabe gestellt worden ist“:

Immer wieder sendet Gott Männer mit dem Auftrag, das Volk zum Verständnis seiner heiligen Geschichte zu bringen; ihm die Zeitereignisse her vom Bunde zu deuten; es zum Schritt in den Glauben und zu einem Leben aus dem Gottesbunde heraus zu führen – damit es aus solchem Wagnis eine Erfüllung empfange, die seine natürlichen Kräfte als winziges, von riesigen Staaten umgebenes Volk vollkommen überschreitet. Diese Männer, die Propheten, sind es, welche das alttestamentarische Geschichtsbewußtsein schaffen.

Das Ziel des Wirkens der Propheten sei jedoch nicht nur die Selbsterhaltung des Volkes Gottes gewesen, sondern die Vorbereitung des Reiches Gottes. Dies sei „das Ziel, dem die Geschichte zugeführt wird“ und darauf „geht, durch die dunklen Zeiten, die sie durchqueren muß, ihre Hoffnung.“

Propheten, denen es gelungen sei, Krisen tatsächlich abzuwenden, seien jedoch nicht bekannt. Erst nachdem sich ihre Warnungen bestätigt hätten, habe man sie ernst genommen.

Eine andere Form des schützenden Dienstes beschreibt das längere Zeit nach dem Fall Jerusalems entstandene Buch Nehemia, das zunächst die erneute Verteidigung und anschließend die Erneuerung der von religiösem und kulturellem Verfall gekennzeichneten Stadt schildert. (ts)