Metropolit Hilarion: Zur Lage des Christentums in Europa

Alfons Mucha - Die Einführung der slawischen Liturgie (gemeinfrei)

Hilarion Alfejew ist russisch-orthodoxer Metropolit von Wolokolamsk und Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats. In einem kürzlich in Lissabon gehaltenen Vortrag äußerte er sich zur Lage des Christentums in Europa. Er warnte in diesem Zusamenhang davor, dass sich ein „säkularer Totalitarismus“ in Europa herausbilde und kritisierte die Kirchen Westeuropas dafür, vor entsprechenden Herausforderungen weitgehend kapituliert zu haben.

Das Christentum in Westeuropa habe vor den ihm gegenüberstehenden Herausforderungen größtenteils kapituliert und sich im Zuge von Modernisierungsprozessen in weiten Teilen säkularen Ideologien innerlich angepasst. Von ihm gehe keine erneuernde Wirkung mehr auf die Kulturen Europas aus. Der Protestantismus sei von diesem Problem am stärksten betroffen. Dieses Christentum sei nicht mehr der Wächter des kulturellen und historischen Erbes Europas und beinhalte keinen lebendigen Glauben mehr.

In dieser Lage müssten sich Christen darauf verlassen, dass Jesus Christus solche Bedrängnis vorausgesagt und versprochen habe, dass er jene, die ihm nachfolgen, nicht im Stich lassen werde.

Hintergrund

Hilarion unterstützt der engen Bindung der Russisch-Orthodoxen Kirche an den russischen Staat entsprechend in außen- und sicherheitspolitischen Fragen die Positionen der russischen Regierung. Er gilt als potenzieller Kandidat für höchste Ämter in der russisch-orthodoxen Kirche und tritt für eine strategische Allianz zwischen der katholischen Kirche und der russischen Orthodoxie ein.

Dem Protestantismus in Europa steht er hingegen distanzierter gegenüber. Dieser habe sich zu einer „light Version des Christentums“ entwickelt, die sich im Zuge ihrer Versuche, die christliche Lehre moderner und „politisch korrekter“ zu gestalten, auf dem „Weg zum geistlichen Tod“ befände:

Ein […] Salz, das die Kraft des eigenen Geschmacks verloren hat, werden in dieser unserer Zeit einige protestantische Gemeinschaften, die sich christlich nennen, aber moralische Ideale predigen, die mit dem Christentum unvereinbar sind. Wenn eine Gemeinschaft von dieser Art, den Ritus der Segnung homosexueller Verbindungen einführt, und eine lesbische Frau, die sich selbst als „Bischof“ bezeichnet, dazu auffordert, aus den Hafenkirchen die Kreuze zu entfernen und sie durch islamische Halbmonde zu ersetzen, kann eine solche Gemeinschaft als „Kirche“ bezeichnet werden? Vor unseren Augen wird das Christentum verraten von jenen, die bereit sind, das Spiel der säkularisierten, entklerikalisierten und gottlosen Gesellschaft zu spielen.

Vor einiger Zeit war eine Sammlung mit Aufsätzen Hilarions unter dem Titel „Die Zukunft der Tradition: Gesellschaft, Familie, Christentum“ im Landt-Verlag erschienen. (ts)

14 Kommentare

  1. @ Waldgänger & Kemmer, Hermann-Joseph

    Themen wie Yoga e.a. finde ich vorerst gar nicht so schlecht. Dass sie in Mode sind, zeigt doch nur, dass die Menschen auf der Suche sind und das lässt mich zunächst hoffen. Leider finden sie diese, wie Sie bereits geschrieben haben, in der hiesigen Kirche zu selten. Dabei gibt es einige Klöster, die zur Spiritualität zurückkehren oder sie neu entdecken. Bekannt ist der Autor und Pater Amselm Grün aber auch die Spiritualität der Hildegard von Bingen als „Mystikerin“ hat viele Anhänger.
    Von mir sei hier ein Video verlinkt, in dem ich vor allem die Thematik der „spirituellen Billigangebote“ interessant finde:
    https://youtu.be/podLjTCUpsY
    Einen schönen Abend allen Foristen noch.

  2. @ Kemmer, Hermann-Josef

    Sie fragen:
    „Aber diese stille Spiritualität! Wie soll diese denn erzeugt werden?“

    Ich glaube, dass der Einzelne das immer nur selbst erreichen kann.
    Man kann ihn ermuntern, kann Räume schaffen, kann versuchen, ihn zur Nachahmung zu ermuntern. Erzwingen oder planen lässt sich gar nichts.

    Wahrscheinlich merken Sie inzwischen schon, aus welcher Richtung ich komme.
    Ja, es ist eher die kontemplative Richtung der Möche und wohl auch der Mystiker. Leider ist dem Begriff der „Mystik“ viel Schindluder getrieben worden ist, dabei ist man hier m.E. der Quelle näher als in den Bibiotheken. Man denke nur an Meister Eckhart, Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz oder Angelus Silesius.

    In der Folge ruhen Menschen, die diesen Weg beschreiten, oft mehr in sich selbst – wobei „selbst“ in diesem Falle ja eher ein dehnbarer Begriff ist – und beeindrucken dadurch auch andere.
    Eben das fehlt der Kirche heute nahezu vollständig: die natürliche Autorität spiritueller Persönlichkeiten.
    Und da die Leute merken, dass in den Kirchen die Zahl der Nullen gewaltig ist, und die der wahren Autoritäten sehr klein – nun deshalb wenden sich noch mehr ab als ohnehin schon.
    Beten wir, dass einer gesandt wird und seine Aufgabe erkennt.

    In der Stille, im Schweigen kann man mehr als sonst erfahren (muss nicht, aber kann), dass die Worte selbst oft nur Gleichnischarakter haben und die Sachverhalte bloß vage beschreiben und zu umfassen versuchen.

    Erst recht sollte man nicht allzu sicher sein, komplexe und abstrakte Sachverhalte überhaupt immer mit Worten fassen zu können. Und Religion ist nun wirklich eine ziemlich komplexe und abstrakte Angelegenheit …!

    Das relativiert jedes Beharren auf bestimmten Worten und Formulierungen, sobald man die physisch-konkrete Ebene (z.B. bei einer technischen Gebrauchsanleitung) verlassen hat.

    • Werter Waldgänger, werte(r) Philosil
      Dank für ihre Antwort. Ja, es ist schon wahr, was Sie schreiben. Jedoch finden immer weniger Menschen den Weg in die Stille. Wenn ein Mensch wie Sie (Ihr Nickname scheint ein gewisses Programm für Sie zu sein Wald = Stille, super!) Früher zu Zeiten der hl. Hildegard oder Meister Eckart oder auch für Leute wie Anselm Grün, ein Mönch, waren Klöster die Orte der Stille. Sind sie auch heute noch, zumindest können sie es sein. Mit Einführung von Volksmusik, Volkssport, TV und anderen Ablenkungen fand man wohl Mittel und Wege eben aus diesem Stilleangebot der Natur und Gottes herauszufinden. Diese Stilleangebot war für viele Menschen erdrückend. Dankbar haben sie diese Ablenkungen wie die alten Römer die Brot-und-Spiele-Mentalität begierig aufgenommen und ausgelebt. Da wurde dann wohl zuhause vom letzten Löwenfraß von Christen im Kolosseum begeistert herumgeschwatzt.

      Lange Rede, kurzer Sinn. Mystiker kann und wird es heute auch noch geben, aber ihre Zahl schwindet eben auch wie die Kirchenbesucher. Die Gründe haben Sie genannt und dem stimme ich voll zu. Die Mystiker von heute müssen dies schon wollen bei all dem modernen Lebensweisen.

      Und weiter: Einige Mystiker hatten wohl auch in einigen Fällen Visionen außerordentlicher Art. Auch dieses hat irgendwie abgenommen oder diese Visionen werden nicht mehr als göttlich oder satanisch wahrgenommen, sondern eher naturwissenschaftlich. Dieser Aspekt wurde von Ihnen nicht aufgeführt. Diese Visionen ereigneten sich wohl auch in der Stille und vornehmlich in kontemplativen Versenkungen. Und wer diese Eingebungen hat, kann auch leichter glauben.

      Ja, die Einsiedler, die in Österreich allein in ihrer Klause auf einem relativ unzugänglichen und/oder beschwerlichen Weg erreichbar waren, waren wohl auch solche Mystiker. Jedenfalls suchten die Menschen in deren Gegenwart Ruhe und Entspannung und so manches wertvolle Gespräch wurde geführt. Aber auch hier: Fast alle Klausen sind leer.

      Ich beglückwünsche Sie zu ihrem gefundenen Weg, den Weg der Stille und der Kontemplation/Mystik gehen zu können. Mir würde das mehr als schwer fallen. Ich bin da mehr der Typ für Stoßgebete, die ich überall bete, ob im Kaufhaus als Dank, beim Hören des Martinhorns oder bei einem Kurzbesuch in der Kirche, wenn sie leer ist. Mir z. B. fällt es sehr schwer, länger in einer leeren Kirche zu verbringen und zu beten. Ich bewundere die Menschen, die das können.

      Zu Yoga: https://www.cai.org/de/zeugnisse/der-geistige-betrug-von-yoga

      Ein durchaus ernstzunehmender Artikel.

  3. @ Geschätzter Waldgänger,
    was das Thema Bilder/Mythen betrifft, werden Sie hier hoffentlich kompetentere Gesprächspartner als mich finden. Mein Standpunkt ist recht einfach: Der heutige Mensch – läßt man alle pseudointellektuelle Schnurpfeiferei einmal weg – ist genauso erreichbar wie alle Generationen vor ihm. Mir ist nicht einsichtig, warum die Sprache der (göttlich inspirierten) Heiligen Schrift ausgerechnet ihn nicht mehr erreichen können sollte?

    Gerade den von Ihnen vermissten (und völlig mißglückten) „Brückenschlag zwischen traditioneller Lehre und dem technisch-wissenschaftlichen Denken“ sehe ich übrigens in der anthropozentrischen Wende (Lubac, Rahner etc.) des Konzils. Auch auf die peinliche Lobhudelei von Papst Paul VI. vor der UNO („Auch wir haben ihn, den Kult des Menschen“) wäre hier einzugehen, seit dieser Zeit dominieren die belanglosen menschlichen Befindlichkeiten die Messe, die Kirche hat sich da zwischen IG Metall und Pro Asyl eingereiht.

    In besagter „Lagebeurteilung“ gibt es keinen Unterschied zwischen uns. Die „Oberste Heeresleitung“ ist hartnäckig unwillig, die Mobilmachung auszulösen, die Reservisten wähnen sich daher im tiefsten Frieden und die Kadertruppen haben nur unzureichende Vorstellungen, was von ihnen eigentlich zu leisten wäre. An Widerstand ist so nicht zu denken, es sei denn, perspektivisch durch sog. Überrollgruppen („stay behind“) – denn auf die von Ihnen angesprochene Einsamkeit werden wir uns wohl zwangsläufig einrichten müssen, wenn der vom Hl. Paulus vorhergesagte große Glaubensabfall kommt…

    • Werter Kirchfahrter Archangelus,

      Wow! Köstlich! Ein Intellektueller mit kindlichem Glauben und realer Einschätzung. Die Methapher aus dem christlich Militärischen im letzten Absatz bringt es voll auf den Punkt. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

  4. Werter Waldgänger,

    Sie schreiben: Hinzu kommt aber noch ein weiterer Zusammenhang, den ich auf dieser Seite bereits mehrfach erwähnt habe, der allerdings hier nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen scheint. Ich meine damit die gewaltig unterschätzte Problematik, dass die religiöse und christliche Botschaft immer noch in der Sprache und mit den Bildern 2000 Jahre alter Mythen vermittelt wird. Das ist der Mehrheit der heutigen Menschen im Westen intellektuell nicht mehr vermittelbar.
    Es ist einfach so.

    Jugendmessen, Familienmessen oder -gottesdienste sind doch m. E. gerade die christlichen Stilmittel, mit denen die kath. Kirche, erst recht die evangelische Kirche, versucht hat, die Christen an sich zu binden. Das war allerdings ein Reinfall. Es hat nichts gebracht. Sie schreiben selbst von Mythen, also von Mär, von Märchen oder von sagenhaften Teilwahrheiten der Schrift. Bereits da beginnt m. E. ein Denkfehler. Wer meint, die Wunder Jesu oder die Hl. Schrift bis zur Unkenntlichkeit interpretieren zu müssen, läuft Gefahr, dass der Kern des Evangelium bis hin zur überlebenswichtigen Auferstehung Jesu verwischt wird und genauso sieht auch der Glaube der Gottvergessenheit der Vielen aus. Da beginnt bereits die unterschiedliche Beurteilung eines jeden einzelnen Christen. Das glaub ich oder das glaub ich nicht.

    Meiner Meinung nach können Sie einem Physikprofessor oder anderen geistig hochstehenden Intellektuellen kaum die Forderung Jesu „zumuten“, den Glauben anzunehmen wie ein Kind. Das aber ist der Kern der christlichen Botschaft. Das zu akzeptieren, was Jesus getan und gesagt hat. Der intellektuell „Wissende“, dessen Wissen ja geradezu in der heutigen Zeit exorbitant wächst, wird sich – egal, wie es ihm vermittelt wird – kaum einem „kindlichen“ Glauben zuwenden. Das Problem erkannte Herr Bultmann bereits, als er angesichts von TV und Radio die Wunderwelt des NT nicht akzeptieren konnte und Jesu Wunder einfach vom Tisch wischte. Das naturwissenschaftliche Wissen hat sich seit Bultmann vervielfacht. Der Glaube beginnt mit der inneren Annahme der Botschaft Christi eben entgegen aller Lehrsätze der Physik, der Chemie und Biologie und der angewandten PC-Technik.

    Wie wollen Sie diesen Menschen, die nie an Wunder glauben werden, weil sie mental die Möglichkeit einfach nicht zulassen werden, dass es dieses punktuelle Wundereingreifen Gottes (also die von der Natur, was immer dieses Zufallsprinzip auch sein mag) in die von ihm selbst geschaffenen naturwissenschaflichen Gegebenheiten gibt. Selbst Nahtoderfahrungen werden mit neurologischen Endprodukten des sterbenden Gehirns naturwissenschaftlich vom Tisch gewischt. Denn wohl auch im Wissenschaftsbereich wird wohl auch der ideologische Grundsatz gelten: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“, so Christian Morgenstern.

    Darum geht die kath. Kirche auch z. B. in Lourdes gut vor, die dortigen Wundergeschehnisse von objektiven Ärzteteams aus aller Welt kontrollieren zu lassen.

    Oder habe ich Sie jetzt völlig falsch verstanden? Wie würden Sie denn konkret das Evangelium praxisnah nach Ihren Vorstellungen einem Intellektuellen, dessen Religion die Wissenschaft ist, verkünden wollen? Und dazu zählen auch die vielen Atheisten, intellektuell nicht zu den Leuchten zählen. Wie wollen Sie diesen Menschen den Glauben vermitteln?

    Würde Jesus heute leben, hätte das Christentum möglicherweise bessere Chancen, allerdings würde Jesus heute hier in Deutschland nicht hingerichtet werden und er könnte sein Erlösungswerk wohl kaum in die Tat umsetzen. Da brauchte es schon die brachiale Todesstrafe.

    Über die orthodoxe Kirche kann ich wenig sagen. Allgemein ist jedoch über beide Kirchen zu sagen, dass das Christentum wohl immer mit den jeweils Mächtigen im Bunde stand, soweit es nicht den antichristlichen Kommunismus oder Sozialismus betraf. Jedoch war die Kirche immer da gern zu finden, wo die Machtzentren sich befanden. Da unterscheiden sich die Kirchen wohl kaum voneinander außer eben im orthodoxen wohl stark ausgeprägten Mönchstum, welches ja das christliche Gedächtnis von Jahrhunderten für Inselchristentumsgegebenheiten der Zukunft hat konservieren können. Die Fakten, die durch die Mitkommentatoren geliefert wurden, sind sehr interessant. Dank dafür. Der Vatikan als eigener Staat hätte wohl mehr die Möglichkeit, selbstständig zu sein. Diese Möglichkeit bleibt jedoch ungenutzt und wird letztlich sogar geschwächt durch Äußerungen, die den Globalismus wie den Synkretismus stärken und die Nationen schwächen.

    Insgesamt ist zu sagen, 2 Christen, 2 Glaubensinhalte, zumindest hier im Westen.

    Grund: Mangelnde Katechese und wenn Katechese, möglicherweise eine inhaltlich unterschiedliche. Wenn 2 Christen bereits verschiedene Glaubensvorstellungen haben, wie soll da Kirche wachsen und gedeihen? Einigkeit wäre angeraten. Was sind die Ur-Glaubensbestandtteile? Die zu erurieren und festzulegen, wäre zumindest ein Ansatz. Das Glaubensbekenntnis wäre da hilfreich. Damit steht und fällt das Christentum. Und da sollten Möglichkeiten bestehen, sich zu einigen. Und jeder Christ sollte sich wirklich fragen: Glaube ich das wirklich, was ich da sonntäglich bete und singe? Würde ich dafür den Märtyrertod sterben? „Jesu, Dir leb ich, Jesu, Dir sterb ich!“ Aber genau diese Stärke des Glaubens sollte ein Christ haben und darauf sein Leben aufbauen. Ich bin da das unwürdigste aller Vorbilder. Aber es kommt auch auf den guten Willen an.
    Ebenso wie die Eucharistiefrage, die ja noch immer unterschiedlich gehandhabt wird.

    Da müssen wir ansetzen! Anderes kann ich mir nicht vorstellen.

    Da stehen dann aber auch letztlich klerikale Machtinteressen diametral entgegen. Selbst Gemeinden einer Konfession sind sich nicht immer grün. Und die kath. Kirche bietet zurzeit ja ein desolates Gesamtbild, dass es einen graust, was Missbrauchsfälle anbelangt.

    • @ Lieber Herr Kemmer,

      Sie haben mich schon richtig verstanden.
      Und mit Ihren eigenen Worten …

      „Meiner Meinung nach können Sie einem Physikprofessor oder anderen geistig hochstehenden Intellektuellen kaum die Forderung Jesu „zumuten“, den Glauben anzunehmen wie ein Kind. Das aber ist der Kern der christlichen Botschaft. Das zu akzeptieren, was Jesus getan und gesagt hat. Der intellektuell „Wissende“, dessen Wissen ja geradezu in der heutigen Zeit exorbitant wächst, wird sich – egal, wie es ihm vermittelt wird – kaum einem „kindlichen“ Glauben zuwenden.“

      … haben Sie aus meiner Sicht den Kern des Problems präzis beschrieben.

      Dieses Problem gibt es ja im Prinzip seit der Zeit der Aufklärung, doch gelang es für einige Zeit, es einzudämmen und auf eine eher kleine Intellektuellenschicht zu begrenzen. Im 20. Jahrhundert brachen dann die Dämme …
      Heute hat es ein absolut kritisches Ausmaß erreicht.

      Auch hier sind wir auf einer Linie:

      „Wie würden Sie denn konkret das Evangelium praxisnah nach Ihren Vorstellungen einem Intellektuellen, dessen Religion die Wissenschaft ist, verkünden wollen? Und dazu zählen auch die vielen Atheisten, [die] intellektuell nicht zu den Leuchten zählen. Wie wollen Sie diesen Menschen den Glauben vermitteln?“

      Ja, genau DAS ist die Frage.
      Eine Frage, um die sich viele herumwinden, eben weil sie so heikel ist.
      Und das ist ja auch das Problem der Vielen, die der Kirche innerlich sehr wohlwollend gegenüberstehen, ohne dass sie im engeren Sinne noch als gläubige Christen zu bezeichnen sind.

      Bei eben dieser Frage scheiterte ja bereits die frühe Kirche im 3. Jahrhundert, weil die gebildete römische Oberschicht zwar um die gedankliche Dürftigkeit der altrömischen Kulte wusste, aber im Christentum keine intellektuell befriedigende Alternative sah.
      In der Folge wandten sich die Gebildeten eher dem Neuplatonismus zu, während das Christentum bei den Unterschichten und den Minderheiten Zuwächse erzielte.

      Die Krise des Christentums geht weit tiefer als viele meinen. Mit einer moderneren Sprache, einer Veränderung des Ritus, einer stärkeren Einbindung von Laien, der Abkehr vom Zölibat, Jugendmessen oder der Geschiedenenheirat bleibt man an der Oberfläche. Deshalb blieb das Vaticanum II ja auch so wirkungslos!

      Die Ablehnung und der Unglaube der Mehrheit betreffen gar nicht so sehr die äußerlichen Formen – da setzt die Kritik nur zuerst an – sondern Kernelemente kirchlicher Lehre und Überlieferung: Jesu doppelte Natur, Erlösung, Auferstehung.

      Wie schon einmal angedeutet, siehe ich für das Christentum überhaupt nur die Chance darin, den Weg zu einer stillen Spiritualität jenseits von vielen Worten, von Dogmen, Lehrsätzen und übertriebener Werkgerechtigkeit zu gehen.

      Dieser Weg wäre ein anderer als der von Papst Franziskus oder der Evangelischen Kirche, die ja meinen, die Kirchen retten zu können, indem man sie in NGO´s einer (politisch korrekten) Werkgerechtigkeit verwandelt. So nimmt man der Kirche aber die Spiritualität und damit die Seele.

      @ Lieber PhilosII

      Stimme ihnen vollkommen zu: Die Situation der christlichen Kirche in Osteuropa ist anders, ist etwas besser. Das hat m. E. auch mit der nicht stattgefundenen Reformation und der größeren spirituellen Innerlichkeit im Osten zu tun. Die Ostkirche war nie in dem Maße verkopft und intellektualisiert wie die westlichen Kirchen es beinahe seit den Kirchenvätern sind.

      • Werter Waldgänger,

        Dank für Ihre Erläuterungen. Da bin ich ganz bei Ihnen. Änderung der Messriten bringen es nicht, wenn der eigene Glaube, das Bedürfnis nach Spiritualität durch Lärm in jeder Form förmlich im Keim erstickt wird. Aber diese stille Spiritualität! Wie soll diese denn erzeugt werden? Diese Frage bleibt. Und da die Kirche zurzeit ein total desolates Bild abgibt, werden viele Menschen sich auch gerade innerlich abwenden.

        Wir dürfen also wohl nur hoffen, dass das Herz unruhig bleibt, bis es ruht in Gott. Diese Herzens- oder Seelenunruhe ist allerdings bei den meisten Menschen – und mich da auch eingeschlossen – so leicht durch alle möglichen technischen Hilfsmittel überdeckbar. Die Stille wird ja eben gerade nicht gesucht. Es wird diese innere Unruhe ja gerade selbst vor dem Schlafengehen überdeckt mit Schlafmitteln, damit die Stille möglichst kurz ist und man eben gedanklich dieser Welt durch Verkürzung der Einschlafphasen entfliehen kann. Bloß nicht nachdenken.

        Das Augsburger Gebetshaus könnte eine Lösung für Menschen sein, die den Glauben suchen, die diese Unruhe des Herzens zulassen. Viele junge Leute haben einfach kein Bedürfnis mehr, die eigene Seele zu „ernähren“. Sie meinen, mit allen Formen von „Action“ ihre Seele betäuben zu können und das gelingt ihnen wirklich prima. Selbst jahrzehntelang erlebt.

        Es hat sich bei den Normalsterblichen m. E. eine Art von aktiver Weigerung eingestellt, auf irgendwelche inneren Stimmen, auf leise Töne, auf andere unspektakuläre Initiierungen für die Seele zu lauschen und sich mit diesen gedanklich auseinanderzusetzen. Daran krankt wohl auch diese Gesellschaft nicht nur in religiösen Dingen.

        Uns bleibt wohl nur die Hoffnung auf das direkte Eingreifen Gottes in diese gottesvergessene Welt und dem Anhängen falscher Götter.

        Mit Wehmut dürfen wir auf die Wenigen schauen, die noch als „Betschwestern“ verkannten Menschen, die sich auch in hohem Alter noch heute im wahrsten Sinne des Wortes zu 2 oder 3 zusammenfinden und den Rosenkranz oder die Alltagsgottesdienste besuchen. Ja, die Ära der stillen Beter, die niemand bemerkte, die in den 70er und 80er Jahren hochmütig „belächelt“ und nicht selten als „Heuchler“ abgestempelt wurden, fehlen zunehmend. Die neue Rentengenration will nur noch die Reste des Lebens aktiv erleben und verfallen im Grunde in den gleichen Modus wie die Jungen, bitte Ablenkung. Sie rücken in den Kirchen nach dem Arbeitsleben einfach nicht mehr nach.

        Und wenn Stille, dann angeleitete Yoga-Übungen, die sich nur im Selbst verlieren im Nirwana, wo eingeübt wird, jeglichen Gedanken aus der Birne mental zu eliminieren in der Hoffnung, dass irgendwo da drinnen das Selbst erscheint wie eine Lichtgestalt.

        Das „Wie“ wird immer größere Bedeutung haben.

  5. @Waldgänger
    Tatsächlich war die orthodoxe Kirche im Osten Europas unter dem Kommunismus fast zum Erliegen gekommen. Dass sich heute 80 Prozent allein der Russen zum orthodoxen Christentum bekennen, gibt Anlass zur Hoffnung – auch wenn nur 4 Prozent regelmäßig die Göttliche Liturgie besuchen. Ähnliches gilt für alle anderen orthodoxen Länder auch.
    Interessant scheint mir vor allem aber, dass diese Kirchen stets in Notzeiten das Bekenntnis haben stärken können und darüber hinaus ein starkes solidarische Bekenntniss zu allen anderen Dominationen halten. Ich sehe dahingehend für Osteuropa nicht so schwarz. Hinzu kommt auch das historische Gedächtnis der Völker, die sich sowohl an die Unterdrückung im Kommunismus als auch unter den Mohammedanern erinnern.
    Zugleich hatte die Orthodoxie nie eine wirkliche Reformation, kaum eine „Aufklärung“ und eine eigene, leichte Form des Humanismus. Das lag wohl auch in der Spaltung in unterschiedliche „nationale“ Kirchen, die Reformen nur einstimmig durchführen konnten und können. Durch Besatzungen und andere politische Umstände blieb die Orthodoxie immer mehr geistlich als politisch oder wissenschaftlich und durch die Verbindung des Mönchtums mit den Gläubigen immer auch Volkskirche.
    Das heißt, dass die Menschen in der Orthodoxie nie den Konflikt zwischen politischer Selbstbestimmung und dem Glauben hatten (außer im Kommunismus) oder Wissenschaft und Glauben. Und das gilt bis heute.
    Daneben ist die Liturgie ein Träger sprachlicher Kultur. Hymnen, die von Serbien über Griechenland bis nach Georgien in je der eigenen Sprache bekannt sind und deren Interpreten Sääle füllen tragen sicher ebenfalls zur kulturellen Identität bei.
    Insofern glaube ich nicht unbedingt, dass man im Westen Brücken schlagen muss. Es fehlt grundsätzlich am Verständnis der eigenen Kultur, der Liturgie, den Gesängen und theologischer Basis. Schon Luther hatte von der eigenen Kirchentradition wenig Verständnis. Wie anders ist es zu erklären, dass er trotz seiner Bildung mit „sola scriptura“ (nur ein Beispiel) das biblische Verständnis aus dem kirchlichen Kontext riss? Fehlende Katechese? Und versuchen nicht gerade die evangelischen Kirchen mit moderner Sprache junge Menschen zu erreichen? Tatsächlich glaube ich, braucht es mehr der Benedikts XVI, die gerade als Theologen, Akademiker und Gegenwartsmenschen zum Kern des Glaubens zurückführen können.

  6. Es ist dagegen schade, dass gerade in der orthodoxen Welt ein Streit vom Zaun gebrochen ist. Ein Teil der ukrainischen Orthodoxen will sich vom Moskauer Patriarchat emanzipieren – wohl von der westlich orientierten Politik unterstützt. Leider hat der Patriarch von Konstantinopel sein Recht wahrgenommen und zwei Bischöfe entsandt, um Vorbereitungen dafür zu treffen; ohne Vereinbarungen mit Moskau. Letztere reagierten und haben eine gemeinsame Kommunion mit Bischöfen des Patriarchats von Konstantinopel unterbunden. Gleiches gilt mit sämtlichen Zusammenkünften. So bleibt auch offen, wie die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland mit dem Vorsitzenden Metropoliten Augustinos weitergehen kann. Traditionell hat das Patriarchat von Konstantinopel als primus inter pares den Vorsitz. Moskau fügt sich dem nun nicht mehr. Die Spaltung des Westens macht sich nun auch hier breit und ich hoffe, dass beide Parteien einen Schritt zurück weichen.

  7. Eine strategische Allianz zwischen den noch nicht durch Kernfäule beschädigten Teilen der katholischen Kirche mit den orthodoxen Kirchen ist einer der vernünftigsten Gedanken der letzten Zeit.

    Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht, aber es ist zumindest eine kleine Chance.

    • Ich frage mich, ob überhaupt eine Chance (und sei es auch nur eine kleine) besteht. Dass Teile des katholischen Innenraumes in Fäulnis übergehen, da mutwillig die nahrungsspendenden Wurzeln der Tradition gekappt wurden – d’accord. Inwiefern Rom ein strategisches Bündnis mit den Ostkirchen präferiert, weiß man nicht. Man sieht jedoch, dass ein „strategisches Bündnis“ mit Peking derzeit bedrohliche Gestalt annimmt…

      Inwiefern besagte Ostkirchen überhaupt objektiv „bündnisfähig“ sind, bleibt wegen ihrer starken Fraktionierung abzuwarten. Durch die übermäßige Identifikation der jeweiligen Kirche mit dem eigenen Volkstum (die orthodoxen Kirchen beanspruchen traditionell das gesamte Gebiet eines Staates als sog. „kanonisches Territorium“) und damit schlußendlich der Regierung (darin durchaus vergleichbar mit einigen protestantischen Dominationen) wirken sich hier weltliche Konflikte (wie etwa der Ukraine-Konflikt) unmittelbar in der kirchlichen Sphäre aus.
      Vor diesem Hintergund scheint mir Skepsis angeraten.

      • @ Kirchfahrter Archangelus

        Stimme Ihnen vollkommen zu; auch bei mir überwiegt die Skepsis.

        Die Lage der christlichen Kirche(n) in Westeuropa ist heute nicht nur ernst, sondern geradezu katastrophal und eigentlich nur noch mit der Situation der altrömischen Heiden im mittleren 4. Jahrhundert zu vergleichen.
        Oder – um ein militärisches Bild zu gebrauchen – die christliche Botschaft der Kirchen steht auf verlorenem Posten und ist mitunter sogar in abgeschnittenen Stellungen inmitten eines vom Gegner bereits infiltrierten, teils auch regelrecht eingenommenem Gelände. Fahnenflucht allerorten – besonders bei den Offizieren – die sich nun bei den Siegern anbiedern.

        Hinzu kommt aber noch ein weiterer Zusammenhang, den ich auf dieser Seite bereits mehrfach erwähnt habe, der allerdings hier nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen scheint. Ich meine damit die gewaltig unterschätzte Problematik, dass die religiöse und christliche Botschaft immer noch in der Sprache und mit den Bildern 2000 Jahre alter Mythen vermittelt wird. Das ist der Mehrheit der heutigen Menschen im Westen intellektuell nicht mehr vermittelbar.
        Es ist einfach so.

        Anders gesagt: Der Kern des Problems ist nicht so sehr das Vatikanische Konzil der 1960er Jahre, nicht die Abkehr von der lateinischen Messe, sondern der – von konservativer Seite – bisher eigentlich nie versuchte Brückenschlag zwischen traditioneller Lehre und dem technisch-wissenschaftlichen Denken der Moderne.
        Auch Metropolit Hilarion steht für dieses Beharren, bei dem man allerdings rasch recht einsam wird …

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