Werner J. Patzelt: Die Sehnsucht nach der Bewahrung Europas

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt lehrt an der Technischen Universität Dresden. In einem Vortrag am katholischen Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg betonte er vor einiger Zeit, dass die Zukunft Europas angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen vor allem davon abhänge, dass es in ihm Kräfte gebe, in denen die „Sehnsucht nach dem Bewahren“ lebendig sei.

Diese Sehnsucht zu wecken sei angesichts einer zunehmend hervortretenden anti-kulturellen Tendenz zur Selbstaufgabe von herausragender Bedeutung:

Wir sollten eine gewisse Sehnsucht nach dem Bewahren dessen, was wir haben, wecken. Denn dieses Europa ist ein unglaublich unvorstellbares und kostbares Kunstwerk. So etwas wie unser Europa […] wird nie wieder entstehen, wenn es einmal nicht mehr da ist. Es ist ein Schatz, den wir kommenden Generationen weitergeben sollten, weswegen wir es auch aussagen können müssen. Und nicht bequem auf die Position geraten sollten, außer europäischen Sprachen sei eine spezifische europäische Kultur nicht mehr nachweisbar.

Es gebe in Europa einen „mangelnden Willen, das Eigene so zu artikulieren, dass es sich nicht im Pathos einer Sonntagsrede erschöpft“. Falls es nicht gelinge, den Ideologien der Selbstaufgabe entgegenzutreten, würden diese das „Ende dessen, was unser altes Europa ist“, bewirken.

Hintergrund

Patzelt bezog sich in seinem Vortrag auf Äußerungen der damaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, die 2017 erklärt hatte, dass eine „spezifisch deutsche Kultur […] jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei. Auch der französisch Präsident Emmanuel Macron hatte 2017 vor seinem Amtsantritt erklärt, dass eine französische Kultur nicht existiere, sondern nur vielfältige Kulturen in Frankreich.

Sie stützten sich dabei auf kulturrelativistische Ideologie, die zuletzt u.a. Bassam Tibi und Kacem El Ghazzali als eines der Hauptprobleme der westlichen Postmoderne kritisiert hatten, weil sie die Auflösung und damit die Zerstörung der Kulturen Europas propagiere.

Die katholische Soziallehre lehnt diese Ideologie ab. Sie bejaht die Kulturen Europas und tritt für ihre Bewahrung ein:

  • Die katholische Soziallehre betont laut Kardinal Joseph Höffner, dass ein Gemeinwesen, dessen Kultur durch die Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein „verwirklichter Gottesgedanke“ sei und zur „Ehre und Verherrlichung des Schöpfers“ beitrage. Eine solche Kultur sei daher unbedingt schützenswert.1
  • Der hl. Johannes Paul II. verstand die auf dem Christentum beruhenden Kulturen Europas ebenfalls als verwirklichte Gottesgedanken. Diese seien ein „geistiges und moralisches Bauwerk“, welches „das kostbarste Erbe“ der Menschen Europas darstelle.2 Christen müssten diese Kulturen bewahren und für sie kämpfen.3

Bereits Piux XI. hatte angesichts der Bedrohung Europas durch totalitäre moderne Ideologien im 20. Jahrhundert dazu aufgerufen „im Kampf gegen die Verneiner […] des christlichen Abendlandes“ tätig zu werden.4(ts)