Bischof Barron: Kampf ist die richtige Antwort auf die Krise der Kirche

Guido Reni - Der Erzengel Michael besiegt Satan (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der amerikanische Bischof Robert Barron hat katholische Christen vor dem Hintergrund der Unterwanderung der Kirche durch korrupte Netzwerke zum Kampf aufgerufen. Man habe es mit einer existenziellen Bedrohung für die Kirche zu tun. Die Lage sei ernst.

In der gegenwärtigen Lage solle man sich als Katholik daran erinnern, dass die Kirche der Leib Christi und die Gemeinschaft der Heiligen sei. Diese Kirche sei es wert, dass man für sie kämpfe.

  • Wie die Menschen in einem von Bürgerkrieg betroffenen Staat müsse man sich jetzt entscheiden, ob man sich wegen Verfehlungen in der Führung eines Staates gegen sein Land stelle oder ob man sich für es einsetze, indem man gegen die Missstände kämpfe.
  • Gerechter Zorn sei die angemessene Reaktion auf die immer stärker sichtbar werdenden Aktivitäten korrupter Netzwerke in der Kirche und Grundlage für die von jedem Gläubigen persönlich zu ergreifenden Maßnahmen dagegen.
  • Wer sich als katholischer Laie noch nicht an diesem Kampf beteilige, solle es jetzt tun, indem er die Gemeinschaft mit anderen suche, in der Kirche Präsenz zeige und wie die Propheten des Alten Testamentes seine Stimme erhebe und unbequeme Wahrheit ausspreche. Die Propheten hätten im Angesicht des Bösen nicht kapituliert und seien auch nicht geflohen.

Durch diesen Kampf diene man nicht nur Gott und seiner Kirche, sondern auch den Schutzbedürftigen, die von den korrupten Elementen in der Kirche bedroht würden und die man nicht im Stich lassen dürfe.

Hintergrund: Erkentnisse über die Aktivitäten korrupter Strukturen in der Kirche

Anlass für die Äußerungen Barrons ist die Aufdeckung eines Missbrauchs-Netzwerkes um den ehemaligen amerikanischen Kardinal Theodore McCarrick. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass das McCarrick-Netzwerk nur eines von mehreren war, die alleine im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania für eine vierstellige Zahl von Missbrauchsfällen verantwortlich waren.

Den Ermittlern zufolge seien Teile der Hierarchie der Kirche bis auf die Ebene von Kardinälen entweder an den Aktivitäten dieser Netzwerke aktiv beteiligt gewesen (wie McCarrick) oder hätten diese gedeckt (wie Kardinal Donald Wuerl, der zur Zeit noch Erzbischof von Washington D.C. ist).

Erzbischof Carlo Maria Viganò, ein ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA, hatte vor einigen Tagen den Vorwurf erhoben, dass das McCarrick-Netzwerk auch auf höherer Ebene erfolgreich Einfluss auf Personalentscheidungen in der Kirche genommen habe. Dabei sei es darum gegangen Personen aus diesem Netzwerk in Führungspositionen bringen und die Besetzung dieser Ämter mit Personen, die für eine entschlossenere Bekämpfung von Missständen eintreten, zu verhindern. Die Aktivitäten dieses Netzwerks seien Viganò zufolge von Personen in den höchsten Ebenen der Hierarchie der Kirche geduldet worden.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte 2016 von einem Netzwerk von Homosexuellen gesprochen, das während seines Pontifikats versucht habe, Einfluss auf Entscheidungen des Vatikans zu nehmen. Es ist allerdings unklar, ob es sich dabei um das von Viganò beschriebene Netzwerk handelte.

2005 hatte Benedikt bzw. Kardinal Ratzinger unmittelbar vor dem Antritt seines Amtes erklärt:

Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? […] Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist.

Einige Zeit vor seinem Rücktritt erklärte er:

[D]ie Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Der Umfang und die Beschaffenheit dieser Netzwerke sind noch unklar. Die vorliegenden Informationen sowie kriminologische Studien deuten darauf hin, dass möglicherweise eine größere Zahl solcher Strukturen unabhängig von einander die Kirche unterwandert hat.

  • Während es auch zu Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen kam, ist die Zahl dieser Fälle deutlich geringer. Diese fanden zudem nicht im organisierten Rahmen statt bzw. wurden nicht durch vor allem zu diesem Zweck bestehende Netzwerke verübt. Es ist daher sinnvoll, diese Phänomene als Voraussetzung einer wirksamen Bekämpfung voneinander zu unterscheiden. Es ist zudem angemessen, von einer Unterwanderung durch homosexuelle Netzwerke zu sprechen, da diese Beschreibung das zu bekämpfende Phänomen präzise beschreibt.
  • Dies impliziert im Umkehrschluss nicht, dass homosexuell orientierte Personen grundsätzlich Teil solcher Netzwerke sind. Entsprechende Behauptungen wurden bislang auch von keinem seriösen Beobachter vorgebracht. Es gibt Bewegungen von Menschen mit homosexuellen Neigungen innerhalb der Kirche, die einen christlichen Umgang mit diesen Neigungen unterstützen und die ihrer Berufung zur Keuschheit folgen.
  • Das McCarrick-Netzwerk rekrutierte sich offenbar vor allem aus Mitgliedern, die liberalen Strömungen in der Kirche zuzurechnen sind. Entsprechende Netzwerke wurden jedoch auch in anderen Teilen der Kirche identifiziert. Es handelt sich somit nicht um ein Problem, das ausschließlich liberale Teile der Kirche betrifft.

In Europa waren zuletzt 2016 Aktivitäten eines homosexuellen Netzwerks am zentralen Priesterseminar der katholischen Kirche, dem St. Patrick’s College in Maynooth in Irland, bekannt worden. Dort sei auf „theologisch rigide“ Priesteranwärter bzw. auf solche, die sich kritisch über die Aktivitäten des Netzwerkes geäußert hatten, Druck seitens dessen Leitung ausgeübt wurde. Einige der Anwärter hätten das Seminar daraufhin verlassen.

Erfahrungen bei der Bekämpfung von Netzwerken der Organisierten Kriminalität

Im Bereich der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität ist Zerschlagung solcher Netzwerke in einem frühen Stadium nur durch entschlossenes Führungshandeln möglich. In größeren Behörden oder Unternehmen zum Beispiel existieren zur Bekämpfung entsprechender Aktivitäten interne Kontrollsysteme, die eine frühzeitige Erkennung ermöglichen, sowie mit den nötigen Befugnissen ausgestattete Compliance- oder Sicherheitsabteilungen.

Wo es kriminellen Netzwerken gelungen ist, Fuß zu fassen, wird ihre Bekämpfung und Zerschlagung deutlich schwieriger, da sie ab einem bestimmten Stadium auch die Institutionen unterwandern, die für ihre Bekämpfung zuständig sind, oder auf andere Weise Einfluss auf sie nehmen. Wo solche Netzwerke stark genug sind, versuchen sie auch, die politischen Entscheidungsträger zu korrumpieren, die Einfluss auf das Handeln solcher Institutionen haben.

Im Endstadium dieser Entwicklung kontrollieren solche Netzwerke ganze Staaten. Wo dieses Stadium erreicht ist, kann dem nur noch durch die Schaffung von klandestinen Gegennetzwerken oder die Bekämpfung von außen wirksam begegnet werden.

Im mittleren Stadium gibt es immer noch Möglichkeiten, den Einfluss solcher Netzwerke zurück zu drängen. Dazu werden in der Regel durch eine politische Führung oder durch hinreichend mächtige, noch nicht korrumpierte Personen aus dem Umfeld dieser Führung neue Institutionen mit Personal geschaffen, bei dessen Auswahl besonders hohe Standards angewendet werden. Solche Institutionen werden zudem mit wirksamen internen Kontrollsystemen versehen.

Zweck dieser neuen Institutionen ist entweder die Kontrolle der bestehenden korrumpierten Institutionen oder die schrittweise Übernahme ihrer Aufgaben, was immer auf den Widerstand krimineller Netzwerke und der sie unterstützenden Personen in Politik und Institutionen stößt.

In den neuen Institutionen entsteht auch neues Führungspersonal, das mit der Unterstützung der nicht korrumpierten Elemente in einem Staat auch Aufgaben außerhalb der neuen Institutionen übernehmen und Missstände in diesen abstellen kann. Am Ende dieses Prozesses sind die alten Institutionen entweder abgelöst oder erneuert und korrumpierte Personen aus Führungsämtern entfernt. (ts)