Die Krise des Landes Logrien und ihre Überwindung im Gralsmythos

Perceval erreicht die Gralsburg - Darstellung aus Frankreich, ca.1330

Um das Jahr 1190 veröffentlichte Chrétien de Troyes die älteste bekannte Erzählung des Gralsmythos unter dem Titel „Die Geschichte vom Gral“. Ihr stellte ein unbekannter Autor einen Elucidation genannten Prolog voran. Dieser handelt von der Krise des Landes Logrien, dessen König die transzendente Ordnung verletzt und das Land von seinem geistigen Zentrum trennt. Der Text handelt außerdem von einer Gemeinschaft von Rittern, die gegen das damit verbundene Böse kämpft und das Land durch die Wiederanbindung an sein geistiges Zentrum erneuert.

Der Text der Elucidation wurde nur in einem einzelnen Manuskript überliefert, bei dem es sich wahrscheinlich um eine Abschrift einer teilweise zerstörten Vorlage handelt. Der Text ist unvollständig, enthält zahlreiche Brüche, wurde stellenweise fehlerhaft übertragen und ergänzt, wirft unbeantwortete Fragen auf und enthält mögliche Verweise auf nicht erhaltene ältere Texte, was ihn als besonders rätselhaft erscheinen lässt.

Dieser Beitrag über die Elucidation stützt sich auf die deutsche Übersetzung von Konrad Sandkühler.1 Eine englischsprachige Übersetzung ist hier verfügbar.

Der Gralsmythos und die Spiritualität des christlichen Rittertums

Die Elucidation nennt den Gralsmythos das „hohe Lied der schönsten Geschichte, die es gibt“. Den Stand der Forschung zu diesem Mythos haben wir hier zusammengefasst. Demnach handelt es sich bei diesem Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters um eine Beschreibung der Spiritualität des christlichen Rittertums.

Dem Religionswissenschaftler Mircea Eliade zufolge beschreiben Mythen Sachverhalte, die mit der für den Menschen nicht unmittelbar wahrnehmbaren transzendenten Wirklichkeit im Zusammenhang stehen. Sie erzählen von heiligen Dingen und verwenden dabei Bilder und Motive aus der materiellen Welt. Auch Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betrachtet Mythen als Ausdruck von geistigen „Visionen, in denen die Menschheit Wahrheit erschaut hat und Lebenswege gefunden hat“.

  • Im Gralsmythos ist der Gral das metaphysische Zentrum der Welt. Entgegen aller Spekulationen aus jüngerer Zeit handelt es sich beim Gral eindeutig um ein Symbol für Jesus Christus bzw. für die Realpräsenz Christi in der Eucharistie.
  • Von der lebendigen Bindung an dieses Zentrum hängt im Mythos der Zustand der Welt der Menschen ab. Das Land des Gralsmythos befindet sich in einer Krise, weil diejenigen, die den Gral bewahren sollten, korrumpiert wurden und die Gnade Gottes nun nicht mehr durch den Gral in die Welt hineinwirken kann.
  • Nur ein Ritter von besonderer Tauglichkeit und Reinheit könne den Gral und die Gralsburg finden, durch seine Taten den kranken bzw. korrumpierten Gralskönig heilen oder ablösen und dadurch das Ende der Krise bewirken.

In einigen Varianten des Mythos wirkt der Bund der Gralsritter gestärkt durch den Gral verborgen in einer von Chaos geprägten Welt, in der sie ein die Ordnung erhaltendes und wiederherstellendes Element darstellen. Diese Motive finden sich auch in der Elucidation.

Teil 1: Die Krise des Landes Logrien

Der Text beschreibt zu Beginn, „wie und weshalb das reiche Land Logrien zerstört wurde“. In diesem Land habe es Jungfrauen gegeben, die in Brunnengrotten lebten und einen „hohen Dienst“ verrichteten, indem sie Menschen aus goldenen Bechern speisten. Sandkühler vermutet, dass dieses Bild Sagen entnommen wurde, die das Thema der übernatürlichen Unterstützung beschreiben, die der im Rahmen der transzendenten Ordnung handelnde Mensch erhält.

Das Land sei von einem König namens Amangon beherrscht worden, dessen Auftrag es gewesen sei, die Jungfrauen zu beschützen. Der König und seine Gefolgschaft hätten sich jedoch durch das Böse korrumpiren lassen, die transzendente Ordnung verletzt und dadurch die Krise des Landes ausgelöst:

König Amangon, der überaus böse und feige handelte, verletzte als erster die gute Sitte, und dann tat es mancher andere ihm nach durch das Beispiel, das er an dem König nahm, der sie doch im Zaume halten und die Jungfrauen in Frieden und Ehre schützen und hüten sollte. Er überwältigte eine der Jungfrauen wider ihren Willen, beraubte sie der Ehre und entriß ihr den goldenen Becher. Den nahm er mit sich fort und ließ sich immer und allezeit daraus bedienen. Davon sollte viel Unheil kommen, denn von nun an diente die Jungfrau nicht mehr […]. Die andren jedoch dienten noch fernerhin. Ach Gott, weshalb nahmen doch die anderen Vasallen die Ehre nicht wahr? Als sie sahen, daß ihr Herr die schönsten Jungfrauen überwältigte, taten sie ihnen in gleicher Weise Gewalt und raubten ihnen die goldenen Becher. So kam denn aus keiner der Brunnengrotten mehr eine Jungfrau, keine diente mehr […]. […]

Ihr Herren, auf diese Art geriet das Land in Verfall. Und der König kam darob zu bösem Ende und alle anderen nach ihm, die den Jungfrauen Leid angetan hatten.

Das Motiv der Jungfrauen in den Brunnengrotten findet sich im Gralsmythos an keiner anderen Stelle. Es verweist jedoch indirekt auf den Gral, etwa in Form der goldenen Becher, aber auch in Form der Jungfrauen, die in anderen Erzählungen den Gral in den Saal der Gralsburg tragen. Auch der korrumpierte König ist ein typisches Motiv des Gralsmythos, so dass die Einbindung dieser nur in der Elucidation zu findenden Motive vermutlich der Verstärkung allgemeiner Gralsmotive dienen sollte.

Als entscheidend wird in der Elucidation so wie in anderen Gralserzählungen dargestellt, dass die Gralsburg, die „das Land so erlaucht gemacht hatte“, in Folge des Handelns des korrumpierten Königs nicht mehr gefunden werden konnte. Losgelöst von seinem metaphysischen Zentrum ging das Königreich schließlich „zugrunde“ und wurde „tot und verödet“.

Teil 2: Die dienende Gemeinschaft und ihr Auftrag

In dieser Lage werden die Ritter der Tafelrunde des König Artus tätig:

Die Fürsten der Tafelrunde lebten zur Zeit des Königs Artus. […] Sie waren so gute Ritter, so tapfer und stark und stolz, so männlich und kühn, daß sie alsbald, sowie sie von diesen Abenteuern erzählen hörten, unverzüglich die Brunnengrotten wiederfinden wollten. Alle schworen insgeheim, sie wollten in Kraft die Jungfrauen schützen […]. Sie wollten die Sippe derer vernichten, die ihnen so großen Schaden zugefügt hatten […]. Wenn sie einen fangen könnten, so würden sie ihn brennen oder hängen. Sie […] schickten Gebete zu Gott, daß er die Grotten wieder in solchen Stand bringe, wie sie ehedem gewesen waren.

Die Ritter begeben sich in „Ehre, in Männlichkeit und edler Kraft“ auf die Suche, auf der sie Kämpfe zu bestehen haben und Verluste erleiden h. Ein Gefangener, der sich als Nachfahre der von Amangon missbrauchten Jungfrauen herausstellt, erklärt ihnen, dass das von diesem geschaffene Unheil nicht wieder gutzumachen sei. Der eigentliche  Auftrag der Ritter bestehe darin, mit der Hilfe Gottes die Gralsburg wiederzufinden, den Ort, „aus dem die Freude kommen soll, so daß dieses Land wieder im Lichte leuchten wird“.

Teil 3: Die Überwindung der Krise

Der Ritter Gauwain ist schließlich der erste, der die Gralsburg findet, wodurch „das ganze Reich genas“. Auch Perceval gelingt dies, „der an Heldentum die Ritter aller Zeiten und Länder übertraf“.

Was das Finden der Gralsburg genau bedeutet, beschreibt der Text nicht. In anderen Texten des Mythos wird jedoch deutlich, was damit gemeint ist. Hier wird die Suche nach der Gralsburg bzw. die Suche nach dem Gral als die Suche nach Gott beschrieben. In der Gralserzählung Robert de Borons beschreibt der Ritter Galahad den Anblick des sich ihm zeigenden Grals als „das Wunderbare, das alles andere übertrifft“. Im Mythos kann der beste Ritter die Gralsburg finden und die Welt wieder an ihr geistiges Zentrum anbinden.

Der Text erwähnt „sieben Hüter“, bei denen es sich mutmaßlich um Ritter handelt, welche siebenmal die Burg finden und die ihnen auferlegten Prüfungen bestehen, wodurch das Land siebenmal aus ähnlichen Krisen gerettet wird:

Dieses Abenteuer schuf große Freude, wodurch das Volk sich wieder nach der großen Zerstörung vermehrte […], wodurch das Reich sich wieder bevölkerte, so daß die Gewässer, die nicht mehr strömten, und die Quellen, die nicht mehr sprudelten, sondern versiegt gewesen waren, wieder durch die Auen rannen. Da wurden die Wiesen grün und üppig und die Wälder dicht belaubt. An dem Tage, da der Hof gefunden ward, wurden im ganzen Lande die Wälder so weit und üppig, so schön und hochgewachsen, daß alle sich wunderten, die das Land befuhren.

Der Text endet damit, dass „Menschen voll großer Bosheit“, die „aus den Grotten stammten“, Krieg gegen König Artus und seine Ritter führen und besiegt werden.

Hintergrund: Der Aufstieg und Fall von Kulturen und der zeitlose Auftrag des bewahrenden Dienstes

Der Gralsmythos ist vielfältig interpretierbar, verleiht aber auch einer Erkenntnis Ausdruck, die von Historikern und Sozialwissenschaftlern erst Jahrhunderte später formuliert wurde. Da eine Religion das Zentrum einer Kultur darstellt, führt die Abwendung vor allem der Eliten einer Kultur von der Religion zur Auflösung und schließlich zum Tod einer Kultur. Von den geistigen Quellen ihrer Kultur abgeschnitten kann eine Gesellschaft ihre kulturelle Substanz nicht mehr erneuern und stirbt.

Leo XIII. erklärte: „Abweichen vom Ziele ist gleichbedeutend mit Verfall; Rückkehr zu demselben bedeutet Heilung.“ Benedikt XVI. betonte vor diesem Hintergrund, dass der Kampf um die Erhaltung der Bindung der Kultur an ihren transzendenten Kern eine zeitlose Aufgabe sei.

Auch der Politikwissenschaftler Eric Voegelin ging von der Möglichkeit einer Erneuerung sterbender Kulturen durch ihre Wiederanbindung an das Transzendente aus. Da die Seele des Menschen und das Transzendente nicht verschwinden würden, wenn man ihre Existenz leugne, würden moderne Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen, je mehr sie sich durchsetzten. Eine allgemeine und umfassende „Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation“ sei möglich, wenn sich die Eliten westlicher Gesellschaften wieder dem „heroischen Abenteuer der Seele, das Christentum heißt“ zuwenden würden. (ts)

1 Kommentar

  1. Man schreibt, „Im Mythos kann der beste Ritter die Gralsburg finden und die Welt wieder an ihr geistiges Zentrum anbinden.“

    Solch ein Mythos gibt uns Hoffnung, dass in unserer Welt, in Wirklichkeit, es wird Ritter geben, die „die Welt wieder an ihr geistiges Zentrum anbinden können.“

    Und wir wissen, dass solch ein Mythos kein Mythos bleiben wird, aber eines Tages wird Wirklichkeit werden.

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