Michel Onfray: Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur

Monsù Desiderio - Der heilige Augustinus inmitten von Ruinen (gemeinfrei)

Der atheistische Philosoph Michel Onfray setzt sich in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Werk „Niedergang“ (frz. „Décadence“) mit dem Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur auseinander. Europa habe den religiösen Kern seiner Identität verloren, weshalb seine Kultur sich „im Endstadium ihres Niedergangs“ befinde. Spät- und Postmoderne würden von den Resten christlicher Kultur leben und diese dabei verzehren. Ein Ausweg sei nicht in Sicht: „Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.“

Kultur als Kampf gegen die Kräfte der Auflösung

Onfray knüpft vor allem an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers an. Kultur sei wie das Leben ein ständiger Kampf gegen die Kräfte der Auflösung bzw. der Entropie. Sie beruhe auf „negentropischen Kräften“, die sich der Auflösung entgegen stemmen:

Eine Zivilisation kämpft […] zunächst gegen das, was sie bedroht. Sie existiert, solange sie sich gegen das behaupten kann, was sie bedroht und ihren Untergang herbeiführen will. […] Die Kultur bekämpft alles, was sie bedroht. Da das Entropieprinzip herrscht, existiert sie nur nach der Logik der Negentropie, welche die Homöostase des Systems ermöglicht. Die Kultur stirbt, wenn das, was sie seit ihrem Bestehen gefährdet, eines Tages die Oberhand gewinnt, weil ihre Kräfte nicht mehr ausreichend vital, gebündelt und wirksam sind. […] So gewinnt am Ende die Entropie die Oberhand: Nachdem sie das Reich belauert, begleitet, bedroht und erschüttert hat, ruiniert und besiegt sie es schließlich vollends. […] Der Niedergang ist eine Zwangsläufigkeit.

Wenn die negentropischen Kräfte in einer Kultur nachließen, werde sie von inneren und äußeren Herausforderungen zu Fall gebracht. Jede dauerhafte Kultur müsse daher immer wieder eine Antwort auf die Frage finden, wie sie diese Kräfte aufrechterhalten kann.

Religion als Kern von Kultur

Kulturen würden wie Kristalle um einen Kern herum entstehen. Im Fall der abendländischen Kultur sei Jesus Christus dieser Kern. Um ihn herum seien eine Religion und Theologie und um diese herum Kunst, Recht und Vorstellungen sozialer Ordnung entstanden.

Unterschiede zwischen den Kulturen seien die Folge der unterschiedlichen Prinzipien, die sie formen und welche die Dinge, denen sie begegnen, in ihre Form zwingen würden:

Eine Kultur schöpft ihre Kraft stets aus der Religion, von der sie legitimiert wird. Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.

Die Krise des Christentums als Ursache der Krise Europas

Die christliche Kultur Europas befinde sich laut Onfray „im Endstadium ihres Niedergangs.“ Die große Zeit des Christentums, von der Kathedralen und Klöster zeugen würden, sei seit langem vorbei. Vom Christentum seien nur eine „ermattete Religiosität“ und ein „sirupartiger Humanismus“ übrig geblieben:

Unser jüdisch-christliches Europa“ befinde sich „am Ende seines Weges“ und „in einer Übergangszeit: in der zwischen dem Ende des Judäo-Christentums und dem Anfang von dem, was sich bislang erst unscharf abzeichnet“, nämlich eine „Zivilisation am Ende aller Zivilisationen, auf die wir uns als Menschheit naiv und verantwortungslos zuzubewegen scheinen“.

Eine der Ursachen dafür sei die Entchristianisierung des Christentums von innen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe als Antwort auf die Herausforderungen der Moderne die „Zerstörung des Heiligen“ und ein „Massaker an der Transzendenz“ verübt:

Im Versuch, die Menschen an Gott heranzuführen, erreichte das Zweite Vatikanische Konzil genau das Gegenteil. […] Es scheint, als habe das Konzil im Versuch, ein Heilmittel zu bieten, die Krankheit noch verschlimmert. Es machte Gott zum Duzpartner, den Priester zum Kumpel, […] die geheimnisvolle Transzendenz zu einer schlichten Immanenz und die Messe zu einer Inszenierung, die an eine Fernsehsendung erinnerte. Es stattete die Rituale mit aktuellen Songs oder naiver Kunst der Gläubigen aus, machte aus der Botschaft Christi ein Gewerkschaftstraktat, aus der Soutane eine Theaterkostümierung und erklärte die anderen Religionen für gleichwertig mit dem Christentum. Damit beschleunigte die Kirche eine Bewegung, die letztlich ihren Untergang bedeuten sollte.

Die Spät- und Postmoderne als Endzeit der abendländischen Kultur

Spät- und Postmoderne seien mit einem „Prozess der Entchristianisierung“ verbunden gewesen. Diese Epochen seien von einer „nihilistischen Gottheit“ bzw. von der Idee geprägt, „dass wir uns befriedigen müssen, egal auf wessen Kosten“. Dies sei der „kategorische Imperativ der liberalen Konsumgesellschaft und der Führungsriegen der totalitären Regime“ gleichermaßen. Auch der Neomarxismus der 68er-Bewegung sei seinem Wesen nach materialistisch gewesen und habe dem Neoliberalismus geistig den Weg bereitet.

Die Epoche der Intellektuellen löste das Christentum in alle Richtungen auf; sie zerstörte und dekonstruierte in großem Stil, brachte aber keinen einzigen neuen Wert hervor, schuf keine neue, positive Kraft.

Der Liberalismus sei die wirtschaftlich leistungsfähigste dieser Ideologien, weshalb er sich gegenüber anderen materialistischen Ideologien schrittweise durchgesetzt habe. Sein Wohlstandsversprechen sei universell ansprechend, weshalb er sich über eine  „Metastasierung des Konsumismus“ global verbreite. Dieser Prozess vernichte den abendländischen Menschen geistig, indem er ihn zu einem bindungs- und identitätslosen, seiner menschlichen Sozialnatur beraubten Wesen mache.

Dieser Prozess sei zunehmend von negativen Erscheinungen begleitet, die zu Katastrophen werden könnten. Spät- und postmoderne Ideologien würden darauf mit Flucht in „beruhigende Fiktionen“ antworten und die Ansprache von Herausforderungen skandalisieren. Gleichzeitig seien diese Ideologien wehrlos gegenüber islambezogenen Herausforderungen:

Man opfert sein Leben nicht für ein iPhone. […] Wir haben den Nihilismus, sie haben die Inbrunst. Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit. Wir leben im Moment und verzehren uns langsam selbst, sie sind auf Du und Du mit der Ewigkeit, die sie glauben erreichen zu können, wenn sie für ihre Sache sterben. Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft, denn für sie beginnt alles gerade erst, während für uns alles endet. […] Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.

Sein Ende habe dieser Prozess noch nicht erreicht. Es deuteten sich bereits Nachfolgeideologien der gegenwärtig vorherrschenden Ideologien an, etwa ein „autistischer Hedonismus“ sowie ein Transhumanismus, dessen Utopie die Abschaffung des Menschen anstrebe. Vermutlich werde diese Ideologie die letzte in der mit ihr endenden Geistes- und Kulturgeschichte Europas sein.

Bewertung

Onfrays Buch ist in sich höchst widersprüchlich. Diese Rezension gibt nur die kulturtheoretischen Gedanken des Autors wieder und nicht seine polemischen Ausführungen zur Geschichte Europas, die den Großteil des Buches ausmachen. Diese Ausführungen wurden von anderen Rezensenten als „Kathedrale der Ignoranz“ bezeichnet, weil sich Onfray hier nur in polemisierender Form mit der Geschichte Europas auseinandersetzt, die er ausschließlich als negatives Zerrbild darstellt und dabei von größtenteils historisch unhaltbaren Behauptungen und Annahmen ausgeht.

Dies steht im Widerspruch zu seinen kulturtheoretischen Gedanken, in denen er trotz seiner Ablehnung des Christentums anerkennt, dass er geistig auf dem Fundament christlicher Kultur steht und dass diese es objektiv wert ist, bewahrt zu werden.

Die Literaturkritikerin Anne-Catherine Simon schrieb über Onfrays Buch:

Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.

Dass Onfray seine eigenen Ansätze nicht konsequent zu Ende denkt, liegt vermutlich auch daran, dass er seine atheistische Weltanschauung vorläufig noch nicht aufgeben möchte. Er rechtfertigt dies mit historisch unhaltbaren Behauptungen und ist bereit, an seinem Atheismus entgegen seiner Einsicht, dass dieser keine Zukunft haben kann und alles zerstört, was ihm als wertvoll erscheint, festzuhalten.

Die Erfahrung zeigt, dass solche Positionen kaum dauerhaft aufrechterhalten werden können, weil sie der Vernunft und den Erfordernissen der Kontinuität des Lebens bzw. dem, was Oswald Spengler den „Willen zur Dauer“ nannte, gleichermaßen widersprechen. Im fünften Buch Mose heißt es:

Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.

Möglicherweise konfrontiert die von Onfray erkannte Krise Europas ihn und andere Atheisten und Agnostiker mit existenziellen Fragen, die ihr Weltbild so tiefgreifend erschüttern, so dass sie erkennen können, dass es vernünftig und notwendig ist, zu glauben. (ts)

7 Kommentare

  1. So mancher Atheist muss nun einsehen, dass die Zerstörung einer Kultur bzw. Religionskultur wesentlich einfacher ist, als eine solche weider aufzubauen. Wie soll das Wegbrechen geistigen Kitts, eines starken Glaubens in einer Gesellschaft, die sich im Wohlleben und das heißt damit auch in der geistigen und geistlichen Lethargie bestens (ohne Identität, ohne Gott und der Beliebigkeit) eingerichtet hat, in einer Situation, in der die augenblickliche Wirtschaftslage noch gut ist, umgekehrt werden? Es fehlt an Lösungen. Die Problemstellungen sind ja immer ähnlich und werden bestens aus vielen verschiedenen Perspektiven in den verschiedenen Artikeln beleuchtet.

    Den größten Fehler des 2. Vat. habe ich m. E. hier schon des Öfteren kundgetan und m. E. gab es keinen größeren. Der vatikanische Türöffner für den Synkretismus ist und bleibt die Ursache einer jeden Relativierung sowohl des Gottesbildes als auch der Religion als solcher im kath. Bereich. Die geistliche – wenn auch im 2. Vat. – mikrokosmische Annäherung an den EINEN Gott mit verschiedenen Zugängen der monotheistischen Religionen (Islam – Christentum) war lediglich die offizielle Manifestation einer Glaubenswirklichkeit, die möglicherweise darauf abzielte, Muslime und Christen nicht mehr als feindlich-religiöse Lager mehr aufeinanderprallen zu lassen. Dass damit jedoch die Kernstruktur der höchsten Priorität für das im Christentum so existenziell wichtige Gottesbild der Dreifaltigkeit Gottes (also die Aufnahme Jesu in den inneren Gotteskreis, ohne die Gott noch immer fern über uns stünde ohne echten Bezug zum Menschen) sich mehr und mehr aufzulösen begann, weil vom Kirchenvolk, gefördert durch Kirche und deren Kleriker und Patoralreferenten Allah wie der Dreieine Gott wie ein und derselbe angesehen wurde und damit die „Einstiegsdroge“ für einen Weltengott, den alle Gläubigen anbeten können, geschaffen wurde, blieb irgendwie unerkannt und wurde icht als Identitätsproblem angesehen. Dafür musste Jesus letztlich marginalisiert werden. Und wenn wir heute in der kath. Kirche viele Gläubigen fragen, ob Jesus gottgleich und in der Dreifaltigkeit enthalten ist, welche Antwort würden wir bekommen? Das sind die Folgen dieser paar Worte aus den Dokumenten des 2. Vat. hinsichtlich des „Einen“ Gottes, den alle monotheistischen Gläubigen anbeten. Damit war der Missionsauftrag Jesu letztlich obsolet geworden.

    Anstatt sich alle Dreifaltigkeitschristen in Ost und West, in Nord und Süd, im orthodoxen, im kath. u. evangelischen Bereich weltweit zusammentun, kocht nach wie vor jeder sein Süppchen und jeder Konfessionsgemeinschaft grenzt sich innerhalb des Christentums aus.

    Möglicherweise wäre eine identitäre Gesundschrumpfung der kath. Kirche durch ein Schisma dem kath. Glauben eher förderlich. Jedenfalls ist eine deutsche Teilkirche mit Marx an der Spitze, der sich nicht als Filiale Roms sieht, für die Gestaltung einer Weltkirche wohl eher hinderlich als förderlich. Aber das ist wahrlch nicht mein Wunsch, aber es wäre für viele Katholiken ehrlicher, zur Evangelischen Kirche zu wechseln, wo Priesterheirat, wo heiliges Brot, wo das Frauenpriestertum und vieles andere mehr bereits verwirklicht ist, was sich noch immer diese Gläubigen wünschen.

    Wir in der kath. Kirche streiten uns um diese marginalen Themnen und merken nicht einmal, dass die Realität schon längst über uns hinweggefahren ist. Dass die evangelische Kirche noch schlechter mit all diesen „Errungenschaften“, was die Glaubensverdunstung angeht, dasteht, interessiert sie nicht. Die Christenverfolgung ist kaum Thema, ebenso wenig der Wille, etwas für die Gesamtweltkirche zu tun, was Jesus wichtig ist und was Gott wichtig ist und nicht das, was den Menschen wichtig ist. Den Islam nehmen wir kaum wahr und meinen noch immer, dass er keine feindliche Übernahme beabsichtigt.

    • https://www.welt.de/politik/deutschland/article178944852/Abrahams-Kinder-Erste-christlich-muslimische-Kita-Deutschlands-oeffnet-im-August.html

      Was halten die Mitforisten von diesem Projekt? M. E. lernen die noch nicht glaubensidentitär geprägten Kinder den Synkretismus erster Klasse kennen. Kinder können nicht unterscheiden, zwischen dem sozialen Verhalten unter Menschen und den wichtigen Merkmalen des Glaubens, in dem sie erzogen werden sollen. Sie lernen dort genau das, was im Grunde vermieden werden sollte, nämlich die dort propagierte Erkenntnis, dass Allah und der Dreieinige Gott ein und derselbe sei.

      Die christlichen Kinder lernen kennen, dass muslimische Kinder viel religiös stärker geprägt sind und werden dies für sich als erstrebenswert ansehen und ihnen möglicherweise nachfolgen. Die Wahrheit über Mohammed aus dem Koran wird denen aus religions-politisch-korrekten Gründen nicht erzählt werden können. Ihnen wird auch nicht berichtet werden können, dass dieser Allah von Mohammeds Gnaden, der in den islamischen Familien angebetet wird, die schlechteren Charaktereigenschaften eines normalen Menschen hat. Ihnen kann dann erzählt werden, warum es erstrebenswert ist, ein Kopftuch zu tragen. All das unter dem Deckmantel des Wortes des 2. Vat. über den EINEN Gott mit unterschiedlichen Zugängen.

  2. „Spät- und Postmoderne würden von den Resten christlicher Kultur leben und diese dabei verzehren.“

    Fraglos eine richtige Beobachtung, die heutigen Generationen leben gleichsam vom „Sparbuch“, welches die Vorfahren „gefüllt“ hatten. Die Illusion, man könne in einer Gesellschaft leben, welche gleichzeitig „christlich geprägt“ und „aufgeklärt-liberal“ ist, nähert sich sichtlich dem Ende. Eine Prägung erfolgt nur durch überzeugte Christen, werden diese immer weniger, läßt ihre Prägekraft immer weiter nach, bis die Kraft der Religion nicht mehr zur Prägung ausreicht. Statt dessen nehmen die „Doch-schon-irgendwie-christlich-denkenden“ Nichtkirchgänger überhand: Man will für die konkrete Lebensgestaltung „card blanche“ ohne einschränkenden Gebote, aber schon gerne ein bißchen Christmette zum Jahresende fürs Gefühl. Diese Klientel hantiert derzeit so hilf- wie haltlos mit Begriffen wie „christliches Abendland“ und den famosen „Werten der Aufklärung“, um ihre eher diffusen Vorstellungen zu umschreiben.

    Die Mehrzahl der heutigen Katholiken (die Protestanten generell mit Ausnahme hochkirchlicher gesinnter und evangelikaler Gruppen) sind lediglich rudimentär-christliche Agnostiker: Dass seine Kirche „die Wahrheit“ besitze, ist für ihn eine nicht haltbare Anmaßung, er sieht sich selbst eingereiht in eine Schar Gutwilliger aus allen Religionen, die gemeinsam „auf der Suche“ sind. Wobei er noch für fraglich hält, ob man „die Wahrheit“ überhaupt mit seinen begrenzen menschlichen Sinnen erkennen könne – womit er der Definition des „klassischen Agnostizismus“ sehr nahe kommt. Mit Agnostikern teilt er zudem die innere Distanz zu einem schwer fassbaren, transzendentalen Gott, genaue Aussagen – gar Dogmen – verbieten sich daher für ihn.

    Nach seiner Auffassung ist das Christentum kein verbindliches Glaubenssystem mit Normen, also Ge- und Verboten, sondern eher eine sehr individuelle Gefühlssache, eine Art unverbindlicher „kulturelle Prägung“. Glaube ist höchst subjektiv, beim einen so, beim nächsten halt wieder anders. Und wie es denn nun wirklich nach dem Tod weitergeht, weiß man ja auch nicht. Im Vordergrund steht bei ihm eigentlich nicht die Religion, sondern der bloßen Schein einer christlich-kulturellen Atmosphäre: Sonntagsruhe, Glockengeläut, schöne Kirchengebäude (welche die meisten allerdings nur sehr selten von innen sehen) und natürlich an Heiligabend eine kitschige Christmette mit der Familie fürs nostalgische Gemüt. (Auszug aus: https://kirchfahrter.wordpress.com/2018/05/08/agnostizismus-rudimentaer-katholischer/;
    Privatblog, bitte anklicken und um Zugriff nachfragen, wird erteilt).

    • Onfrays von Ihnen hier zitierte Passage erinnert an jenes berühmte Böckenförde-Diktum.
      Neu sind derartige Erkenntnisse im Prinzip nicht – Böckenförde schrieb jene Worte schon 1976.
      Lesenswert in diesem Zusammenhang übrigens auch das Kapitel über die große Müdigkeit in Douglas Murrays „Selbstmord Europas“.

      Bemerkenswert ist im Grunde nur, das trotz der Einsicht in jenen Zusammenhang keinerlei Kursänderung versucht wurde, sondern im Gegenteil das eigene große Schiff (um im Bild zu bleiben) noch vehementer bombardiert wurde.
      Die einzige Konsequenz ist das Bekenntnis zu vollkommener Dekonstruktion aller Fixpunkte und andererseits die Hingabe an den ausufernden Hedonismus unserer Spaßgesellschaft.

      Es sei denn, man würde die zeitgeistige „Zivilreligion“ mit ihrem „humanitären Universalismus“ (R. P. Sieferle) und dem „Kult um die Menschenrechte“ (D. Murray) nicht nur als ideologische Unterfütterung der Globalisierung sehen, sondern auch als Versuch, ein posttheistisches Sinnvakuum zu füllen.
      Dass letzteres zumindest teilweise gelungen ist, zeigt das (irrationale) Verhalten der Gläubigen dieses Kults.
      Jeder, der um wirkliche Religion weiß, wird indessen die Zukunftslosigkeit der Zivilreligion sehen.

  3. Auch Onfray ordnet sich ein in jene bislang noch nicht sehr große Reihe von atheistischen linksliberalen Denkern und Intellektuellen (einige Denker gibt es dort wohl tatsächlich), die ihr wachsendes Unbehagen über das Aus-dem-ruder-laufen der angenommenen oder erträumten Entwicklung nicht mehr verbergen können.

    Das Dilemma dieser Gruppe besteht bekanntlich darin, dass sie den Niedergang der tragfähigen europäischen Strukturen lange Zeit selbst befördert haben.
    Sehr passend das Zitat von Anne-Catherine Simon:
    „Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.“

    Fast könnte man ihre Situation „tragisch“ nennen, obwohl ich es nicht vermag, soviel mit Mitgefühl für enttäuschte Gegner aufzubringen, die lange Zeit so stur auf dem Holzweg waren.
    Immerhin ist späte Einsicht besser als gar keine.

    Oder spüren sie bloß, dass es an der Zeit ist, das sinkende Schiff zu verlassen?!

    Die Frage ist, ob solche Leute zu einem wirklichen Umdenken in der Lage sind, ob man sie in einer „Querfront“ (Elsässer) unterbringen könnte oder ob sie doch nur in der Rolle des Jammernden verharren werden.

    Das Schwierige liegt darin, dass sich unser Lager kaum vorstellen kann, wie extrem weit der gedankliche Weg vom liberalen Atheismus zu einem prochristlich-konservativen Kulturalismus ist. Und weil das wirklich fast 180° sind, werden auch nur einige weit genug gehen. Da sie aber selbst heute noch weitgehend ohne Glauben, Heimat und Identität sind, werden vermutlich nur jene ankommen, die – wie ts schreibt – in der Tiefe erschüttert werden und so ein neues Fundament gewinnen. Allerdings ist Glaube nichts, was sich allein mit Vernunft und Notwendigkeit begründen lässt.

    „Möglicherweise konfrontiert die von Onfray erkannte Krise Europas ihn und andere Atheisten und Agnostiker mit existenziellen Fragen, die ihr Weltbild so tiefgreifend erschüttern, so dass sie erkennen können, dass es vernünftig und notwendig ist, zu glauben. (ts)

    • @Waldgänger
      „Allerdings ist Glaube nichts, was sich allein mit Vernunft und Notwendigkeit begründen lässt.“

      Dem kann ich natürlich nur zustimmen. Allerdings beruhte ein Großteil der Einwände gegen das Christentum in der Vergangenheit darauf, dass es der Vernunft widerspräche und eine wirklichkeitsferne Lehre vertrete. Möglicherweise lassen sich diese Hindernisse, die Menschen vom Glauben fernhalten oder wegführen, aus dem Weg räumen.

      • @ ts

        Ich denke, dass wir uns einig sind, dass zum gelingenden Glauben auch so etwas wie Gnade, Geschenk oder Erfahrung hinzukommen muss.

        Sie erwähnen Einwände gegen das gegen das Christentum, die aus Sicht der Kritiker auf Wirklichkeitsferne und Vernunftswidrigkeit himnauslaufen.
        Das ist in meiner Sicht leider wirklich ein kritischer Punkt, denn die Theologie des Christentums erfordert ja nicht bloß, dass man überhaupt ein irgendwie geartetes Übernatürliches anerkennt.

        Dabei ist allein schon das grundsätzliche Anerkennen, dass es überhaupt etwas Übernatürliches gibt, für Atheisten, einen erheblichen Teil sonstiger Zeitgenossen und viele Naturwissenschaftler schon eine ziemlich schwierige Sache.

        Dass dieses Übernatürliche nun aber nicht bloß ein abstrakter Geist ist – etwa wie im Pantheismus oder Buddhismus – sondern eine personenhafte Wesenheit, das ist für viele dann bereits zu große eine gedankliche Zumutung. Von daher ist für solch rationale Geister auch der Zugang zum Judentum oder Islam schon sehr schwierig.

        Das Christentum geht aber bekanntermaßen in seiner Theologie sogar noch einen großen Schritt weiter und differenziert den Glauben an einen personenhaften Gott durch die Deutung der Person Jesu zusätzlich noch so sehr, dass Kritiker zu der von Ihnen genannten Zweifeln kommen.
        Hier können die schwierigen theologischen Begriffe „Erlösung“, „Opfertod“, „Auferstehung“, „doppelte Natur“ oder „Dreifaltigkeit“ genannt werden.

        Anders gesagt: Der christliche Glaube ist verlangt in intellektueller Hinsicht wirklich sehr viel mehr von den Gläubigen als dies andere Religionen tun. Dieses Spezifikum des Christentums machen sich nach meiner Erfahrung zu wenige Christen bewusst.
        Noch kürzer: Um Christ zu sein, reicht auch Gottgläubigkeit nicht aus.

        Sie schreiben:
        „Möglicherweise lassen sich diese Hindernisse, die Menschen vom Glauben fernhalten oder wegführen, aus dem Weg räumen.“
        Ja, ich denke, dass das geht – allerdings nicht kognitiv und rational, sondern allein durch so etwas wie kontemplative Spiritualität (also mystische Erfahrung), wie sie etwa die Karmeliten pflegen.

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