Wolfgang Streeck: Patriotismus als Voraussetzung des Gemeinwohls

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Wolfgang Streeck ist Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. In einem aktuellen Aufsatz in der Wochenzeitung „Die Zeit“  beschreibt er Patriotismus als eine Voraussetzung des Gemeinwohls.

Kosmopolitische Universalisten seien nicht dazu in der Lage, politische Veranwortung für ein Gemeinwesen zu übernehmen. Es könne „keine gute Politik […] ohne Patriotismus, ohne ein Gefühl verpflichtender Zugehörigkeit zu einer politisch organisierten Gemeinschaft“ geben, „an deren laufender Verbesserung man sich zu beteiligen hat“.

Politisches Handeln, welches das Gemeinwohl anstrebe, müsse sich immer auf ein konkretes Gemeinwesen beziehen:

Politisches Handeln ist an verortete Gemeinschaften gebunden – Verständigungs-, Verantwortungs-, Verpflichtungs- und Praxisgemeinschaften. Politik ist weder Wohltätigkeit noch Kampf für den eigenen Vorteil oder darf doch keins von beiden ausschließlich sein: Ihr Thema ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein […]- ein Weltbürger ist nirgendwo Bürger.

Der politisch Handelnde müsse außerdem über innere Bindung an das Gemeinwesen verfügen, um im Sinne des Gemeinwohls handeln zu können:

Damit Politik mehr sein kann als Wohltätigkeit oder Vorteilssuche, muss sie verstehen können, worum es ihrer Gesellschaft geht. Verständnis ergibt sich aus gemeinsamer Zugehörigkeit, also geteilter Besonderheit; dass jemand ein Menschenrechtssubjekt ist, sagt mir nicht, was er für gerecht oder ungerecht hält. Nur aus Zugehörigkeit ergibt sich ein dauerhaftes Gefühl von Verantwortung, das, verbunden mit einem Minimum an praktischer Zuversicht, gemeinsam etwas erreichen zu können, zu politischem Handeln bewegen kann.

Grenzen zwischen Staaten seien kein Hindernis für das Gemeinwohl, sondern neben dem Patriotismus des politisch Handelnden eine seiner Voraussetzungen:

Wer sich zu Vielfalt bekennt, bekennt sich zu Grenzen, zu Unterscheidungen zwischen innen und außen und zu Besonderheiten, einschließlich zur eigenen.

Der im Sinne des Gemeinwohls Handelnde müsse sich zudem seiner konkreten „partikularen Verantwortung“ für das eigene Gemeinwesen bewusst sein, die Vorrang vor universellen Ansprüchen hätten. Moralische Verantwortung sei immer nach Nähe abgestuft. Wer seine konkrete lokale Verantwortung unter Berufung auf universelle Ansprüche zurückweise, verletze dadurch das Gemeinwohl.

Hintergrund

Streeck hatte in der Vergangenheit den Verlust an Gemeinwohlorientierung in der „substanzentleerten und deshalb sentimentalisierungsbedürftigen deutschen Postdemokratie“ kritisiert und die „Willkommenskultur“ in Deutschland als säkulare Ersatzreligion bezeichnet. In seinem Werk „How Will Capitalism End?“ analysierte er unter anderem kulturelle Auflösungsprozesse in liberalen westlichen Gesellschaften, denen er größere Verwerfungen bis hin zu einem möglichen Zusammenbruch voraussagt.

In seiner Arbeit knüpft Streeck an Konzepte der katholischen Soziallehre an bzw. argumentiert kompatibel zu diesen, insbesondere was die Betrachtung des Gemeinwohls als Ziel politischen Handelns angeht. Auch das Subsidiaritätsprinzip und das Solidaritätsprinzip finden sich in der Argumentation Streecks wieder.

Seine Gedanken über die Bedeutung des Patriotismus für das Gemeinwohl ähneln daher den Ausführungen von Papst Franziskus, der gesagt hatte, dass „ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert […] ein krankes Volk“ sei. Der hl. Papst Johannes Paul II. hatte in seinem Werk „Erinnerung und Identität“ christlichen Patriotismus im Rahmen einer Theologie der Nation ausführlich beschrieben. Patriotismus stelle aus christlicher Sicht einen moralischer Wert dar, weil kein Gemeinwesen ohne innere Bindungen bestehen könne und die Sicherstellung des Gemeinwohls daher Patriotismus voraussetze. (ts)

3 Kommentare

  1. Es kennzeichnet den hohen Grad an selbstherrlicher Abgehobenheit unserer Herrscherkaste, dass sie auch Kritik von verdienstvollen Leuten aus dem mittleren Führungskader des Systems – wie z.B. Streeck – ganz einfach ignoriert und an sich abperlen lassen möchte.
    Ähnliches gilt ja auch für kritische Äußerungen von Leuten Prof. Sinn oder Prof. Wolffsohn, denen man nun ganz gewiss keine Systemdistanz unterstellen kann.

    Die Herrschenden denken bloß: „Streeck und Wolffsohn sind doch schon pensioniert, was wollen die uns denn noch?

    Anders ausgedrückt: Die herrschenden „Eliten“ haben sich völlig vom freien intellektuellen Diskurs verabschiedet und meinen es noch nicht mal mehr nötig zu haben, überhaupt(!) zu argumentieren.
    Die selbstgebastelte Propaganda und die eigene Echokammer sind ihnen ein ausreichender „Ersatz“. Auch das hat es seit 1948 in Westdeutschland noch nicht gegeben, es erinnert an totalitäre Regimes der Vergangenheit.
    Hochmut kommt vor dem Fall!

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