Ross Douthat: Die existenzielle Krise des westlichen Christentums

Caspar David Friedrich - Ruine Eldena im Riesengebirge (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ross Douthat ist Kolumnist der „New York Times“ und gilt als einer der führenden konservativen amerikanischen Beobachter von Entwicklungen im Christentum. In seinem kürzlich erschienenen Buch „To Change the Church – Pope Francis and the Future of Catholicism“ analysiert er die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche. Vor allem in westlichen Gesellschaften befinde sich die Kirche in Folge des Wirkens liberaler Ideologien in ihrem Inneren im „Zusammenbruch“. Ihr würden hier einige sehr schwierige Jahrzehnte bevorstehen. Im westlichen Protestantismus sei die Lage nicht besser.

Die globale Krise der Kirche

Die katholische Kirche befände sich weltweit in einer der größten Krisen ihrer Existenz. Es gebe zwar mehr katholische Christen als jemals zuvor in der Geschichte, aber außerhalb von Ländern wie Polen und den Philippinen sei der kulturell tief verwurzelte Katholizismus weitgehend verschwunden.

Die Kirche habe ihre kulturelle Strahlkraft weitgehend verloren. Der Katholizismus präge sowohl die ihn umgebende Kultur als auch die Kultur seiner Angehörigen kaum noch, weshalb die Kirche kulturell heterogener werde. Die kulturelle Einheit, die der Katholizismus über die Völker und die Jahrhunderte hinweg geschaffen habe, drohe verloren zu gehen.

Im westlichen Kulturraum sei in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil außerdem ein „Zusammenbruch“ der Kirche zu beobachten gewesen. Fast alle Indikatoren, an denen man die Kontinuität der Kirche messe könne (etwa die Zahl der Priesterberufungen, die Teilnahme an der Heiligen Messe oder die Zahl der Taufen), entwickelten sich seit seit Jahrzehnten negativ. In Deutschland zum Beispiel sei die Kirche zwar noch wohlhabend, aber „steril und halb säkularisiert“.

Seit den 1960er Jahren habe das Christentum in westlichen Gesellschaften außerdem seine kulturelle Führungsrolle an Akteure der Konsumkultur sowie an progressive Ideologien abgegeben und befinde sich kulturell auf allen Gebieten in der Defensive.

Die Krise der Kirche als Krise des Liberalismus

Die nachkonziliare Krise verschärfe sich zunehmend. Liberale Ideologie durchdringe die Kirche mittlerweile auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Die Folge des Wirkens des immer offensiver agierenden Liberalismus sei die Vertiefung weltanschaulicher Bruchlinien zwischen konservativen, traditionalistischen und liberalen Strömungen. Die entsprechenden Differenzen seien nicht nur oberflächlicher Natur, sondern würden häufig Grundfragen des Glaubens berühren.

  • Liberale Strömungen würden durch ihr Streben nach Anpassung der Kirche an säkulare Ideologien und Kultur die schrittweise Auflösung der Kirche bewirken. Indem sie die sich laufend verändernde „Lebenswirklichkeit“ der Gesellschaft zum Maßstab der Ausrichtung der Kirche machten, würden Liberale die Kirche von ihrer Grundlage in Jesus Christus und seinem unveränderlichen Wort lösen. Wenn Liberale von „Offenheit“ sprächen und „Abgrenzung“ kritisierten, verberge sich dahinter meist die Ablehnung der bestehenden Lehre und Tradition.
  • Die Hoffnung mancher Liberaler, durch diese Anpassung besser auf kirchenferne Teile der Gesellschaft einwirken zu können, habe sich nirgendwo bestätigt. Eine angepasste Kirche würde zwar auf weniger Widerstand und Ablehnung stoßen, aber auch als irrelevant wahrgenommen werden, weil sie nur das bestätige, was auch ohne christliche Grundlage geglaubt werde. Eine Kirche, die das Wort Jesu Christi bis zur Beliebigkeit relativiere, damit es weltanschaulichen Moden entspricht und auf weniger Ablehnung stößt, sei weder glaubwürdig noch ehrlich. Sie verstoße durch diese Praxis vor allem aber gegen ihren Auftrag.

Noch stärker als die katholische Kirche beträfen diese Probleme liberale protestantische Strukturen. In den USA seien die früheren protestantischen Volkskirchen, die sich zu Vorreitern der Liberalisierung gemacht hätten, zu „ergrauten Sekten“ ohne Zukunft geworden.

Douthat kritisiert jedoch auch konservative und traditionalistische Strömungen. Während der Amtszeit der beiden konservativen Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sei die Krise weiter eskaliert. Konservative hätten zum Beispiel mangelnde Härte bei der Zerschlagung korrupter Strukturen innerhalb der Kirche gezeigt und so dazu beigetragen, dass Missbrauchsfälle solche Dimensionen hätten annehmen können. Traditionalisten würden verkennen, dass das, was sie bewahren wollten, das Ergebnis einer Entwicklung und nicht des bloßen Festhaltens am Bestehenden gewesen sei.

Die Verschärfung der Krise unter Papst Franziskus

Papst Franziskus sei keiner der erwähnten Strömungen eindeutig zuzuordnen und in der Hoffnung zum Papst gewählt worden, dass er einen Ausgleich zwischen ihnen herstellen könne. In seiner Enzyklika „Laudato si“, in der er sich mit Umweltfragen auseinandersetzte und dabei sowohl konservative als auch progressive Impulse aufgriff und miteinander versöhnte, sei ihm dies noch gelungen.

Später habe Franziskus die vorhandenen Bruchlinien durch ungeschicktes Handeln jedoch weiter vertieft. Durch die Schaffung von Unklarheiten in Fragen der Lehre habe er Lücken geschaffen, die radikale liberale Kräfte genutzt hätten, um Fakten in ihrem Sinne zu schaffen. Franziskus habe dies zugelassen und gleichzeitig sachliche Kritik daran öffentlich bloßgestellt.

Außerdem zeige Franziskus populistische Tendenzen in Form seiner spontanen, oft wenig durchdachten Äußerungen zu politischen Themen gegenüber den Medien. Diese Äußerungen würden von diesen zwar allgemein positiv aufgenommen (etwa sein Eintreten für offene Grenzen), inhaltlich aber häufig eher liberaler Ideologie als der katholischen Soziallehre entsprechen.

Das schwierige 21. Jahrhundert der Kirche

Es sei derzeit noch vollkommen offen, wie die Krise der Kirche aufgehalten oder überwunden werden könne. Keine der Strömungen in der Kirche habe derzeit einen Ansatz zur Überwindung der Krise anzubieten. Douthat geht daher davon aus, dass der Kirche ein schwierigeres Jahrhundert und möglicherweise auch eine Spaltung bevorstehe.

Dies sei auch deshalb problematisch, weil westliche Gesellschaften aufgrund der Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, christliche Impulse dringend benötigen würden. Das Christentum verfüge über erprobte kulturelle Antworten auf die konservative Sorge vor dem Verlust der kulturellen Identität oder die progressive Sorge vor den sozialen Folgen der Globalisierung. Das Christentum könne das Eigene bewahren, ohne das Fremde herabzusetzen, und soziale Fragen lösen ohne in Materialismus zu verfallen. Es verfüge auch eine Antwort auf den Fanatismus des politischen Islam und die Fragmentierung der Gesellschaft durch linke und rechte Identitätspolitik. Je schwächer das Christentum in westlichen Gesellschaften werde, desto weniger würden diese Gesellschaften dazu in der Lage sein, Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

Die Kirche werde in westlichen Gesellschaften jedoch künftig als Quelle solcher Impulse eine immer geringere Rolle spielen. In zunehmend schwieriger werdenden Umfeldern würden die liberalen Teile der Kirche noch schneller erodieren als bisher. In einigen Jahrzehnten werde die Kirche in Europa sehr klein und von konservativen sowie von traditionalistischen Kräften geprägt sein. Douthat verweist darauf, dass bei anhaltendem Trend in Frankreich um das Jahr 2040 traditionalistische Priester voraussichtlich die Mehrheit unter den Priestern stellen würden, weil es in anderen Strömungen immer weniger neue Berufungen gebe.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) habe diese Entwicklung frühzeitig erkannt und die Kirche auf eine Zeit vorbereiten wollen, in der sie in westlichen Gesellschaften eine Minderheit darstellen werde:

Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.

Die Krise der Kirche und der sie umgebenden Gesellschaften müsse sich offenbar noch weiter entfalten, bevor eine Erneuerung durch die von Ratzinger erwähnten Akteure möglich sei. In der gegenwärtigen Lage müsse die Kirche zunächst die inneren Bestände aufbauen, die sie brauche, um die kommenden Jahrzehnte zu überstehen. In der Geschichte der Kirche habe es solche Situationen schon mehrfach gegeben. In ihnen seien zu gegebener Zeit die erforderlichen Heilige hervorgetreten. (ts)

4 Kommentare

  1. Die Süddeutsche Zeitung beklagt jetzt die mangelnde Liberalität von Papst Franziskus. Der Autor fügt positiv bewertend hinzu: „Den meisten Gläubigen aber dürfte die Sache egal sein.“ http://www.sueddeutsche.de/politik/katholische-kirche-klatsche-vom-papst-1.4002720
    Er bezieht sich dabei wohlgemerkt auf das zentrale Sakrament des Christentums. Mit anderen Worten: Liberalität ist Gleichgültigkeit gegenüber dem Heiligen. Ehrlicher wurde Liberalismus von einem Liberalen wohl noch nie definiert.

  2. Ja, alles wohlfeile Worte im Artikel und auch alles inhaltlich alles richtig dargestellt. Nur die Lösung ist welche? Papst Benedikt VXI hatte schon recht. Vereinfachend ausgedrückt: Erst tiefer Fall, dann Erneuerung durch Wenige.

    Es ist aber in der Amtskirche insgesamt nirgendwo eine innere Läuterung im Sinne einer Festigung und einer Anlehnung an die Lehre Jesu festzustellen, vielmehr wie in der Politik kaum zu vereinbarende gegensätzliche sich katholisch nennende „Parteien“, wie der Vorkommentator Kirchfahrter Archangelus so profi-mäßig ausgeführt hat.

    Offensichtlich sind wirklich nur noch Inseltheologen wie Heiligenkreuz die Rettung eines von Ecken und Kanten leider völlig befreiten Katholizismus. Die Kirche lebt noch heute von der vorkonziliaren Zeit, in der es noch Gebot war, den sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen. In 20 Jahren wird wohl kaum noch jemand zur Kirche gehen wollen und möglicherweise auch nicht dürfen, wenn die Islamisierung so weitergehen sollte. Aber vielleicht reizt dann das Kirchegehenwollen, wenn das Kirchgehen nicht mehr sein darf.

    Einer innerkirchlichen Liberalisierung, die sich in „pastoraler und theologischer Korrektheit“ der analogen politischen Korrektheit schon fast anbiedernd angepasst hat, wird zerfallen, weil deren geistiger Urgrund des Bezuges auf einem Christusbild fußt, welches der Beliebigkeit anheimgefallen ist. Wer Jesus als den Cola-trinkenden Kumpel von nebenan ansieht und nicht als den Herrn, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und der allein nur der Garant ist, das himmlische Jenseits zu erreichen, dann zerfällt nicht nur der Glaube an Jesus, sondern auch das Fundament des Christentums.

    Wer auch nur andeutungsweise meint, dass ohne Jesus auch in anderen Religionen das Himmelreich erreichbar ist, hat schon verloren. Das soll keine Überheblichkeit anderen Religionen gegenüber sein, sondern das muss urchristlicher Glaubensgrund sein, wenn das Christentum in seinem Ursprung überleben will. Wer auf die Urgemeinde schaut, sieht, dass sie druchdrungen war von der respektvollen Liebe vor Jesus selbst, seinem Werk und seiner Verkündung.

    Darum schon jetzt: Zurück zu den Ursprüngen. Darüber müssen sich Kirchenführer immer einig sein und Jesus war da ziemlich kompromisslos. Nur aus diesem Glaubensfundament kann die Kirche das rechte Maß zwischen Glaubensintensität und den Werken der Nächstenliebe AUS DEM GLAUBEN heraus neu verkünden.

    Wer Jesus in diesem Glaubensursprung als Gott und Bruder, als Herrn aller Herren fallenlässt – und das wurde m. E. u. a. durch die Vernachlässigung der Marienverehrung (die immer auf Jesus hinwies. Was er Euch sagt, das tut) und durch die Marginalisierung des Bußsakramentes und der einhergehenden Profanisierung der Eucharistie (heiliges Brot) erreicht – und nur noch als Bruder ansieht, der vor lauter Liebe alles mit sich machen lässt, der schafft jegliches Bemühen einer Christenseele um die Nachfolge Jesu auf dem steilen Weg ab; für diese Seele führt auch der breite Weg der Lethargie, des angefaulten Eifers, des Sichhängenlassendürfens, der Bequemlichkeit des Schlaraffenlandes direkt in die jenseitigen Arme Jesu. Das aber hat Jesus aber nie verkündet.

    Religiöse Liberalität ist im Grunde nichts anderes als das Bewusstsein zu schaffen, dass der Christ auch durch Null-Leistung, nur der Gnade Gottes unterstellt, in den Himmel kommen werde. Die innere Verpflichtung, das innere Wollen, Jesus in allem nachzufolgen, was mir möglich ist und immer wieder aufzustehen nach einem Sündenfall ist es, welches zu Ihm hinführt, nicht die Faulheit und die Lethargie des Glaubenslebens.

    Auch die Kirchenführer sollten sich fragen: Kommen wirklich alle in den Himmel? Was ist, wenn niemand umkehrt? Was geschieht mit dem, der Jesus nicht kennenlernen will? Was passiert mit einem Menschen, der im Hass stirbt? Was geschieht mit einem Menschen, der als Atheist stirbt oder als Agnostiker, die mit dem Irgendwiegott? Kommen auch die in den Himmel, die nie etwas für andere uneigennützig getan haben? Und da reden wir nicht einmal von Mördern, Totschlägern und anderen Verbrechern. Kommen diese Seelen alle in den Himmel? Kann mir das jemand theologisch bestätigen, wenn wir Jesus lauschen? Wohl kaum.

    Ist somit Seelsorge eine Hinführung zu einem Irgendwiechristentum oder zu einem Wohlfühlchristentum, bei dem Jesus so etwas ist wie ein Prophet mit göttlichen Touch und in einer Reihe mit den AT-Propheten steht, aber eben nicht herausragt? Reicht das aus? Kann dann auch Mohammed in diese Reihe gestellt werden?

    Jesus hat seine Jünger in der bedingungslosen Nachfolge unter Erleiden des Martyriums gesehen. Ist das alles in der Kirche abhanden gekommen, weil sich das so schrecklich angehört hat und 80 Jahre Frieden uns hat übermütig werden laassen und die verfolgten Mitchristen unter kommunistischer und islamischer Herrschaft sowohl mental als auch in der Praxis schmählich im Stich gelassen haben?

    Ist der Einsatz von Priestern für den Bau von Moscheen richtig, wenn gleichzeitig eine Kirche nach der anderen im wahrsten Sinne des Wortes ihren Geist aufgibt und jeder Priester wissen sollte, wie der Islam das Christentum, den inneren Glauben des Christentums der Dreifaltigkeit als Götzendienst ansieht und Mohammed diese Christen (und Juden) als abscheulichste Geschöpfe eingestuft hatte? (im religiösen Kontext dann sogar noch unter die Dämonen und Satan angesiedelt hat, wenn ich das recht verstanden haben, wenn sie die schlechtesten Geschöpfe Allahs sind?)

    Ist der theologische Liberalismus nicht die Quelle der Bewusstseins- und Orientierungslosigkeit innerhalb des Christentums? Ja, dieser Liberalismus hat keinerlei Zukunft, weil niemand da ist, der ihn verteidigen will, weil er sich im Inneren wie eine verfaulte Frucht selbst aufgegeben hat und jede andere Religion ja auch in den Himmel führen wird.

    Sowohl im Religiösen als auch im Politischen gilt: Wer für alles offen ist, ist nicht mehr ganz dicht. Der für alles und jeden Offene kann alles unter einen Hut bringen und verliert damit seine substanzielle Identität. Er ist dann nur noch mit einer altersschwach gewordenen Qualle im Meer zu vergleichen, die sich von der Strömung leiten lässt, aber nicht mehr die Kraft aufbringt, gegen den Strom zu schwimmen.

    Der Christ muss versuchen, Jesus in allem nachzufolgen und darf sich auch der dunklen Seite des Martyriums und dem bewussten Einsatz für verfolgte Mitgeschwister, über die übrigens die Einheit des Christentums am besten, am glaubwürdigsten durchzuführen wäre. Das scheint die Kirchen noch immer nicht erkannt zu haben. Das aber kann er nur, wenn er einen identitären christlichen, am besten katholischen Glauben erlernt, eingeübt und für sich selbst dann auch als den sinnvollsten Weg zum Himmelreich erkannt hat.

  3. Die Sichtweise „Rom stoppt liberale Eiferer“ ist natürlich eine mögliche Interpretation, welche aber vielleicht zu sehr an der sichtbaren Oberfläche verhaftet bleibt. Interessanterweise verbreitet auch die „Süddeutsche“ diese verkürzte Sichtweise (www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-der-papst-stellt-sich-gegen-kardinal-marx-1.4001226). Die andere Sichtweise setzt tiefer an: Nach dieser wäre nicht der ultraprogressistische Inhalt der Handreichung für den Vatikan das Problem, sondern eher taktische Managementfehler von Kardinal Marx beim konkreten Vorgehen. Durch seinen intern unzulänglich abgestimmten Vorstoß wurde „die Bischofskonferenz“ als Hebel für die päpstliche Agenda in der öffentlichen Wahrnehmung beschädigt: Die Begriffe „Mehrheit“ und „Minderheit“ verbindet der normale Gläubige nicht mit Glaubensfragen, sondern mit dem politischen Tagesgeschäft, welches man halt so oder anders bewerten kann. Die regionalen Kirchen sollen aber möglichst „einmütig“ voranschreiten und nicht durch offenen Streit Staub aufwirbeln, hier hat DBK-Vorsitzender Kardinal Marx als „smarter Prozessmanager“ versagt. Rom braucht aber eine sich selbst geräuschlos und effizient protestantisierende Kirche in Deutschland und keine sichtbaren Abweichler im Episkopat, durch das Mißmanagement des DBK-Vorsitzenden wurde aber Kardinal Woelki medial urplötzlich gleichsam in die Rolle eines „Oppositionsführers“ gerückt.

    Seien es persönliche Eitelkeiten, seien es Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Tempos der Umgestaltung, welche zum Entstehen der Minderheit in der DBK führten, inhaltlicher Widerstand gegen die Umgestaltung als solche dürfte es kaum gewesen sein.
    Man wird aufgrund der Ernennungspolitik der letzten Jahrzehnte in der Annahme nicht fehl gehen, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Diözesanbischöfe in Deutschland anthropozentrisch und nicht theozentrisch ausgerichtet sind (dazu: https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/09/07/die-aufregung-ueber-den-marx-ismus-im-woelkikuckucksheim/). Bezeichnenderweise versucht daher nun Kardinal Woelki alert, durch eine schwammige „Ausnahmeregelung“ werbend in die konzilskonservativen Gruppen zu wirken (www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/woelki-kommunion-fur-evangelische-partner-ist-ausnahme) und damit die Interkommunion doch noch zu retten – nur halt smarter. Denn „Ausnahme“ suggeriert, das theoretisch die Regel eine andere ist – aber halt nur theoretisch. In der Praxis würde die Ausnahme die Regel, was auch Kardinal Woelki nicht verborgen geblieben sein wird.

    Des weiteren versagte Marx in den Augen Roms in seiner Rolle als Promotor einer schleichenden postkatholischen Restrukturierung, weil er durch zu vorschnelles und daher unkluges Durchdrücken ultraprogressiver Momente (Interkommunion) gegen merkliche Widerstände den bereits weit vorangeschrittenen und von den Gläubigen nicht registrierten Gesamtprozess der Strukturangleichung mit den evangelischen Landeskirchen (priesterlose Gottesdienste durch Gemeindereferentinnen, Interkonfessioneller Religionsunterricht in NRW, Pilotprojekte laiengeführte Pfarreien) gefährdet. Am Ende droht ein Zusammengehen der Kräfte, welche der geradezu irrwitzige (Ego-?)Farforce-Ritt von Kardinal Marx irritiert zurück läßt: „gemäßigte“ Konzilsprogressive um Woelki und Konzilskonservative um Voderholzer. Je mehr sichtbarer Streit aber unter den Ortsbischöfen herrscht, desto weniger kann der „einigende Heilige Geist“ als Spiritus rector der päpstlichen Agenda mißbraucht werden.

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