Jacob Burckhardts Krisentheorie: Die „Sturmlehre der Geschichte“

John Martin - Die Zerstörung von Tyrus (gemeinfrei)

Anlässlich des 200. Geburtstags des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt (1818-1897) bezeichnete der Historiker Jürgen Osterhammel dessen Theorie historischer Krisen in der Tageszeitung „Die Welt“ als die „Sturmlehre der Geschichte“ und hob die Aktualität seiner Gedanken vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Lage in Europa hervor. Burckhardt habe zudem die geistig-kulturellen Kräfte, die historisches Geschehen bestimmten, zutreffend erkannt.

Jacob Burkhardt befasste sich in seinem erst nach seinem Tod veröffentlichten Werk „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ mit dem Wesen historischer Krisen, also mit Lagen, welche die politische und kulturelle Kontinuität von Gemeinwesen gefährden.  Er argumentierte dabei auf einer konservativen Grundlage und warnte unter anderem vor dem totalitären Potenzial utopischer Ideologien, einer bevorstehenden geistig-kulturellen Krise Europas in Folge seiner Abwendung vom Christentum, heraufziehenden „gewaltigen Völkerkriegen“ und der kulturzerstörenden Wirkung der Konsumgesellschaft.

Das Wesen historischer Krisen

Historische Krisen würden aus dem Gegensatz zwischen der Schwäche einer bestehenden Ordnung und der Stärke ihrer Herausforderer heraus entstehen. Die Schwäche des Bestehenden erzeuge bei den Herausforderern „hoffnungsvolle Aufregung“ in Form der Erwartung, an die Stelle des Bestehenden treten zu können.

Er kritisiert in diesem Zusammenhang materialistisches Denken, das u.a. in Faktoren wie Armut den Auslöser von Krisen sieht. In Krisen würden „nicht die Elendesten, sondern die Emporstrebenden den eigentlichen Anfang machen“.

Historische Krisen seien davon gekennzeichnet, dass es in ihnen ums Ganze bzw. um das „Heiligste“ der Konfliktparteien gehe. Unter diesen Bedingungen könne die Krise aus Sicht der Beteiligten oft nur durch die „Zernichtung des Gegners“ überwunden werden. Historische Krisen würden daher tendenziell extreme Verläufe nehmen.

Krisen stellen Gesellschaften vor die Wahl zwischen Erneuerung und Untergang

Historische Krisen stellen die wegen ihrer Schwäche herausgeforderte Ordnung vor die Wahl, diese Schwächen entweder zu überwinden oder unterzugehen. Besonders gefährlich seien Krisen in fortgeschrittenen Stadien kultureller Schwäche. Die im Zuge der Ausbreitung des Islam vernichteten Byzantiner hätten kaum eine Chance gehabt, denn sie hätten „ganz anders werden müssen, als sie waren, um jenem Fanatismus zu widerstehen, welcher dem Getöteten das Paradies und dem Sieger den Genuß der Herrschaft über die Welt versprach.“

Die Notwendigkeit, sich gegen einen Angreifer zu verteidigen, könne in einem von kulturellem Zerfall betroffenen Gemeinwesen zwar positive Wirkung entfalten, denn eine Krise „entwickelt die Kräfte im Dienst eines Allgemeinen und zwar des höchsten Allgemeinen und innerhalb einer Disziplin, welche zugleich die höchste heroische Tugend sich entfalten läßt“. Man solle dennoch nicht auf Krisen hoffen, weil vor allem Kriege  meist „nicht viel mehr als Elend mit sich“ brächten und immer mit dem Risiko der eigenen Vernichtung verbunden seien:

Krisen treiben das Große wohl hervor, aber es kann das letzte sein.

Es sei besser, sich in Zeiten der Stärke die destruktiven Folgen von kultureller Auflösung und Schwäche vor Augen zu halten und diesen entgegenzuwirken, bevor sie zu Krisen führen.

Das Problem der Krisenleugnung des liberalen Fortschrittsoptimismus

Burckhardt kritisiert die optimistische Perspektive des Liberalismus, der davon ausgeht, dass Geschichte sich kontinuierlich in Richtung des Fortschritts vollziehe und es daher keine negativ zu bewertenden Krisen, sondern nur neutralen oder positiven Wandel gebe.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts habe etwa die Völkerwanderungen, die das Römische Reich zerstörten, zum Teil positiv bewertet weil diese eine „Verjüngung“ Europas nach sich gezogen hätten. Der „Drang jugendlicher Völker von großer Fruchtbarkeit nach dem Besitz […] menschenarm gewordener Länder“ habe tatsächlich aber keine positiven Auswirkungen auf das Römische Reich gehabt, sondern sei für dieses „rein ertötend“ verlaufen.

Dies gelte allgemein vor allem für solche Krisen, die aus der Begegnung unterschiedlicher Kulturen entstehen. Es sei naiv, hier nur von der Möglichkeit der gegenseitigen Befruchtung auszugehen, denn es gebe auch „rein negative und zerstörende Barbareien“.

Religion als Treiber historischen Geschehens und die bevorstehende „große religiöse Krisis“ Europas

Religion sei der wesentliche Treiber historischen Geschehens, weil andere Treiber wie die Kultur und der Staat von ihr abhängig seien:

Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen. […] Eine mächtige Religion entfaltet sich in alle Dinge des Lebens hinein und färbt auf jede Regung des Geistes, auf jedes Element Kultur ab. […] Jede Religion würde, wenn man sie rein machen ließe, Staat und Kultur völlig dienstbar, d. h. zu lauter Außenwerken ihrer selbst machen und die ganze Gesellschaft von sich aus neu bilden.

Religionen würden „heiliges Recht“ und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass „große Zwecke erreicht werden […] und daß die ganze Nation darin ihren Ausdruck, ihr Pathos und ihren Stolz gegenüber anderen Völkern zu finden vermag.“ Religiös inspirierte Völker seien „wirklich für etwas dagewesen und haben eine mächtige Spur zurückgelassen“.

Europa stehe möglicherweise vor einer „großen religiösen Krisis“ und somit auch vor einer Krise seiner historischen Existenz, da der „moderne Geist“ die „Deutung des ganzen hohen Lebensrätsels unabhängig vom Christentum“ versuche. Es gebe jedoch keine historischen Beispiele für das Überleben einer Kultur, die sich von der sie begründenden Religion gelöst habe. (ts)

5 Kommentare

  1. Um Niedergangsphänome überhaupt wahrnehmen zu können, sind historische Kenntnisse und ein weiter Horizont vonnöten.
    Ohne Vergleich keine Erkenntnis.

    Mit diesen wenigen Worten dürfte das Lern- und Erfahrungsproblem der heute Mächtigen, also der sog. „Eliten“, ziemlich zutreffend beschrieben sein.
    Die Mehrheit unter ihnen ist unwissend bis hin zur Dummheit.

    Burckhard, aber auch der gar nicht so viel spätere Spengler hatten noch diesen weiten Horizont.
    Unsere heutigen Dummis merken es nicht mal, wenn ihre Zeit abgelaufen ist.

    Nebenbei:
    Es ist nun nun schon eine Weile her, dass ich Burckhardt gelesen habe, 22 Jahre sogar schon. Ich erinnere mich aber noch, dass mir bei der Lektüre aufgefallen war, dass er den Bereich der Wirtschaft als eigenständige Wirkgröße unterschätzt hat. Das Ausmaß der Verselbständigung großer Unternehmen und Konzerne war ihm im 19. Jahrhundert noch nicht vorstellbar. Das mindert zwar nicht Burckhardts Rang als Geschichtsdenker und Historiker, macht seine berühmte Modellvorstellung der historischen Wirkkräfte (aus den „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“) aber ergänzungsbedürftig.

  2. Weise Voraussicht des Herrn Burckhardt schon Ende des ausgehenden 19. Jhdt. Kritik nur am letzten Kapitel: Religion als Treiber historischen Geschehens und die bevorstehende „große religiöse Krisis“ Europas.

    Religionen würden „heiliges Recht“ und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass „große Zwecke erreicht werden […] und daß die ganze Nation darin ihren Ausdruck, ihr Pathos und ihren Stolz gegenüber anderen Völkern zu finden vermag.“ Religiös inspirierte Völker seien „wirklich für etwas dagewesen und haben eine mächtige Spur zurückgelassen“.

    Irritierend:
    Wenn hier von „Religionen“ geschrieben wird, die Staat und Kultur dienstbar machen, so haben wir – oder verstehe ich das falsch? – einen Gottesstaat, wie der IS ihn hat aufrichten wollen oder wie Saudi Arabien, Pakistan oder Afghanistan, usw. Zumindest ist dies missverständlich. Selbst bei der Kirche, die ja in den Staat hineinregieren wollte, gab es wohl Missstände. Der IS und dies Staaten des Islams haben mächtige Spuren hinterlasse, nämlich gegen Frauen und Nichtmuslime.

    Wenn allerdings damit gemeint ist, einen zerrütteten gottlosen und gottvergessenen Kontininent über das Christentum wieder mit Kultur zu füttern, um dann die Menschen wieder Basisreligion und -kultur zu lehren, so kann dies gelingen, aber eben nur, wenn das Volk am Boden liegt. Werden Sie alle einmal sinnvoll religiös oder auch nur kulturell tätig bei vielen jungen Menschen, dann werden Sie feststellen, dass es

    a) schwer ist, überhaupt über Religion zu sprechen und wenn, dann ist das ein einmaliges Gespräch ohne viel Wirkung. Nicht einmal ein Same wird gelegt oder wir wissen es nicht.
    b) selbst über die Ursprünge der Kultur, wo wir kulturell herkommen, wie sich Malerei, Musik oder Kunst entwickelt haben, stößt auf Desinteresse.

    Warum ist das so? Spaß- und Fun-Gesellschaft, auch Stress im Berufsalltag, Ablenkung ohne Stille und selbst politisches Desinteresse vielfach.

    Für soziale Projekte (ohne Gottesbezug) sind junge Leute durchaus ansprechbar, aber eben nur sporadisch, nicht regelmäßig oder als Hauptfreizeitbeschäftigung. Punktuell eine soziale Aktion wie Sammelaktionen, Kuchenback- oder Waffelaktionen für den guten Zweck unterstützen: Große Bereitschaft. Da zeigen sie wirklich Einsatz! Lobenswert! Regelmäßige Hilfe oder Sozialarbeit neben Schule oder der Arbeit: Mangelware, geschweige denn, wenn es um Erlangung von Glaubenswissen geht.

    Wie wollen wir die Jugend ins Boot holen? Wie wollen wir die Jugend zum Christentum hinführen und sie für Jesus begeistern, sie für den regelmäßigen Gottesdienst erfolgreich animieren, usw.???

    Ich denke, dass dies das Problem für alle Blogs ist, die sich mit dieser Glaubensschwundproblematik und den kulturellen Zerstörungsursachen und -symptomen beschäftigen. Analyse wunderbar. Lösung: Das große Fragezeichen.

    Die geistige Umkehrhaltung in der Gesellschaft muss sich allgemein auf das Christentum zurückbesinnen, sonst wird das nichts. Kirchenfeindlichkeit wird hierzulande immer größer: Wie soll Jesus auch glaubwürdig durch Kirchen vertreten werden, die sehr reich sind, deren Repräsentanten in vergleichsweise Palästen wohnen, die sich durch Missbrauchsfälle nicht gerade beliebt gemacht hat und teilweise deren Vertreter die Menschen im Alltag einfach nicht abholen. Sie wissen nichts von ihnen, nichts über ihre Arbeitswelt, nichts über ihre Familien bis auf Ausnahmen. Kirchenaustritte (ich habe sie jahrelang beim Amtsgericht aufgenommen) ziehen sich durch die Generationen. Junge Leute sind vielfach dabei. Meistens Steuergründe.

    Selbst wenn wir uns unter den Alten die Köpfe zerbrechen. Die Jungen hören einfach nicht und lassen sich auch nicht durch gutes Beispiel irgendwie inspirieren.

    Wir werden wohl bei der jetzigen Situation mit dem Hereinlassen kulturfremder Menschen in Massen erst durch das adventliche Jammertal gehen müssen, um das Bewusstsein für das Christentum, für Jesus Christus wiederzuerlangen.

    Heute ist Fronleichnam. Die Kommunion zwischen Orthodoxen und Katholiken ist gleichwertig und möglich. Warum keine Initiative, eine Fronleichnamsprozession zusammen zu gestalten, den Leib des Herrn durch die Straßen der Stadt zu tragen mit koptischen, syrisch-orthodoxen oder anderen orthodoxen Gemeinschaften. Das Christentum in Europa kann nur überleben, wenn sich die kath. Kirche mit anderen Kirchen zusammentut, in der Liturgie sich vereint mit der Orthodoxie, die mit Zwischenschritten wie der Fronleichnamsprozession, nach draußen wagt. Mit den Evangelen wird das schwierig, weil der Leib Christi in der Evanglischen Kirchen einen anderen Stellenwert, eher einen Symbolwert, hat. Dafür könnte mit der Evangelischen und der Orthodoxie die Frage der Christenverfolgung zusammen in Zusammenschlüssen mit einer Stimme angeprangert werden. Die Suche nach Einheit unter Bewahrung der jeweils eigenen Identität sollte mit solchen Zeichen forciert werden.

    Was für ein Bild: Alte und junge Katholiken (eher leider alte) zusammen mit Kopten und anderen Orthodoxen, deren Priester das Allerheiligste (Hosie zur Hälfte und Brotteile der Orthoxen zur anderen Hälfte in der Monstranz in einer Stadtprozession. Was für ein Bild: Deutsche, Aramäer, Kopten und andere Orthodoxe in einer Prozession.

    Oder Konzelebration mit orthodoxen Priestern in kath. oder der jeweils orthodoxen Kirche. Ein Traum.
    Ich weiß nicht, ob der letzte Vorschlag wirklich kirchenrechtlich hüben oder drüben möglich ist. Aber eine Fronleichnamsprozession ist allemal möglich.

    Die Kirchen haben da keine Phantasie. Predigertausch (hier auch mit den Evangelen möglich)

    Ich glaube, wenn diese Kirchen sich einen Plan aushecken würden, in verschiedenen Teilbereichen, die liturgisch und sozial möglich sind, viel enger zusammenzuarbeiten, wäre das eine Möglichkeit, dem Christentum wieder mehr Leben einzuhauchen.
    Wenn jeder Kirchturm vor sich hinwurstelt, dann wird das nichts mehr.

    • Nachtrag:
      Sternsingeraktion: Warum nur katholisch? Warum beteiligen sich die anderen Kirchen nicht an einer solchen? Das wäre einmal eine Intitiative wert. Auch hier was wür ein Bild: Kinder der kath. Kirche, der evangelischen Kirche, der orthodoxen Kirchen zusammen auf Tour und dann auch bei den orthodoxen Gemeindemitgliedern sammeln und dann auch einmal, auch wenn die Federführung der kath. Kirche obliegen sollte, auch für orthodoxe Hilfswerke sammeln oder prozentual aufteilen. Mein GOTT, Mutter Theresa hat auch allen geholfen ohne Rücksicht auf Religion oder Ethnie. Und die Kirchen schaffen das nicht einmal untereinander, unter Christen.

    • Werter Herr Kemmer,
      wenn Burckhardt davon spricht, dass Religion sich Staat und Kultur „dienstbar“ machen, beschreibt er damit, dass die Religion den Staat und die Kultur prägt. Er meint dies in einem neutralen Sinne, wobei er auch umgekehrte Wirkungen in der Geschichte sieht, z.B. vom Staat auf die Religion. Er ist nicht der Ansicht, dass mehr Religion automatisch besser ist, und unterscheidet sowohl zwischen den Religionen denen er unterschiedlich positive oder negative Wirkung zuschreibt, als auch zwischen Strömungen in Religionen.
      Einige Kritiker haben ihm anti-jüdische und anti-islamische Einstellungen vorgeworfen, aber bei der Lektüre zeigt sich, dass er Religion allgemein nicht idealisiert und auch historische Phänomene im Zusammenhang mit dem Christentum anspricht, die er negativ bewertet.

      • Werte(s) ts,

        danke für die Erläuterungen, da sie für mich leicht irritierend waren. Trotzdem kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Danke!

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