„Schutz für die Jahrhunderte“: Franz Kafka und die Spiritualität des schützenden Dienstes (Teil 1)

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Schriftsteller Franz Kafka zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. In einigen seiner Erzählungsfragmente setzt er sich mit Fragen der Spiritualität des schützenden Dienstes auseinander. Dabei greift er sowohl auf mythologische Elemente, die sich unter anderem auch im Gralsmythos finden, als auch auf biblische Bilder. Der erste Teil unserer Serie behandelt die Erzählung „Beim Bau der Chinesischen Mauer“.

Der Hintergrund der Erzählung ist die sich über viele Generationen hinziehende Errichtung einer Mauer „zum Schutz für die Jahrhunderte“, die „das älteste Reich der Erde“ vor seinen dämonischen Feinden, die nur in den „Büchern der Alten“ beschrieben werden, schützen soll. Die Errichtung wird durch eine ordensartige Organisation geleitet.

Der große Auftrag

Diese Organisation führt ihren „seit jeher“ bestehenden Auftrag im Gehorsam einem toten, aber mutmaßlich unsterblichen göttlichen Kaiser gegenüber aus, der „groß durch alle Stockwerke der Welt“ sei und den Menschen noch im Tod eine geheimnisvolle Botschaft von größter Bedeutung habe vermitteln wollen. Über diesen Kaiser hätten selbst jene, welche „die heiligen Ströme befahren“, nur Vages zu berichten. Der gegenwärtige Nachfolger dieses Kaisers, der im Gegensatz zum Gottkaiser „ein Mensch wie wir“ sei, lebe umgeben von Dekadenz in einem fernen Palast.

An der Bedeutung des Auftrags ändert dies jedoch nichts und die Errichter der Mauer, deren Denken „nur dem Kaiser“ (jedoch „nicht dem gegenwärtigen“) gelte, halten an ihrem Auftrag unabhängig von diesen Zuständen fest, denn das „Kaisertum ist unsterblich“. Sie führen ein dienendes Leben an den Grenzen, „ein Leben, das unter keinem gegenwärtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns herüberreicht.“

Die schützende Mauer als heiliges Werk zur Abwehr des metaphysischen Feindes

Die Mauer sei als heiliges, ins „Endlose“ gerichtetes Werk auf einem stärkeren Fundament gegründet als der Turm von Babel, der nur ein Werk des Menschen gewesen sei. Die Mauer hingegen sei auf Gott ausgerichtet und es „fiel der Abglanz der göttlichen Welten auf die Pläne zeichnenden Hände der Führerschaft.“

Die Mauer schütze die Welt der Menschen vor ihrem nicht physisch in Erscheinung tretenden alten Feind. Unterstützt werde dieser Feind von barbarischen Nomaden, die „geängstigt durch den Mauerbau, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie Heuschrecken ihre Wohnsitze wechselten und deshalb vielleicht einen besseren Überblick über die Baufortschritte hatten als selbst wir“ und immer wieder Teile der Mauer zerstören.

Die Notwendigkeit einer dienenden Elite

Alle Menschen könnten an der Errichtung der Mauer mitwirken, denn sie sei ein „Volkswerk“. Die meisten Menschen würden dabei jedoch durch materielle Motive, durch die ihnen für die Mitwirkung gewährte Bestätigung oder durch sichtbare Erfolgserlebnisse motiviert.

Diese Motive seien jedoch unzureichend. Die Mauer sei ein für die meisten Menschen nicht überschaubares Werk von erhabener Gewaltigkeit und Bedeutung, weshalb ihr Bau von einer Elite geführt werden müsse, „die viel über den Bau nachgedacht hatten und nicht aufhörten, darüber nachzudenken“.

Diese Auswahl werde getrieben von der „Ungeduld, den Bau in seiner Vollkommenheit endlich erstehen zu sehen“ und davon, „den Gründen, insbesondere der letzten Erscheinung, nachzuspüren“. Diese kleine Gruppe strebe auch danach, würdig und tauglich zur Ausführung ihres Auftrags und ihrer Berufung zu werden:

Die Mauer sollte zum Schutz für die Jahrhunderte werden; sorgfältigster Bau, Benützung der Bauweisheit aller bekannten Zeiten und Völker, dauerndes Gefühl der persönlichen Verantwortung der Bauenden waren deshalb unumgängliche Voraussetzung für die Arbeit. […] Und je höher die Leistung, desto größer die Anforderungen. Und solche Männer standen tatsächlich zur Verfügung, wenn auch nicht in jener Menge, wie sie dieser Bau hätte verbrauchen können, so doch in großer Zahl.

Mythische, biblische und sonstige Bezüge der Erzählung

Auch wenn Kafka einen jüdischen Hintergrund hatte, so trägt der in seiner Erzählung beschriebene Gottkaiser doch Züge Jesu Christi, während seine menschlichen Nachfolger und ihr dekadenter Hofstaat Züge der Kirche tragen.

Darüber hinaus prägen mythische Motive den Text. Dazu gehören zum Beispiel die auch den Gralsmythos prägenden Motive der Berufung des Mannes zum schützenden Dienst, die Notwendigkeit der umfassenden Entwicklung des Mannes zur Erfüllung seiner Berufung und die zentrale Bedeutung des Heiligen für diese Berufung und die mit ihr verbundenen Werke.

Vor allem aber werden im Text alttestamentarische Bezüge erkennbar. Das Problem des Schutzes des Volk Gottes und seines Raumes in der Welt durchzieht das ganze Alte Testament, wobei das Bild der schützenden Mauer und ihres Baues sowohl im Alten als auch im Neuen Testament verwendet wird.

Das Bild des Weinberges steht im Alten Testament für das Volk Israel (etwa in Psalm 80) und gemäß christlicher Lehre für die Kirche bzw. für die Gemeinschaft aller Christen. Jesus Christus beschreibt in einem seiner Gleichnisse Gott als denjenigen, der einen Wachtturm und einen schützenden Zaun an dem Weinberg angelegt habe, den sein Volk bestellen solle.

Das Bild der schützenden Mauer findet sich zudem bei Jesaja, wo der fromme Mann folgendermaßen beschrieben wird:

Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.

Das Bild prägt außerdem die historischen Beschreibungen im Buch Nehemia, das vor allem die Erneuerung der schützernden Mauern Jerusalems beschreibt, das seinen Feinden schutzlos ausgeliefert ist:

Dabei besichtigte ich die Mauern Jerusalems: Sie waren niedergerissen und die Tore vom Feuer verzehrt. […] Ihr seht selbst, in welchem Elend wir leben: Jerusalem liegt in Trümmern und seine Tore sind abgebrannt. Gehen wir daran und bauen wir die Mauern Jerusalems wieder auf! So machen wir unserer Schande ein Ende. […] Seit jenem Tag arbeitete nur die Hälfte meiner Leute am Bau; die andere Hälfte hielt Lanzen, Schilde, Bogen und Panzer bereit und die Obersten standen hinter dem ganzen Volk Juda, das an der Mauer baute. Die Lastträger arbeiteten so: Mit der einen Hand taten sie ihre Arbeit, in der andern hielten sie den Wurfspieß. […] So arbeiteten wir am Bau, während die Hälfte die Lanzen bereithielt, vom Anbruch der Morgenröte bis zum Aufgang der Sterne.

Für Franz Kafka war das Volk Gottes identisch mit dem Volk Israel. In seiner Erzählung finden sich dementsprechend auch Bezüge auf das Werk „Der Judenstaat“ von Theodor Herzl, in dem dieser seine Vision der Gründung des Staates Israel beschreibt.

Die Bezüge Kafkas auf Jesus Christus in der Person des Gottkaisers unterstreichen jedoch, dass das Werk Kafkas auch von christlicher Kultur beeinflusst wurde und nicht nur wegen seiner alttestamentarischen Bezüge christlich interpretierbar ist. Im christlichen Verständnis aber ist die Kirche identisch mit dem Volk Gottes. Das Problem seines Schutzes vor seinen metaphysischen Feinden und ihren menschlichen Helfern ist dabei ebenso zeitlos wie der Auftrag zur Errichtung der schützenden Mauer.

Der zweite Teil unserer Serie wird Kafkas Erzählung „Ein altes Blatt“ behandeln. (ts)