Henri de Lubac: Europa braucht ein männlicheres Christentum

Spinello Aretino - Der hl. Erzengel Michael und die aufständischen Engel (gemeinfrei)

Kardinal Henri de Lubac (1896-1991) war einer der wichtigsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. In seinem 1944 erschienenen Buch „Über Gott hinaus – Die Tragödie des atheistischen Humanismus“ warnte er, dass die Abwertung männlicher Spiritualität und maskuliner Tugenden durch liberale Strömungen in der Kirche destruktive neuheidnische Ideologien begünstige. Viele Männer würden sich aufgrund unmännlicher Tendenzen in der Kirche vom Christentum abgestoßen fühlen und fragwürdigen Weltanschauungen zuwenden.

  • Die Gedanken Friedrich Nietzsches und das von ihm beeinflusste moderne Neuheidentum seien die geistig stärksten Gegner des Christentums, weil sie tatsächliche Schwächen der Kirche angreifen würden.
  • Das stärkste Element dieser Form des Atheismus sei seine „Beschwörung eines schöpferischen, mächtigen, heroischen Lebens“ und einer „Moral, die segnet, was stark und hart macht“.
  • Diese Weltanschauung sei deshalb gefährlich, weil sie Eliten und deren „Trieb zu innerer Größe“ wirksam anspreche. Es gelinge ihr, durch ihren Nimbus von Kraft und Leben „hochgestimmte Seelen an sich zu ziehen“ und vor allem leistungsfähige und motivierte junge Männer anzusprechen, die sich nach großen Aufgaben sowie nach „heroischen Ekstasen“ und dem „Stolz der alten Helden“ sehnen würden.

Alle diese Dinge seien an sich gut, würden aber durch die Gedanken des Neuheidentums korrumpiert, indem sie auf falsche Ziele ausgerichtet würden. Sie würden auf Männer zudem wie eine Droge wirken und sie zu Exzessen treiben. De Lubac zitiert als Beispiel den Dichter Rainer Maria Rilke, der nach der Lektüre Nietzsches schrieb:

Der, den sie als Messias preisen, hat die ganze Welt zum Siechenhaus gemacht, die Schwachen, Elenden, Hinfälligen nennt er seine Kinder – und die Starken? […] Wie sollen wir denn hinauf, wenn wir unsere Stärke den Elenden leihen, den Bedrängten, den faulen sinn- und marklosen Schurken?! Lasst sie sinken! Lasst sie hinsterben allein und elend. Seid hart, seid furchtbar, seid unerbittlich! […] Wenige Große, Gewaltige, Göttliche werden ein Reich bauen mit starken, sehnigen, herrischen Armen auf den Leichen der Kranken, der Schwachen, der Krüppel.

Dieses Neuheidentum stoße nur deshalb auf Resonanz, weil das Christentum tatsächlich in weiten Teilen „saft- und kraftlos“ und eine „schwächliche, wirkungslose Religion […] ohne wahren Ernst“ geworden sei. Es befinde sich auf dem Weg, „eine Religion neben dem Leben, oder eine, die uns selbst vom Leben abschneidet“ zu werden.

In ihm trete verstärkt der Typus des „falschen Christen“ in Erscheinung, der nur eine „Kümmerform“ und eine unmännliche Karikatur des christlichen Glaubens darstelle. Erst die Präsenz und das Wirken dieses Typs in der Kirche habe die Gedanken Nietzsches über das Christentum als Gegenbild des Heroischen und Männlichen als glaubwürdig erscheinen lassen.

Der Herausforderung durch das Neuheidentum wirksam begegnen zu können, erfordere ein „männliches und kraftvolles Christentum“ und nicht ein Christentum, das Männlichkeit noch stärker verurteile als es seine liberalen Strömungen bereits täten. Dies bedeute nicht, das Christentum an neuheidnische Ideologie anzupassen, sondern „dass wir unser Christentum männlicher, fruchtbarer, kraftvoller, und, wenn es gefordert wird, heldenhafter leben“, so wie es Jesus Christus vorgemacht habe. Dies sei auch eine Erfordernis der Entwicklungen in der Welt:

Beim heutigen Zustand der Welt muss ein männliches und kraftvolles Christentum bis zur Grenze eines heroischen Christentums vordringen.

Die falschen Ideale des Neuheidentums müsse die Kirche ebenso zurückweisen wie die unmännlichen Tendenzen des liberalen Christentums, wenn sie ihren Dienst richtig verrichten wolle. De Lubac versteht diesen weltanschaulichen Kampf als Teil des christlichen geistlichen Kampfes sowie als eine Form des schützenden Dienstes des Christentums.

Hintergrund und Bewertung

Die von de Lubac beschriebene Tendenz zur Abwertung männlicher Spiritualität hat sich in der Kirche in Westeuropa seit der Veröffentlichung seiner Analyse weiter verstärkt, was weiterhin neuheidnische Gegenbewegungen erzeugt, weshalb seine Analyse immer noch relevant ist.

Der Religionswissenschaftler Matthew Rose hatte vor kurzem beschrieben, dass die Kirche oft keine Antworten mehr auf die Auflösungserscheinungen liberaler Gesellschaften habe oder diese sogar aktiv fördere. Die Kirche erscheine vor allem als unfähig, das von ihr begründete kulturelle Erbe Europas zu verteidigen.

  • Das Erstarken der neuheidnischen amerikanische „Alt-Right“-Bewegung, die das Christentum für diese Entwicklung verantwortlich mache und in ihren Antworten darauf auf die Gedanken neuheidnischer Philosophen wie Julius Evola zurückgreife, sei auch eine Folge dieses Versagens der Kirche.
  • Diese Bewegung spreche eine männliche und heroische Sprache und betone die Bewahrung des Eigenen sowie die Notwendigkeit von Dienst, Kampf und Opfer, was die Kirche im Zuge ihrer Liberalisierung oft aufgegeben habe. Junge Männer mit dem Willen zum Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen würden sich daher oft vom Christentum ab- und neuheidnischen Ideologien zuwenden.

Rose betont, dass die geeignete Antwort darauf nicht darin bestehen könne, unmännliche Tendenzen in der Kirche noch stärker zu betonen. Er verweist auf den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, demzufolge die ins Unendliche gerichtete christliche Vorstellung von Dienst, Kampf und Opfer größer, erhabener und radikaler sei als die auf kleinere, rein weltliche Ziele gerichteten Vorstellungen neuheidnischer und sonstiger säkularer Ideologien.

Die Kirche müsse in Anknüpfung an die von Papst Johannes Paul II. formulierte Theologie der Nation zudem deutlich machen, dass die Übernahme von Verantwortung für die eigene Heimat und Kultur durchaus ein Teil des Auftrags des Christen in der Welt sei, wobei der eigentliche Auftrag des Christentums jedoch noch wesentlich größer sei.

Außerdem ist das christliche Verständnis von kultureller Identität dem neuheidnischer Ideologien überlegen. Während diese Identität zum Teil auf ihre biologische Aspekte reduzieren, betont das Christentum die Bedeutung großer Taten und Werke, wie etwa der durch den katholischen Philosophen Robert Spaemann beschriebenen „heiligen Erzählung“ über den „tausendjährigen Abwehrkampf der christlichen Zivilisation“, vor der die Ersatzmythen säkularer Ideologien klein werden. (ts)

6 Kommentare

  1. Werter tz, werter Attila Varga,
    danke für Ihre Meinungen.
    Herr Varga, ja, da haben Sie wohl recht. Nicht nur Westeuropa ist von diesem Virus befallen. Danke für Ihre Infos.

    Werte(r) tz,
    ist es nicht in der heutigen Zeit gerade die Frau, die diese christltch orientierte Ritterlichkeit des Mannes eher als Schwäche auslegt und sich lieber Männern zuwendet, die aus patrarchalisch kulturierten Gesellschaften stammen?

    Die von Ihnen dankenswerterweise verlinkte Aufzählung scheint irgendwie nicht mehr in die heutige Zeit der Gleichberechtigung zu passen bis auf sie sexuelle Rücksichtnahme und den Verzicht in dem ewigen disziplinären Kampf des Geistes über den Körper. Sowohl die Frauenrechte als auch die Entwicklung der Frau zur Selbstständigkeit, welche ich uneingeschränkt gutheiße, lässt diese Aufzählung irgendwie eigentümlich erscheinen, jedenfalls für Menschen, die für das Christentum gewonnen werden sollen und auch für Christen, die es wieder werden wollen. Frauen übernehmen für sich selbst Verantwortung.

    Aus christlicher Sicht ist diese Liste natürlich voll zutreffend und in keiner Weise zu beanstanden. Treue und die Übernahme von Verantwortung sind auch für heutige bewusst lebende Christenmänner eine Selbstverständlichkeit, allerdings für Taufscheinchristenmänner wohl eher nicht.

    Als ich im Jahre 1980 geheiratet hatte, erklärte mir der Pfarrer im Brautunterricht, dass es kaum noch Eheleute gebe, die keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr ausgeübt hätten. Er sprach damals bereits von 90 bis 95 %. Was heute noch in der orthodoxen Kirche gelehrt und auch wohl zumindest wesentlich häufiger praktiziert wird, nämlich die Enthaltsamkeit vor der Ehe, ist in der westlichen Kirche wohl vollständig abhanden gekommen, weil auch nicht mehr verkündet. Ich glaube, Sie würden kaum noch junge Leute antreffen, die auf diesen Punkt angesprochen, Ihrer Bitte nach Enthaltsamkeit vor der Ehe nachkommen würden, wenn sie denn überhaupt noch heiraten und nicht nur aus Imagegründen in der Kirche.

    Der Sündenbegriff ist vielfach auch in anderen Problemfeldern (Abtreibung, Euthanasie) völlig abhanden gekommen, weil von der Sünde in der Kirche kaum noch gesprochen wird und die Hölle oder das Fegefeuer ist eh out. Warum sollen dann die Christen auch sich noch für Jesus disziplinieren, wenn doch der Himmel auf dem breiten Wege lockt. Das Eine (Sündenrelativierung, Höllenabschaffung, Religionen sind alle gleich) zieht das andere (Morallosigkeit und das schwindende Sündenbewusstsein) dann eben konsquenterweise nach sich. Und das Christentum ist für diese Art der Sündenrelativierung besonders anfällig, weil Christus immer wieder von Vergebung gesprochen hat und die Kirchen nur noch einen Gott der Liebe predigt, der alles verzeiht, was er auch tut. Übersehen wird geflissentlich die kleinen Zusätze, die Jesus der Ehebrecherin gesagt hat wie „und sündige nicht mehr“ oder die Umkehr des verlorenen Sohnes aus niedrigen Beweggründen. Dass der Mensch sich selbst von der Liebe Gottes ausschließt, wenn er Süden begeht und diese nicht bereut und nicht umkehrt, predigt sie nicht oder unzureichend. Ein seelsorgerischer Kapitalfehler. Diese seelsorgerische Laschheit und auch Falschverkündigung in dieser Frage ist für mich wohl die Sünde wider den Heiligen Geist durch die Kirche selbst und mag für jede Seele eines Jesusnachfolgers, Christ genannt, fatale Folgen haben. Jedenfalls fasse ich diese Sündenart (wider den hl. Geist) so auf, auch wenn das theologisch möglicherweise anders interpretiert wird. Und genau das wird auch zu Recht vom Islam und vom Judentum wohl vollends abgelehnt und auch als Schwäche und zugleich als Hochmut gegenüber Gott ausgelegt. Gott ist doch keine Gummipuppe, die alles mit sich machen lässt. So schwindet die Ehrfurcht im besten Sinne des Wortes vor Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Ein theologischer Kapitalbock würde ich sagen. Sorry, schweife wieder einmal ab.

    Aber der gesellschaftliche Rahmen hat sich doch in den letzten Jahrzehnten stark verändert.

    Mich würde interessieren,
    a) was Frauen zu dieser Liste zu schreiben oder zu sagen hätten und
    b) in dieser Kirche kulturierte junge Leute hierzu zu schreiben oder zu sagen hätten.

    Auch bei dieser Liste würde ein Großteil der Punkte auch für die Frau zutreffen. Diese Punkte könnten Sie heute wohl höchstens 10 % der Christen überhaupt begreiflich in dem Sinne machen, dass sie diese Punkte als überhaupt erstrebenswert ansehen mögen. Soweit diese Punkte eher im Theoretischen bleiben, würden Sie möglichereweise noch Zustimmung bekommen. Sobald dies aber ins Praktische geht, wer weiß.

    • Werter Herr Kemmer,
      in den USA gibt es einen Autor, der sich praktisch orientierte Gedanken über traditionelle Männlichkeit macht und damit auf sehr starke Resonanz stößt. Er wies genau auf das Problem hin, das Sie auch ansprechen: Ritterlichkeit ist eben keine solche, wenn ihr die harten maskulinen Aspekte fehlen. Mit den Worten des Autors: Man muss ein Mann sein, bevor man ein Gentleman sein kann. Ritterlichkeit bzw. die Eigenschaft des Gentleman ist demnach vor allem geordnete und kultivierte Stärke und nicht identisch mit überfeinerten Manieren:
      https://www.artofmanliness.com/2015/06/29/youve-got-to-be-a-man-before-you-can-be-a-gentleman/
      Gegenwärtig zeigt sich m.E. auch, dass junge Männer gerade diese scheinbar nicht mehr in die Zeit passenden Ansätze sehr schätzen. Das zeigt etwa der Erfolg des Psychologen Jordan Peterson. Offenbar ist es die Erfahrung vieler Männer, dass die scheinbar zeitgemäßen Ansätze nicht auf wahren Aussagen über die Natur des Menschen beruhen, sondern auf Illusionen. Viele junge Männer haben das selbst erfahren und bevorzugen offenbar die unzeitgeistige Wahrheit, wenn sie in einer ihnen verständlichen Sprache vorgetragen wird. Er spricht z.B. nicht von Sünde, aber von Handlungen, die im Widerspruch zur transzendenten Ordnung der Dinge stehen, und durch die der Mensch seine Seele zerstört. Für einen ersten Schritt, den seine Zuhörer verstehen, ist das m.E. nicht falsch.
      Petersons Erfolg wurde auch damit erklärt, dass er Männern Dinge über Männlichkeit sagt, die man bereits vor Jahrtausenden wusste, aber dies in einer zeitgemäßen Sprache tut, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert und es selbst vorlebt. Sein Gespräch mit einer feministischen Journalistin, in dem er deren überdrehte Sexismus-Vorwürfe souverän und sachlich im Stil aber hart in der Sache zurückwies, ist sehr sehenswert:

      Diese Gegenbewegung trägt jedoch das Risiko in sich, als Reaktion auf den die Exzesse des Feminismus in Frauenverachtung umzuschlagen. Dies ist m.E. zwar nicht bei Peterson der Fall, aber bei anderen, die beobachtet haben (wie Sie auch geschrieben haben), dass Männer aus patriarchalischen Kulturen auf Frauen oft attraktiver wirken als Männer, die dem feministischen Ideal entsprechend leben.
      Frustriert über den Feminismus und die Unwahrheiten, die man ihnen jahrelang über die Natur von Mann und Frau erzählt hat, reagieren diese Männer über und versuchen sich ein hyperdominantes, bis ins Primitive machohaftes, frauenverachtendes Gehabe anzutrainieren. Sie sehen sich darin bestätigt, weil dies offenbar auf eine bestimmte Art von Frau tatsächlich attraktiv wirkt.
      Darum soll es hier natürlich nicht gehen. Es geht darum, vor dem Hintergrund der Erkenntisse u.a. der Psychologie vergessene Traditionsbestände so aufzubereiten, dass man sie sich wieder aneignen kann. Ich finde es interessant, dass fortgeschrittene Wissenschaft zunehmend zu der Erkenntnis gelangt, das Tradition im Grunde eine Form des an den Prüfungen durch die Wirklichkeit gewachsenes Erfahrungswissen darstellt, das den scheinbar rationalen aber vielfach auf mangelhaften Prämissen beruhenden moderneren Entwürfen oft überlegen ist.
      Im Widerspruch zur Gleichberechtigung oder zur Verantwortung der Frau steht das m.E. nicht. Während ich selbst nicht mehr im aktiven Dienst bin, ist meine Frau aktiver Offizier der Bundeswehr und trägt für deutlich mehr Menschen Verantwortung als ich, aber sie scheint es unabhängig davon zu schätzen, wenn ich an mir im Sinne traditioneller christlicher Männlichkeitsvorstellungen an mir arbeite.
      Diese so aufzubereiten, dass auch außerhalb dieser Tradition aufgewachsene Männer sie sich wieder aneignen können, wird allerdings eine enorme Aufgabe darstellen. Immerhin gibt es ja mittlerweile auch in Deutschland den einen oder anderen, der sich dieser Aufgabe widmend, z.B. dieser Autor, bei dem man sich nicht vom etwas merkwürdigen Titel des Buches abschrecken lassen sollte: https://www.amazon.de/Mann-unrasiert-Wild-echt-berufen/dp/3417267897

  2. Ich denke, dass dieses Heranzüchten von „Weicheiern“ heute keine Eigenart des westeuropäischen Christentums ist, sondern eine allgemeine Erscheinung. Die Genderideologie als Beispiel der sozialen Geschlechter-Gleichmacherei legt ja gerade ihren Ursprung eben nicht auf die biologischen Unterschiede. Selbst im säkularen Bereich werden Jungen zu Mädchentyen erzogen. Der Feminismus hat es geschafft, die Frau in den Vordergrund zu drängen. Männlichkeit wurde einer anderen Definition unterzogen. Die Feminismus hat es geschafft, dass Frauen Männer nachäffen und umgekehrt, was den homosexuellen Typus geradezu angelockt hat. Die Thesen de Lubacs erschienen 1944, also mithin zum Ende des 2. Weltkrieges, wo die stereotype „Männlichkeit“ ja als Mittel zur effektiven Kriegsführung benötigt wurde. Und die Folgen des verheerenden Krieges hinterließen alle Gründe, um diese Männlichkeit zu Recht zu hinterfragen. Der Feminismus hat genau das ausgenutzt.

    Die Männer verließen das Christentum, weil sie nicht erkannten, dass gerade der Einsatz für die Schwachen im christlichen Sinn, das Bekenntnis zu Jesus Christus eben als männlich angesehen werden kann. In der kath. Kirche sind überwiegend Frauen als Laien tätig, in der evangelischen als Priesterinnen bis hin zu Bischöfinnen. Hat das etwas gebracht? Nein.

    Wir müssen meiner Meinung nach erst einmal wieder neu definieren, in welchen praktischen Handlungen sich diese „männliche Spiritualität“ denn festmacht und was sie für Vorbild-Auswirkungen dann auf die junge männliche Generation haben könnte. Die theoretische Herangehensweise ist natürlich auch mehr als wichtig. Aber diese Herangehensweise muss schon in das christliche praktische Leben Einlass finden.

    Die männliche christliche Spiritualität kann niemals eine aggressiv kriegerische sein, aber m. E. eine bekennende. Die beiden „männlichen“ Bischöfe auf dem Tempelberg haben genau das Gegenteil praktiziert. Sie haben diesem hier aufgeworfenen Thema mehr als geschadet und diesen Artikel mehr als notwendig gemacht.

    Was also ist „männliche Spiritualität“ jetzt ganz spezifisch? Meines Erachtens das Streben nach dem Bekennen-können-und-wollen in aller Öffentlichkeit. Eine Kippa, ein Kopftuch sind letztlich Bekenntnisse in der Öffentlichkeit, die ich jetzt nicht weiter hinterfragen will. Wer jedoch selbst das Bischofskreuz abnimmt, hat Jesu Wort nicht verstanden in seiner ganzen Tiefe.

    Die männliches Spiritualität macht sich somit bereits erkennbar
    – in der Theologie des Bekenntnisses, in der Hervorhebung der Unterschiedlichkeit, die durch sachliche Argumentation unterstrichen wird und nicht im m. E. feigen Suchen nach Gemeinsamkeiten, die einfach nicht oder zumindest kaum vorhanden sind.
    – Im Dialog mit Religionen, die auch das identitäre Eigenbewusstsein des Christen respektieren in Gegenseitigkeit und nicht feiges Herumlamentieren, um möglichst geschmeidig und diplomatisch wirken zu können.
    – in dem Tragen eines Kreuzes in der Öffentlichkeit
    – im sich Bekreuzigen in aller Öffentlichkeit z. B. vor oder nach dem Mittagessen in der Kantine
    – in einer Bekleidung, die den Priester noch als Priester erkennen lässt
    – im Sicheinmischen des Bekenntnisses in Diskussionen mit säkularen Menschen
    – im bewussten Tun des Guten bereits im Kleinen, z. B. im Büro der Putzfrau den Papierkorb in den Müllsack zu leeren.
    – am Arbeitsplatz – soweit es der Arbeitgeber erlaubt – ein Kreuz an die Wand zu hängen.
    – in dem Hochhalten des Identitären des Christentums, also letzlich Jesu in allen Lebenslagen, auch denen in der Verfolgung.

    All diese Dinge können in der kath. Kirchen bis auf das Tragen des Priesterkleides auch Frauen tun, diese tun dies jedoch bereits in der Nonnentracht. Was ist also das spezifisch Männlich-Christliche in der Praxis? Ich bin letztlich der Meinung, dass es dieses nicht wirklich gibt. Frauen können genauso mutig ihr Christentum bekennen.

    Wenn mit Kampf gemeint ist, im Krieg das christliche Abendland zu verteidigen, dann kann ich dem zustimmen. Aber im Ernst: Was soll ich an dem ehemals christlichen Abendland des Westens denn noch verteidigen, wenn sogar Bischöfe auf dem Tempelberg das Kreuz abnehmen und alle Religionen gleich sein sollen. Darum ist diese Diskussion erst eine Folgeproblematik an die Klärung der Unterschiedlichkeit der Religionen.

    Letztlich sind die Worte „Dienst, Kampf und Opferbereitschaft“ nicht unbedingt spezifisch männlich.
    Sagen wir so:
    Wenn Jesus eine Frau gewesen wäre, wäre die Dienstaufforderung Jesu für seine in der Regel männlichen Jünger nie als etwas Besonderes beachtet worden, weil Frauen damals nur dienen mussten, während Männer letztlich bis in die Familie hinein herrschten, eben Patriarchat. Wenn also Männer dienen, ist das dann etwas Besonderes? Heute natürlich nicht, im Patrarchat schon. Also: Im Christentum nicht, im Islam schon!

    Zum Kampf habe ich bereits meine Meinung bekundet

    Die männlich spezifisch christliche Opferbereitschaft soll denn wie definiert werden, die nicht auch Frauen ausführen könnten? Das eigene Leben für andere hingeben. In diese Situation geraten doch eher Frauen als Männer, wenn die Frage der Abtreibung ansteht, die das Leben der Mutter retten könnte. Das wäre das perfekte Beispiel von Opferbereitschaft: selbst zu sterben, um das eigene Kind zu retten erinnert an den Pelikan, was natürlich auch nur ein Mythos ist. Die Verteidigung des Allerheiligsten in der Kirche können auch Frauen übernehmen. Wenn bischöfliche Männer das Kreuz abnehmen, würden sie wohl das Allerheiligste in einer Kirche verteidigen, wenn z. B. christenfeindliche Kräfte den Leib Christi schänden wollten? Die Frage muss sich ohnehin jetzt jeder stellen, wenn der Islam das Land zunehmend erobert.

    Vielleicht kann mir da jemand auf die Sprünge helfen. Denn jede Theologie muss auch an praktischen Beispielen festgemacht werden können. Wer da im geistig Hochtrabenden bleibt, wird oftmals nicht verstanden. Wobei ich jetzt wirklich nicht der Theologie das Wasser abgraben will und darf, denn dort kann sich der Heilige Geist eben sehr gut bemerkbar machen und auch entfalten, aber dabei darf es eben nicht bleiben. Ich glaube, dass die heutige Theologie es schaffen muss aus den Gefilden der Glaubenstheorie mit konkreten Beispielen in die Glaubenspraxis neu eindringen muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden vornehmlich für Außenstehende, aber eben auch für die eigenen Gläubigen. Die theologische Insel der geistigen Elite als Inselphänomen wird heute nicht mehr ausreichen, um die Menschen konkret in ihrer Lebenssituation anzusprechen und sie für Jesus zu begeistern.

    Mich also würde einfach nur interessieren, welche konkreten Handlungen das spezifisch christlich-männliche Element ausmachen würden. Denn darüber diskutieren, ist letztlich einfach, aber das konkrete Charakteristische in Beispielform zu benennen, ist m. E. der schwiergere Part.

    • Werter Herr Kemmer,
      vielen Dank für die interessanten Gedanken. De Lubacs schreibt tatsächlich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Dieser ist für ihn aber kein Anlass, soldatisch definierte Männlichkeit in Frage zu stellen, denn als Mitglied der französischen Resistance war ihm sehr bewusst, dass man die neuheidnisch-militante, auf die Vernichtung des Schwachen ausgerichtete Männlichkeit des NS nur durch physischen Kampf überwinden werden könne. In kenne mich da im Details nicht aus, aber es scheint in Frankreich als Folge der raschen Niederlage 1941 eine Diskussion darüber gegeben zu haben, ob diese auch eine Folge eines Mangels an Maskulinität gewesen sei.
      Der Gegensatz verläuft hier m.E. nicht zwischen kämpferischen und nicht-kämpferischen Männlichkeitsbildern, sondern zwischen einem, dessen Kampf die Vernichtung der Schwachen fordert und einem, dessen Kampf dem Schutz der Schwachen gilt. So gesehen ist christliche männliche Spiritualität nicht aggressiv, aber sie kann in bestimmten Lagen durchaus kriegerisch sein. Dass sie es jedoch im Alltag nicht sein kann, sondern sich anders äußern muss, ist m.E. ebenso offensichtlich, und Sie liefern dazu ja viele Anregungen.
      Wie Sie m.E. vollkommen richtig schreiben, sind Frauen nicht weniger als Männer dazu berufen, ggf. ihr Leben im Dienst hinzugeben, aber die Aufgaben und die Art und Weise, in der dies geschieht, gestalten sich doch oft unterschiedlich.
      Zu Ihrer Frage, was das praktisch für das Leben des christlichen Mannes bedeuten kann: Wir haben damit angefangen, entsprechende Impulse hier zu sammeln.
      https://bundsanktmichael.org/christliches-leben/
      Letztlich geht es in dieser Zusammenstellung darum, wie man als christlicher Mann sein Leben so gestalten kann, dass es Verantwortung für andere und für wertvolle Dinge übernehmen kann.

    • Sehr geehrter Herr Kemmer,
      das Heranzüchten von Weicheiern ist in der Tat keine Eigenart des westeuropäischen Christentums, sondern der westlichen, angelsächsisch-globalen Zivilisation.
      In seinem Buch „Wir Weicheier“ beschreibt der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld einen Vorfall in Israel.
      An einer Universität oder höheren Schule schlugen junge russische Juden bei einem Streit in Israel aufgewachsene jüdische Mitschüler zusammen, während die übrigen jungen Israelis ebenso entsetzt wie tatenlos zusahen. In jeder deutschen Stadt, in welcher junge Wolgadeutsche auf junge „Wirtschaftswunder-Epi68er-Deutsche“ stoßen, spielen sich ähnliche Szenen ab.
      Der Westen kann mit seiner Militärtechnologie jedes Land pulverisieren, doch hat er seine Infanteristen mit einer selbstmörderischen Erziehung und Ausbildung der Niederlage geweiht.

  3. Ein durchaus interessanter Artikel. Gerade als orthodoxer Christ fällt mir der Unterschied n einer Männlichkeit zum Westen auf. Männer, die von der Arbeit kommend noch in Stiefeln an der Kirche vorbeigehen und sich bekreuzugen, die Ikonen küssen, oder unsere Mönche, die sich in ihrem Duktus nicht verstellen, was ich oft im „Westen“ erlebt habe. Es gäbe noch mehr Beispiele aufzuzählen, in der sich auch die alltägliche Spiritualität zeigt.
    Dennoch glaube ich, dass das Problem aus dem Text heute in der säkularen Gesellschaft ganz das Gegenteil ist. Wenn es eine Männlichkeit gibt, die gepflegt wird, dann bei den Hipstern und zwar durch den Konsum von Bartartikeln. Der Rest junger Männer lebt doch überwiegend eine völlige Unmännlichkeit. Kein Wehrdienst, weniger Sport im Sinne von Wettkampf und so gut wie keine Verteidigungsbereitschaft. Ledglich Moralpredigten und Konsum. Da ist doch alles Männliche abschreckend.

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