Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 3: Der Unwille zum Erkennen der Lage

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa. Der dritte Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt den in den politischen und kulturellen Eliten Europas verbreiteten Unwillen zum Erkennen der Lage.

Der erste Teil der Serie hatte Murrays Ausführungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas vorgestellt. Im zweiten Teil ging es um den in Europa verbreiteten Unwillen zur Selbstbehauptung.

Die Verdrängung der Wirklichkeit als Folge eines naiven Fortschrittsglaubens

Die vorherrschenden kulturellen Tendenzen seien von einem naiven Fortschrittsgedanken geprägt. Ihnen fehle das Bewusstsein für die Möglichkeit des tragischen Verlaufs gesellschaftlicher und historischer Prozesse. Existenzielle Herausforderungen würden weitestgehend ausgeblendet und jenen, die sie ansprechen, werde unterstellt, damit nur irrationale Ängste auszudrücken. Außerdem gebe es eine starke Tendenz zur Tabuisierung der Ansprache dieser Herausforderungen, etwa in Form von Rassismusvorwürfen.

Je sichtbarer die Probleme würden, desto aggressiver werde eine heile Welt beschworen und die aktive Ausblendung der Wirklichkeit als Beitrag zum Gelingen der angestrebten Utopien dargestellt. Nach islamistischen Terroranschlägen werde zum Beispiel Passivität gegenüber den Urhebern zum Ideal erklärt und behauptet, diese sei ein positiver Ausdruck gelassener Stärke. Der radikalste gegenwärtig zu beobachtende Versuch zur Verdrängung der Wirklichkeit sei die Aussage, dass deren Ansprache „den Falschen nutze“.

Politische Motive des Unwillens zum Erkennen der Lage

Murray zufolge herrsche in Europa der Unwille vor, die gegenwärtige Lage anzusprechen, weil diese Ansprache die von großen Teilen der politischen und kulturellen Elite geteilten utopischen Ideologien grundsätzlich in Frage stellen würde:

Dass in Europa Fragen nicht gestellt und Diskussionen nicht geführt werden, kann vielleicht im Großen und Ganzen darauf zurückgeführt werden: Es ist besser, nicht zu fragen, wenn es nur schlimme Antworten gibt.

Statistiken würden in vielen Fällen zum Beispiel gezielt so erhoben, dass sie Herausforderungen möglichst unscharf abbilden, um dann behaupten zu können, dass Warnungen keine Faktengrundlage hätten. Gleichzeitig verändere sich die politische Sprache und nehme dabei zunehmend einen verschleiernden Charakter an. Begriffe und Konzepte, die eine deutliche Ansprache und Abgrenzung von Herausforderungen ermöglichen, würden tabuisiert.

Diejenigen, die wie der Volkswirt Thilo Sarrazin begründete Warnungen bezüglich der Entwicklung in Europa vorbringen, würden konsequent ins politische Abseits gestellt. Dadurch werde sozialer Druck erzeugt, Herausforderungen nicht anzusprechen, um persönliche Nachteile zu vermeiden. Ein Beispiel dafür sei die Passivität der Behörden im Umgang mit Banden pakistanischstämmiger Muslime in Großbritannien, die dort über lange Zeiträume in organisiertem Rahmen viele tausend Frauen vergewaltigt hatten. Den Behörden sei dies bekannt gewesen, aber die Verantwortlichen hätten nicht gehandelt, weil sie Angst vor Rassismusvorwürfen hatten.

Der postmoderne Verfall der Geistes- und Sozialwissenschaften

An Universitäten werde die Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner Weltanschauung zunehmend abgelehnt. Diese würden sich zunehmend zu Aktionsfeldern für Aktivisten wandeln und immer weniger dazu in der Lage sein, einen Beitrag zum Erkennen und zur Bewältigung der Herausforderungen für Europa zu leisten.

Murray schildert exemplarisch seine Eindrücke von einer Konferenz an der Universität Heidelberg über die Geschichte der europäischen Beziehungen zum Nahen Osten. Auf dieser Konferenz sei ihm deutlich geworden, „dass man hier nichts würde lernen können, weil nichts gesagt werden durfte“:

Eine Reihe von Philosophen und Historiker verbrachte ihre Zeit mit dem fleißigen Versuch, so erfolgreich wie möglich nichts zu sagen. Je weniger gesagt wurde, umso größer war die Erleichterung und der Beifall. […] Es konnte nichts verallgemeinert, nichts Spezifisches herauskristallisiert werden. Nicht nur Geschichte und Politik standen unter Verdacht. Philosophie, Ideen und Sprache wurden hinter Absperrungen gestellt, wie ein Tatort von der Polizei. […] Die Aufgabe der Wissenschaftler war, die Absperrungen zu bewachen und für einige Ablenkungen zu sorgen, um die Wanderer um jeden Preis davon abzuhalten, sich zurück in den Bereich der Ideen zu verirren. Alle relevanten Wörter wurden sofort markiert und angefochten. Das Wort ‚Nation‘ war offenkundig ein Problem. ‚Geschichte‘ war ein anderes Wort, das nach sofortiger Unterbrechung verlangte. Wenn jemand so unvorsichtig war, das Wort ‚Kultur‘ zu benutzen, verursachte er einen Stillstand. […] Es war nicht zulässig, dass es irgendetwas bedeutete. Das Ziel dieses Spiels war – denn es handelte sich um ein Spiel -, den Schein akademischer Forschung zu erwecken, während man eine fruchtbare Diskussion unterband. […] Wenn eine übergeordnete Idee übrig geblieben ist, dann die, dass Ideen ein Problem sind. Wenn ein Werturteil übrig geblieben und allgemein anerkannt ist, dann das, dass Werturteile falsch sind. […] Und wenn das alles noch keine Philosophie bildet, so summiert es sich sicherlich zu einer Haltung: flach, unfähig, jeden dauerhaften Ansturm zu überleben, aber einfach anzunehmen.

Diese Verdrängung der Wirklichkeit umfasse auch eine Form des Geschichtsrevisionismus. Dieser wolle die Geschichte Europas im Sinne multikulturalistischer Ideologie umschreiben, damit die sich vollziehenden kulturellen Brüche weniger deutlich sichtbar würden:

Je mehr islamistische Attentate stattfanden, umso stärker wurde der Einfluss der islamischen Neo-Platonisten gelobt und die Bedeutung der islamischen Wissenschaft gepriesen. Im gleichen Jahrzehnt, in dem die Attentate stattfanden, wurde das islamische Kalifat von Cordoba zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert aus der historischen Versenkung hervorgeholt und zu einem großartigen Beispiel der Toleranz und des multikulturellen Zusammenlebens verklärt. Das war schon eine sorgfältig aufbereitete neue Version von Geschichte, aber gleichzeitig hatte sie auch die Funktion, die Vergangenheit zu beschwören, um ein wenig Hoffnung für die Gegenwart bereitzuhalten.

Die europäische Geschichte solle durch diesen Geschichtsrevisionismus den politischen Erfordernissen der multikulturellen Gegenwart angepasst werden. Als historische Wahrheit gelte dabei das politisch Erwünschte. Als der französische Mediävist Sylvain Gouguenheim vor einigen Jahren darlegte, dass griechische Texte im Nahen Osten im Mittelalter vor allem von orthodoxen syrischen Christen und nicht von Muslimen bewahrt worden waren, habe man dementsprechend nicht seine Thesen widerlegt, sondern ihm „Islamophobie“ vorgeworfen.

Insgesamt sei unter diesen Bedingungen eine Debatte über die existenziellen Herausforderungen, vor denen Europa stehe und die die Voraussetzung für deren erfolgreiche Bewältigung wäre, immer weniger möglich.

Der abschließende Teil unserer Serie wird Murrays Gedanken über eine mögliche kulturelle Erneuerung Europas behandeln. (ts)

 

2 Kommentare

  1. Mit wenigen Worten zusammengefasst: Geschichtslügen, Faktenunterschlagung, Ignoranz, Dominanz der Ideologie der Politischen Korrekheit, die Meinungsdiktatur bis in die Geschichts- und Sozialwissenschaften hineinreichen lässt und das allgegenwärtige Totschlagsargument der Faschismuskeule, in Unis, Schulen und in den Medien jahrzehntelang exerziert. Geschichtsunterricht selbst der Weltkriege sind nicht immer neutral.

    In diesem engen Rahmen des geistigen Spektrums, welches dieser Analyseteil vorgibt, kann sich nichts Neutrales, nichts Wahres und kein auf Tatsachen basierendem Erkenntnisgewinn durchsetzen und so wurden die Bevölkerungen besonders in der West-EU zu Zuschauern dessen degradiert, was hier gerade an Ungeheuerlichkeiten geschieht. Dabei behilflich war dann auch die Strategie der Hervorhebung der Brot- und Spiele-Mentalität unter gleichzeitiger Marginalisierung de Regeln des Christentums, leider auch durch Teile der Kirchen.

    Und diese jahrzehntelange Vorbereitung der Einschränkung der Meinungsfreiheit bot der UN ungestört die Möglichkeit die Themen „Resettlement“ und „Relocation“, Begriffe, die sogar auch in das Wahlprogramm der CDU 2017 Einlass fanden, mit Leben zu erfüllen. Hinzu kamen Forderungen nach Kritikverbot von Religionen, besonders von islamischen Führern gefordert. Blasphemiegesetze wie z. B. in Pakistan öffnen direkt Menschenrechtsverletzungen Tor und Tür.

    Aus gutem Grunde lassen uns die Mainstreammedien gern im Unklaren über die Ziele der UN, möglicherweise auch dieser Regierung und der EU-Kommission.

    Aber die „Ankerperson“, die eine bestimmte Rolle der EU-Poliitk spielt, drückte sich sogar in den Mainstreammedien aus. Während die Regierung hier im Wahlkampf von „Familiennachzug und Obergrenzen schwadronierte“, war das EU-Parlament schon viel weiter. Selbst dem Spiegel scheint das aufgefallen zu sein:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-eu-fluechtlingsplaene-alarmieren-bundesregierung-a-1187500.html

    Und die „Freie Welt“ nahm sich des UN-Austauschprogramms an:

    http://www.freiewelt.net/reportage/replacement-migration-wie-uno-und-think-tanks-europas-bevoelkerung-austauschen-wollen-10069318/

    Es ist ja auch kein Austausch der Bevölkerungen, sondern letztlich ein von außen gewollter und von innen suzidal zugelassener Genozid, an dem die europäische Bevölkerung aber auch selbst mit Euphorie mitgearbeitet hat, indem sie kaum noch in Nachwuchs und somit nicht mehr in die Zukunft investiert hat. Ein Austausch wäre es, wenn Europäer nach Afrika und Afrikaner nach Europa umgesiedelt werden würden. Das ist ja eben nicht der Fall. Durch die jahrzehntelang geförderte christenfeindliche Familien-, Abtreibungs- und Kinderverhinderungspolitik haben die links-atheistisch-humanistischen Weltenlenker des Globalismus nun die vorläufige Lösung für die Bewältigung der Überbevölkerung gefunden, nämlich in die senilen Völker Europas die vitalen jungen Afrikaner einwandern zu lassen unabhängig von Bildung, Kultur, Religion und Weltbildern des Patriarchats. Denn der Rubel, sorry, der Dollar muss rollen. Das ist die Religion Nummer 1.

    Dieses Experiment wird jedoch im Chaos enden oder wir geben gleich auf und unterwerfen uns. Als „Verwerfungen“ werden sie verharmlosend selbst in den Tagesthemen genannt. Der Papst und die westeuropäischen Kirchen spielen in diesem Spiel leider nicht gerade eine christentumsfördernde Rolle für Europa , sondern eher die von synkretistischen Gleichmachern ganz im Stile der Globalisierer. Christliche Barmherzigkeit kann mittlerweile auch – weil inflationär gebraucht – als Totschlagsargument benutzt werden. Barmherzigkeitsappelle können mehr als überdehnt werden. Einwanderungen von muslimischen Menschen fördern nicht gerade das Christentum. Dem Papst will ich diese Intention nicht unterstellen, aber er tut auch nichts Gegenteiliges. Eher hören wir von ihm, immer die Barmherzigkeit vor sich hertragend, die Flüchtlinge doch aufzunehmen und zu integrieren, was selbst bei bestem Willen nicht gelingen kann, wenn diese Migranten eine religiös-islamische Kulturation genossen haben und sich nicht integrieren lassen wollen, in was denn auch!? Das müsste er wissen. Ihm sollte das 1. Anliegen sein, den christlichen Glauben wieder zu „rechristianisieren“.

    Die linken Wolkenkuckucksheime waren nie als naive Seifenblasen gedacht, sondern offensichtlich strategische Ziel-Agenden, wie sich jetzt mehr und mehr herausstellt, nicht mit „Spinnern“ und Co. Das Ziel einer Ideologie muss mit jedem Mittel erreicht werden; der Weg dahin ist den Globalisierern letztlich egal. Ob da Blut fließt oder nicht: Hauptsache das Ideologieziel des alles Gleichmachenwollens, exzellent an der Genderideologie und dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz demonstrierbar, wird nicht aus den Augen verloren. Islam oder soll ich besser sagen Chrislam als Weltreligion, Weltregierung, Weltgesellschaftsordnung, Weltsozialismus. Alle christlichen Werte und Moralvorstellungen müssen sukzessive zerschlagen oder bis zur Unkenntlichkeit verdreht werden, um den Menschen umformen zu können zu Welteinheitsmenschen, die keine Identität der Geschichte mehr mit sich bringen und so die nationalen Identitäten und deren Historie der Vergangenheit angehören zu lassen. Und der Islam als Weltreligion bietet sich ja förmlich an. Sklavengehorsam und das Verlernen des Hinterfragens kommt einer Weltregierung natürlich bestens zu passe und mehr als gelegen. Kritisches Hinterfragen kann man verlernen, wenn uns nur noch Dogmen um die Ohren gehauen werden und die Kritik unter Strafe gestellt wird.

    Ist das alles Verschwörungstheorie, was ich da schreibe? Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich unrecht habe! Aber: Die Anzeichen mehren sich leider. Pläne hierzu scheint es zu geben und die aktuelle Politik in Deutschland und Europa sind letztlich Indizien oder Mosaiksteinchen, die sich nahtlos in das Gesamtbild einfügen würden. Kein Syrer wird ausgewiesen, kein Afghane wird nach Hause geschickt. Kaum jemand redet noch von Rückführung, sondern fast alle von Integration.

    Interessanterweise bleibt die Geschichte des Islams, der hier doch so aktiv zugelassen wird, noch immer im Dunkeln.

    Während die Kreuzzüge der Kirche viel historischen Ärger bereiten und in den Medien breit getreten werden (und das durchaus zu Recht), kommt der Islam hier in diesen Breitengraden immer gut weg. Auch die Sklaverei wird immer dem Westen angelastet. Dass die islamische Sklaverei von Beginn an präsent war, wird kaum thematisiert oder zu wenig. Selbst die spanische Ära Al Andalus in Spanien wird in rosigen Farben beschrieben. Die Tatsachen sehen eher anders aus:

    http://derprophet.info/inhalt/anhang34-htm/

    Eine kleine Aufstellung der islamischen Eroberungs- und Terrorgeschichte.

    Ich denke, dass nicht nur die Geschichtsschreibungen über Ideologien des Westens und des Ostens und des Christentums präsentiert werden sollten von morgens bis abends im TV und anderen Medien, sondern von allen Beteiligten, die hierher drängen, auch wenn sie für die Beteiligten schlecht ausgehen, sollten wahrheitsgemäß den leider immer lethargischer werdenden Zuschauern präsentiert werden, damit dieser aufwacht und zum Beispiel besser einordnen kann, warum Polen oder die Ungarn, keine muslimischen Einwanderer aufnehmen wollen, nämlich, weil sie schlechte Erfahrungen mit diesen gemacht hat. Ja, auch das hat mit Geschichte zu tun. Und die richtige geschichtliche Einordnung z. B. der Kreuzzüge hat auch mit echter Geschichte zu tun, ja, selbst die Zeiten der Inquisition und der Hexenverbrennungen sollten wieder einmal auf den Fokus der realen Geschichtsschreibung landen.
    Denn wer kein Geschichtswissen hat, kann am besten umgeformt werden. Wenn die Völker der EU-Länder nicht wissen, welche Geschichte sich mit ihnen verknüpft, so wird ihnen die Wurzel abgeschnitten, um in der Gegenwart in einem wertfreien Raum zu verbringen, damit nämlich die besten Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, die individuelle Gestaltung der Zukunft anderen zu überlassen, denen sie dann gern unterwürfig zur Verfügung stehen. So kann es ausgehen, muss es aber nicht. Aber wie soll da ohne Blutvergießen gegengesteuert werden?

    Na, da freuen wir uns dann ja auf den letzten Teil der bislang sehr treffenden Analyse des Herrn Douglas Murray.

  2. Zur augenfälligen Kooperation zwischen „der modernen Allianz“ mit dem „vormodernen Islam“ empfehle ich den Beitrag in der NO Februar 2018 „Letzte und vorletzte Dinge im System des Islam – Teil 1: Islamische Endzeitgewalt im Radikalismus“ von Dr. Hans-Peter Raddatz. DIE NEUE ORDNUNG ist beim BStM-Blog unter „Christliche Publizistik“ abrufbar, schneller geht’s unter https://kirchfahrter.wordpress.com/2018/04/18/letzte-und-vorletzte-dinge-im-system-des-islam-teil-1-islamische-endzeitgewalt-im-radikalismus-http-www-die-neue-ordnung-de/. ;-) Auf meinem Blog findet man weitere Beiträge des Autors unter dem Schlagwort „Hans-Peter Raddatz“.

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