Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 2: Der Unwille zur Selbstbehauptung

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa und ihre Folgen. Der zweite Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt die postmoderne Ideologie der Selbstverleugnung und den Unwillen zur Selbstbehauptung, die das Europa der Gegenwart prägten.

Der erste Teil der Serie behandelte Murrays Ausführungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas, die er auf dessen Abwendung vom Christentum zurückführt.

Das identitäre Vakuum und die Zivilisationsmüdigkeit der europäischen Kultur

Mit der Abkehr vom christlichen Glauben sei in Europa ein identitäres Vakuum entstanden. Europa sei gegenwärtig „ohne eine vereinigende Idee […] die die Gegenwart ordnen und in eine Zukunft weisen könnte“. Das Scheitern der an die Stelle christlicher Weltanschauung getretenen Ideologien habe eine „existenzielle Zivilisationsmüdigkeit“ erzeugt.

  • Die eigene Identität werde zunehmend als Last empfunden, was zuletzt eine Ideologie der Selbstverleugnung hervorgebracht habe. Diese wirke vorläufig sinnstiftend und verspreche ihren Anhängern die Befreiung von dieser Last. Von ihren Anhängern verlange diese Ideologie die möglichst demonstrative Zurückweisung des Eigenen sowie Bekenntnisse zu „Vielfalt“ und anderen Werten kultureller Auflösung, wobei Auflösung gleichzeitig als Ausdruck von Fortschritt dargestellt werde.
  • Man würde mit einer „gewissen Erleichterung die Befreiung von sich selbst“ als Erlösung von der wahrgenommenen kulturellen Schuld begrüßen. Je größer die Schuld und Verworfenheit sei, die man mit dem Erbe Europas verbinde, desto größer werde auch der Gewinn an moralischem Status und dem Gefühl der Befreiung, den man durch dessen Zurückweisung erlangen könne. Das Erbe Europas werde daher auf immer drastischere Weise negativ verzerrt dargestellt.
  • Es gebe in diesem Zusamenhang ein geradezu lustvolles Verlangen nach Schuld, von der man sich durch ekstatisch vollzogene autoaggressive Akte befreien wolle. Dies erkläre unter anderem die maßlos und irrational übersteigerte Begeisterung vieler Deutscher anlässlich der Grenzöffnung 2015.
  • Es gebe im Umgang mit den angesprochenen Herausforderungen darüber hinaus auch ein Rache- und Bestrafungsnarrativ, das die Folgen kultureller Auflösung als gerechte Strafe für Europa darstelle, das für das Elend in der Welt verantwortlich sei.

Autoaggressive Impulse dieser Art würden sich gegen jegliche noch verbliebene kulturelle Substanz richten. Man diskutiere zum Beispiel „immer extremere Nischenaspekte der Frauen- und Schwulenrechte“ und bringe diese gegen das noch vorhandene christliche Erbe Europas in Stellung, während man gleichzeitig die Grenzen für kulturelle Gruppen öffne, die sowohl dem Erbe Europas als auch „die diesen Bewegungen das Existenzrecht grundsätzlich absprechen“. Dies belege, dass es in erster Linie nicht um Minderheitenrechte gehe, sondern um die Auflösung gewachsener Kultur durch die Mobilisierung von ihr ablehnend gegenüberstehenden Gruppen.

Der Unwille zur Selbstbehauptung

Im Zuge dieser geistig-kulturellen Entwicklung gebe es in Europa außerdem einen wachsenden Unwillen, „für sich zu kämpfen und für sich zu streiten“. Den angesprochenen Herausforderungen würden politische und andere Eliten entweder passiv oder mit aktiver Begünstigung dieser Herausforderungen begegnen:

Intelligente und kultivierte Menschen verstanden es als ihre Pflicht, die Kultur, in der sie aufgewachsen sind, nicht etwa zu unterstützen und zu verteidigen, sondern sie vielmehr zu verneinen, sie anzugreifen oder sie auf andere Weise madig zu machen. […] Zwar denken wir schlecht von uns selbst, sind aber bereit, ausnehmend gut über absolut jeden anderen zu denken.

Das Eintreten für die eigene Kultur oder die Annahme, dass diese überhaupt existiere, werde als inakzeptable Form von Diskriminierung und Ausgrenzung wahrgenommen. Murray zitiert politische Entscheidungsträger aus mehreren europäischen Staaten, die behauptet hatten, dass europäische Kultur oder europäische Nationalkulturen in Wirklichkeit gar nicht existieren würden, sodass sie auch nicht bewahrt werden müssten.

Europa sei bereits jetzt innerlich zu schwach, um auch nur gegen die extremsten negativen Begleiterscheinungen der wachsenden Präsenz seiner Herausforderer vorzugehen und sich gegen diese durchzusetzen. Man befinde sich in einer Lage, in der „die unverzichtbaren Fundamente der westlichen Zivilisation Gegenstand von Verhandlungen geworden“ seien.

Die kulturelle Dynamik der Selbstverleugnung

Murray widerspricht Annahmen, die in der beschriebenen Entwicklung einen Ausdruck planvollen Handelns sehen. Er habe als Journalist Gespräche mit vielen politischen Entscheidungsträgern und Personen aus ihrem Umfeld in Europa geführt. Sein Eindruck sei es nicht, dass diese die Zerstörung Europas absichtlich vorantreiben. Diese Wirkung ihrer politischen Entscheidungen sei wahrscheinlich eine unbeabsichtigte Folge der fehlerhaften Ideologien und Weltbilder, denen sie anhängen würden.

Die Gesellschaften Europas seien kulturell mittlerweile so defekt, dass die Verweigerung der Mitwirkung am beschriebenen Geschehen die Zerstörung der beruflichen Existenz oder soziale Isolation nach sich ziehen könne. Die von Murray beschriebene Ideologie erzeuge immer größeren  Anpassungsdruck und führe dazu, dass Menschen zur Vermeidung sozialer Isolation bereit seien, Unwahrheiten zu akzeptieren oder sie auch selbst zu verbreiten.

Im Umgang mit Herausforderungen gebe es keine Strategie zu deren Bewältigung, sondern nur nachträgliche Versuche, diese Herausforderungen als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts darzustellen. Migration kulturferner Gruppen sei zum Beispiel zunächst als wirtschaftlicher und kultureller Gewinn dargestellt worden. Als deutlich wurde, dass dies nicht der Fall war, habe man nicht die zugrundeliegenden politischen Entscheidungen revidiert, sondern die Rechtfertigungsstrategie angepasst und diese Migration zu einem alternativlosen Vorgang erklärt, dem sich die Menschen anzupassen hätten.

Kulturelle Selbstverleugnung und die Unfähigkeit zur Integration fremder Kulturen

Die Ideologie der Selbstverleugnung sei mit einem utopischen, unrealistischen Menschenbild verbunden, das von einer beliebigen Formbarkeit menschlicher Identität ausgehe. Wesentliche Aspekte menschlicher Identität, etwa die Bedeutung kultureller Prägung oder die Prägung der Kultur durch die Religion, würden dabei geleugnet.

Zur Integration von Migranten sei diese Ideologie untauglich. Kein Mensch würde sich freiwillig in eine „sterbende Kultur“ integrieren wollen, deren stärkster Impuls es sei, verschwinden zu wollen.

  • Auf Menschen mit gefestigter Identität wirke dieses Europa unglaubwürdig und schwach. Es erzeuge bei ihnen nicht den Willen zur Integration, sondern die Zuversicht, dort die eigene Kultur und Identität durchsetzen zu können.
  • Eine gemeinsame Identität könne sich ohne gemeinsame kulturelle Grundlage in Europa nicht herausbilden. Gesellschaften würden zunehmend in Blöcke zerfallen, die ihre identitätspolitischen Ansprüche auf Kosten europäischer Gemeinwesen durchsetzen und von diesen dazu noch ermutigt würden.
  • Mittlerweile könnten auch jene europäischen politischen Akteure, die nicht primär durch den Wunsch nach dem Verschwinden des Eigenen motiviert würden, aus strategischen Gründen nicht mehr auf die Ansprache entsprechender Wählerblöcke verzichten.

Der nächste Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt die postmoderne Tendenz zur Ausblendung der Wirklichkeit und deren Folgen für die europäische Kultur. (ts)

11 Kommentare

  1. @ Kemmer, Hermann-Josef

    „Und hier muss letztlich wieder angesetzt werden. Hier müssen harte sachliche Argumente gefunden werden, warum die Leitkultur des Christentums die mit Abstand beste unter allen von Menschen erdachten Kulturen ist. Wenn das nicht gelingt, wird Europa untergehen. Die demographischen Mehrheiten werden nicht aufzuhalten sein.“

    Lieber Herr Kemmer,
    Ich muss Ihnen widersprechen und bei Murray fortfahren, auch wenn ich sein Buch nicht gelesen habe.
    Was Sie versuchen, ist das Christentum in Konkurrenz zu den -ismen, den kollektivistischen Ideologien zu stellen. In diesem Fall als Leitkultur. Aber ist nicht gerade das klassische Christentum, wie es in der katholischen und den orthodoxen Kirchen gelebt wird, ein individuelles? Ist nicht der Einzelne für sein Seelenheil verantwortlich? Was ich nämlich oben nicht bei Murray herauslesen konnte aber in die Richtung tendiert, dass der Verfall Europas gelenkt ist, ist die Parallele zum Marxismus: Kultur zerstören für eine neue, bessere Welt. In diesem Fall sind es die sogenannten Eliten, die ein neues Europa haben wollen. Eliten, die immer noch nicht den Sozialismus aufgegeben haben und ständig die selben Feindbilder pflegen: Die Kirchen, das Militär, den Staat. Zugleich führen sie aber eine Form des Militarismus durch: die Bürokratisierung und damit noch mehr Staat ein. Liberalismus ist hier lediglich der, der Konventionen zerbricht. Den Islam können diese Menschen nicht begreifen, da er für sie mit dem eingehegten Christentum vergleichbar ist, welches sie selbst nicht begreifen. Genausowenig, wie das Europa der alten Philosophen, des alten Griechisch, des Lateins, der Apologeten, der Reformer und Gegenreformer, der Kunst in Skulpturen, Malerei und der Musik. Übrig bleiben solche Geistesgrößen und Oratores wie Merkels, Roths, Göring-Eckhards, von der Leyens, Macrons und wat wees ick noch. Aber gehen Sie doch mal zu McDonalds, in ein Shoppingcenter und sehen sich die holen Gesichter an, die Mode – sofern der Begriff noch passt. Hören Sie die Musik dort. Globale Gleichschaltung, durch die Logik des Marktes und kulturelle Verarmung. Vieles scheint widersprüchlich zu sein, doch ich fürchte, es ist viel banaler. Kennen Sie den Film Idiocracy? Einst fand ich ihn albern, heute sehe ich das etwas anders (er ist im Internet frei zu sehen).

    • Lieber PhilosII;
      wenn Sie Idiocrazy (jetzt) mögen, dann sehen Sie sich eines späten Abends „Zardoz“ ganz in Ruhe an-1974 noch ein sonderbarer Endzeitfilm, heute ein mögliches Szenario.

    • Werter Philosil,

      Der erste Satz meines ersten Kommentars lautete: „Also, ich finde, dass Herr Murray durchaus mit seiner Analyse vollkommen recht hat“. Und ich gebe ihnen völlig recht, dass die seichte Kultur der letzten Jahrzehnte die Bevölkerung einfach resistent für innere wertvolle Werte gemacht hat, weil die äußeren Werte für sie so gegenständlich und ohne Schwere und ohne geistige Tiefe erfahrbar waren, sprich aus den Menschen hohle materialistische Konsumenten gemacht haben, leider. Gute innere Werte haben es so an sich, dass man über sie nachdenken muss, sie nach einem Reifeprozess innerlich annehmen muss und sie dann als Wurzel des eigenen Seins erkennen und akzeptieren kann und die stetig wiederkehrende Frage nach dem „Woher komme ich“ beantworten kann.

      Aber jetzt zu dem eigentlichen Problem, das Sie in meinem Kommentar sehen:

      Versucht nicht der Katechismus händeringend, eine Lehre für alle zu präsentieren, an die sich alle katholischen Gläubigen halten sollen und trägt so zu einer Gesamtlehre bei und letztlich somit auch zu einem Angebot, welches für alle Katholiken ein katholisch-gedankliches Korsett darstellen will? Da wird versucht, für alle Katholiken eine Lehre des christlichen Verhaltens anzubieten. Ich denke, dass das legitim ist wie ein Parteiprogramm für irgendeine Partei legitim ist, sofern sie mit dem Grundgesetz vereinbart werden kann. Und der Katechismus, kann tiefere Einblicke für jeden einzelnen Gläubigen bieten, wenn er nur gelesen werden würde.

      Ja, ich denke letztlich auch, dass Konkurrenz in menschliche-liebevoller Form durchaus zu einer Belebung und Verfestigung des eigenen Glaubens führen kann und jeden Einzelnen auf seine Begegnung mit Gott nach seinem Tode bestens vorzubereiten in der Lage ist. Denn um in edle Konkurrenz treten zu können, muss ich als Werber meines Glaubens mich mit meiner eigenen Religion gründlich beschäftigt haben, um überhaupt argumentativ „Paroli“ bieten zu können.

      Wenn ich nur Gleiches hervorhebe, brauche ich mich nicht auf die Stärken des eigenen Glaubens zu konzentrieren. Das mache ich doch im Grunde erst dann, wenn ich die Unterschiede für mich gedanklich festmache und diese dann auch für mich begründen kann.

      Sind die Dogmen der kath. Kirche nicht gerade als „Pflöcke“ anzusehen, nach denen der Glaubensrahmen festgesteckt wird, aber letztlich es doch dem Glaubenden überlassen bleibt in seiner individuellen Sicht, welche er auch innerlich annehmen kann? Mangelt es den Katholiken nicht heute gerade am Glaubenswissen? Denn genau dieses mangelnde Wissen ist es, welches den Synkretismus fördert, weil der einfache Gläubige nicht mehr unterscheiden lernt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kirche genau das so gewollt hat, will es aber wohl so nicht wahrhaben und verdränge es.

      Da gibt es Dogmen wie die hl. Dreifaltigkeit, die einfach das vollkommenste aller Gottesbilder in einen Lehrsatz festzurren will und auch jedem Katholiken darauf verpflichten will, dies zu glauben und andere wie die persönliche Aufnahme Mariens in den Himmel, die so manchen Katholiken eher abschrecken.

      Jeder wirbt doch für sein Produkt, warum sollen wir nicht für den christlichen Glauben, eben, weil er in dem vollendeten Gegensatz zu den anderen Religionen (zumindest zu den monotheistischen) nicht auch werben, weil Christen eben davon überzeugt, sind, dass ihre Religion einfach die überzeugendste ist und die beste für das Seelenheil eines jeden Menschen, wenn er sich dazu entscheiden kann, Jesus Christus nachzufolgen. Ist Mission nicht im Grunde Werbung für den eigenen Glauben?

      So habe ich die Konkurrenz gemeint und somit eine Konkurrenz des Sich-des-eigenen-Glaubens-bewusst-Werdens.

      Wenn aber Theologen diesen Glauben durch Negierung der biblischen Wunder, des Aufgebens Jesu als den Sohn Gottes und als Bestandteil der Hl. Dreifaltigkeit, dann sind wir bereits auf auf dem besten Weg des Sichaufgebens und dem Synkretismus. Islam und AT haben mehr gemeinsam als Islam, AT und Christentum. Das Christentum ist von den Dreien auch objektiv gesehen der beste Weg zu Gott, weil Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Und wer Jesus auch nur ankratzt, wie es die Theologie heute gern tut, hat im Grunde schon aufgegeben.

      Die Welt heute kann nur über das Kreuz erklärt werden. Die Theodizeefrage ist ein Wurm, der sich immer bewegen wird. Nur ein Gott, der durch das menschliche, ja irdische Leid hindurchgegangen ist, kann überhaupt Vertrauen bei den Menschen erwecken als ein Gott, der zwar vom Menschen und von den Tieren Leid fordert, aber selbst nie Leid erfahren hat. Der Gott des AT und des Islams sind Gottesbilder, die von den Geschöpfen viel fordern aber viel zu wenig von sich selbst preisgeben und letztlich das Leid der Schöpfung eher gefühllos angehen. Das eben ist im Christentum völlig anders.

      Die einzige Frage, die ich mir persönlich immer stelle, ist, warum Gott, auch der Dreifaltige Gott, das immense Leid der Menschen seit ihrer Existenz auf Erden sich das Leid auch nur anschauen kann. Wenn ich Menschen am Verhungern sehe oder in anderen Extremsituationen lege ich die Zeitung weg, schalte das TV-Bild aus und mir kommen die Tränen. Dann frage ich mich des öfteren, wie kann Gott das alles nicht nur „zulassen“, was dann wieder so von oben herab klingt, sondern sich diese Szenen auch noch so ausgiebig anschauen kann. Wenn ich helfen könnte, würde ich helfen. Aber Gott könnte helfen und tut es in diesen extremen Einzelfällen nicht oder nicht augenscheinlich.

      Wenn mich diese Gedanken niederdrücken wollen, denke ich dann an das Kreuz Christi und dann tröste ich mich zwar mit diesem, das der Vater und der Hl. Geist sich über die 3 Tage hin angeschaut haben, hinweg, aber der Wurm bleibt mir doch irgendwie erhalten. Es geht um das Anschauenkönnen selbst von Extremleid, welches schlimmstenfalls Jahrzehnte andauern kann, nicht um das Zulassen.

      Da wäre ich froh, wenn mich da jemand stärken könnte.

  2. Werter Waldgänger,
    danke für die unverdienten Blumen.

    Als ich Ihren Kommentar zum ersten Abschnitt las, fiel mir spontan der Satz der ehemaligen israelischen MP in Golda Meir ein: „Der Terror endet, wenn die Palästinenser ihre Kinder mehr lieben, als sie die Juden hassen.“
    übersetzt: Die Identitätslosigkeit endet, wenn wir uns mehr lieben als wir uns hassen.

    Sie schreiben: Andererseits erinnere ich aber leider an meine schon früher geäußerten Gedanken über die grundsätzlichen Probleme modern geprägter westlicher Durchschnittsmenschen mit jeglicher(!) Gottgläubigkeit.

    Da ich hier noch nicht sehr lang dabei bin, können Sie mir da vielleicht auf die Sprünge helfen? Ich habe jedenfalls nicht abgeschrieben, versprochen! Aber ich kann mir vorstellen, dass ähnliche Gedanken bei vielen Menschen kommen, die die Situation des Glaubensschwund-Christentums in Europa kritisch begleiten. Und da wird dann auch die Einschätzung ähnlich sein. Schwierig wird es doch aber da, wo und vor allem wie wir aus diesem erkannten Dilemma herauskommen können. Der Heilige Geist muss noch viel mehr erbeten werden. Das Pfingstfest muss noch viel deutlicher in den Vordergrund gestellt werden als Geburtsstunde des Christentums und der Kirche. Die Kirche muss aggressiver werben. Ich habe in meiner Mittelmäßigkeit versucht Lösungsansätze zu finden, aber auch da wohl eher eine Fehlgriff getan. Ich weiß nicht, was die Kirche, was Christen sonst machen sollen? Mission hat möglicherweise auch etwas mit Werbung zu tun, sollte jedoch auch bei der Wahrheit bleiben.

    Die zentrale Frage bleibt doch: Wie schaffe ich für Jesus echte Begeisterung? Und da fällt mir auch nicht das Meiste ein. Ich bewundere die Menschen, die ihr Herz und ihre Seele so richtig bei Jesus verankert halten können mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Das ist mir zwar mit dem Verstand gelungen, das Herz oder die Seele sträubt sich irgendwie noch oder fährt nur mit halber Kraft. Wie sollen wir dann anderen Menschen zu dieser Begeisterung verhelfen, wenn wir es selbst nicht einmal schaffen zu 100 % für Jesus auch zu empfinden!? Ich frage mich das immer wieder.

    Wir haben es mit Menschen zu tun, die theologische Lehrschreiben des Vatikans kaum zu ihrer Lektüre machen. Zu denen gehöre ich im Grunde auch, leider. Mir fehlt noch die Zeit. Wenn ich in Rente bin, die in Kürze beginnt, werde ich versuchen, auch diese zu lesen. War es nicht der Hl. Thomas von Aquin, der zum Lebensende hin seine Schriften in Zweifel zog angesichts eines Gesichtes auf dem Weg ins Jenseits? Oder irre ich mich da? Ich habe jetzt nachgeschaut:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin
    „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.[10]“

    Wenn das, was er geschrieben hat, ihm selbst so stumpf wie Stroh vorkommt, was muss er da gesehen haben!? Wow! Da stellt sich gleich die Frage, ob diese Begeisterung erlernbar ist? Ich fürchte, nicht.

    Nochmals, danke!

  3. Also, ich finde, dass Herr Murray durchaus mit seiner Analyse vollkommen recht hat. Die Frage ist einfach: Wie kann eine Gesellschaft, die aufgrund jahrelanger linker Erziehung den autoaggressiven Schuldkomplex, also den Selbsthass quasi verinnerlicht hat, Menschen mit fest gefügten kulturellen Religions- und Ideologiedenkweisen in eine glibberig-beliebige Identitätsschwammigkeit integrieren? Wenn Politiker oder Politikerinnen bei einem Demo-Marsch mitmachen, aus der heraus Schilder wie „Deutschland verrecke“ selbstzerstörerisch gezeigt werden, was kann da anderes als gewollte Nichtintegration dabei herauskommen? Das Grundgesetz, auf das immer so viele schwören, wird überschätzt, weil es letztlich ein Produkt von menschlichen Mehrheiten ist und keine felsenfest stehende sich nie verändernde identitätsstiftende Säule.

    Die einzige Lösung sehe ich in der identitätstiftenden Annahme des- Gottes- und Menschenbildes des Christentums, damit die europäische Identität überhaupt noch eine Chance hat, Europas Zukunft bestimmen zu können, ob vielen das gefällt oder nicht.

    Der Atheismus kann jede Form des Zusammenlebens fördern, je nach Zeitgeist, jeweiliger Meinungs- und Deutungshoheit oder den jeweiligen Gegebenheiten der politisch gerade agierenden und führenden Parteiprogramme. Wer Menschen vergöttlicht, bekommt menschliche Gesetze, die menschlich sein können, aber es nicht sein müssen bis hin zu Gesetzen, die das Gebot des Stärkeren durchzusetzen vermögen. Da sind der politisch-menschlichen Fantasie keine Grenzen gesetzt, aber eben zum Guten wie auch zum Bösen. Alles kann im Atheismus begründet sein.

    Zwischen den Religionen sieht es anders aus.

    Während der Islam die 10 Gebote nicht akzeptiert hat, kennt er nur den Sklavengehorsam gegenüber seinem Gott. Der Islam ist nicht aus der Knechtstheologie herausgekommen. Allah ist der Absolute, dem sich alle, aber auch wirklich alle zu unterwerfen haben, wie die Gebetshaltung bereits ausdrückt. Nächstenliebe in gleicher Menschenwürde gibt es dort nicht. Hier ist nur eine Richtung vorgegeben: Gott befiehlt von oben unerreichbar – Menschen haben wie Sklaven zu parieren, um dann im Jenseits ein Paradies anzutreffen, welches eher den irdischen Gelüsten nachempfunden ist.

    Das Judentum kennt zwar die 10 Gebote, hat aber Jesus nicht als Messias anerkannt und kennt letztlich auch überwiegend nur die Beziehung Gott-Mensch in eine Richtung und den Menschen als absolut untergeordnet, einem Gott, der sich nicht zeigt. Auch hier ist die Marschrichtung klar: Gott regiert von oben, Menschen müssen in ihrer gedachten Auserwähltheit reagieren. Die Menschenwürde ist hier noch nicht zur vollen Blüte erwachsen. Das AT wirkt eher Glück auf Erden, eher irdisch. Der Begriff „Hölle“ ist letztlich kaum vorhanden, hier und da enmal. Hinweise auf ein Jenseits sind eher selten. Das AT ist eher eine Diesseitsreligion. Wer Erfolg auf Erden hat, hat das Glückslos gezogen. Ich weiß, dass dies jetzt nicht völlig richtig ist. Aber das Jenseits in der Gemeinschaft mit Gott steht nicht im Vordergrund. Selbst Hiob bekommt außer seinen Kindern lediglich in gleicher Zahl seinen Besitz auf Erden doppelt voll „zurückerstattet“ als göttliche Belohnung.

    Die monotheistischen Religionen sind durch das Christentum im Grunde revolutioniert worden. Nicht, dass das Christentum im Laufe seiner Geschichte nie schwere Fehler gemacht hätte, leider auch in der Kirche, in der wir als Gläubige tätig sind, aber in Jesus wurden die 10 Gebote tatsächlich ernst genommen. Gottes- und Nächstenliebe wurden in Jesus als gleichwertig nicht nur verkündet, sondern auch gelebt. Die Gleichstellung von Mann und Frau fand im Sakrament der Eheschließung göttliche Besiegelung.

    Die explizite Gleichstellung der Gottesliebe im Verhältnis zur Nächstenliebe konnte das Christentum eben nur in eine Richtung führen, nämlich in die Richtung der Gleichberechtigung aller Menschen, in die Richtung der Menschenwürde für alle, letztlich auch für die „Heiden“. Hier kommt Gott in Jesus auf die Menschen zu, erklärt sie befreit vom Knechtsstatus und erklärt sich solidarisch bis zum Tod am Kreuz mit ihnen. Unerhörtes und unglaubliches Geschehen. Diesem Gott, der zutiefst vollkommen agiert, gab es noch nie. Alle, die Jesus nachfolgen, bezieht er in seine Vollkommenheit ein, aber alles im Lichte des Wohlergehens der Seele im Jenseits. Das Diesseits benutzt Jesus als intensive Vorbereitungszeit der menschlichen Seele auf das Jenseits und fordert von seinen Fans auch das Ertragen von Leid um seinetwillen.

    Und hier muss letztlich wieder angesetzt werden. Hier müssen harte sachliche Argumente gefunden werden, warum die Leitkultur des Christentums die mit Abstand beste unter allen von Menschen erdachten Kulturen ist. Wenn das nicht gelingt, wird Europa untergehen. Die demographischen Mehrheiten werden nicht aufzuhalten sein.

    Wir müssen ehrliche und schonungslose Bestandsaufnahme machen, quasi einen Religions- und Kulturvergleich von Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, Sozialismus, Kommunismus und Kapitalismus und anderen -islamen. Und dann kann zunächst akademisch geforscht werden, um dann die Menschen entscheiden zu lassen, in welchem -ismus sie leben wollen.

    Vorstellbar eine tabellarische Vor- und Nachteilsargumentation, die für alle Europäer einsichtig wird und ist. Ob das möglich sein wird, weiß ich nicht, aber wenn nicht einmal der Versuch unternommen wird, sehe ich schwarz und kann nur hoffen, dass das Jesus-Wort stimmt, dass die Kirche nicht von den Pforten der Hölle verschlungen wird.

    Der Bevölkerung muss reiner Wein eingeschenkt werden, was es bedeutet, in einer real-islamischen, in einer real-sozialistischen oder in einer real-kommunistischen Gesellschaft, in einer real- jüdischen Gesellschaft oder in einer real-christlich geprägten Gesellschaft zu leben.

    Nur eines ist klar: Eine Suche der Gemeinsamkeiten zwischen den -ismen und Religionen ist gescheitert wie Multi-Kulti gescheitert ist. Die schon fast zwanghafte Suche nach Gemeinsamkeiten ist keine tragfähige Basis, auf der multikulturelle Lebensweisen gelingen können. Die Hervorhebung von Unterschieden muss endlich langsam, aber eben auch behutsam, liebevoll und nicht herabwürdigend erfolgen. Es muss herausgestellt werden, dass Freiheit nicht mit der absoluten Freiheit des Individuums gleichgesetzt werden kann, dass Liebe nicht gleich Sex und reine Triebbefriedigung ist und dass Barmherzigkeit keine Beliebigkeit ist, die alle drei in Einbahnstraßen münden.

    Vielleicht sind wir in einem Stadium, in dem die Menschen gedanklich-seelisch wirklich wieder bei A(dam) beginnen müssen, mit anderen Worten wie bei Monopoly: Zurück auf „Los“.

    • Guten Morgen Herr Kemmer,

      Wow! Starker Kommentar!

      Zum ersten Abschnitt über die identitätsverlorenen Linken:
      Der Hass dieser Leute ist grundsätzlich größer als ihre Liebe zu irgendetwas.
      Und wenn sie bei anderen „Hass“ beobachtet zu haben glauben, so ist´s eine Projektion im Freud´schen Sinne.

      Zum Religionsvergleich:
      Ich meine, Sie haben die Charaktere der verschiedenen monotheistischen Religionen sehr gut und zutreffend beschrieben.
      Wir sind da absolut d´accord!

      Andererseits erinnere ich aber leider an meine schon früher geäußerten Gedanken über die grundsätzlichen Probleme modern geprägter westlicher Durchschnittsmenschen mit jeglicher(!) Gottgläubigkeit.

  4. @Waldgänger
    Vielleicht ist eine christliche Renaissance ja gerade nicht unmöglich, da der Niedergang Europas, wie Sie selbst vermuten, eben nicht schicksalhaft (Spengler, Toynbee weniger), sondern das Ergebnis bewusster Indoktrination ist, zu deren Schwerpunkten ja auch der Anti-Christianismus (zur Weiterverwendung empfohlen) zählt. Fällt diese ständige Lächerlichmachung weg, wüsste ich nicht, wieso Völker, die vermehrt sogar an Geister und die Kraft von Heilsteinen glauben, nicht die, zugegeben verkopfte, Spiritualität des dreieinigen Gottes wieder als Trost und Identitätsmarker annehmen können. Der Kulturmarxismus ist in der Phase des Umsichschlagens, die Xeno- und insbesondere Islamophilie hat im Grunde doch gar keine Zukunft mehr, auch der Genderismus usw. wurden als nacktes Kaisergewand enttarnt. An der ideologischen Front läuft´s prima. Leider, da haben Sie recht, werden die Fakten an der demographischen geschaffen.

    • @ Balmung

      Weitgehende Zustimmung – bis auf Ihre Gedanken zur Möglichkeit einer christlichen Renaissance.
      Letztere kann ich mir persönlich nur vorstellen, wenn das Lehr- und Dogmengebäude der Kirchen eine massive Modernisierung erfährt, bei der vieles, ja sehr vieles geändert wird.

      Leider glaube ich nicht, dass die Kirchen – insbesondre die von mir ansonsten geschätzte katholische Kirche – das schaffen ohne zu zerbrechen.

  5. Ich habe ja an anderer Stelle mein Unbehagen hinsichtlich Murrays Analyse artikuliert.
    Seine Herangehensweise ist mir zu sehr geisteswissenschaftlich, zu wenig explizit politisch.

    Natürlich liegt er richtig mit der Beschreibung der diversen Verfallszustände. Natürlich gibt es ein gefährliches „identitäres Vakuum“, gibt es eine Art von „Zivilisationsmüdigkeit“ und von „kultureller Selbstverleugnung“ sowie schlichter Unwissenheit. Und auch Arnulf Baring sprach schon um 1993 von der „ungeheuren geistigen Erschöpfung“, die insbesondere Deutschland erfasst hätte.
    Dass es all das gibt, ist unstrittig. Dass es eine Rolle spielt, auch.
    Wie groß diese Rolle ist, das ist aber strittig.

    Die Frage ist, ob man diesen Trend – ähnlich wie Spengler oder (etwas abgewandelt) wie Toynbee – als gleichsam epochalen und kaum aufhaltbaren Großtrend betrachtet – oder ob man diese Verhältnisse und Entwicklungen eher oder zumindest auch als die Folge bewusster und geplanter politischer Handlungen auffasst?

    Es ist ja auch völlig offensichtlich, wie sehr die kulturmarxistischen Steigbügelhalter in den Medien, Parteien und im allgemeinen Kultur- und Hochschulbetrieb von Mächtigeren gefördert und gepäppelt werden …

    Indem Murray sich an eine schon beinahe geschichtsphilosophische Betrachtungsweise annährt, die den Niedergang mit kultur- und geisteswissenschaftlichen Kausalketten erklärt, ist er nahe daran, alles als alternativlosen (…) und schicksalhaften Prozess zu deuten.
    „Alternativlos“ ist aber ein sehr gefährliches Wort … Lähmend und demagogisch.

    Denn wenn der Verfallsprozess tatsächlich so sehr mit dem Niedergang des Christentums in Europa und dem Scheitern der großen Ersatzreligionen (z.B. Kommunismus) zusammenhängt, dann wäre es ein alternativloses, schicksalhaftes und praktisch überhaupt nicht mehr beeinflussbares Geschehen.

    Denn so traurig es auch sein mag: Ein Wiedererstarken des Christentums auf jenes hohe Level, das in diesem Sinne für eine starke europäische Identität nötig wäre, ist ja völlig abwegig. Leider! Wenn man die Rettung vor dem völligen Desaster also in dieser Richtung hin sucht, dann kommt man nicht weit.

    Als Basis scheint das Christentum heute nur noch in dem von „Bund St. Michael“ und ts verstandenen Sinne tragfähig: nämlich zur Stabilisierung kleiner Gemeinschaften, die im besten Falle auch nach außen hin abstrahlen.

    Indem Murray dabei ist, den Prozess ins Schicksalhafte und Alternativlose zu deuten, indem er Europa beim „Selbstmord“ schon am Sterben zuzusehen meint, entfernt er den üblen Prozess aus der Sphäre der politischen Beeinflussbarkeit. Dabei ist DAS doch eben die entscheidende Frage!

    Und ich kann mir nicht helfen, aber der Umstand, dass er aus altbritischer Tradition kommt, in Eton und Oxford geschult wurde, das hinterlässt bei mir auch einen seltsamen Beigeschmack … Wie wichtig und nahe ist ihm denn „Europa“ ? Großbritannien ist ihm gewiss näher. Und in klassisch britischer balance of powers – Sicht ist ein alternativlos in den Niedergang strauchelnder Kontinent, der sich nicht festigt, gar nicht mal das größte Übel …

    • @Waldgänger
      Murray war vor einiger Zeit noch ein Neokonservativer, der einen robusten Liberalismus propagierte. In seinem Buch zählt er diesen jedoch in der Reihe gescheiterter Utopien auf. Dem abendländischen Gedanken scheint er sich erst im Zuge seiner geistigen Entwicklung zugewandt zu haben, wobei an seinem Buch auffällt, dass Deutschland und die Entwicklung dort darin eine wesentlich größere Rolle spielen als Großbritannien.
      Das Christentum sieht er ungefähr so, wie Sie es auch in ihrem Kommentar schreiben, nämlich als eine mögliche geistige Grundlage für die Bewahrung des Eigenen. Benedikt XVI. äußerte sich über diesen Gedanken übrigens gar nicht so negativ wie man vielleicht meinen könnte. Sinngemäß sagte er, dass es auch aus katholischer Perspektive nicht die schlechteste Option darstelle, das Christentum nur aus kulturellen Gründen und ohne Glauben zur Grundlage der eigenen Identität zu machen. Die Alternative für die Völker Europas sei das Verschwinden. Der Glaube sei ohnehin ein Geschenk, das dem Suchenden verliehen werde, und nicht das Ergebnis eigener Entscheidungen.

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