Papst Franziskus: Dienst, Kampf und Opfer sind der Weg der Heiligen

Vitore Carpaccio - Sankt Georg und der Drache (Wikimedia Commons/Gemeinfrei)

In seinem heute veröffentlichten Lehrschreiben mit dem Titel „Gaudete et Exsultate“ äußert sich Papst Franziskus über die allgemeine Berufung des Menschen zur Heiligkeit. Dabei betont er, dass der Weg der Heiligen ein Weg des Dienstes, des Kampfes und des Opfers sei. Gott fordere vom Menschen die totale Indienststellung seines Lebens zum Wohl des Nächsten. Um diesen Auftrag ausführen zu können, müsse der aus eigener Kraft dazu nicht fähige Mensch diesen Auftrag annehmen und sich von Gott nach und nach verwandeln lassen.

Der Titel des Schreibens (auf deutsch „freut euch und jubelt“) bezieht sich auf die Worte, mit denen sich Jesus Christus an die wandte, die in Seinem Dienst stehen:

Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Heiligkeit und Dienst

Ein Heiliger zu werden bedeute Jesus Christus nachzufolgen, der die Menschen dazu aufgerufen habe, „unser Leben in seinem Dienst zu verausgaben“ und alle eigenen Fähigkeiten „in den Dienst der anderen zu stellen“. Jesus Christus „fordert alles“. Der Wille Gottes sei es, dass die Menschen durch die totale Indienststellung des eigenen Lebens vollkommen würden und sich nicht mit einer „mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben“.

Heiligkeit sei „nichts anderes als die in Fülle gelebte Liebe“ im Sinne selbstlosen Dienstes. Es sei „nicht gesund […] den Dienst zu verachten“. Durch den totalen Dienst verwirkliche sich der Mensch. Er verliere dadurch nichts, sondern werde so, wie er sein solle.

Die Heiligen seien eine Botschaft Gottes an sein Volk. In den Heiligen verwirkliche sich ein Entwurf Gottes, „um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen Aspekt des Evangeliums widerzuspiegeln und ihm konkrete Gestalt zu verleihen“.

Jeder Mensch habe einen persönlichen Auftrag zu einem besonderen Dienst. Diese Sendung sei untrennbar mit dem Aufbau des Reiches Gottes verbunden. Man solle sich daher nicht davor fürchten, höhere Ziele anzustreben. Das Leben habe dabei nicht einen Auftrag, sondern es sei der Auftrag:

Auch du musst dein Leben im Ganzen als eine Sendung begreifen.

Der Mensch werde in der „verantwortlichen und großherzigen Ausübung der eigenen Sendung“ geheiligt.

Mit dem Grad seiner Indienststellung werde der Christ umso fruchtbarer für die Welt als „Salz der Erde und Licht der Welt“. Die Heiligen seien der hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) zufolge „die Gestalter der wahren Geschichte“:

Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten – Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.

Franziskus warnt davor, besondere Fähigkeiten und Bildung als Grund für Stolz zu betrachten. Diese seien nicht dazu da, um sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen, sondern stellten eine Verpflichtung zu umso größerem Dienst dar.

Im Dienst am Nächsten dürften Christen außerdem nicht die Verbindung zu Jesus Christus verlieren und „zu einer Art NGO werden“. Der Dienst am Nächsten dürfe umgekehrt aber auch nicht als grundsätzlich rein weltliche Angelegenheit abgelehnt werden.

Heiligkeit und Opfer

Der Dienst des Heiligen verlange vorbehaltlose Opferbereitschaft. Um Heilige zu werden „dürfen wir kein bequemes Leben anstreben, denn ‚wer sein Leben retten will, wird es verlieren‘ (Mt 16,25)“. Ein Heiliger zu werden bedeute es „Gott mit seinem Leben [zu] ehren“, Gott durch das eigene Dasein verherrlichen zu wollen und sich für Gott „voll Leidenschaft zu verzehren“.

Heilige erkenne man an „Zeichen eines heroischen Tugendgrades“ sowie an „Hingabe des Lebens im Martyrium“ oder durch „eine bis zum Tod durchgehaltene Aufopferung des eigenen Lebens für andere“. Der Dienst der Märtyrer bis zum Tod in der Nachfolge Christi sei das verbindende Erbe der Christen aller Konfessionen.

Ein dienendes Leben sei mit dem Kreuz verbunden, also mit „Erschöpfung und Schmerzen“ sowie mit gewaltsamer Verfolgung, aber auch mit Verfolgung in Form von „Verleumdungen und Unwahrheiten“. Das damit verbundene Leid sei sinnvoll, weil es eine Quelle der „Reifung und der Heiligung“ sei. Durch dieses Leid und die damit verbundenen Opfer werde der Mensch Jesus Christus ähnlicher.

Dem hl. Thomas von Aquin zufolge fordere Gott das dienende Opfer nicht, weil er es brauche, sondern um den Nutzen des Nächsten willen.

Heiligkeit und Kampf

Das nach Heiligkeit strebende Leben sei mit ständigem Kampf verbunden:

Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden. Dieses Ringen ist schön, weil es uns jedes Mal feiern lässt, dass der Herr in unserem Leben siegt.

Dieser Kampf umfasse den gegen die weltliche Mentalität, die den Menschen mittelmäßig werden lasse, aber auch den Kampf gegen die eigene Schwäche. Vor allem aber sei dieser Kampf ein Kampf gegen den Teufel, der eine reale böse Macht darstelle, die über zerstörerische Kraft verfügt und danach strebe, Macht über den Menschen zu gewinnen.

Formen des Dienstes des Heiligen

In jeder Lage gebe es die Gelegenheit zum Dienst und somit zur Heiligkeit. Franziskus zitiert den vietnamesischen Kardinal François Xavier Nguyên Van Thuân, der 13 Jahre in kommunistischen Lagern gefangen war mit den Worten, dass jeder Tag die Gelegenheit dazu biete, „um kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen“.

Jeder Mensch könne „an dem Platz, an dem er sich befindet“ ein Heiliger werden, auch „indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest“. Ein Heiliger könne sein, wer „voll Hunger und Durst die Gerechtigkeit suche“. Auch Eintreten für „Gerechtigkeit gegenüber den Hilflosen“, also der schützende Dienst, sei ein Weg zur Heiligkeit wie der Prophet Jesaja schrieb:

Sucht das Recht! Schreitet ein gegen die Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!

Ein Dienst des Heiligen sei es auch, „um uns herum [zu] Frieden säen“.

Der Weg zur Heiligkeit

In der Form der Sakramente finde der Mensch in der Kirche, was er brauche, „um auf dem Weg zur Heiligkeit zu wachsen“. Auch christliche Gemeinschaften, deren Mitglieder sich gegenseitig formten, seien ein Beitrag dazu.

Heilige seien sich zudem ihrer eigenen Grenzen bewusst und wüssten, dass sie ihren Dienst nicht aus eigener Kraft verrichten könnten, sondern nur durch das Geschenk der Gnade Gottes. Alles, was der Mensch tun könne, um ein Heiliger zu werden, sei es einzuwilligen, dass Gott den Menschen zum Heiligen forme und nach und nach verwandele. (ts)

4 Kommentare

  1. Nun, aus dem reichhaltigen OEuvre dieses Papstes scheint man wahrhaft alles und das Gegenteil herauslesen zu können: einiges hat Hand und Fuß (wie die zitierten Stellen oder seine Mahnungen bzgl. des Teufels), aber sehr viel Dubioses wird über fragwürdige Gesprächspartner lanciert, die Authenzität des so Übermittelten wird bewußt im Ungefähren gelassen. Anderes wie etwa Karnickel-Vergleiche oder das unsägliche „Klatsch ist eine Form von Terrorismus“-Geschwätz sind rational nicht mehr nachvollziehbar. Als Bezugspunkt für katholisch „saubere“ Aussagen steht dieser Papst anscheinend nicht mehr zur Verfügung, zu viel schillert vieldeutig und in jede beliebige Richtung ausdeutbar.

    • @Kirchfahrter Archangelus
      Ich habe mir das Schreiben heute durchlesen können, und es enthält die üblichen Seitenhiebe gegen Traditionalisten und Forderungen nach offenen Grenzen in den unmöglichsten Zusammenhängen. In den Fußnoten soll sich auch wieder einmal Mehrdeutiges verbergen, wobei ich die nicht gelesen habe weil sie in der Übersetzung noch nicht enthalten sind. Insgesamt wirkt das Schreiben auch an seinen besseren Stellen etwas flach gegenüber dem, was man von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. kennt. Aber es gibt eben verschiedene Ansätze, mit diesem Papst umzugehen, und einer davon ist es, seine Aussagen im Sinne der Tradition zu interpretieren, über den Rest zu schweigen und zu hoffen, dass sein Nachfolger es besser hinbekommt. Außerhalb des traditionalistischen Katholizismus tröstet man sich ja damit, dass es schon wesentlich schwächere Päpste gab und die Kirche auch die überlebt hat.

  2. Wenn Papst Franziskus sagt, dass man in jeder Lebenlage ein Heiliger werden könne, klingt das für mich mehr wie die Botschaft des Opus Dei, das ja auch immer betont, dass man auch als Ehemann und im Beruf ein Heiliger werden kann.

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