Papst Franziskus: Dienst, Kampf und Opfer sind der Weg der Heiligen

Vitore Carpaccio - Sankt Georg und der Drache (Wikimedia Commons/Gemeinfrei)

In seinem heute veröffentlichten Lehrschreiben mit dem Titel „Gaudete et Exsultate“ äußert sich Papst Franziskus über die allgemeine Berufung des Menschen zur Heiligkeit. Dabei betont er, dass der Weg der Heiligen ein Weg des Dienstes, des Kampfes und des Opfers sei. Gott fordere vom Menschen die totale Indienststellung seines Lebens zum Wohl des Nächsten. Um diesen Auftrag ausführen zu können, müsse der aus eigener Kraft dazu nicht fähige Mensch diesen Auftrag annehmen und sich von Gott nach und nach verwandeln lassen.

Der Titel des Schreibens (auf deutsch „freut euch und jubelt“) bezieht sich auf die Worte, mit denen sich Jesus Christus an die wandte, die in Seinem Dienst stehen:

Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Heiligkeit und Dienst

Ein Heiliger zu werden bedeute Jesus Christus nachzufolgen, der die Menschen dazu aufgerufen habe, „unser Leben in seinem Dienst zu verausgaben“ und alle eigenen Fähigkeiten „in den Dienst der anderen zu stellen“. Jesus Christus „fordert alles“. Der Wille Gottes sei es, dass die Menschen durch die totale Indienststellung des eigenen Lebens vollkommen würden und sich nicht mit einer „mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben“.

Heiligkeit sei „nichts anderes als die in Fülle gelebte Liebe“ im Sinne selbstlosen Dienstes. Es sei „nicht gesund […] den Dienst zu verachten“. Durch den totalen Dienst verwirkliche sich der Mensch. Er verliere dadurch nichts, sondern werde so, wie er sein solle.

Die Heiligen seien eine Botschaft Gottes an sein Volk. In den Heiligen verwirkliche sich ein Entwurf Gottes, „um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen Aspekt des Evangeliums widerzuspiegeln und ihm konkrete Gestalt zu verleihen“.

Jeder Mensch habe einen persönlichen Auftrag zu einem besonderen Dienst. Diese Sendung sei untrennbar mit dem Aufbau des Reiches Gottes verbunden. Man solle sich daher nicht davor fürchten, höhere Ziele anzustreben. Das Leben habe dabei nicht einen Auftrag, sondern es sei der Auftrag:

Auch du musst dein Leben im Ganzen als eine Sendung begreifen.

Der Mensch werde in der „verantwortlichen und großherzigen Ausübung der eigenen Sendung“ geheiligt.

Mit dem Grad seiner Indienststellung werde der Christ umso fruchtbarer für die Welt als „Salz der Erde und Licht der Welt“. Die Heiligen seien der hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) zufolge „die Gestalter der wahren Geschichte“:

Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten – Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.

Franziskus warnt davor, besondere Fähigkeiten und Bildung als Grund für Stolz zu betrachten. Diese seien nicht dazu da, um sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen, sondern stellten eine Verpflichtung zu umso größerem Dienst dar.

Im Dienst am Nächsten dürften Christen außerdem nicht die Verbindung zu Jesus Christus verlieren und „zu einer Art NGO werden“. Der Dienst am Nächsten dürfe umgekehrt aber auch nicht als grundsätzlich rein weltliche Angelegenheit abgelehnt werden.

Heiligkeit und Opfer

Der Dienst des Heiligen verlange vorbehaltlose Opferbereitschaft. Um Heilige zu werden „dürfen wir kein bequemes Leben anstreben, denn ‚wer sein Leben retten will, wird es verlieren‘ (Mt 16,25)“. Ein Heiliger zu werden bedeute es „Gott mit seinem Leben [zu] ehren“, Gott durch das eigene Dasein verherrlichen zu wollen und sich für Gott „voll Leidenschaft zu verzehren“.

Heilige erkenne man an „Zeichen eines heroischen Tugendgrades“ sowie an „Hingabe des Lebens im Martyrium“ oder durch „eine bis zum Tod durchgehaltene Aufopferung des eigenen Lebens für andere“. Der Dienst der Märtyrer bis zum Tod in der Nachfolge Christi sei das verbindende Erbe der Christen aller Konfessionen.

Ein dienendes Leben sei mit dem Kreuz verbunden, also mit „Erschöpfung und Schmerzen“ sowie mit gewaltsamer Verfolgung, aber auch mit Verfolgung in Form von „Verleumdungen und Unwahrheiten“. Das damit verbundene Leid sei sinnvoll, weil es eine Quelle der „Reifung und der Heiligung“ sei. Durch dieses Leid und die damit verbundenen Opfer werde der Mensch Jesus Christus ähnlicher.

Dem hl. Thomas von Aquin zufolge fordere Gott das dienende Opfer nicht, weil er es brauche, sondern um den Nutzen des Nächsten willen.

Heiligkeit und Kampf

Das nach Heiligkeit strebende Leben sei mit ständigem Kampf verbunden:

Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden. Dieses Ringen ist schön, weil es uns jedes Mal feiern lässt, dass der Herr in unserem Leben siegt.

Dieser Kampf umfasse den gegen die weltliche Mentalität, die den Menschen mittelmäßig werden lasse, aber auch den Kampf gegen die eigene Schwäche. Vor allem aber sei dieser Kampf ein Kampf gegen den Teufel, der eine reale böse Macht darstelle, die über zerstörerische Kraft verfügt und danach strebe, Macht über den Menschen zu gewinnen.

Formen des Dienstes des Heiligen

In jeder Lage gebe es die Gelegenheit zum Dienst und somit zur Heiligkeit. Franziskus zitiert den vietnamesischen Kardinal François Xavier Nguyên Van Thuân, der 13 Jahre in kommunistischen Lagern gefangen war mit den Worten, dass jeder Tag die Gelegenheit dazu biete, „um kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen“.

Jeder Mensch könne „an dem Platz, an dem er sich befindet“ ein Heiliger werden, auch „indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest“. Ein Heiliger könne sein, wer „voll Hunger und Durst die Gerechtigkeit suche“. Auch Eintreten für „Gerechtigkeit gegenüber den Hilflosen“, also der schützende Dienst, sei ein Weg zur Heiligkeit wie der Prophet Jesaja schrieb:

Sucht das Recht! Schreitet ein gegen die Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!

Ein Dienst des Heiligen sei es auch, „um uns herum [zu] Frieden säen“.

Der Weg zur Heiligkeit

In der Form der Sakramente finde der Mensch in der Kirche, was er brauche, „um auf dem Weg zur Heiligkeit zu wachsen“. Auch christliche Gemeinschaften, deren Mitglieder sich gegenseitig formten, seien ein Beitrag dazu.

Heilige seien sich zudem ihrer eigenen Grenzen bewusst und wüssten, dass sie ihren Dienst nicht aus eigener Kraft verrichten könnten, sondern nur durch das Geschenk der Gnade Gottes. Alles, was der Mensch tun könne, um ein Heiliger zu werden, sei es einzuwilligen, dass Gott den Menschen zum Heiligen forme und nach und nach verwandele. (ts)

15 Kommentare

    • @Thomas Rießler
      Sie haben hier von allen Mitdiskutierenden stets angemessene, sorgfältig argumentierende Antworten erhalten. Der von Ihnen gewählte Stil und Ton („Gibt’s ein Problem?“) sind hier unpassend.

  1. Thema Heiligkeit. Ein Faß ohne Boden.
    Ich denke, zuviel Theologie kann auch schaden. Manchmal kann ein Chirst auch mit gesundem Menschenverstand im Hinblick auf das Wort Jesu im Evangelium weiterkommen. Meines Wissens hat mit gutem Willen Jesus jeder verstanden, der ihn verstehen will. Brechen wir es doch einfach herunter: Gedanklich einfach, zu leben schwer. Wie heißt es in einem alten Kirchenlied so schön? ALLES meinem Gott zu Ehren. Egal,was jemand tut, sagt, denkt , betet, fastet und lebt: Wenn alles vom Hl. Geist zu Ehren Gottes und des Nächsten durchdrungen ist, ist jeder auf dem Weg zur Heiligkeit. Gottes- und Nächstenliebe in der Nachfolge Christi, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das ist sehr leicht geschrieben, aber schwer getan. Das scheint das Dilemma des Christentums zu sein. Der innere „Schweinehund“ will erst überwunden werden, um sich dann seelisch bloßzulegen. Nicht einfach.

    Das Leben in Heiligkeit im christlichen Sinne ist schwer. Jesus als der Sohn Gottes, ja als Teil Gottes in der Trinität hat die Messlatte für seine mehr als irdischen Nachfolger sehr hoch gelegt bis hin zur Feindesliebe. Das war ihm auch bewusst, darum hat er das Beichtsakrament persönlich eingesetzt. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater oder vom „verlorenen Sohn“ sagt uns sogar, dass die Reue nicht einmal so richtig echt sein muss, sondern dass im Falle dieses Sohnes sogar die nackte Not ausreichte, um zum Vater zurückzukehren und dieser ihn mit offenen Armen zum Neid-Leidwesen seines anderen Sohnes empfing.

    Vollkommenheit ist letztlich Heiligkeit = alles heil. Diese von Jesus aufgerichtete Messlatte zu erreichen ist für einen Menschen fast unmöglich. Wenige, nämlich die Heiligen „der Altäre“ oder die nicht bekannten „Alltagsheiligen“, haben dies gelernt und diese zu einer Vervollkommnung gebracht. Die Masse der Christen wird an dieser Hürde immer wieder scheitern. Dafür streckt uns Jesus ja auch immer wieder bei echter Reue und Buße die Hand entgegen.

    Die Frage ist tatsächlich: Reicht es aus, sich nur in Gott zu versenken ohne die praktizierte Nächstenliebe?

    Und beide haben ja auch ihre Tücken. Wenn ich mich kontemplativ versenke und dies nur tue, um meine Seele zu retten, nicht aber um Jesu willen, ist dieses Verhalten dann vollkommen?

    Ist es Nächstenliebe, wenn ich gute Werke tu, um das eigene Image oder die eigene Seelenlage aufzubessern oder aufzuhübschen? Wohl nicht wirklich, auch wenn die gute Tat dem Geholfenen genauso nützlich ist wie die uneigennützige Liebe, die ich gebe auf Augenhöhe und um Jesu und des Nächsten willen. Kann der christlich denkende und agierende Helfer da immer so stark von sich selbst zurücktreten?

    Wir sprechen hier von Vollkommenheit oder Heiligkeit. Der Geist der Unterscheidung und Differenzierung, so schätze ich, ist auch hier für jeden Christen vonnöten. Ich weiß für meine Person, dass ich noch leider weit von der Heiligkeit entfernt bin und sie diese wohl auch nicht mehr erreichen werde. Mir ist da aber auch nicht bang, weil ich an einen vollkommenen und liebenden Gott glaube, der mir, wenn meine Reue echt ist, immer wieder verzeiht.

    • Nun, für die Endzeit sind ja bekanntlich jede Menge falscher Christen prophezeit worden.

      Bei all dem zuckersüßen Gerede über Nächstenliebe und Gemeinwohl kommt die Sünde in der Regel nicht vor und wenn man aus dem christlichen Glauben heraus z.B. Homosexuelle von ihrer Sünde heilen will, wird dies von den Gemeinwohl-Praktizierenden heutzutage eher nicht als Akt der Nächstenliebe angesehen. Ich habe noch keinen Alltagsheiligen gesehen, der sich an das Thema in der Praxis herangetraut hätte. Das ist dann wohl den wenigen Altarheiligen vorbehalten. Und dann noch diese sich hartnäckig haltende Vorstellung, dass Absonderung von der sündigen Welt gleichbedeutend mit Nichtstun wäre.

      • @Thomas Rießler
        Das „zuckersüße Gerede“ wird auf dieser Seite ja durchaus kritisiert. Vermutlich nächste Woche wird hier eine Rezension zu einem Werk eines Theologen erscheinen, der genau dieses Thema betrachtet hat.
        Mich würde aber interessieren, an welche praktischen Beispiele der Absonderung von der Welt sie denken? In Gesprächen spielt diese Frage eine wichtige Rolle, wobei die diskutierten Modelle von der individuellen Trennung (Verweigerung der Beteiligung an bestimmten Modeerscheinungen, Verzicht auf Konsum bestimmter Medien etc.) bis zur gemeinschaftlichen Trennung reichen. Gedanken dazu Ihrerseites würden mich sehr interessieren, da Sie ja offenbar praktische Erfahrung in diesen Dingen besitzen.

      • Werter Herr Rießler,
        ich habe zumindest eine „Alltagsheilige“ kennengelernt, eine alte Frau, die in der Kirche mehr als demütig gebetet und ihr Leben voll auf Gott UND den Nächsten hin ausgerichtet hat. Sie hat intensiven Besuchsdienst am Kranken im örtlichen Krankehaus geleistet bis ins hohe Alter. Die Art, wie sie betete, kaum beschreibbar, war so echt und ehrlich, ja kindlich, und nicht gekünzelt. Diese Dame war für mich eine Alltagsheilige und hat sich mir als Vorbild, welches ich nie erreichen werde, eingeprägt. Wie viele es davon gibt, weiß nur Gott. Diese hat sich wohl kaum mit der Homosexualität gedanklich befasst.

        Ich kann jetzt in meinem Statement ja gerade nicht die Süße in meiner Definiition von Heiligkeit und das war mein Thema, finden,eher eine differenzierte Härte. Heiligkeit ist harte Arbeit und echte Disziplin. Und wenn ich die Sünde nicht erwähnt habe, so hat sie ja auch mit der angestrebten Heiligkeit nichts zu tun. Sünde führt von Heiligkeit weg; was soll ich sie also erwähnen. Sie haben recht, wenn sie anmerken, dass die Sünde im Christenleben immer weniger erwähnt wird, sie aber eben doch entscheidend für das Seelenheil sein kann, insbesondere die unbereute.

        Ja, es gibt Christen, die nur von der Endzeit her leben und wohl kaum bemerken, dass jeder individuelle Tod eine individuelle Endzeit bedeutet. Diese Begrifflichkeit „falsche“ und „echte“ Christen würde ich mir nicht anmaßen, denn nur Gott kann entscheiden, wer echt und falsch ist.
        Im Grunde ist es doch für jeden einzelnen Christen völlig egal, ob er einzeln stirbt oder wenn die Apokalypse kommt, in Massen. Jeder Mensch hat sich individuell vor Gott zu verantworten, ob er nun gleichzeitig mit 1 Milliarde von Menschen vor Gott treten muss oder einzeln. Es ist auch nur aus meiner Sicht mit Sicherheit falsch, sein Christentum von der Apokalpyso so beeinflussen, ja bestimmen zu lassen, dass die Angst im Glauben des einzelnen Christen dominiert. Es gibt Christen, die lieber heute als morgen die Apokalypse ERLEBEN würden in dem Bewusstsein, dass sie zu den Auswerwählten gehören, weil sie sich mit der Apokalypse so intensiv beschäftigt haben und sich dann zu den wahren Christen zählen. . Auch das ist m. E. der falsche Weg, Jesus nachzufolgen, weil er um seinetwillen geliebt sein will und nicht dass seine Gläubigen in Angst erstarren und sich auf die intensive Suche nach endzeitlichen Zeichen begeben, die das Leben als Christ quasi dann verhindern, weil man nur noch mit diesem Suchen beschäftigt ist und dabei seine Seele verhärtet und gerade das, was Jesus von uns z. B. in seinen Seligpreisungen verlangt hat, zur Marginalität verkommen lassen.

        Ich würde jedenfalls nicht so abfällig von „zuckersüßen“ Nächstenliebe sprechen. Gibt es diese überhaupt, wenn dann nicht in der Praxis, sondern nur in der Theorie. Wenn ich jemandem helfe und ich tue dies tatsächlich nicht aus Eigenimagegründen, sondern um dem Hilfsbedürftigen in seiner konktreten Situation zu helfen (ja selbst auch einem alten Menschen über die Straße zu helfen oder einen Koffer auf den Bahnsteig zu tragen), so ist das nicht zuckersüß, sondern einfach nur menschlich und wenn ich dies darüberhinaus im Bewusstein für Jesus tue, dann auch noch christlich. Nix mit Zuckersüße, oder wie sehen Sie das?

        Zur Homosexualität vertritt die Kirche m E. die richtige Haltung. Die gelebte Homosexualität wird als Fehlverhalten, für mich Sünde, angesehen, die Ausführenden jedoch sind zu respektieren, zu achten und mit Nächstenliebe zu begegenen wie jeder andere Mensch auch. Wir haben nicht zu richten, das überlassen wir immer Gott selbst, schließlich ist keiner ohne jede Sünde, wusst schon Jesus zu berichten am Beispiel der Ehebrecherin.

        Ich kann nicht sagen, ob es eine Hellung von Homosexualität gibt, Da habe ich keine Kenntnisse darüber, daher halte ich mich da bedeckt. Aber es kommt doch zuindest auf den Willen desjenigen an, der sich von dieser Sünde befreien will. Wenn er dies mit Hilfe anderer schaffen sollte, ist es doch eine gute Sache und sein Wille ist zu respektieren.

  2. Remigius, Heiligkeit bedeutet definitionsgemäß eben die Absonderung von der sündigen Welt, ob’s einem nun passt oder auch nicht. Wenn nun jemand meint, Heiligkeit durch den Kampf fürs Gemeinwohl erlangen zu können, dann ist es seine Aufgabe, dies theologisch zu belegen und nicht meine.

    • @Thomas Rießler
      Dann will ich es einmal versuchen theologisch zu erklären, warum der Dienst am Gemeinwohl m.E. ein Weg zur Heiligkeit sein kan.

      Was die von Ihnen angeführte Definition von Heiligkeit angeht, will ich Ihnen grundsätzlich auch gar nicht widersprechen; es geht mir nur um die Schlussfolgerung, ob Dienst am Gemeinwohl ein Weg zur Heiligkeit sein kann oder nicht.

      Der hl. Thomas von Aquin definierte Heiligkeit auch (wie Sie geschrieben haben) im negativen Sinne als Trennung von der Welt. Er definierte sie aber auch positiv als Hinordnung auf Gott. Heilig ist demnach das, was vollkommen auf Gott hingeordnet und in seinen Dienst gestellt ist. Trennung von der Welt bedeutet also nicht den vollständigen Rückzug aus der Welt, sondern das Wirken in ihr im Gehorsam gegenüber Gott.

      Im Katechismus wird das näher ausgeführt. Zur Heiligkeit führen Entsagung, Askese und Abtötung (Also die Absonderung von der Sie geschrieben haben), aber auch der Einsatz der eigenen Kräfte im Dienst am Nächsten im Gehorsam gegenüber Gott: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P77.HTM

      Die Forderung nach Absonderung von der Welt einerseits und die danach, in ihr zu wirken, erzeugt natürlich ein gewisses Spannungsfeld. Jesus Christus sagt im Johannes-Evangelium, dass Christen „in die Welt gesandt“ sind, aber dass sie gleichzeitig nicht „von der Welt sind“.
      https://www.bibleserver.com/text/EU/Johannes17:14,18

      In diesem Spannungsfeld kann es viele unterschiedliche Berufungen geben. Solange diese Berufung aber beinhaltet, dass man in ihr die eigenen Fähigkeiten in den Dienst Gottes stellt, kann sie zur Heiligkeit führen. Man kann demnach als Priester oder als Mönch zur Heiligkeit gelangen, aber auch als Vater oder als Mutter, als Arzt, als Handwerker und sogar als Soldat, Polizist und als Politiker.

      Das Gemeinwohl ist laut Definition der Kirche die Gesamtheit der Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die allen Teilen der Gesellschaft ein vollständigeres und leichteres Erreichen ihrer Vollendung ermöglichen. Das Gemeinwohl ist zudem die soziale und gemeinschaftliche Dimension des moralisch Guten in Bezug auf das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen.
      Die entsprechenden Definitionen wurden auch hier zusammengetragen: https://bundsanktmichael.org/impulse/politik-als-dienst-am-gemeinwohl/

      Wer sich für das Gemeinwohl engagiert, also dafür, dass Menschen ihre Vollendung besser und leichter erreichen können, kann dadurch wie oben beschrieben dem Nächsten im Gehorsam gegenüber Gott dienen. Somit kann der Dienst am (christlich definierten) Gemeinwohl m.E. ein Weg zur Heiligkeit sein.

      • Dass man Bergoglios Aussagen mit den Schriften des zweiten Vatikanischen Konzils begründen kann, erscheint mir plausibel. Allerdings erinnert mich diese Art der Theologie, die sich um sich selbst dreht, an die Theologie der neutestamentlichen Pharisäer, die sich ebenfalls ihre eigenen Gesetze gaben und Gott aus dem Blick verloren hatten.
        Das „Spannungsverhältnis“ zwischen Heiligung und Gemeinwohl wird vermutlich umso größer, je mehr man zeitlich in der Geschichte des Christentums zurückgeht. In den Schriften des Neuen Testaments wird regelmäßig von dem großen Gegensatz zwischen gläubiger Gemeinde und ungläubiger Welt berichtet. Wenn man die Nachfolge Jesu Christi ernst nimmt, wird diese Nachfolge im Umfeld der ungläubigen Welt zwangsläufig ebenfalls zum Martyrium führen, ansonsten macht man etwas falsch. So stößt z.B. der Missionsdienst bei der ungläubigen Welt erfahrungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Ein solcher Dienst ist aber auch wohl nicht gerade das, was Bergoglio meint, sondern eher die sozialverträglichen diakonischen Dienste, die normalerweise keinen Aufruhr verursachen und auch von weltlichen Menschen als dem Gemeinwohl zuträglich wahrgenommen werden.

  3. Naja, Heiligkeit bedeutet eigentlich Absonderung von der sündigen Welt der Menschen und eben nicht der Kampf für’s Gemeinwohl. Da scheint sich also mal wieder jemand diametral gegen Gott zu stellen. Anscheinend fällt dies in der katholischen Kirche aber niemandem auf. Seltsamer Verein. In der Kirche wäre ein solcher Bischof undenkbar.

    • @Thomas Rießler
      Es gibt in der katholischen Kirche doch eine lange Tradition verschiedener sowohl kontemplativer als auch tätiger Spiritualitäten. Ein theologisches Argument gegen tätige Spiritualität im Allgemeinen würde mich sehr interessieren. Wenn es so ist wie Sie schreiben, würde dies bedeuten, dass die katholische Soziallehre grundsätzlich falsch wäre und zahlreiche Heilige der Kirche sowie wesentliche Teile ihres Wirkens von Beginn an häretisch gewesen wären und dies bislang niemand aufgefallen ist. Eine so weitreichende Aussage sollte daher auf einem gut begründeten Argument beruhen.
      Unabhängig davon besteht aber natürlich die Gefahr, dass tätige Spiritualität zu einem bloßen Sozialaktivismus werden kann, der nicht mehr auf Gott ausgerichtet ist. Allerdings warnt Papst Franziskus in seinem Schreiben ausdrücklich vor einer solchen Tendenz.

  4. Wenn Papst Franziskus sagt, dass man in jeder Lebenlage ein Heiliger werden könne, klingt das für mich mehr wie die Botschaft des Opus Dei, das ja auch immer betont, dass man auch als Ehemann und im Beruf ein Heiliger werden kann.

  5. Nun, aus dem reichhaltigen OEuvre dieses Papstes scheint man wahrhaft alles und das Gegenteil herauslesen zu können: einiges hat Hand und Fuß (wie die zitierten Stellen oder seine Mahnungen bzgl. des Teufels), aber sehr viel Dubioses wird über fragwürdige Gesprächspartner lanciert, die Authenzität des so Übermittelten wird bewußt im Ungefähren gelassen. Anderes wie etwa Karnickel-Vergleiche oder das unsägliche „Klatsch ist eine Form von Terrorismus“-Geschwätz sind rational nicht mehr nachvollziehbar. Als Bezugspunkt für katholisch „saubere“ Aussagen steht dieser Papst anscheinend nicht mehr zur Verfügung, zu viel schillert vieldeutig und in jede beliebige Richtung ausdeutbar.

    • @Kirchfahrter Archangelus
      Ich habe mir das Schreiben heute durchlesen können, und es enthält die üblichen Seitenhiebe gegen Traditionalisten und Forderungen nach offenen Grenzen in den unmöglichsten Zusammenhängen. In den Fußnoten soll sich auch wieder einmal Mehrdeutiges verbergen, wobei ich die nicht gelesen habe weil sie in der Übersetzung noch nicht enthalten sind. Insgesamt wirkt das Schreiben auch an seinen besseren Stellen etwas flach gegenüber dem, was man von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. kennt. Aber es gibt eben verschiedene Ansätze, mit diesem Papst umzugehen, und einer davon ist es, seine Aussagen im Sinne der Tradition zu interpretieren, über den Rest zu schweigen und zu hoffen, dass sein Nachfolger es besser hinbekommt. Außerhalb des traditionalistischen Katholizismus tröstet man sich ja damit, dass es schon wesentlich schwächere Päpste gab und die Kirche auch die überlebt hat.

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