Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 1: Die Ursachen der Krise

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa und ihre Folgen. Wir werden die Gedanken Murrays in den kommenden Tagen in einer mehrteiligen Serie vorstellen. Der erste Teil dieser Serie behandelt Murrays Betrachtungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas.

Der Selbstmord Europas und seine Ursachen

In der Einleitung seines Buches zitiert der Autor Stefan Zweig, der in Europa „unsere heilige Heimat, die Wiege und das Parthenon unserer abendländischen Zivilisation“ sah. Dieses Europa sei durch innere kulturelle Schwäche und zunehmende islambezogene Herausforderungen und sonstige Folgen der Zuwanderung kulturferner Gruppen existenziell bedroht, da diese Herausforderungen eine Dynamik entwickelt hätten, die kaum noch umkehrbar sei:

Wenn ich sage, dass Europa dabei ist, sich auszulöschen, dann meine ich […] dass die Zivilisation, die wir als europäische bezeichnen, dabei ist, Selbstmord zu begehen, und weder Großbritannien noch irgendein anderes westeuropäisches Land kann diesem Schicksal entrinnen, weil wir alle unter den gleichen Krankheiten leiden. Im Ergebnis wird am Ende der Lebensdauer der meisten Menschen, die heute Europa bevölkern, Europa nicht das sein, was es einmal war. Wir werden den einzigen Ort auf der Welt, der unsere Heimat war, verloren haben.

Europa verändert sich Tag für Tag, und mit jedem Tag wird die Möglichkeit einer weichen Landung als Antwort auf die Veränderungen unwahrscheinlicher. […] Als Gefangene ihrer Vergangenheit haben die Europäer keine anständigen Antworten für die Zukunft. Und so wird es schließlich zur tödlichen Explosion kommen.

Es sei richtig, dass Wandel eine historische Konstante sei, aber die sich gegenwärtig vollziehende Entwicklung verlaufe nicht in eine erstrebenswerte Richtung und führe dazu, dass „wir uns selbst in etwas verwandeln, das wir nie sein wollten“. Islamische Kultur stelle zum Beispiel, anders als behauptet, keine Bereicherung der europäischen Kultur dar, sondern beende diese, wo sie sich ausbreite.

Murray, der sich selbst als nicht gläubigen Kulturchristen bezeichnet, betont in seinem Buch, dass die von ihm beschriebenen krisenhaften Entwicklungen und Phänomene nur Symptome einer tiefer gehenden geistigen Krise seien. Die Ursache dieser geistigen Krise sei die verbreitete Abwendung der Menschen Europas vom christlichen Glauben, der die kulturelle Grundlage Europas darstelle. Wer die Krise Europas verstehen wolle, müsse sich mit der Bedeutung des Christentums und den Folgen der Abwendung von ihm auseinandersetzen.

Die Abwendung vom Christentum als Ursache der Krise Europas

Keine Kultur könne ohne ihre religiöse Grundlage aufrechterhalten werden, da die Religion die Quelle der geistigen Werte und des Menschenbildes sei, auf dem eine Kultur beruhe. Auch die nicht unmittelbar religiösen Bereiche einer Kultur und einer Gesellschaft seien davon vollständig durchdrungen. Da das Christentum die kulturelle Grundlage europäischer Identität darstelle, sei Europa mit der Abwendung vom Christentum spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Sinnkrise eingetreten, die bis heute andauere:

Über Jahrhunderte war Europas große – wenn nicht größte – Quelle der Energie der Geist seiner Religion. Er spornte die Menschen an, Kriege zu führen, und stärkte sie, sich zu verteidigen. Er inspirierte Europa zur höchsten Stufe der Kreativität. [..] Doch im 19. Jahrhundert erlitt diese Quelle zwei enorme Erschütterungen, von denen sie sich nie wieder erholen sollte. Es blieb eine Lücke zurück, die nie wieder geschlossen werden konnte.

Bibelkritik und Darwinismus hätten dazu geführt, dass das Christentum in der europäischen Kultur nicht mehr als Ausdruck absoluter Wahrheit, sondern bestenfalls nur noch als kulturell nützlicher Mythos verstanden worden sei. Europa habe dadurch seine „Gründungsgeschichte“ verloren und sei in eine Phase kultureller Erschöpfung eingetreten. Ebenso hätten die christlich begründeten kulturellen Werke Europas ihren Sinn verloren.

Zu diesen Werken zählt Murray auch die positiven Aspekte der Aufklärung sowie freiheitliche Gesellschaftsordnungen, die alle auf christlicher Weltanschauung beruhen würden. Die Europäer der Gegenwart lebten von einer kulturellen Substanz, die sie nicht mehr erneuern könnten, weil sie keinen Zugang mehr zu ihrer Quelle hätten:

Da wir uns seit Jahren am ‚Unterlauf des Christentums‘ befinden, wie der Philosoph Roger Scruton formulierte, ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Gesellschaften entweder vollständig jeden Halt verlieren oder auf sehr andersartige Ufer getragen werden. Auf jeden Fall lagen sehr beunruhigende Fragen unter der Oberfläche unserer Gesellschaften, schon bevor sie anfingen, sich so schnell wie jetzt zu verändern. […]
[D]ie Menschen, die immer noch zur Messe gehen, fühlen, dass sie Teil einer sterbenden Bewegung sind. Wo der Glaube noch existiert, ist er entweder vollkommen uninformiert – wie in den evangelikalen Gemeinschaften -, oder er ist verwundet und schwach. Nur an wenigen Orten hat er die Zuversicht behalten, die er früher mal hatte, und die Trends sprechen nicht für diese Enklaven. Die Flut kannte nur eine Richtung, kein einigermaßen bedeutender Strom fließt in die entgegengesetzte Richtung.

Da der „Drang nach dem Absoluten“ mit der Abwendung vom Christentum nicht verschwunden sei, hätten totalitäre Ideologien und andere Ersatzreligionen im 20. Jahrhundert die Rolle des Christentums einzunehmen versucht und durch die von ihnen verursachten Katastrophen dazu beigetragen, das noch verbliebene Vertrauen in Gott und den Wert europäischer Kultur zu zerstören.

Die Menschen Europas würden geistig in den Trümmern gescheiterter Utopien sowie in einem identitären Vakuum leben, das gegenwärtig von einer Ideologie der Selbstverleugnung gefüllt werde. Die Gedanken Murrays dazu werden wir morgen im nächsten Teil unserer Serie vorstellen.

Hintergrund

Murray knüpft in seinen Ausführungen an Ansätze der katholischen Soziallehre zur Erklärung kultureller Auflösungsprozesse an. Wir haben diese Ansätze hier vorgestellt.

Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. hatte im Sinne dieses Ansatzes 2004 gesagt, dass die tragenden seelischen Kräfte Europas weitgehend abgestorben seien und der Kontinent von innen her geistig leer geworden sei. Dies habe auch materielle Auswirkungen und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Er verglich das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sprach analog dazu von einer gegenwärtigen Zeit der „Auflösung alles Bestehenden“, in der Europa christusfeindlich geworden sei und die Kirche zusammen mit dem „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, als Hüter des christlichen Erbes wirken müsse. (ts)

16 Kommentare

    • Ist leider nicht unsere Spezialität. Die eingeschüchterten Konservativen distanzieren sich lieber voneinander, grenzen sich ab gegen angebliche Radikale und „Sachen, die man nicht sagt“.
      Wir stecken tief in der „Tabu-Falle“, nicht nur in Westeuropa, sondern sogar in den USA, wo wir angeblich gewonnen haben. Dort wurde toleriert, dass Trump-Anhänger erschlagen wurden, während irgend eine blödsinnige Bemerkung des Präsidenten oder irgendwelche Fehler, moralischen Verfehlungen oder Aussagen von Konservativen, die zart besaitete Schneeflocken beleiden, sofort einen globalen Mediensturm auslösen.

      • @PhilosII und Attila Varga
        In hier vorliegenden Fall ist nur Perfektionismus der Grund dafür, dass es derzeit Verzögerungen beim Netzwerken gibt. Alle Interessenten werden aber sehr bald (und zugegebenermaßen mit enormer Verspätung) eine Nachricht erhalten.

  1. Werter ts,
    die Abendländische Bewegung scheint eine Art Blaupause für die ihr folgenden konservativen Bewegungen gewesen zu sein:Sie ist auf dem Weg von der Phase „Diskussion und Analyse“ zu der Phase „Wir schreiten zur Tat“ friedlich entschlafen.

  2. Murrays Aussage – Abkehr vom Christentum als Kern des Problems – scheint mir nicht direkt falsch, andererseits aber auch nicht ausreichend.

    Weitgehend entchristlicht war Europa im Hinblick auf das Weltbild seiner handelnden Eliten auch schon um 1900, 1930 oder 1960. Gewiss war damals der Anteil der Kirchgänger im ländlichen Raum und selbst in den Städten noch höher, aber ich betrachte jetzt eben vorrangig die handlungsmächtigen Eliten. Diese Eliten in Politik, Wirtschaft und Kultur waren auch damals kaum weniger agnostisch als heutige Eliten. Gut, sie äußerten ihre Haltung weniger offen als in der Gegenwart und ja, es gab auch Ausnahmen.

    Dennoch – und nun komme ich zum entscheidenden Punkt – waren die europäischen Nationalstaaten um 1900, 1930 und auch noch 1960 – sowohl im Osten als auch im Westen meilenweit von der heutigen Situation der Selbstaufgabe entfernt. Großbritannien, Frankreich und Deutschland wären doch damals nie und nimmer bereit gewesen, alle Möchtegerns der Welt aufzunehmen, durchzufüttern und überdies auch noch fremde Kulturmuster und Kulte zu integrieren. Hat sich die Sowjetunion dem Islam unterworfen? Hat das radikal-atheistische NS-Regime bewusst nationale Traditionen zerstört oder sich als schwach erwiesen? Selbst die absolut atheistische DDR war im Hinblick auf die Bewahrung nationaler Traditionen und Werte sowie ihrer ethnischen Struktur noch unserem heutigen Deutschland deutlich überlegen.

    Kurz gesagt: Vom Christentum abgefallene oder gar direkt atheistische Staaten haben im 20. Jahrhundert sehr wohl eine beeindruckende, teils auch bedrückende Stärke, Handlungsfähigkeit und Stabilität gezeigt.
    Das widerlegt die These, dass eine Abkehr vom Christentum die entscheidende Ursache ist.
    Der gleichzeitige Niedergang des Christentums ist nur ein zusätzlicher und zweiter Prozess, den man mit der Schwäche oder Stärke der Staaten nicht mischen sollte.

    Nein, der gegenwärtige scheibchenweise Kollaps der europäischen Nationalstaaten ist ein gewolltes und planvoll durchgeführtes Elitenprojekt, bei dem und die Agenda der UNO (etwa siehe hier: https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/migranten-als-bevoelkerungsersatz-fuer-europaeer-bereits-seit-2000-offiziell-in-planung-a2276366.html ) und die außenpolitischen Ziele der USA (beste Beispiele sind ja wohl jene berühmten Reden von George Friedman: https://www.youtube.com/watch?v=u3A23h4xKbo und https://www.youtube.com/watch?v=DTYbGNFSE9Y ) mischen.
    Eine schwaches und am Rande des Chaos befindliches Europa nutzt den USA bei ihrem „Großen Spiel“ gegen die kontinentale Allianz in Eurasien (Russland, China, Iran). Wir sind eine Art Bauernopfer in diesem Spiel.
    Hinzu kommt noch, dass der ethnisch und kulturell relativ homogene Nationalstaat den global orientierten Wirtschaftseliten der Gegenwart nicht mehr nutzt; also wird er abgebaut.

    Der zusätzlich bestehende linke zivilreligiöse Wahn („Eine Welt“ usw.) unserer Willkommensirren wird von diesen Eliten natürlich als helfende Begleitmusik nach Kräften gefördert.

    Mir spielt bei der Betrachtung des Problems ein idealistisch-hegelianisches Denken eine viel zu große Rolle. Wir sollten nicht zu sehr glauben, dass der Geist die Welt bestimmt. Marx hatte in sehr Vielem Unrecht, doch hatte er absolut Recht mit der Überbau-Unterbau-These. Gewiss spielt der Geist auch eine Rolle – das beweist ja insbesondere die Unkreativität und kulturelle sowie technisch-wissenschaftliche Schwäche fast der ganzen der islamischen Welt – im Hinblick auf die Schwäche eEropas liegt das Kernproblem aber wie gesagt woanders.

    Für überzeugte Christen mögen diese Worte bitter sein, doch steckt in ihnen andererseits auch etwas Hoffnung, denn eine Renaissance des Christentums in Europa ist vermutlich noch schwerer vorstellbar als ein Sinneswandel der Eliten gegenüber dem Islam bei sich ändernden Rahmenbedingungen.

    • Werter Waldgänger,
      gute Stellungnahme, der ich vollinhaltlich folgen kann. Atheistische Staaten haben zwar mittels Einzel- oder Parteiendiktaturen die äußere Stärke gegenüber Fremdem erfolgreich verteidigt, haben aber die Menschenwürde des Einzelnen – letztlich die entscheidend geistige Haltung für ein jegliches Staatssystem – völlig außer Acht gelassen. Gulags, KZ, Menschenrechtsverletzungen aller Art und chinesische Brutaleinkindpolitik, Abtreibungen, Euthansieprogramme und das Morden geistiger Eliten waren fast immer das Markenzeichen dieser Diktaturen.

      Und wenn das materialistische Kapital regiert, wird jegliche Menschenwürde, jeglicher Umweltschutz und jegliches zvilisatorisches Denken letztlich dem materiell-irdischen Nutzendenken des Menschen unterworfen und damit werden die christlichen Moralregeln, die sich immer auf den Bezug des Schöpfergeistes und seinen Ansprüchen als führend beziehen, entzogen.

      Wichtig ist immer die geistige Haltung, die die politischen Systeme begründen, egal, ob sie Diktaturen, Monarchien oder Demokratien sind. Darum ist der christliche Ansatz der ursprünglichen katholischen (Sozial)Lehre durchaus bedenkenswert. Aber mittlerweile sind die Kirchenleitungen ja voll auf den Zeitgeistzug aufgesprungen und haben damit der Beliebigkeit und damit auch dem Bemessen der Gleichwertigkeit aller Kulturen, was eben in der Realität nicht der Fall ist, dem UN-Globalisierungs-Plan nichts mehr entgegenzusetzen. Jesus als der theologisch verzerrte nette Religionsverkünder von nebenan, der alle in den Himmel kommen lässt, lässt grüßen. Wer als Theologe so argumentiert, degradiert das Christentum zu einem überflüssigen nur noch sozialen Konstrukt menschlichen Wunsches, der mit den Geboten Gottes nicht mehr das Geringste zu tun hat. Der Mensch als das Maß aller Dinge, dem sich der Dreifaltige Gott unterzuordnen hat, ist damit geboren. Damit ist das Christentum zu einer menschlich-irdischen Ideologie verkommen, in der Gott als Marginalität agiert, dem im Grunde dann auch alles egal ist und der alle in den Himmel kommen lässt, egal, wie sie leben, lieben, agieren oder morden. Die 10 Gebote sind damit überflüssig.

      Und genauso sieht dann auch die kirchlicheIslamkritik aus, die in diesen Kreisen letztlich kaum noch vorhanden ist, weil sie beseelt ist von dem Wunsch, dass das „Alle-Religionen-sind-eins-und-gleichwertig-Denken“ ausmacht.

      Jede Politikform und jede Religion und jede Ideologie muss nach dem geistigen Grundüberbau betrachtet werden und in einen großen Zusammenhang gestellt werden. Sind da schon im Ansatz schwerwiegende menschenverachtende Regeln sei es auf die islamische, kapitalistische oder kommunistisch-atheistische oder sozialistische Sicht enthalten, so kann die auf diese fehlerbehaftete geistige Haltung nur Negatives für den Menschen in der real existierenden Politikausführung hervorbringen. Ich denke, das ist m. E. die richtige oder die zumindest effektivste Sichtweise auf jegliches politische System.

      So wie Deutschland sich durch zu große Toleranz aus pc-mäßiger freiwilliger ohne Not geborener Unterordnung abschafft (weil zu Viele dies mit der jesuanischen Feindesliebe verwechseln), so schafft sich letztlich in gleicherweise das zunehmend identitätslose Christentum, welches Gottes Ansprüche, die er in den 10 Geboten und in Jesu Liebes- und Feindesliebegebot zum Ausdruck brachte, in die „verstaubt-konservativen Historie“ in die Abstellkammer stellt, ab. Die Begriffsverschiebung der „Toleranz“ ohne jegliche Identität hin zum linken Beliebigkeitswillkommen eines jeglichen Fremden, mögen sie auch durch betrügerische Absicht sich ihren Aufenthalt hier erschlichen haben, ist eine Ursache des Jetztzustandes. Das Feindesliebegebot wurde politisch offensichtlich absichtlich pervertiert, weil und obwohl Jesus dieses Gebot immer nur auf den Einzelnen abgestellt hat und seine Lehre eben nicht in politisches Gewand eingehüllte und praktisch angewendet sehen wollte. Er sah dies als regulierende Lehre zur Gesundung der individuellen Seele an, nicht als politisches System. Es kann nicht im Sinne Jesu gewesen sein und auch nicht im Sinne des Dreifaltigen Gottes gewesen sein, dass sich das Christentum durch falsche theologische und soziale Sichtweise selbst abschafft, auch wenn kirchliche Sozialkreise von der jetzigen Politik durchaus auch finanziell profitieren.

      Letztlich wird das Feindesliebegebot Jesu von den Globalisten bewusst falsch gedeutet und politisch umgesetzt, damit sich diese Eliten dann auch noch als restchristlich identifizieren können. Und auf diese Masche fallen nicht nur die deutschen Kirchen, sondern teilweise auch der Vatikan mit dem jetzigen Papst zum Teil herein.

      Bei einer stetig wachsenden Anzahl von Menschen auf Erden wird Überzeugungsarbeit immer schwieriger umsetzbar. Die großen Fragen können möglicherweise theoretisch gelöst werden, deren Umsetzung jedoch an der politischen Praxis scheitern wird.

      Wenn die christliche Lehre in ihrer usprünglichen Form nicht das geistige Gerüst ist, nach dem staatliche Moral-Kriterien, die ja zum Großteil in den Allgemeinen Menschenrechten übernommen wurden, geformt werden, geht die Welt dem Abgrund, nämlich in eine Welt des Unrechts entgegen.

      • Hallo Herr Kemmer,

        ich kann Ihren Ausführen praktisch überall zustimmen.
        Einen ausgeprägten Widerspruch zu meinen vorangegangenen Gedanken erkenne ich nicht.

        Nur kurz ergänzt: Die starken atheistischen Staaten des 20. Jahrhunderts wollte ich natürlich nicht verteidigen oder als Vorbild darstellen. Ich nannte sie nur als besonders ausgeprägte Beispiele innerhalb einer weit größeren Reihe von Staaten, zu der im 20. Jahrhundert lange Zeit auch ganz normale widerständige und identitätsbewusste Länder diesseits der Grenzlinie zu den totalitären Diktaturen gehört haben. Die Eliten dieser gemäßigt säkularen Staaten waren – darum ging es mir ja – auch früher schon nicht sonderlich christlich.

        Obwohl ich einen Teil von Murrays Aussagen kritisch thematisiere, scheint mir das Gros seiner Aussagen im Buch hingegen zutreffend.
        Lohnend hierzu auch dieses Interview: https://www.youtube.com/watch?time_continue=714&v=LvnAMCKF9h8

        Hier ein Link zum Buch selbst:
        https://books.google.de/books/about/Der_Selbstmord_Europas.html?id=wVlCDwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

        Ich habe das Buch leider noch nicht richtig gelesen, doch scheint mir bisher, als ob Murray den „Selbstmord“ Europas ähnlich wie etwa Arnold Toynbee („Gang der Weltgeschichte“) als eine Art Dekadenzphänomen epochalen Ausmaßes sieht. Er geht als Geisteswissenschaftler von der Macht der kulturellen Muster sowie der Vorstellungen und Gedanken dazu aus, er analysiert geistige Konstrukte und das, was man Ideengeschichte nennt und gelangt dann am Ende dahin, dass das Desaster sozusagen alternativlos über uns kommt bzw. noch kommen wird.
        Oder wie es im Interview heiß: „Immobilie in Neuseeland … “

        Bei so einem Ansatz vernachlässigt man aber, dass die tatsächlichen Entscheidungen letzlich nicht durch einen Trend, eine Entwicklung usw. bewerkstelligt werden, sondern dass es sehr wohl handelnde mächtige Einzelne sind, die den geschichtlichen Prozes in eine bestmmte Richtung treiben.
        Früher gab es dazu das Wort „Männer machen Geschichte“. Erst in den 1980ern setzte sich dann ein strukturgeschichtlicher Ansatz durch, nach dem das Geschehen sich quasi automatisch aus den gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Strukturen heraus ergibt. Der handelnde Einzelne wurde bei diesem Ansatz nicht mehr gebraucht.

        So, als ob unsere Politiker wirklich sooo dumm wären, dass sie nur als Getriebene agierten, wie jener Robin Alexander mit seiner Legende behauptet.

        Was mich bei Murray wundert, der ja immerhin gelernter Historiker ist – und auch ich habe Geschichte studiert – das ist die Scheu, zusätzlich zu einer Situationsbeschreibung und der Kritik an den geschilderten Verhältnissen und Trends dann die Frage der politischen Verantwortung und Ursachen stärker in den Vordergrund zu stellen.

        Im Interview kritisiert er Merkel etwa nur in der Weise, dass er ihr kurzfristige tagespolitische Motive unterstellt, die dann zu dem Desaster geführt haben. Das erinnert leider etwas an die von Robin Alexander unters Publikum gebrachte Legende von den „Getriebenen“.
        Nein, Merkel ist keine Getriebene und Leute wie Soros, Timmermann (EU) oder die Leute vom der UNO bzw. dem UNHCR sind es auch.

        Man sollte daher nicht von einem Selbstmord Europas sprechen, sondern von einer gezielten Liqidierung durch mächtige Personen und Gruppierungen, die sich davon einen Vorteil versprechen.
        Dass der Niedergang des Christentums und die Selbstgleichschaltung der Kirchen dieses verhängnisvolle Vorhaben noch erleichtern (indem dadurch das Immunsystem Europas geschwächt wird), das kommt bloß noch hinzu!

  3. Werter Kirchfarther,
    eine Antwort auf die Ihre werde ich erst am Montag(nach den Wahlen in Ungarn) geben können. Dann werde ich wissen, ob mein Volk nicht genauso lebensmüde ist, wie die Nationen des Westens, denen es sich vor Tausend Jahren anschloss.

  4. Nach meinem Dafürhalten starb die Idee eines „christlichen Abendlandes“ entgültig mit dem sel. Kaiser Karl I. von Österreich. Er war der letzte Kaiser, für den ein „christliches Reich“ sichtlich mehr als nur eine politische Phrase war. Ein rührender Versuch, den mittelalterlichen Ständestaat noch einmal in die Realität eines bereits geistig morbiden, aber technisch faszinierten Europas einzustiften, scheiterte in Österreich notwendig in den 30er Jahren. Die „Neugründung“ Europas nach dem 2. Weltkrieg mit den vielbeschworenen katholischen Gründervätern mag subjektiv durchaus in diesem Geiste inspiriert gewesen sein, objektiv wurde aber anscheinend eine fertig bereit liegende Blaupause verwirklicht, welche zielorientiert über Zwischenstufen wie „EGKS“, „EG“, „Ecu“ etc. zu den Vereinigten Staaten von Europa führt.

    • Vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn Otto von Habsburg sich nicht Kalergi angeschlossen hätte, sondern eine eigene Bewegung gegründet hätte.
      Vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn die Alliierten auf dem Balkan glandet wären und nicht in Italien und der Normandie.
      Doch Tatsache ist, dass die konservativ-katholischen Anhänger einer Idee vom vereinten Europa sich mit Leuten zusammentaten, deren Pläne letztendlich genauso verheerend für Europa waren, wie diejenigen der Kommunisten und Nazis. Daran ist de Gaulle gescheitert und letztendlich auch die Habsburger.

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