Frankreich: Zunehmende Abwendung junger Muslime von Kultur und Gesellschaft des Landes

Leander Russ - Sturm der Türken auf die Löwelbastei 1683 (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die am Pariser „Centre National de la Recherche Scientifique“ (CNRS) tätigen Soziologen Anne Muxel und Olivier Galland haben im Rahmen von Befragungen von Schülern in Frankreich eine wachsende kulturelle Kluft zwischen jungen Muslimen und Nichtmuslimen festgestellt. Rund ein Drittel der befragten muslimischen Jugendlichen habe im Zusammenhang mit einer verstärkten Hinwendung zum Islam den vollständigen Bruch mit der Kultur und Gesellschaft Frankreichs vollzogen und bis zu 70 Prozent würden islamistische Anschläge befürworten.

In ihrer kürzlich veröffentlichten Studie mit dem Titel „La Tentation Radicale“ schildern die Autoren die folgenden Entwicklungen:

  • Unter jungen Muslimen sei eine verstärkte Hinwendung zur islamischen Religion zu beobachten, was mit ausgeprägter Gewaltakzeptanz und Ablehnung der politischen Ordnung sowie der sozialen und kulturellen Normen des Landes verbunden sei. Rund ein Drittel der jungen Muslime hätte einen vollständigen Bruch mit der politischen Ordnung und der Kultur Frankreichs vollzogen.
  • In Verbindung damit sei zu beobachten, dass die an Nichtmuslime gerichtete Forderung nach „Respekt“ eine immer größere Rolle spiele. Die islamkritischen Darstellungen des Magazins „Charlie Hebdo“ seien von vielen muslimischen Jugendlichen als Verweigerung dieses Respekts interpretiert worden, was sich in hoher Zustimmung (bei rund 70 Prozent der Befragten) zum islamistischen Anschlag auf die Redaktion des Magazins geäußert habe.
  • Diese Entwicklung habe vorwiegend kulturelle Ursachen. Sozioökonomische Ursachen schließen die Forscher aus, da Islamisierungs- und damit verbundene Radikalisierungstendenzen alle sozialen Schichten unter Muslimen erfassten, während bei Anhängern anderer Religionen in keiner sozialen Schicht vergleichbare Tendenzen zu beobachten seien.

Die Autoren betonen, dass die Ergebnisse ihrer Forschung nicht dazu geeignet seien, ein optimistisches Bild der Lage zu stützen. Es sei jedoch wichtig, politische Debatten auf der Grundlage von Fakten zu führen und sich der Realität zu stellen.

Hintergrund und Bewertung

Ähnliche Tendenzen sind unter Muslimen in ganz Westeuropa zu beobachten. Eine Trendwende ist dabei nicht zu erkennen: Unter den seit 2015 nach Europa kommenden vorwiegend jüngeren muslimischen Migranten, welche die Entwicklung innerhalb des Islam in Europa in den kommenden Jahrzehnten in besonderem Maße prägen werden, sind die von den französischen Forschern beschriebenen Tendenzen besonders deutlich ausgeprägt.

Die gegenwärtig in den meisten westeuropäischen Staaten verfolgten Ansätze zur Integration von Muslimen beruhen auf der Säkularisierungshypothese bzw. auf der Annahme, dass religiöse Bindungen unter Muslimen in Europa im Zuge ihres Kontakts mit westlichen Gesellschaften sowie im Zuge der Erlangung wirtschaftlichen Wohlstands schwächer werden würden. Dies werde mittelfristig zur weitgehenden Integration von Muslimen in säkulare europäische Gesellschaften führen. Man ging zudem bislang davon aus, dass sich vor allem jüngere Muslime in Europa unter dem Einfluss staatlicher Schulsysteme besonders gut integrieren würden.

Die tatsächlich zu beobachtende Entwicklung zeigt jedoch, dass die Annahmen, die der Säkularisierungshypothese und der auf sie gestützten Politik zugrundeliegen, grundsätzlich fehlerhaft sind. Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige Generation jüngerer Muslime europaweit meist schlechter integriert sei als die Generation ihrer Eltern. Er warnte vor dem sich daraus mittel- bis langfristig in Verbindung mit der demographischen Entwicklung ergebenden erheblichen Konfliktpotenzial. (ts)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen