22. April 2018

Martin Mosebach: Die christliche Kultur des Märtyrertums – Das Beispiel der Kopten

Gustave Doré - Die christlichen Märtyrer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer“ beschreibt der Schriftsteller Martin Mosebach die Kultur des Märtyrertums, die das koptische Christentum in Ägypten als Antwort auf die jahrhundertelange Verfolgung durch Muslime entwickelt hat.

Im Christentum hat das Martyrium einen herausgehobenen Stellenwert, weil der wegen seines Festhaltens am Glauben getötete Märtyrer Jesus Christus auf die konsequenteste Weise nachfolgt. Er wird auf diese Weise Jesus Christus ähnlich und erfüllt so das Ziel seines Daseins auf besondere Weise.

Die Lehre der katholischen Kirche sagt über das Martyrium:

Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. […] Mit größter Sorgfalt hat die Kirche Erinnerungen an jene, die in ihrer Glaubensbezeugung bis zum äußersten gegangen sind, in den Akten der Märtyrer gesammelt. Sie bilden die mit Blut geschriebenen Archive der Wahrheit.

Mosebach, der in diesem Sinne Erinnerungen an koptische Märtyrer aufgeschrieben hat, erklärt am Beginn seines Buches, warum er vom Märtyrertum fasziniert sei:

[Das Martyrium gibt] die Möglichkeit, ein Leben voller Fehler und Peinlichkeiten, Halbheit und Unaufrichtigkeit in einem einzigen Moment zu einem guten zu machen – und zwar durch ein Bekenntnis, das man vorher oft verraten hatte und, lebte man weiter, wieder verriete, das aber durch den Tod zum letzten und einzig wichtigen wurde. Alles, was man gewesen war, schmolz in diesem letzten Punkt zusammen, der gegenüber der Vergangenheit dann allein zählte. Viele Jahre verfehltes Leben erhielten durch das Martyrium jenes positive Vorzeichen, das alles in Heiligkeit verwandelte.

Hintergrund: Ein Massaker an 21 koptischen Christen in Libyen

Hintergrund des Buches ist ein am 12. Februar 2015 von salafistischen Muslimen im Raum Sirte in Libyen verübtes Massaker an 21 koptischen Christen, die überwiegend aus Ägypten stammten. Diese Tat unterschied sich von vielen anderen dieser Art nur dadurch, dass die Täter Aufnahmen von ihr in einem aufwendig produzierten Propagandavideo verwendeten. Im Video wird die Tat in den Kontext des globalen Kampfes des salafistischen Islam gegen das Christentum gestellt. Die Täter bezeichnen ihre Tat dabei als eine „mit Blut geschriebene Botschaft an die Nation des Kreuzes“.

Auszüge dieses Videos sind hier zu sehen:

Das Video entfaltete nicht die von den Urhebern beabsichtigte Wirkung, da die Christen, die als schwache Opfer dargestellt werden sollten, im Video deutlich größere Kraft ausstrahlen als ihre Mörder. Das Video zeigt die von Ernst und Würde gezeichneten Gesichter der Kopten unmittelbar vor ihrem Tod, wobei deutlich erkennbar wird, dass es sich bei ihnen nicht um innerlich gebrochene Männer handelt.

Mosebach spricht davon, dass vor dem Hintergrund dieses Kontrasts die Mörder zu „unkörperlichen Lemuren“ würden; „einer höllischen Schar, wie der Satan sie immer wieder über die Erde jagt“. Die Getöteten hingegen seien keine Opfer, denn dieses Wort beschreibe eine Passivität und Unfreiwilligkeit, die dem, was auf den Aufnahmen zu sehen sei, nicht entspreche.

Eine moderne Heiligenlegende

Das Buch besteht im Wesentlichen aus kurzen Betrachtungen über das Leben der Getöteten, die auf Gesprächen mit Hinterbliebenen und Freunden beruhen. Das Buch stellt somit eine Sammlung von gut belegten modernen Heiligenlegenden dar. Paul Badde bezeichnete es auch deshalb als „wahres Buchwunder“ und verglich es hinsichtlich seiner absehbaren kulturellen Bedeutung mit dem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel, der den türkischen Völkermord an den christlichen Armeniern schildert. Mosebach lege „einen lebendigen Quellfluss der Christenheit“ frei, „der immer noch von Blut gespeist wird“.

Die Getöteten werden von Verwandten und Freunden als „normale junge Männer“ beschrieben, wobei diese Normalität im koptischen Kontext aus einem intensiven religiösen Leben bestanden habe. Mosebach berichtet auch über Wunder, die den Getöteten zugeschrieben werden, darunter auch medizinisch nicht erklärbare Heilungen schwerer Krankheiten.

In den Biographien der Getöteten gebe es zudem vielfach das Phänomen der Aufsparung bzw. des nur knapp und unter ungewöhnlichen Umständen abgewendeten vorzeitigen Todes, wie es häufig im Leben christlicher Märtyrer zu finden sei. Zudem hätten Hinterbliebene davon berichtet, dass einige der Getöteten von Vorahnungen über ihren bevorstehenden Tod erzählt hätten.

Die Märtyrerkirche

Koptische Christen lebten in einer Welt, in der das Bekenntnis zu Jesus Christus seit Jahrhunderten mit großen Opfern verbunden sei. Dazu seien nur diejenigen in der Lage, die dieses Bekenntnis auch wirklich ernst nähmen. Das koptische Christentum sei daher von außergewöhnlich starkem Glauben gekennzeichnet. Die Gemeinschaft der koptischen Christen definiere sich über ihre Bereitschaft zum Opfer und bezeichne sich daher als „Märtyrerkirche“.

Das kulturelle Leben der von ihm besuchten Kopten sei weitgehend auf das Übernatürliche ausgerichtet und von diesem vollständig durchdrungen gewesen. Die koptische Liturgie werde als Vorbereitung auf den Eintritt in den „Chor der Märtyrer“ verstanden. Eine der von Mosebach befragten Personen sagte über die Getöteten:

Sie hatten keine Angst vor dem Martyrium, im Gegenteil. Sie waren bereit zu sterben, sie sehnten sich sogar danach. Das tun wir alle! […] Wir alle sind bereit und sehnen uns danach, denn wir wollen für Christus einstehen.

Bei den von ihm besuchten Familien sei er nicht auf Trauer gestoßen. Die Verwandten der Getöteten würden „mit ruhigem Stolz“ auf diese blicken:

Ich betrat kein Trauerhaus, Beileids- und Mitleidsbekundungen waren fehl am Platz. Die Bewohner schienen auf eine andere Ebene gehoben. Ein Blitz von sengender Gewalt war auf sie niedergegangen, ihm war ein majestätischer Donner gefolgt, der langsam leiser wurde und doch nicht verhallte.

Im Zusammenhang mit den Märtyrern habe er keine „Verarbeitung der Trauer“ beobachtet, sondern deren Umwandlung. Aus dem „Verlust wurde Verehrung, aus Schmerz Dankbarkeit, aus Verzweiflung Freude“. In den Familien der Getöteten herrsche Freude vor, „jetzt einen heiligen Märtyrer im Himmel zu haben“. Die Mutter eines der Getöteten habe ihm gegenüber aufrichtige Freude und Dankbarkeit dafür ausgedrückt, dass einer ihrer Söhne nun bei Gott sei. In den Gebeten der Familien sei es nach der Entführung außerdem nicht um die Befreiung der Entführten gegangen, sondern um die Bitte, dass Gott ihnen Stärke verleihe für das, was ihnen bevorstehe.

Auch Fanatismus und den Wunsch nach Vergeltung oder „Spartanermütter“ habe er nicht beobachtet, sondern einen durch Leid gestärkten Glauben.

Viele der Getöteten seien junge Familienväter gewesen, deren Familien sie jetzt als Ehemann und Vater fehlen würden. Hier unterstütze die Gemeinschaft der Kopten die Hinterbliebenen jedoch so, dass sie kein materielles Elend leiden müssten.

In seinen Beschreibungen macht Mosebach auch deutlich, dass Muslime gegenüber Kopten nicht nur feindselig agieren würden. Kopten berichteten ihm gegenüber etwa davon, dass sich einige Muslime mit der Bitte um Gebete an Kopten wenden würden, da sie davon ausgingen, dass diese Gebete eine besondere Kraft hätten.

Die Bluttaufe

Über einen der Märtyrer, den aus Ghana stammenden Matthew, sei wenig mehr bekannt als sein Vorname. Die salafistischen Entführer der Kopten seien ursprünglich davon ausgegangen, dass er kein Christ gewesen sei und wollten ihn deshalb freilassen. Er habe sich unter dem Eindruck des Glaubens der anderen Kopten jedoch nach seiner Entführung zu Jesus Christus bekannt und wurde daher zusammen mit den anderen Entführten getötet.

Die koptische Kirche habe ihn zusammen mit den anderen heiliggesprochen. Dass er zum Zeitpunkt seiner Entführung vermutlich nicht getauft gewesen sei habe kein Hindernis dargestellt, da es auch im koptischen Christentum so wie im Katholizismus das Konzept der Bluttaufe gebe, die Märtyrern durch ihren Tod zuteil werde.

Christliches Märtyrertum: Abgrenzung gegenüber dem Islam sowie dem „aufgeklärten Christentum“

Mosebach betonte an anderer Stelle, dass das christliche und das islamische Verständnis des Märtyrertums sich deutlich voneinander unterscheiden würde. Die Unterschiede müssten stärker herausgestellt werden, damit das Konzept in der Wahrnehmung westlicher Gesellschaften von negativen Überlagerungen, die durch die starke mediale Präsenz islamischer Vorstellungen erzeugt würden, befreit werden könne:

In den islamischen Staaten wird aber auch von politischen Märtyrern gesprochen […]. Besonders finster: Wer im Namen der Religion zum Massenmörder wird und bei einem Sprengstoffattentat stirbt, soll ebenfalls Anspruch auf den Titel eines Märtyrers erheben dürfen. Mit dem christlichen Begriff hat das nichts mehr zu tun. Aber die fatale Bezeichnung von Mördern als Märtyrer hat auf das Publikum des Westens doch irgendwie abgefärbt. Das Wort ist uns unheimlich oder zumindest unangenehm geworden, weil uns die Radikalität in der Religion intolerant und starrsinnig vorkommt; diese Bereitschaft, für den Glauben zu sterben, wirkt auf viele hier wie ein bei uns zum Glück überwundener Fanatismus.

Tiefgreifende Unterschiede gibt es auch zwischen dem von Mosebach beschriebenen Christentum und Stimmen innerhalb der Kirche, die sich selbst als „aufgeklärt“ beschreiben. So schreibt der an der Universität Leipzig tätige  Theologe Konstantin Sacher über die Darstellungen Mosebachs, dass diese aus „aufgeklärter christlicher Perspektive […] einfach skandalös“ seien. Grund dafür sei, dass Mosebach das Martyrium „glorifiziert“ und durch seinen nicht nur negativen Blick auf Leid und Opfer ein „lebensfeindliches Credo“ verbreite.

Eine Botschaft an Europa

Die Getöteten seien materiell arme und in mancher Hinsicht wenig gebildete Menschen gewesen, aber „stark genug, den Verrat an ihrem Glauben zu verweigern“. Ihr Tod beweise, dass es Dinge gebe, die stärker seien als alle materiellen Motive und die den Menschen über sich hinauswachsen lassen könnten. Das Martyrium der Kopten stelle auch eine Botschaft an materialistische westliche Gesellschaften dar, in denen sich viele Menschen nicht mehr vorstellen könnten, dass der Glaube im Menschen solche Kraft entfalten könne:

Wir wollen heute hinter jedem Konflikt zwischen den Religionen vor allem politische und wirtschaftliche Motive vermuten, weil wir es für ausgeschlossen halten, daß der Glaube eines Menschen tatsächlich zur letzten und höchsten Wirklichkeit seines Lebens wird. Für die einundzwanzig koptischen Kleinbauern und Wanderarbeiter ist ihre Religion das aber gewesen.

Das koptische Christentum sei „ein Geschenk für die Welt und die ganze Christenheit“, weil in ihm lebendig geblieben wäre, was in westlichen Teilen der Kirche größtenteils verloren gegangen sei. Koptische Christen würden insgesamt an einem grundlegenden christlichen Prinzip festhalten, das dem Christentum seit seiner Frühphase seine besondere Strahlkraft verliehen habe:

Das Geheimnis dieser Ausbreitung sind die Menschen die vom ersten Augenblick an bereit waren, für ihre Liebe zur Person Jesu in den Tod zu gehen: Die Martyrer. Das waren sehr viele, gerade auch in Ägypten. Noch vor der Niederschrift der Evangelien und lange bevor auf den ersten Konzilen der Glaube an den Erlöser Jesus Christus theologisch definiert werden sollte, habe Martyrer ihn bereits bezeugt – die Theologen haben später den Glauben der Martyrer nur noch ratifiziert.

Angesichts der laufenden Welle der Verfolgung durch radikale Muslime sammele sich gegenwärtig nicht nur in Ägypten „zu immer größerer Macht die unsichtbare Armee der Martyrer“. (ts)

4 Kommentare

  1. Ein toller Bericht. Ja, diese Kirche ist eine Märtyrerkirche. Und mit jeder Stärkung des Islams bekommen wir dieses Verhältnisse. Wir dürfen die mahnenden Worte des hier residierenden Bischofs Damian ruhig mehr als ernst nehmen, wenn er sagt:

    https://www.youtube.com/watch?v=fE-vxYABL_s
    https://www.youtube.com/watch?v=VysqGVwSDHU

    Offenbar scheint der deutschen Kirche und auch der Kirche insgesamt, sei es die kath. oder die evangelische Kirche, die fortschreitende Islamisierung nichts auszumachen. Sind die Kirchenführer wirklich so blind, dass sie die Politik Merkels unterstützen? In Ägypten zeigt uns die Koptische Kirche, dass der Islam eher Respekt vor einer solchen Kirche hat, als vor einer ständig devot im vorauseilenden Gehorsam vor dem Islam verstrickten identitätsschwindsüchtigen einknickenden und auf übertriebene interreligiöse Ökumene getrimmte Kirche. Anstatt die Kirchen hier z. B. koptische Prediger in ihren Gottesdiensten zulassen, decken sie lieber die Christenverfolgung in islamischen Ländern, deren Zustände in nicht allzu ferner Zeit auch hier herrschen werden und verweigern selbst den Dialog mit der AfD.

    Man muss nicht mit der Partei konform gehen. Während die Kirche mit Grünen, SPD und Linken, die z. B. in der Abtreibungsfrage oder Euthanasiefrage oder in der Gendererziehungsfrage in einigen Landtagen reden und diese sogar wählen oder akzeptieren, verweigert dieselbe Kirche Parteien, die islamkritisch sich öffentlich äußern und im Grunde genau das übernehmen, was die Sache der Kirche sein müsste.

    Die Koptische Kirche kann uns mehr lehren als unsere Kirche ihr. Und das ist im Grunde eine blamable Situation.

  2. Die Mörder scheinen sich wirklich nicht im Klaren gewesen zu sein, was dieses Video bewirken könnte.
    Unsere zum Hedonismus und Verantwortungslosigkeit erzogene Jugend mag anfällig sein für islamistische Konvertitenjäger, politische Irre und obskure Sekten- aber ein Teil dieser Jugend wird ansprechen auf Szenen wie diese und einen Lebenszweck in jener spirituellen Welt suchen, welche diesen jungen Männern die Kraft gab, als Helden zu sterben.
    Ich glaube in Frankreich wird die rituelle Schlachtung (es tut mir leid, aber anders kann man es nicht beschreiben) von Mireille Knoll und Arnaud Beltrame eine ähnliche Wirkung entfalten.
    Was auch immer auf Europa zukommt, es wird grauenhaft sein.

  3. @Attila Varga

    „Ich glaube in Frankreich wird die rituelle Schlachtung (es tut mir leid, aber anders kann man es nicht beschreiben) von Mireille Knoll und Arnaud Beltrame eine ähnliche Wirkung entfalten“.
    Katholisch.de veröffentlichte neulich den Artikel, demnach immer mehr junge Franzosen den Glauben wiederentdeckten:
    http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/frankreichs-jugendliche-entdecken-gott-wieder
    Jedoch geht es dort zunächst darum, dass wieder mehr an Gott glaubten, es fehlt die Frage nach Rückkehr zur Kirche und wieviel von denen an den mohammedanischen Gott glauben. Dennoch habe ich Hoffnung, dass aus dem Druck von Außen eine Suche nach Identität und Geistlichkeit wird. Nur in Deutschland habe ich Zweifel. Marx, Woelki, schon gar nicht zu reden von den Evangelen, werden diese Chance mit Gewissheit vertun. Mit gewissen Neid kann man nach Österreich, o Austria felix, schauen, die mit Schönborn einen Vertreter ganz anderer Couleur haben.

  4. Lieber PhilosII:
    Leider muss ich Ihnen recht geben. Junge Menschen, die ihre christlichen Wurzeln und den Gottesglauben neu endtdecken, werden beim Kontakt mit Vertretern der Amtskirchen wahrscheinlich eine herbe Enttäuschung erfahren. Ich glaube nicht, dass Marx, Woelki und co. wirklich fähig sind, die Mysterien unserer Kirche zu verstehen, sonst würden sie bei ihren Äußerungen nicht jedes Mitgefühl mit den Opfern vermissen lassen. Ihre Worte an die Opfer und ihre Familien sind ebenso schablonenhafte Phrasen wie das obligatorische „Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen“ der Politiker.

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