Richard Dawkins: Das Christentum als „Bollwerk gegen Schlimmeres“

Domenico Cetto - Ansicht der Stadt Wien zur Zeit des Osmanensturms (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins lehrte an der Universität von Oxford und ist der wichtigste Vordenker des „Neuen Atheismus“. Vor einigen Tagen warnte er vor den Folgen der Krise des Christentums in Europa, da das Christentum im Vergleich zu anderen Religionen einen „gutartigen“ Charakter besitze. Bereits 2016 hatte er das Christentum als „Bollwerk gegen Schlimmeres“ bezeichnet.

Dawkins bekräftigte dabei seine Kritik an den Atheisten, welche die Krise des Christentums begrüßten. Er zitierte in diesem Zusammenhang einen Ausspruch des katholischen Historikers Hilaire Belloc, in dem dieser eines der Prinzipien konservativer politischer Philosophie ausgedrückt hatte. Demnach führe die bloße Zerstörung eines unvollkommenen Zustands nicht zur Herstellung eines besseren Zustandes („Always keep a-hold of nurse/For fear of finding something worse“).

Zuvor hatte Dawkins atheistische Religionskritiker zur Differenzierung aufgerufen. Atheisten müssten anerkennen, dass es gravierende Unterschiede zwischen Religionen wie dem Christentum und dem Islam gebe. Das Christentum stelle möglicherweise ein „Bollwerk gegen etwas Schlimmeres“ dar:

Soviel ich weiß, gibt es keine Christen, die Gebäude in die Luft sprengen. Mir ist nichts davon bekannt, dass es christliche Selbstmordattentäter gibt. Mit ist nichts davon bekannt, dass eine grössere christliche Konfession den Abfall vom Glauben mit dem Tod bestrafen will. Ich habe gemischte Gefühle, was den Niedergang des Christentums angeht, weil das Christentum ein Bollwerk gegen etwas Schlimmeres sein könnte.

Auch wenn man davon ausgehe, dass Gott nicht existiere, könne man Religionen dennoch danach bewerten, welche Folgen ihr Wirken in der Welt habe und diese Bewertung falle je nach Religion sehr unterschiedlich aus. Man müsse zudem anerkennen, dass das Christentum die wesentliche Grundlage der Kultur und Geschichte Europas darstelle.

Hintergrund und Bewertung

Dawkins war ursprünglich durch seine Werke über Evolutionsbiologie bekannt geworden, die wegen ihrer hohen Qualität auch von Kritikern seiner Ideen positiv gewürdigt worden waren. Später trat er vor allem durch religionskritische Schriften in Erscheinung, die anders als seine früheren Werke von einem polemischen Stil geprägt waren.

  • In diesen Schriften setzte Dawkins vor allem Strohmann-Argumente ein und stellte zentrale Konzepte christlicher Theologie unzutreffend oder stark verzerrt dar. Er rechtfertigte dies damit, dass religiöse Positionen so abwegig seien, dass man sich nicht näher mit ihnen auseinandersetzen müsse, um sie entschieden ablehnen zu können.
  • Dawkins differenzierte jedoch zuletzt stärker zwischen unterschiedlichen Religionen. Er äußerte sich vor allem deutlich positiver über das Christentum, während er seine Religionskritik auf die im Islam vorherrschenden Strömungen konzentrierte.

Seine aktuellen Darstellungen geben Aufschluss über die Argumente, denen atheistische und agnostische Gegner des Christentums im Dialog mit Christen potenziell zugänglich sind. Diese Argumente umfassen vor allem Verweise auf die kulturellen Leistungen des Christentums und die mögliche Rolle des Christentums bei der Bewältigung islambezogener Herausforderungen für Europa.

Offenbar beeindruckte es Dawkins auch, dass christliche Theologen und Philosophen auf seine Polemiken sachlich antworteten und die Debatte mit ihm suchten. Aus islamischen Kreisen sei ihm hingegen mit Drohungen begegnet worden und aus dem multikulturalistischen Milieu mit Aufrufen, dass ihm wegen „Islamophobie“ keine Plattform geboten werden dürfe.

Die Bewegung des „Neuen Atheismus“ war in den Jahren nach den Anschlägen des 11. September 2001 entstanden. Der katholische Publizist William Kilpatrick hatte in diesem Zusammenhang die These aufgestellt, dass allgemeine religionsfeindliche Tendenzen in westlichen Gesellschaften durch die Betonung von Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam durch Teile der Kirche gefördert würden.

Dies führe dazu, dass islamspezifische Probleme von Menschen verbreitet auf das Christentum übertragen würden. Um pauschaler Religionskritik entgegenzuwirken, sei daher eine stärkere Betonung der Unterschiede zwischen Christentum und Islam erforderlich. Der im Denken von Dawkins zu beobachtende Wandel, der anscheinend durch sein besseres Verständnis der Unterschiede zwischen den Religionen ausgelöst wurde, stützt Kilpatricks These. (ts)

8 Kommentare

  1. Unfug. Ich empfehle zur Einführung diesen Film auf YouTube, „Why We Are Afraid, A 1400 Year Secret, by Dr Bill Warner“. Da sieht man, daß der Islam noch deutlich mehr Menschen umgebracht hat, als Stalin, Hitler, Mao und Pol Pot zusammen, und das zu einer Zeit, als es noch viel weniger Menschen überhaupt und noch keine Massenvernichtungswaffen gab. Außerdem war Hitler Katholik.

    • @N.N.
      Hitlers religöse Vorstellungen sind sehr ausführlich untersucht worden. Ein Katholik war er definitiv nicht, auch wenn er zuweilen eine christlich gefärbte Sprache nutzte. Wenn Hitler von Gott sprach, meinte er damit aber materielle Abläufe in der Natur bzw. Naturgesetze, insbesondere im Bereich Vererbung bzw. Evolution. Der Begriff „Glaube“ beschrieb für ihn politisch mobilisierbare Ergriffenheit.
      Hitler stellte sich aus politischen Gründen nie öffentlich gegen das Christentum äußerte aber im kleinen Kreis (u.a. laut den Aufzeichnungen Alfred Rosenbergs), das er im Christentum eine „Pest“ sehe, die zusammen mit dem Judentum ausgerottet werden solle.
      Dieses Werk hat sich zuletzt tiefergehend mit Hitlers religiösen Vorstellungen auseinandergesetzt: https://www.thomasschirrmacher.info/politik/hitlers-kriegsreligion/
      Michael Schmidt-Salomon wird das nicht gefallen, aber Hitler war in gewissem Sinne ein evolutionärer Humanist, der ganz im Rahmen des naturalistischen Weltbildes der Aufklärung dachte, und das in vieler Hinsicht konsequenter als die gutmütigeren Anhänger entsprechender Weltanschauungen.
      Auch Martin Bormanns nichtöffentliche Schriften über das Religionsverständnis des NS lesen sich (abgesehen von ihrer Sprache) kaum anders als die Texte der neuen Atheisten der Gegenwart. Religion beruhedemnach auf Unwissenheit und „wirklichkeitsfremden Dogmen“. Die Welt unterliege ausschließlich einer „naturgesetzlichen Kraft“, und Menschen müssten „lebensgesetzlich leben“ etc.
      Ich schreibe das nicht, um Atheisten und Agnostiker eine Nähe zum NS zu unterstellen, sondern nur, um die in diesem Lager übliche Neigung zur Selbstgewissheit und zum Fortschrittsoptimismus zu hinterfragen.

      P.S. Zu Dawkins wäre noch zu sagen, dass er eigentlich gar kein Atheist ist, sondern ein Pantheist. Er weiss dies nur nicht, da er sich mit den Themen Metaphysik und Religion offensichtlich nur äußerst oberflächlich beschäftigt hat.

      [Moderatorhinweis: Name des Kommentators wurde nachträglich geändert, da die E-Mail-Adresse versehentlich im Namensfeld gelandet war]

  2. Ich habe früher viel von Dawkins gelesen und empfinde eine gewisse Sympathie für ihn. Er kann großartig schreiben und ist voller Begeisterung für das Wahre und das Schöne in der Natur. „Der Gotteswahn“ war hingegen eine große Enttäuschung. Ich kann mir aber vorstellen, was er sich dabei gedacht haben mag. Im Grunde ist er vermutlich ein sehr spiritueller Mensch, der zutiefst von seiner Erfahrung des Wahren und Schönen in der Natur ergriffen wurde und nun meint, diese Erfahrung vor Menschen verteidigen zu müssen, die aus seiner Sicht nur irgendwelche überlieferten Gedanken weitergeben, ohne darüber nachzudenken. Wenn er wüsste…
    Ein Atheist ist er aber scheinbar nicht, denn er geht ja durchaus von der Existenz absoluter Dinge aus. Wer weiß…vielleicht hat irgendeine Erfahrung oder irgendein Gespräch in ihm schon den entscheidenden Impuls ausgelöst, und seine versöhnlichen Äußerungen über das Christentum sind ein Versuch, die Öffentlichkeit auf ganz andere Dinge vorzubereiten, die er noch sagen möchte.

  3. Hat da jemand Angst bekommen und möchte doch lieber ein starkes identitäres Christentum an seiner Seite wissen, wenn die Islamisierung GB auf ihren Höhepunkt zuschreitet?

    Während im Judentum und im Islam kaum Zeugnisse der Existenz Gottes durch die Zeugnisse von Menschen existieren, weil Gott sich nie so richtig gezeigt hat, so mag es atheistisches Gedankengut begünstigen, aber die Beweisführung des Christentums eine völlig andere. Mohammed hat einem Engel seine „Weisheiten“ zu verdanken, den niemand in seinem Umfeld gesehen hat.

    Allein eine mystische Erscheinung aus dem Jenseits, die bewiesen werden könnte, wäre das Todesurteil für Atheisten und damit der Tod des absolutistisch gesetzten Materialismus. Das Christentum ist schon in seiner Entstehung reich an Übernatürlichem. Die Geburt Jesu, die Wunder Jesu, der Tod und seine Auferstehung sind im Grunde historische Beweise, ja Zeugenbeweise von vor 2000 Jahren, denen Christen noch heute im wahrsten Sinne des Wortes ihre Glauben schenken. Darum habe ich nie verstanden, warum so Theologen wie Bultmann die Wundertätigkeit Jesu ins Land der Märchen verbannte. Was nicht sein kann, darf nicht sein. Das ist letztlich auch die Argumentation von Atheisten. So irrational es klingt: selbst eine Erscheinung aus der Hölle wäre ein Beweis für die jenseitige Welt, für die Anderswelt.

    Die Argumente sind wohl hier wie dort ausgetauscht. Aber solange es noch heute Gegenstände gibt, die wissenschaftlich und historisch kaum zu klären sind bei dem wissenschaftlichen Fortschritt heute, dann frage ich mich, warum Atheisten unbedingt in ihrem Glauben festhalten wollen, der letztlich doch die Möglichkeit eröffnet, die Moral des Stärkeren in das Zusammenleben einfließen zu lassen. Der Atheismus scheint noch recht jung zu sein. Menschen damals konnten keine Atheisten sein, da damalige Welt ja noch unerklärlicher war als heute. Der Atheismus hat das christliche Weltbild erfahren und seine Rest-Moral nicht zuletzt leider nur zum Teil aus ihm gesaugt.

    Wenn z. B. die Entstehung des Gnadenbildes der Maria von Guadalupe bis heute nicht erklärt werden kann, und die Massenkonversion von Indios zum Christentum durch dieses Bild uns heute unerklärlich vorkommt, dann überlebt sich der Atheismus doch im Grunde selbst. Wenn Menschen wie Pater Pio existieren und Wunder teilweise in der Kirchengeschichte der Heiligen so stringent recheriert und beglaubigt festgehalten wurde, dann erübrigt sich doch im Grunde jeder Atheismus.

    https://ermel-kultbilder.blogspot.de/2009/02/neues-zur-tilma-von-guadalupe.html

    http://www.kath.net/news/7707

    Auch das Tuch von Manoppello scheint ein Wundergegenstand zu sein.
    http://www.kath.net/news/11956

    Letztlich muss sich ein Atheist fragen: Mit welchem Recht darf ein Atheist eine Fliege töten, da sie doch letztlich auch ein Lebewesen ist. Mit welchem Recht darf ein Atheist sagen, dass eine Fliege und ein Mensch unterschiedlich viel wert sei, höchstens wäre der Wert am Nutzen für den Menschen auszumachen oder am Nutzen für die Umwelt, mehr nicht. wenn ich aber den Nutzen von Lebewesen an die erste Stelle setze, wird die Hölle auf Erden geboren, wenn es sie nicht schon im Jenseits gäbe.

    Nun, ein Thema, welches wohl nie ein Ende finden wird. Atheisten sind offensichtlich genauso vernagelt wie religiöse Fanatiker.

  4. Das Christentum ist besser als die anderen Hexenverbrenner, scheint der Kern der Aussage zu sein.
    Mag sein, aber wenn man das Christentum lässt, wie in Polen derzeit, dann werden die Giftzähne, die wir glaubten gezogen zu haben sehr schnell wieder wirksam.
    Das Christentum, in diesem speziellen Fall die römisch katholische Kirche hält die Menschenrechte nur zähneknirschend ein, wenn sie dazu gezwungen wird.
    Nicht unbedingt vertrauenserweckend, diese Haltung.

    • @Gast auf Erden
      Was Sie schreiben, ist historisch nicht einmal annähernd nachvollziehbar. Gerade in Polen spielte die Kirche eine zentrale Rolle bei der Überwindung der totalitären Diktatur bzw. dabei, dass nach Jahrzehnten des Totalitarismus nun wieder Grundrechte in Polen gelten. Wie kein anderer Akteur war die Kirche in Polen Träger sowohl des Widerstandes gege denn Nationalsozialismus als auch gegen den Kommunismus und hat dafür große Opfer gebracht.

      Und wer ist das „wir“, dass der Kirche in Polen ihre „Giftzähne“ gezogen haben soll? Im Kontext Ihrer Darstellungen können das ja nur Kommunisten und Nationalsozialisten gewesen sein, denn das waren die Kräfte, die die Kirche in Polen bekämpft haben. Ich vermute, dass Sie sich nicht bewusst in die Reihe dieser Ideologien stellen wollten, aber die Frage steht im Raum.

      Solche grundsätzlichen Fehleinschätzungen können auch Folge eines unreflektierten Vulgärsäkularismus sein, zu dessen Klischeevorrat die Behauptung ja gehört, dass gute Gesellschaftsordnungen in Europa gegen Kirche und Christentum hätten durchgesetzt werden müssen. In diesem Zusammenhang bin ich Ihnen fast dankbar, dass Sie mit Polen ein Beispiel erwähnt haben, mit dem dieses Klischee besonders leicht zu widerlegen ist.

    • Dies ist natürlich völliger Quatsch. Nur das Christentum hat die Menschenrechte hervorgebracht Architektur, Musik, Universitäten, Weisenhäuser, Literatur und die Wissenschaft — nichts davon ist zu sehen im Islam.

    • Wie sieht es aus mit den Menschenrechten im real existierenden Atheismus? Gab es keinen Ostblock?
      Gab es keinen Hitler? Gibt es kein Nord-Korea, kein China, keine roten Khmer usw. Die geschichtliche Blutspur des Atheismus ist doch durch nichts zu toppen. Bitte etwas mehr Objektivität.

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