Studie: Europa steht am Beginn eines post-christlichen Zeitalters

Louis Daguerre - Die Ruinen der Kapelle von Holyrood (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Einer aktuellen sozialwissenschaftlichen Studie zufolge steht Europa am Beginn eines post-christlichen Zeitalters. Unter jungen Erwachsenen würden Christen in weiten Teilen Europas nur noch kleine Minderheiten ausmachen. Das Christentum werde in naher Zukunft seine Rolle als prägende kulturelle Kraft in Europa möglicherweise für sehr lange Zeit verlieren.

Die Studie wurde unter der Leitung des Religionssoziologen Stephen Bullivant durch Forscher der britischen St .Mary’s University in Zusammenarbeit mit dem französischen Institut Catholique de Paris erstellt. Die Forscher hatten dazu Daten zum religiösen Bekenntnis sowie zu religiösen Bindungen bei jungen Erwachsenen im Alter von 16-29 Jahren ausgewertet.

  • In nur sechs europäischen Staaten (Polen, Litauen, Irland, Slowenien, Österreich, Portugal) würde sich noch eine Mehrheit der jungen Erwachsenen zum Christentum bekennen. Es sei auffällig, dass alle diese Staaten katholisch geprägt seien. In diesen Staaten seien auch religiöse Bindungen unter jungen Erwachsenen noch vergleichsweise stark. In allen anderen Staaten seien Christen aller Konfessionen unter jungen Erwachsenen nur noch eine Minderheit. Säkularisierungstendenzen würden in Westeuropa vor allem in Schweden, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und Belgien die große Mehrheit der entsprechenden Altersgruppe prägen.
  • Religionsdemographische Daten über christliche Bevölkerungsanteile in Europa seien nur eingeschränkt aussagekräftig, was die religiöse Bedeutung des Christentums in Europa angehe. Unter vielen formell christlichen jungen Europäern seien religiöse Bindungen nur sehr schwach. In Staaten wie Deutschland und Frankreich etwa, wo noch wesentliche Teile der jüngeren Bevölkerung ein christliches Bekenntis angeben, würden nur rund sechs bis sieben Prozent der jungen Katholiken wöchentlich an der Heilige Messe teilnehmen. In Belgien seien es gerade noch zwei Prozent.

Bullivant zufolge müssten sich Christen darauf einstellen, dass das Christentum künftig nicht mehr die kulturell prägende Kraft in Europa darstellen werde. Die entsprechende Tendenz sei so deutlich ausgeprägt, dass sie zumindest in den nächsten Jahrzehnten kaum umkehrbar sein werde. In 20 oder 30 Jahren würde das Christentum in Europa wesentlich weniger Menschen umfassen als heute, die aber über vergleichsweise starke religiöse Bindungen verfügen werden. Diese Bindungen würden erforderlich sein, um den christlichen Glauben in für Christen schwieriger werdenden Umfeldern aufrechtzuerhalten.

Außerdem bestätigen die Analysen der Forscher eine Islamisierungstendenz in Teilen Europas. In Großbritannien zum Beispuel würden sich mittlerweile ähnlich viele junge Erwachsene zum Islam wie zum anglikanischen Christentum bekennen. Die Treiber solcher Islamisierungsprozesse seien neben den beschriebenen Entwicklungen unter Christen vor allem demographischer Art und umfassten Migration, höhere Geburtenraten und stärkere religiöse Bindungen unter Muslimen.

Hintergrund und Bewertung

Die Ergebnisse der Studie decken sich weitgehend mit denen anderer Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass im weiteren Verlauf des 21. Jahrhundert die rund 1.500-jährige Phase der christlichen Prägung Europas zu Ende gehen könnte:

  • Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts würden sowohl die absolute Zahl in Deutschland als auch der Anteil der Christen an der Bevölkerung stetig zurückgehen, während gleichzeitig die religiösen Bindungen unter den verbliebenen Christen weiterhin schwächer würden. In diesem Zusammenhang sei auch die kulturelle Bedeutung des Christentums stark zurückgegangen und andere Weltanschauungen (etwa die Ökologiebewegung) würden mittlerweile deutlich größere kulturelle Kraft entfalten.
  • Der 2017 erschienenen Studie „The Changing Global Religious Landscape“ des Pew Research Center zufolge  werde in Europa der Anteil der Muslime an Bevölkerungen europäischer Staaten aufgrund von höheren Geburtenraten und Migration weiter zunehmen, während der Anteil der Christen vor allem aufgrund niedrigerer Geburtenraten sowie schwächerer religiöser Bindungen künftig stark zurückgehen werde.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte 2016 gewarnt, dass das Christentum in Europa weitgehend erlöschen könnte, „wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren“. Zuvor hatte er gesagt, dass in Folge des „Absterben[s] der tragenden seelischen Kräfte […] auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint“. Auch der evangelische Theologe Klaus Berger hatte davor gewarnt, dass „die Christentümer des Westens aus eigener Schwäche zusammenbrechen“ könnten.

Ross Douthat, einer der führenden amerikanischen Beobachter von Entwicklungen im Christentum, hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass das Christentum in einigen europäischen Staaten nur noch eine kulturelle Fassade darstelle. Insbesondere in Deutschland sei die Kirche zwar wohlhabend, aber in Folge der hier in besonderem Maße dominierenden Liberalisierungstendenzen überwiegend „steril und halb säkularisiert“.

Gerade liberale Strömungen des Christentums haben in schwierigen Umfeldern jedoch kaum Bestand, und spätestens die Kinder liberaler Christen neigen dazu, sich unter sozialem Druck vollständig vom Christentum abzuwenden. Zunehmender Druck dieser Art ist angesichts der wachsenden Aggressivität säkularer weltanschaulicher Strömungen, aber auch angesichts der unter Muslimen in Europa zu beobachtenden Entwicklungen wahrscheinlich.

Die vorliegenden Informationen deuten darauf hin, dass das Christentum in Europa mittel- bis langfristig mehr als heute aus kleinen, theologisch konservativen Gemeinschaften mit starken religiösen Bindungen bestehen wird. Daneben wird es in einigen Staaten Europas staatsnahe, politischen Abhängigkeiten unterworfene, theologisch von Anpassung an säkulare Tendenzen und Weltanschauungen geprägte kirchliche Strukturen mit schwachem Unterbau geben. In vielen Fällen wird das Verhältnis zwischen den erwähnten Gemeinschaften und diesen Strukturen dabei von Spannungen gekennzeichnet sein, wie sie gegenwärtig zwischen dem öffentlich-rechtlichen Protestantismus und evangelischen Freikirchen in Deutschland zu beobachten sind.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) hatte diese Entwicklung bereits 1970 vorausgesehen, wobei er ihre Auswirkungen nicht nur negativ beurteilte:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. […] Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen […] werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken.

Weitere Informationen zur demographischen Lage des Christentums sowie zur inneren Lage der Kirche in Europa finden sich auf unseren entsprechenden Portalseiten bzw. hier (Demographie) und hier (innere Lage der Kirche). (ts)

5 Kommentare

  1. Das hat sich die katholische Kirche durch die sexuellen Übergriffe ihrer Kleriker selbst zuzuschreinben!

    • @Plattform Betroffen
      Das Problem sind doch hier in erster Linie die Folgen dieser widerlichen Vorgänge für die Betroffenen und erst danach die Folgen für die Kirche. Hier hätte längst einmal gründlich aufgeräumt werden müssen mit den Netzwerken, die solchen Missbrauch praktiziert haben und sich bis heute gegenseitig schützen. Wie gründlich dies erfolgen müsste kann man im Lukasevangelium nachlesen: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, durch den sie kommen! Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er für einen von diesen Kleinen zum Ärgernis wird.“

  2. Das System hat sich als unpraktikabel erwiesen, denn die Kirchen und ihre Repräsentanten haben sich seit Jahrtausenden selbst nich an die Lehre Christi’s gehalten und diese Unfähigkeit sie auch vorzuleben, lässt an dem ganzen Christentum zweifeln. Das Defizit zwischen Predigt und Handlungen der Kirche ist zu groß, denn auch ihr geht es vor allem um Profit, Macht und eigene Bereicherung.
    Sichtbar an den miesen Bezahlungen ihrer Putzfrauen, Messner und Pfarrer/Priester..
    Kirchliche Kindergärten werden von Steuergeldern finanziert nicht von der Kirchensteuer. Jahrelang investiert man in die Rüstungsindustrie um das Kapital zu mehren. Investiert in Goldman Sachs, J.P. Morgan und Chemieriesen wie Monsanto und BAYER, die Gottes Schöpfung zerstören. Darüber verliert man kein Wort.
    Man diskriminiert und grenzt aus, man diffamiert und ja, man lügt auch.
    Päpste haben Hunderte von Jahren unsägliches Leid über Menschen gebracht, Millionen wurden gefötert, umgebracht und in Armut gehalten – noch heute werden die größten Kriegsverbrecher vom Papst empfangen und sitzen in der ersten Reihe, obwohl sie Millionen Menschen auf dem gewissen haben.
    Interne Probleme, wie z.B. die Perversität, die auf der Verdrängung der Sexualität beruht (die von Gotte gegeben ist, aber verpfuit wird als etwas Sündiges), machte aus Verantwortungsträger, für das Wohlergehen der Kinder, Straftäter.
    Der Papst ist nur eine Gallionsfigur des Apparates, der die Bürger dumm hält und die Regierung hält sie arm.

    • Sehr geehrte Frau Pelger,
      die Päpste wären die letzten, die behaupten würden, dass es keine Probleme in der Kirche gebe. Papst Paul VI. sagte etwa 1972: „Wir haben das Gefühl, dass durch irgendeinen Spalt der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist“: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Ansprache_vom_15._November_1972_%C3%BCber_den_Teufel
      Jesus Christus selbst hat angekündigt, dass solche Probleme immer wieder auftauchen würden, weil Menschen eben unvollkommen sind. Solche Probleme schwächen natürlich die Glaubwürdigkeit der Kirche. Sie stellen die Dinge dann m.E. aber doch sehr überspitzt dar. Die großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte gingen von säkular-totalitären Ideologien aus, gegen die die Kirche sich entschieden positioniert hat. Dass die Päpste auch Diplomaten sind, die mit allen Seiten reden müssen, ist ein anderes Thema.
      Zumindest in der katholischen Kirche gilt Sexualität auch nicht pauschal als etwas Sündiges, sondern als etwas prinzipiell Gutes, und sie ist sogar Teil eines Sakraments. Der hl. Thomas von Aquin hat als größter Philosoph der Kirche bereits im Mittelalter Sexualität so beschrieben. Wer sich auf die katholische Kirche beruft und etwas anderes behauptet, sollte noch einmal einen Blick in den Katechismus werfen, der die nicht egoistisch praktizierte Sexualität in den Bereich des Heiligen rückt: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P8C.HTM
      Alle Dinge in der Welt müssen zwangsläufig als schlecht erscheinen, wenn man sich nur mit ihren Entstellungen beschäftigt. Wie Sie aber ganz richtig bemerken, stellen in der Geschichte der Kirche diese Entstellungen einen Bruch mit dem dar, was Jesus Chrisus offenbart hat. Indirekt sprechen Sie also auch die Lösung der von Ihnen beschriebenen Probleme mit an, nämlich danach Ausschau zu halten, wo die Kirche dieser Lehre entspricht, und sich diesen Teilen der Kirche anzuschließen.

  3. ich könnte mir vorstellen, dass sich auch Atheisten näher zusammen schließen. Sie müssen nicht einsam vor sich hin dämmern. Die Natur besser verstehen, das Werden und Vergehen, Sonne, Wasser, gute Erde und reine Luft schützen und pflegen. Vom Gipfel eines Berges den klaren Himmel mit seinen unzähligen Sternen betrachten, die Stille und Weite zu erfassen – das kann ein weit größeres Erlebnis sein als ein Kirchgang.

Kommentare sind deaktiviert.