Ruud Koopmans: Der real existierende Islam gehört nicht zu Europa

Leander Russ - Sturm der Türken auf die Löwelbastei 1683 (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einem in der Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichten Beitrag nimmt er zur Frage Stellung, ob der Islam zu Deutschland und Europa gehöre. Diese Frage könne nur unter Betrachtung des real existierenden Islam sinnvoll beantwortet werden. Angesichts der Tendenzen, die den Islam sowie muslimische Bevölkerungen derzeit prägten, werde deutlich, dass der real existierende Islam nicht zu Europa gehöre.

Sowohl in islamisch geprägten Gesellschaften weltweit als auch bei muslimischen Organisationen und in muslimischen Bevölkerungen in Europa würden derzeit problematische Tendenzen vorherrschen.

  • Freiheitliche demokratische Ordnungen hätten sich in islamisch geprägten Gesellschaften bislang kaum herausgebildet: „Demokratie und Islam gehen nur sehr selten zusammen. Von den 47 mehrheitlich islamischen Staaten der Welt sind nur zwei (vier Prozent) – Senegal und Tunesien – freie Demokratien […]. Freie Meinungsäußerung ist in der islamischen Welt Mangelware.
  • Der real existierende Islam falle zudem durch die Verfolgung anderer Religionen auf: „Trotz der geläufigen These, die Welt würde heutzutage von „‚Islamophobie‘ heimgesucht, ist Glaubensverfolgung vor allem in islamischen Ländern weitverbreitet. Von den 24 Ländern der Welt, wo Apostasie strafbar ist, sind 23 islamisch – und in nicht wenigen davon steht auf Glaubensabfall die Todesstrafe. Von den 30 Ländern mit der schwersten Verfolgung von religiösen Minderheiten sind 20 islamisch.“
  • Auch die besondere Achtung gegenüber der Frau, die ein prägendes Element christlich-europäischer Kultur ist, sei dem real existierenden Islam fremd: Auf der Rangliste des World Economic Forum von Frauenrechten in 145 Ländern würden 17 der letzten 20 Plätze von islamisch geprägten Ländern besetzt.
  • Zudem sei der real existierende Islam in hohem Maße von Gewalt und bewaffneten Konflikten geprägt. Von weltweit 30 Bürgerkriegen habe es zuletzt nur vier ohne Beteiligung muslimischer Akteure gegeben.

Darüber hinaus seien islamische Organisationen in Deutschland vorwiegend von einem problematischen Islamverständnis geprägt. Die türkische DITIB, die der größte Islamverband in Deutschland sei, vertrete einen „türkischen Blut-und-Boden-Nationalismus“ und wirke desintegrativ. Im Zentralrat der Muslime, einem weiteren wichtigen Islamverband, seien Extremisten aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft aktiv. Auch unter individuellen Muslimen würden in Deutschland problematische islambezogene Vorstellungen vorherrschen, wie er am Beispiel türkischstämmiger Muslime erläutert.

Seine Antwort auf die Frage, ob der Islam zu Europa gehöre, fällt daher negativ aus:

Wir können also schlussfolgern, dass der Islam so, wie er mehrheitlich in der islamischen Welt existiert, keineswegs zu Deutschland oder zu Europa und seinen Werten passt. Demokratie, Toleranz, Respekt für Minderheiten, freiheitliche Selbstbestimmung, Gleichberechtigung der Geschlechter und die friedliche Austragung von Konflikten sind in der islamischen Welt seltene Erscheinungen. […] Man kann natürlich dagegenhalten, wie es die Islamapologetik gerne tut, dass all dies mit dem „wahren Islam“ nichts zu tun habe. Wir leben aber leider nicht in der Traumwelt dieses unbefleckten Islam, sondern in einer, in der wir uns mit dem real existierenden Islam auseinanderzusetzen haben.

Diejenigen Strömungen im Islam, deren Präsenz in Europa nicht von problematischen Folgen begleitet sei, seien innerhalb des Islam weitgehend isoliert und würden nur von einer kleinen Minderheit der Muslime unterstützt. Wenn der Islam zu Europa gehören wolle, wären seitens der ihn prägenden Akteure noch weitreichende kulturelle Anpassungsleistungen erforderlich.

Hintergrund und Bewertung

Koopmans hatte sich in der Vergangenheit unter anderem zum Scheitern des Multikulturalismus in Europa, zur Bedeutung von kultureller Assimilation als Voraussetzung erfolgreicher Integration von Migranten, zur Rolle kultureller Homogenität als Voraussetzung funktionierender Gemeinwesen sowie zum hohen Gewaltpotenzial unter Muslimen geäußert.

Der Historiker und Totalitarismusforscher Götz Aly, der zuletzt an der Universität Wien lehrte und dessen muslimischer Vorfahre im 17. Jahrhundert als Kriegsgefangener in das damalige Preußen gelangt war und sich dort assimiliert hatte, bestritt aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen im Islam in einem aktuellen Aufsatz ebenfalls die Zugehörigkeit des Islam zu Europa. Die Einzelfälle individueller Muslime, dies sich kulturell integriert hätten, könnten jedoch als zu Europa zugehörig betrachtet werden.

  • Martin Rhonheimer, der Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom lehrt, hatte sich in seinem Werk „Christentum und säkularer Staat“ aus einer katholischen Perspektive mit der Frage auseinandergesetzt, ob der real existierende Islam zu Europa gehöre. Er verneinte dies und sprach vom real existierenden Islam als einem nicht assimilierbaren kulturellen „Fremdkörper“, dessen Präsenz in Europa langfristig „epochale Herausforderungen“ erzeugen werde.
  • Aus der Sicht der katholischen Soziallehre müsste die Frage, ob der Islam zu Europa gehört oder gehören sollte, zudem auf Grundlage der Auswirkungen seiner Präsenz auf das Gemeinwohl europäischer Gesellschaften bewertet werden. Diese Auswirkungen sind bislang jedoch in der Gesamtschau deutlich negativ.
  • Ein weiterer Ansatz zur Beantwortung der Frage nach einer möglichen Zugehörigkeit des Islam zu Europa ist der kulturhistorische Ansatz. Der katholische Philosoph Robert Spaemann, ein Berater von Papst Benedikt XVI., hatte in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“ für die europäische Identität und Kultur prägend sei. Die vorherrschenden Strömungen im Islam der Gegenwart betrachten sich jedoch als Teil dieser Konflikttradition, was sich exemplarisch daran zeigt, dass zahlreiche Moscheen in Europa nach Mehmed II., dem Eroberer Konstantinopels, benannt sind. Auf der Grundlage dieser demonstrativen Verneinung Europas ist eine kulturelle Zugehörigkeit zu Europa, die in diesen Fällen offensichtlich auch gar nicht gewollt ist, nicht möglich.

Eine mögliche kulturelle Zugehörigkeit des Islam zu Europa würde nicht nur die von Koopmans beschriebene kulturelle Assimilation von Muslimen, sondern auch eine glaubwürdige Abkehr der Muslime in Europa von der islamischen Tradition der Christen- und Europafeindlichkeit sowie in wesentlich größerem Umgang als bisher positive Beiträge von Muslimen zum Gemeinwohl europäischer Gesellschaften erfordern.

Die bloße Forderung islamischer Akteure nach der kulturellen Anpassung Europas an den Islam kann unter den gegebenen Umständen hingegen keine kulturelle Zugehörigkeit begründen, sondern hat entscheidend zu den gegenwärtig zu beobachtenden Konflikten und Herausforderungen beigetragen. Falls sich islamische Akteure dazu entscheiden sollten, diesen Weg fortzusetzen, würde dies diese Konflikte auch zum Nachteil von Muslimen in Europa weiter verschärfen, die bislang von der Offenheit Europas für islamische Zuwanderung profitiert haben.

Dass eine Zugehörigkeit zu Europa für Muslime unter bestimmten Voraussetzungen und im Einzelfall jedoch möglich ist, zeigt das Beispiel der in Osteuropa lebenden muslimischen Lipka-Tataren, die sich kulturell weitgehend assimiliert haben und über Jahrhunderte in besonderem Maße als Verteiger Europas hervorgetreten sind. (ts)

4 Kommentare

  1. Nachtrag:
    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Die Überschrift war prägnant! Der real existierende Sozialismus, aber eben auch der real existierende Islam. Und vielleicht liegt da das Problem im christlich-islamischen Dialog begraben:

    Wunschislam à la Euro-Islam, den Prof. Tibi wohl gedanklich zu Grabe getragen hat, nachdem er ihn wohl aus der Taufe geholt hat, und real existierender Islam schließen sich auch. Und auch Frau Kelek oder Herr Ourghi oder Prof. Korchide wissen, dass ihr liberaler Islam bei den Rechtsschulen keine Chance hat.

    Vielleicht sollte die Kirche die islamischen Dialogpartner wechseln. Taliban, Salafisten und Muslimbrüder wären wohl die Vertreter des immer realer existierenden Islams oder die Muslima aus folgendem Artikel: http://www.krone.at/1673227

    Denn offensichtlich scheint festzustehen, dass die Radikalen innerhalb und außerhalb der muslimischen Gemeinschaft immer effektiver ihre Wertvorstellungen durchdrücken können, denn Gewalt und Höllendrohung ist immer eine starkes Argument, zwar kein richtiges, aber eben ein starkes.

    Vielleicht etwas sarkastisch, aber liegt in diesem Wunsche nicht auch ein Körnchen Wahrheit?

    • Ich stimme dem Autor vollinhaltlich zu und würde eine kleine Ergänzung machen. Eine genaue Untersuchung des staatsrechtlich, grundgesetzlichen Religionsbegriffes würde ergeben, dass der real existierende Islam keine Religion im staatsrechtlichen Sinne ist, sondern vielmehr eine religiöse Weltanschauung, der allerdings natürlich auch die Weltanschuungsfreiheit (bzw. Pseudoreligionsfreiheit) zukommt und zusteht. Alles Weitere regelt das Strafrecht.

      Deshalb benötigen wir zwingend notwendig eine besser geförderte europäische religionsverfassungsrechtlich koordinierte Forschung mit dem Ziel der Konstituierung eines europäischen Religionsverfassungsrechtes.

      Den Titel hätte ich ein ganz klein wenig geändert – Der real existierende Islam gehört nicht zur Idee Europas.

      Beste Grüße
      Axel Arnold Bangert – Herzogenrath 03.2018

  2. Ich schließe mich der Einschätzung meines Vorkommentators voll an.

    Aber: Hat unser Papst Franziskus diesen Artikel der WELT auch schon gelesen und vor allem verinnerlicht? Hat die „deutsche Kirche“ unter unserem DBK-Vorsitzenden Marx diesen Artikel auch nicht nur gelesen, sondern auch annähernd verinnerlicht?

    Denn auf die Verinnerlichung kommt es an. Lesen im Sinne von bewusstem Überlesen hilft niemandem und bringt auch keinen Erkenntnisgewinn. Aber will unsere Kirche sich mit diesen Inhalten überhaupt beschäftigen? Mir scheint, dass diese Problematik einfach gern unter den Teppich gekehrt wird.

    Die Katholiken in Polen und in den anderen Visegradstaaten wissen um die Gefährlichkeiten des Islams. Spanien sollte dies auch wissen und Österreich auch. Geschichtsvergessenheit kann tödlich sein, da sich die Grunddogmen des Islams leider nicht verändert haben.

    Dieser Artikelinhalt wird ja nicht von Islamkritikern wie mir, die lediglich über Halbwissen verfügen, vertreten, sondern offenbar auch zunehmend von Personen, die sich mit dieser Materie intensiv wissenschaftlich auseinandersetzen. Ja, und das ist gut so.

    Der Artikel kann zusammengefasst werden: Das Christentum geht, der Islam kommt.

    Der Islam gehört zwangsläufig zu Deutschland, aber nicht weil er kulturell erstrebenswert oder verankert wäre, sondern weil das Christentum, die westlichen PC-Ideologien und die „Mein-Bauch-gehört-mir-Mentalität“ des atheistisch-materialistischen Lebensentwurfs und Weltsicht versagt haben. Diese bittere Erkenntnis mag verstörend sein, trifft aber wohl den Kern des Faktischen. Der Islam hat die Eigenschaft, sich überall aufzudrängen, wenn es ihm möglich gemacht wird. Und Europa hat es „weittorig“ möglich gemacht, weil der Westen in seiner arroganten Art und Weise meinte, dass jede Religion so schlapp sei wie das Christentum und dass der Islam lediglich eine Religion unter vielen sei, die sich leicht integrieren und formen ließe. Und das meinen noch heute viele Träger der Gesellschaft, wenn man ihn nur mit westlicher „Vernunft“ füttern würde. Die Vernunft im säkular-westlichen Sinne ist aber dem Islam wesensfremd, weil die gemeinsamen Begrifflichkeiten hüben und drüben völlig andere Sinnhaftigkeit und Bedeutung haben. Das aber haben unsere Eliten noch immer ignorant verdrängt.

    Letztlich kann wohl nur die Kernfrage bleiben: Ist die Demokratie tatsächlich so wehrhaft, wie sie immer dargestellt wird? Ist die Demokratie nicht letztlich immer durch Meinungsströmungen, Lebensentwürfe und Ideologien zu stark beeinflussbar, vor allem durch Weltbilder, die nicht miteinander kompatibel sind wie z. B. der Islam mit der westlichen Gesellschaft? Ist die Schwäche der Demokratie nicht gerade die, dass nur bis zur nächsten Wahl gedacht wird, aber nie in größerem Rahmen und Zeitabständen? Kann Demokratie denn nur da wachsen, wo eine einheitlich-homogene Grundstimmung in der Gesellschaft vorhanden ist? Kann die Demokratie letztlich nicht nur immer eine Zwischengesellschaftsordnung sein, die immer bedroht ist vom Diktatorischen des Kommunismus, vom Edelkapitalismus, vom Faschismus oder Sozialismus oder eben von radikalen Politreligionen? Spielt da nicht auch die alternativlose Diktatur des Relativismus, die Beliebigkeit, des Nihilismus, im Religiösen die Synkretismustendenzen eines Küng ihren negativen Einfluss aus, um eine Demokratie von innen heraus auszuhöhlen und zu zerstören?

    Denn Mehrheitsentscheidungen, die meistens Kompromisse sind, sind auch nicht immer richtig und rechtens. Und je nach zeitgeistiger Moralvorstellung verrücken und ersetzen Ethik und Herzens- bzw. Seelenlehre (heute ehe vielfach Herzensleere) des humanistischen Atheismus die alten christlichen Kittvorstellungen, die von den meisten heute leider nur noch als Fesseln angesehen werden. Statt dessen kommen Ehe für Alle, Gendernichtwissenschaften und die Individualität des Einzelnen zum Tragen, die jeglichen Kitt auffrisst und bestenfalls offensichtlich gewollte Orientierungslosigkeit für die Menschen bereithält. Der Zusammenhalt der Gesellschaft zerfällt und verdunstet zusehends, nicht nur das Christentum. Turmbau zu Babel im wahrsten Sinne des Wortes? Wie viele Menschen leben in Europa, die sich wegen der Sprachunterschiedlichkeit nicht mehr verstehen?

    Artikel wie dieser haben zunehmend das Potential die Leserschaft aufwecken und aufwachen zu lassen, wenn sie denn gelesen werden und vor allem ins Bewusstsein fruchtbar eindringen. Aber leider wird dieser Erkenntnisprozess zu langsam stattfinden, weil jeder mit sich selbst wohl zu sehr beschäftigt ist und die geistige Regsamkeit wohl im Schatten des Wohllebens, von Handys und Laptops nachlässt. Wissen ist ja jederzeit abrufbar. Wehe dem heutigen Menschen, wenn der Strom ausfällt.

    Nun, ein Großteil des Nachwuchses landete im Abfalleimer oder in der Kosmetikindustrie und die Menschen schmieren sich ihren Nachwuchs oder Bestandteile von ihm in Gesichter und tragen sie andere Körperteile auf. Frankenstein ist da eine Nullnummer dagegen.

    Ja, das II. Vatikanum – ich wiederhole mich – hat diesen Synkretismustendenzen leider einen Türspalt geöffnet, durch den der Islam hier hat eindringen können. Wer den Islam noch heute nicht als christen- und demokratiefeindlich ansieht, hat wohl schon verloren. Vielleicht helfen Artikel wie dieser diesen Menschen auf die Sprünge.

    Fazit: Danke für diesen weisen und faktenreichen Artikel.

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