Kulturelle Homogenität als Voraussetzung des Gemeinwohls: Fallstudie Orange City

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Publizistin Larissa MacFarquhar hat sich im Magazin „The New Yorker“ mit der Frage auseinandergesetzt, welche Faktoren kulturelle Kontinuität und die Sicherstellung des Gemeinwohls in einem Gemeinwesen begünstigen. Sie tat dies am Beispiel der vorwiegend von den Nachkommen niederländischer Protestanten bewohnten amerikanischen Stadt Orange City im Staat Idaho, deren Sozialindikatoren sich entgegen dem allgemeinen Trend in den ländlichen USA in den vergangenen Jahrzehnten positiv entwickelt hatten. Die wesentlichen Ursachen dafür seien die Kultur der Bewohner, die kulturelle Homogenität des Ortes und die erfolgreiche Bindung von Leistungsträgern an das Gemeinwesen.

Die große Mehrheit der Bewohner sei kulturell und politisch von christlich-konservativen Einstellungen geprägt und trete für den Schutz und die Pflege der Grundlagen des Gemeinwesens und für ein intaktes Umfeld ein, mit dem man sich aufgrund der vorhandenen starken sozialen Bindungen in hohem Maße identifiziere. Außerdem würde eine deutliche Mehrheit der Bewohner für die Stärkung nichtstaatlicher Institutionen wie Familie und Kirche sowie für Eigenverantwortung eintreten und unkontrollierte Migration ablehnen.

Auch die kulturelle Homogenität des Ortes sei ausschlaggebend für den Erfolg des Gemeinwesens:

  • Aufgrund geteilter Werte und Normen sei ein konfliktarmes, von gegenseitigem Vertrauen, Solidarität und starken sozialen Bindungen geprägtes Leben in der Stadt möglich. Aufgrund der geringen Anonymität bzw. der überschaubaren Größe der Stadt falle antisoziales Verhalten außerdem eher auf als in größeren Städten, was starke Anreize für prosoziales Verhalten schaffe.
  • Kulturelle Homogenität werde durch sozialen Druck gefördert, der Zuwanderung in die Stadt für Personen unattraktiv mache, die Schwierigkeiten hätten, sich kulturell in ihr Umfeld einzufügen. Die Integration von anpassungsbereiten Zuwanderern werde zudem durch diesen sozialen Druck ebenso gefördert wie die Auswanderung von Menschen, die sich nicht konstruktiv in die Gemeinschaft einfügen könnten.

Eine wesentliche Rolle für den Erfolg des Ortes spiele zudem die erfolgreiche Bindung von Leistungsträgern an das Gemeinwesen. Diese Bindung erfolge vor allem durch die ohnehin vorhandenen sozialen und kulturellen Bindungen. Zudem habe der Verbleib für entsprechende Personen erhebliche materielle Vorteile. So sei die Lebensqualität aufgrund der erwähnten kulturellen Homogenität und ihrer positiven Begleiterscheinungen vor Ort höher als in anderen Städten. Aufgrund niedrigerer Lebenshaltungskosten und vorhandener Solidarstrukturen sei außerdem die Bildung von Familien hier leichter. Dies wiederum trage zur demographischen Nachhaltigkeit des Ortes bei.

Die vor Ort verbleibenden Leistungsträger würden in der von einem protestantischen Arbeitsethos geprägten Kultur häufig Unternehmen gründen, die Arbeitsplätze schaffen und somit die wirtschaftliche Lebensgrundlage des Ortes stärken würden. Durch seine Abstützung auf kleine und mittlere Unternehmen in einheimischem Besitz sei das Gemeinwesen vergleichsweise unabhängig von allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen und den Entscheidungen von Konzernen.

Hintergrund

Die katholische Soziallehre betrachtet das Gemeinwohl als das wichtigste Ziel allen politischen Handelns. Dieser Gedanke wurde auch in das politische Selbstverständnis von Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen, was sich unter anderem im Amtseid des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers und der Bundesminister ausdrückt.

Die kulturelle Kontinuität eines Gemeinwesens bzw. die Sicherstellung und Entwicklung seiner geistigen Grundlagen im Sinne des Christentums ist laut Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 1925) ein wesentlicher Bestandteil des Gemeinwohls. Eine Übersicht über die Definition des Gemeinwohls in der katholischen Soziallehre sowie über die Voraussetzungen seiner Sicherstellung haben wir hier veröffentlicht.

Im Fall des oben beschriebenen Beispiels decken sich die Beobachtungen der MacFarquhars mit den Analysen von Soziologen:

  • Der Soziologe Curt Stofferahn hatte die Krisenfestigkeit von Gemeinschaften im Zusammenhang mit der durch den Sturm „Katrina“ im Jahr 2007 ausgelösten Katastrophe untersucht und dabei festgestellt, dass kulturell homogene Gemeinschaften mit starken sozialen Bindungen und intakten kulturellen Institutionen besonders resilient waren.
  • Dem Soziologen Robert Putnam zufolge sei kulturelle Homogenität eine wesentliche Voraussetzung des Gemeinwohls. Gemeinsame Kultur erzeuge gemeinsame Werte, ähnliche Verhaltensmuster und gegenseitiges Grundvertrauen, die ein geordnetes und gelingendes Zusammenleben ermöglichten. Dies schaffe „soziales Kapital“, das insbesondere für freiheitlich organisierte Gemeinwesen wichtig sei, weil es die Grundlage für Selbstregulierung der Gesellschaft und Vertrauen der Menschen untereinander bilde.

Ohne diese kulturelle Grundlage müsste ein Staat deutlich stärker regulierend in allen Bereichen des Lebens eingreifen, um das Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Ein Staat ohne diese kulturelle Grundlage könnte nur autoritär regiert werden, weshalb diese in besonderem Maße schützens- und bewahrenswert ist. (ts)

1 Kommentar

  1. Alles sehr einleuchtend und nachvollziehbar, was da geschrieben steht. Ich denke jedoch, dass dieser Zusammenhalt unter den Menschen eben aus verschiedenen Kulturen, soweit diese stark ausgrenzende und einigelnde, weil abschottend dogmatisch-alternativlose Ausgrenzungstendenzen mitbringen, nicht möglich ist. Ein Faktor wurde nicht aufgeführt, die gemeinsame Sprache. Auch diese trägt zu Homogenität einer festgefügten Gemeinschaft bei.

    In Orange City waren es die gleiche Kultur, die gleiche Sprache, die Ablehnung von Multikulti, die Druckausübung auf solche Menschen, die sich nicht integrieren wollten und die Aufnahme von Menschen, die das Gegenteil gezeigt haben. Die Heim- und Arbeitstruktur in Heimatnähe fördert dieses Gemeinwesen selbstverständlich.

    Was sagt uns das? Menschen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, werden letztlich nicht so vertraut miteinander wie Menschen, die miteinander intensiv und nicht nur in Small-Talk-Weise verbal kommunizieren können. Ausnahmen bestätigen immer die Regel. Darum ist ein geeintes Europa allein aus diesem Grunde kaum möglich und von vornherein zum Scheitern verurteilt, es sei denn, dass die Nationen erhalten bleiben. Fast jedes europäische Land (Deutschland und Österreich sowie die deutschsprachigen Teile von Norditalien und der Schweiz sind da Ausnahme) hat seine eigene Sprache und Denkweise, seine eigene Kultur in Sachen Kunst, Musik, Architektur, Werte entwickelt aufgrund einer durch Jahrhunderte getragene mehr oder weniger gemeinsam geprägte christlich-griechisch-römisch-abendländische Geschichte. Die natürliche Kommunikation von Menschen unterschiedlicher Sprachen untereinander ist zumindest auf Dauer wenig erfolgversprechend.

    Selbstverständlich ist auch der gemeinsame Glaube ein nicht zu unterschätzender Kitt, der Gemeinschaften zusammenhalten kann. Im Falle von Orange City war es offensichtlich so. Ebenso ist eine gesunde Generationenmischung für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft erforderlich.

    Dazu dann sofort die Frage, wie es um die innige Gemeinschaft der heutigen Christenheit in der Welt, im Land und letztlich im Ort bestellt ist. Und da sieht es düster aus. Der Artikel von Herrn Mosebach in Sachen Kopten schildert letztlich ebenfalls so eine Gemeinschaft, die der Glaube zusammenhält. Hier kommt noch der Faktor „Verfolgung und Diskriminierung“ hinzu, der die Gläubigen in iherer Glaubensidentität zusammenschweißt und der positive Stolz, dieser Gemeinschaft anzugehören. Da befruchten sich Kleriker und Gläubige gegenseitig.

    In Orange City ist die Welt noch in Ordnung, klein überschaubar und relativ einhellig.

    Vertragen sich Katholiken untereinander? Alt- Katholiken, Pius-Bruderschaft, Orden untereinander, Pfarreien, die neuerdings infolge Gläubigen- und damit auch Priesterschwund von oben zusammengelegt werden, alles keine gute Basis für Gemeinschaft, die aus Herzensbildung aus sich selbst gewachsen sein sollte. Bestenfalls Gleichgültigkeit und immer älter werdend. Selbst in kirchlichen Vereinen prangen bei jeder Mitgliederversammlung immer älter aussehende Menschen dem Zeitungsleser entgegen. Kein Nachwuchs im Kolping, in den Kirchenchören, in der KAB und den anderen kirchlichen Vereinen und Gemeinschaften. Machen wir uns bis auf Ausnahmen hier und da einmal nicht viel vor.

    Und jetzt die Christenheit insgesamt: Katholiken, Evangelische, Freikirchliche, Evangelikale, syrisch, aramäisch, griechisch, russisch, koptisch Orthodoxe, Neuapostolen und wie sie alle heißen. Zusammenhalt? Oh weh, eher Feinschaft und Misstrauen, selbst untereinander.

    Symptomatisch, eigenes Erleben:
    1. Bei einer Veranstaltung vor ca. 12 Jahren, bei dem Bischof Damian (koptisch) einen Vortrag in einer katholischen Kirche hielt, initiiert von der Aramäischen Gemeinde, die diese Kirche mitbenutzte, auch über die Situation der Kopten unter Islamherrschaft referierend, saß ich als Zuhörer hinter – ich nehme an, syrischen Aramäern mit türkischem Hintergrund. Ich hörte, wie sich die zwei vor mir sitzenden Personen auf deutsch unterhielten und ich bekam sinngemäß mit, dass die beiden der Meinung waren, dass sich die kath. Kirche hier eh nicht für das Schicksal der verfolgten Mitgeschwister in anderen Ländern interessiere, denn die täte überhaupt nichts.

    Ich habe mich nicht eingemischt, weil ich diese Ansicht damals teilte. Denn ich habe keine Predigt gehört, die sich mit der Verfolgung von Mitgeschwistern durch Kommunismus oder Islam beschäftigt hatte, übrigens explizit bis heute nicht.

    2. Ein syrisch-aramäischer Auszubildender und meine Wenigkeit hatten die Idee, verschiedene Kirchen anszuschreiben und darum zu bitten, dass sich zum Thema „Christenverfolgung“ eine praktische Ökumene ausbilden möge. Ein 3-setiges Schreiben – wohl zu lang – an 6 oder 7 verschiedene Christengemeinschaften in Deutschland adressiert. Antwort? Keine. Wie zu erwarten. Dass dies nicht gelingt, war klar. Aber dass nicht eine Gemeinschaft geantwortet hat, nicht einmal den Empfang bestätigt hat, war doch schon mehr als beschämend. Übrigens auch die kath. Kirche, der ich angehöre, aber eben auch die syrisch-aramäische Kirche nicht, der mein damaliger Azubi angehörte.

    Ein für diesen Zweck geschaffener Gedenktag, der 2. Weihnachtstag (Stephanus) wurde zwar in der kath. Kirche in Deutschland eingeführt. Eine entsprechende Predigt habe ich jedoch noch nie gehört in unserer Pfarrei., auch nicht an diesem Tag. Keine Einladung zur Predigt von Christen, die die Verfolgung am eigenen Leib verspürt haben, keine Einladung von Vertretern von Kirche in Not, open doors oder CSI, die sich mit diesen Dingen beschäftigen, um den Christen hier einmal deutlich zu machen, welchem Glaubensdruck diese Menschen in anderen Ländern ausgesetzt sind und wir ziemlich saft- und kraftlose Christen in dieser Frage sind.

    Und ich glaube, da liegt dann auch die Problematik, nicht nur in der theologischen Verschiedenheit (die unbedingt erhalten bleiben sollte wegen der Gefahr eines beliebigen Synkretismus), sondern auch in der mangelnden Solidarität mit jedem Mitchristen, der in Not ist, weil er Christ ist.

    Und diese Solidarität wäre der erste und wichtigste Strang, soll eine christliche Gemeinschaft in theologischer Verschiedenheit, die zu wahren ist, gebildet werden. Jede Kirche lebt offensichtlich um ihre eigenen Kirchtürme herum und hat mit sich selbst genug zu tun.

    Sorry, dass ich schon wieder auf dem Thema „Verfolgung“ herumreite. Aber wenn sich da nichts ändert, bleibt jede Kirche unglaubwürdig und gemeinschaftsfördernd ist diese Haltung ebenfalls nicht.

    Dieses Thema solle wirklich so wichtig sein, dass jeden Sonntag 1 Fürbitte den verfolgten Mitchristen gelten sollte. Nicht einmal das scheint möglich zu sein. Ich denke mir nur, wenn ein Muslim verfolgt werden würde in einem christlichen Land, wäre die Solidarität wesentlich größer.

Kommentare sind deaktiviert.