Martin Mosebach: Kulturelle Kontinuität in schwierigen Umfeldern – Das Beispiel der Kopten

Giuseppe Mancinelli - Gottesdienst in den Katakomben von Rom (gemeinfrei)

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer“ beschreibt der Schriftsteller Martin Mosebach auf der Grundlage seiner Beobachtungen in Ägypten, wie es der dort lebenen Minderheit koptischer Christen gelungen ist, christliche Kultur und christliches Leben seit rund 1.400 Jahren unter zum Teil schwierigsten Bedingungen in einem für sie ungünstigen kulturellen Umfeld aufrechtzuerhalten.

Die Kirche in Europa könne angesichts der hier zu beobachtenden kulturellen, politischen und demographischen Entwicklung von den Erfahrungen der Kopten lernen, „die im Standhalten gegenüber einer feindlichen Mehrheit bis hin zum Martyrium lange geübt“ seien:

Und auch für die Zukunft des Christentums halten die Kopten Erfahrungen bereit: Wie kann Christentum aussehen und weiterbestehen, wenn die Mehrheitsgesellschaft und der Staat nicht mehr duldend und wohlwollend sind, sondern feindselig werden und wenn den Christen die Teilnahme am öffentlichen Leben verweigert wird, weil sie sich der Zivilreligion nicht unterwerfen wollen?

Mosebach beschreibt in seinem Werk vier Faktoren, die für die kulturelle Kontinuität der koptischen Kirche von zentraler Bedeutung seien:

  • Die Abwesenheit liberaler Tendenzen und der „fortschrittlich reaktionäre“ Charakter der Kirche;
  • Die Bereitschaft der koptischen Kirche zur Aufrechterhaltung und Betonung des Spannungsverhältnisses zwischen christlicher Kultur und ihrem nicht-christlichen Umfeld;
  • Die Bedeutung der Kirche als Zentrum der kulturellen Identität der Kopten;
  • Die unter anderem durch ein überlegenes Bildungswesen sowie durch koptisches Unternehmertum bewirkte Unverzichtbarkeit der Kopten für die ägyptische Gesellschaft.

Mosebach geht in seinem Buch zudem auf die Frage ein, welche Folgerungen sich aus den gegenwärtigen Entwicklungen im Islam sowie der wachsenden Präsenz des Islam in Europa für das hiesige Christentum ergeben.

1. Abwesenheit liberaler Tendenzen: „Fortschrittliche Reaktionäre“

Die koptische Kirche der Gegenwart stelle eine Positivauslese der weltanschaulichen Elemente und kulturellen Praktiken dar, die sich über viele Generationen bei der Aufrechterhaltung kultureller Kontinuität bewährt hätten.

  • Einer der von Mosebach befragten koptischen Kirchenführer betont den tiefgreifenden Unterschied zwischen der häufig liberalen Kirche in westlichen Gesellschaften und der koptischen Kirche. Mosebach kritisiert in diesem Zusammenhang die „Arroganz der westlichen Kirche“, die auf die Teile des Christentums herabblicke, die ihren Weg nicht mitzugehen bereit seien. Seine Erfahrungen mit der scheinbar „archaischen“ koptischen Kirche hätten ihm den „Verlust, der mit solcher Ignoranz verbunden“ sei, „besonders krass vor Augen“ geführt.
  • Liberale Tendenzen hätten unter Kopten nicht greifen können, da ihre Träger nicht in der Lage gewesen wären, dem Druck des Umfeldes standzuhalten. Personen mit schwachen religiösen Bindungen und Überzeugungen, die als Träger liberaler Tendenzen in Frage kommen würden, seien wegen dieses Drucks in der Vergangenheit meist aus der Kirche ausgeschieden und hätten sich in die umgebende Kultur assimiliert.
  • Bei der Beschreibung der Führer der koptischen Kirche spricht Mosebach vom dort vorherrschenden „Typus des fortschrittlichen, in die Zukunft planenden Reaktionärs“, der im Westen unbekannt sei. Diese Führung würde keine Schwäche zeigen oder ausstrahlen und in ihrer Haltung den Eindruck erwecken, sich in einer großen Schachpartie mit den sie umgebenden Mächten zu befinden.

Die „Imitation demokratischer Formensprache“ und Versuche, sich der umgebenden Kultur anzupassen, welche die Kirche in westlichen Gesellschaften prägten, gebe es in der koptischen Kirche nicht. Ebenso würden in Fragen der Lebensführung liberale Konzepte und Vorstellungen weitgehend abgelehnt.

Allgemein würden Hierarchie und Autorität in der koptischen Kirche stark betont. Dies werde von koptischen Christen allgemein positiv angenommen, weil es auch eine Bekräftigung der eigenen Identität darstelle. Man bringe dadurch zum Ausdruck, dass man weder die umgebende Gesellschaft noch den Staat als letzte Autoritäten anerkenne oder dazu bereit sei, sich nach deren kulturellen Maßstäben zu richten. Die Kirche und ihre Vertreter würden außerdem betont repräsentativ auftreten. Auch dies werde unter Kopten allgemein begrüßt, da dadurch vor allem bei wirtschaftlich schwachen Kopten Selbstachtung gefördert werde.

2. Betonung des Spannungsverhältnisses zur umgebenden Kultur

Die koptische Kirche würde aus der Tatsache ihrer Verfolgung sowie daraus, dass kaum ein Kopte äußerem Druck nachgebe und zum Islam konvertiere oder seinen Glauben verleugne, einen „ausgeprägten Stolz“ beziehen.

Ein von Mosebach befragter koptischer Kirchenführer bewertet die islamische Eroberung des Landes als „Landnahme“ und „Invasion“, der nur durch die Verweigerung der Kopten, die Religion und Kultur der Eroberer anzunehmen, Grenzen gesetzt worden seien. Das Festhalten am Glauben und an der eigenen Identität sei wichtiger als die Einheit des Landes oder andere Fragen:

Wir Kopten sind die eigentlichen und echten Ägypter. Das hier ist unser Land seit vielen tausend Jahren – lange vor den Pyramiden ist es schon unser Land gewesen. Wir haben ein sehr gutes und weit zurückreichendes Gedächtnis, ein mindestens ebenso gutes wie das der Juden, die dem Pharao bis heute nichts verzeihen und immer im Sinn behielten, daß Gott ihnen zu Moses‘ Zeiten das Land der Kanaaniter geschenkt hat. Nach zweitausend Jahren haben sie es sich wiedergeholt. Aber unsere Lage ist eine andere als die der Juden. Wir sind in unserem eigenen Land zur Minderheit geworden, wenn wir auch nicht so wenige sind, wie es der Staat gern hätte.

Man suche bewusst keine Annäherung an den Islam, die nur zum eigenen Verlöschen führen müsste, sondern betone die Gegensätze zu diesem und pflege einen „Glauben, der keine Konzessionen macht“. Kopten würden zudem anstreben, als solche sichtbar in Erscheinung zu treten, indem sie sich etwa ein Kreuz auf ihre Hand tätowieren ließen.

3. Die Kirche als kulturelle Gemeinschaft und Kern kultureller Identität

Die koptische Kirche stelle stärker als die Kirche in westlichen Gesellschaften eine kulturelle Gemeinschaft dar, die alle Aspekte des Lebens und der Identität der Menschen präge und um die herum sich Gemeinschaften und christliches Leben organisieren würde.

Dies schaffe für die Mitglieder kulturelle Freiräume, in denen der Druck der islamischen Umgebung nicht wirken könne. Gleichzeitig stärke die kulturelle Bedeutung der Kirche die Bindung der Kopten an sie.

4. Unverzichtbarkeit als Überlebensstrategie

Kopten hätten bislang in Ägypten einen gewissen Schutz seitens der politischen Eliten des Landes genossen, weil christliche Bildungs- und Leistungseliten für sie unverzichtbar gewesen seien.

So würde die koptische Kirche unter anderem die leistungsfähigsten Schulen und Krankenhäuser des Landes betreiben, deren Leistungen auch von Angehörigen der muslimischen Elite in Anspruch genommen würden. Außerdem seien Kopten unter den erfolgreichsten Unternehmern des Landes, was ihnen politischen Einfluss sichere, jedoch als Nebenwirkung auch Ressentiments stärke.

5. Die Lage der Kopten, islambezogene Herausforderungen und die Zukunft des Christentums in Europa

Auf die Frage Mosebachs, was die wichtigste Lektion sei, die europäische Christen von Kopten lernen können, habe einer seiner Gesprächspartner geantwortet:

Vermeiden Sie unbedingt, einer Minorität anzugehören!

Seit der islamischen Eroberung des Landes habe es für die koptische Kirche im Zusammenleben mit  Muslimen „schlechtere und bessere, aber keine guten Kapitel“ gegeben. Die gegenwärtige Verfolgungswelle stelle für die Kopten „nur ein weiteres Kapitel der Plage“ dar, die man gewohnt sei.

Christen in Europa sollten in diesem Zusammenhang das Erstarken radikaler Tendenzen im Islam ernstnehmen. Das Massaker militanter Salafisten an einer Gruppe von 21 Kopten, das den Anlass für Mosebachs Buch darstellte, sei von den Tätern propagandistisch als „Botschaft an die Nation des Kreuzes, geschrieben mit Blut“ dargestellt worden.

Die Feindseligkeit dieser Strömung im Islam richte sich ausdrücklich gegen alle Christen und auch gegen das christliche Europa. Ihre Botschaft vermittele eine „unbedingte und kompromißlose Feindschaft; Feindschaft, die nur mit der Vernichtung eines der beiden Feinde beendet werden kann“. Es sei angesichts der Taten radikaler Muslime unmöglich „vor der Wirklichkeit solcher Feindschaft noch die Augen zu verschließen“. (ts)