Francis Fukuyama: Der Liberalismus und die Rückkehr der Identitätsfrage

Caspar David Friedrich - Der Mönch am Meer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama lehrt an der Stanford University und gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Liberalismus der Gegenwart. In einem in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Gespräch analysiert er die Rückkehr der Identitätsfrage in westlichen Gesellschaften aus einer liberalen Perspektive und sucht nach möglichen Antworten auf diese Entwicklung.

Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“

Fukuyama ist vor allem durch sein 1992 erschienenes Werk „Das Ende der Geschichte“ bekannt geworden, in dem er  die Gegenthese zu Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ formulierte:

  • Während Huntington in kultureller Identität die wichtigste Triebkraft gesellschaftlichen und historischen Geschehens sah, ging Fukuyama davon aus, dass das ein angenommenes Streben des Menschen nach Lösung aus kollektiven Bindungen (also „Freiheit“ im liberalen Sinne) sowie die Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse die wichtigsten Triebkräfte der Geschichte darstellten.
  • Die liberale Demokratie fördere die Sicherstellung dieser Ziele auf optimale Weise, weshalb sie alternativlos sei und die Suche des Menschen nach der besten möglichen Regierungsform und Lebensweise an ihr Ziel gelangt sei.

Die Ereignisse seit dem Erscheinen seines Werkes haben Fukuyamas These weitgehend widerlegt. Fukuyama reagierte darauf, indem er das ihr zugrunde liegende und von ihm nun als unrealistisch erkannte liberale Menschenbild teilweise revidierte.

Der Mensch als identitätsbedürftiges Wesen

Fukuyama zufolge würden Modernisierungsprozesse und Vielfaltsstress bei Menschen aller kulturellen Hintergründe in westlichen Gesellschaften die Frage nach der eigenen Identität zunehmend in den Vordergrund treten lassen.

Man müsse anerkennen, dass die Natur des Menschen nicht nur das „aufgeklärte Eigeninteresse und das Verlangen nach materiellen Besitztümern“ umfasse, sondern auch ein „Begehren nach Anerkennung und Selbstachtung“. Menschen seien identitätsbedürftig und der Mensch brauche außerdem „einen Ort und eine Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlen kann“.

  • In besonderem Maße identitätsstiftend seien verbindliche Weltanschauungen, die eine Bereitschaft zur „Aufopferung des eigenen Lebens“ forderten. Dies erkläre unter anderem den Erfolg des Islam als Identitätsbewegung. „Saturierte Europäer und Amerikaner“ könnten dies allerdings nur unzureichend nachvollziehen, „weil für sie in den meisten Lebensbereichen Eigeninteresse und Selbsterhaltung über die thymotischen Kräfte triumphiert“.
  • Religion, aber auch die Wahrnehmung der Bindung an eine Nation seien „klassische thymotische Phänomene“, die Identität stifteten und mit „Stolz auf die gemeinsame kulturelle Identität“ verbunden seien.
  • „Thymotisch aufgeladene Individuen“ seien zur Solidarität mit Menschen ihrer eigenen Gemeinschaft fähig. Sie würden zudem einen Bedeutungsgewinn im eigenen Leben erfahren: „Aus verlorenen Söhnen und Töchtern werden stolze Wesen mit eigener Identität und Mission.“

Während Fukuyama in seinen früheren Werken keine ernstzunehmenden Herausforderungen für die liberale Demokratie mehr sah, sieht er deren Errungenschaften als bedroht an. Diese Bedrohungen würden von  postmodernen und neo-marxistischen Ideologien sowie von politischem Islam und Nationalismus ausgehen. Diesen Herausforderungen will Fukuyama mit einem „Sinn der nationalen Identität, die zugleich liberal definiert ist“, begegnen.

Bewertung und Folgerungen

Fukuyama will einige politische Werte des klassischen Liberalismus erhalten, die dieser mit dem christlichen Konservatismus teilt, ohne sich jedoch der kulturellen Voraussetzungen dieser Werte bewusst zu sein. Er erkannt zwar an, dass unter anderem die Europäische Union bei dem Versuch, eine liberale Identität ohne Rückgriff auf Faktoren wie Religion und Herkunft zu schaffen, gescheitert sei, zieht aus diesem Scheitern aber keine erkennbaren Konsequenzen für sein Denken.

Fukuyama hält zudem trotz seiner Beobachtungen über die Natur des Menschen an einem neoliberalen Menschenbild fest. Es sei „problematisch“ und das „Gegenteil von Selbstbestimmung“, wenn Menschen sich als „christlich“ oder „europäisch“ definieren und den Faktoren Religion oder Herkunft wesentliche Bedeutung beimessen. Der Liberalismus müsse Menschen aus solchen Bindungen und Gemeinschaften „befreien“.

Eine der wesentlichen Herausforderungen für den Liberalismus wird es vor diesem Hintergrund sein, solchen in ihm zunehmend zu Tage tretenden totalitären Impulsen entgegenzuwirken. Der klassische Liberalismus hingegen erkannte im Unterschied zum Neoliberalismus nicht nur seine geistigen Wurzeln im christlichen Menschenbild an, sondern sah in starken religiösen Institutionen auch die zentrale Grundlage dafür, dass eine vom Staat unabhängige Sphäre in der Gesellschaft überhaupt existieren kann.

Für Christen ergibt sich aus den von Fukuyama ansonsten zutreffend beobachteten Identitätsfragen der Auftrag, auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes die durch moderne Ideologien beschädigten kulturellen Grundlagen westlicher Gesellschaften wieder herzustellen.

Die historische Erfahrung zeigt, dass nur Religionen und religiöse Bewegungen zu kultureller Erneuerung dieser Art in der Lage sind. Ein entsprechendes Engagement von Christen kann außerdem verhindern, dass andere, potenziell destruktive Kräfte das identitäre Vakuum westlicher Gesellschaften ausfüllen. (ts)