Erzbischof Chaput: Auftrag und Dienst des Christentums in einer zerfallenden Welt

Domenico Cetto - Ansicht der Stadt Wien zur Zeit des Osmanensturms (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Charles Joseph Chaput ist Erzbischof von Philadelphia und einer der führenden katholischen Denker in den USA. Im Rahmen eines Vortrags am Matthew J. Ryan Center an der katholischen Villanova University äußerte er sich zur geistig-kulturellen Lage westlicher Gesellschaften und zu den existenziellen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen. Christen hätten in Umfeldern, die zunehmend von Zerfall und Auflösung gekennzeichnet seien, einen Auftrag zu kultureller Erneuerung.

Nur wenn es der Kirche gelänge, die Ursachen negativer gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen und Phänomene zu verstehen, könne sie das eigene Vorgehen lagegerecht gestalten. Ein Arzt müsse eine Krankheit richtig erkennen, bevor er sie wirksam behandeln könne.

Die geistig-kulturelle Lage westlicher Gesellschaften

Erzbischof Chaput sieht westliche Gesellschaften insbesondere durch die folgenden Herausforderungen bedroht, was er am Beispiel der USA erläutert:

  • Wirtschaftlicher Liberalismus habe die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen verbessert, dabei aber auch eine Reihe problematischer kultureller Brüche erzeugt, die zur Auflösung von Kultur und Gesellschaft beitragen würden. Dies gelte insbesondere für die liberale Tendenz, alle Dinge vorwiegend unter dem Aspekt ihres materiellen Wertes und Nutzens zu betrachten, sowie für die Tendenz, materielle Bedürfnisse und Konsum zu idealisieren und soziale Beziehungen analog zu wirtschaftlichen Transaktionen zu betrachten. Materieller Fortschritt beantworte außerdem die Grundfragen des Menschen nicht und lasse die vorhandenen Antworten darauf vielen Menschen zunehmend als unverständlich erscheinen.
  • Migration könne unter bestimmten Bedingungen dem Gemeinwohl dienen, aber unkontrollierte Migration drohe organisch gewachsene Nationen aufzulösen, die auf der Bindung an eine organisch gewachsene gemeinsame Kultur und Geschichte beruhten. Der durch sie bewirkte Wandel sei nur dann gut wenn, er diese Bindungen nicht gefährde. Die Identität einer Nation würde zerbrechen, wenn das Gewebe ihrer Kultur durch Migration zerrissen werde. Westliche Gesellschaften hätten diesbezüglich einen kritischen Punkt erreicht.
  • Politische, wirtschaftliche und kulturelle progressive Eliten würden oft nicht im Sinne des Gemeinwohls handeln. Während sie die Auflösung aller Bindungen propagieren würden, gelänge es ihnen mit den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen, ihre eigenen Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen zu lassen. In anderen Teilen der Gesellschaft würden sich die von ihnen durchgesetzten progressiven Vorstellungen der Lebensführung jedoch katastrophal auswirken. In Teilen der USA hätten soziale Notlagen vor allem in Folge der Auflösung von Ehe und Familie enorme Ausmaße erreicht.
  • Die tiefer werdende Kluft zwischen diesen Eliten und der Bevölkerung äußere sich auch im Erstarken populistischer Tendenzen. Die Wahl eines Populisten wie Donald Trump sei eine logische Folge des Wirkens von progressiven Politikern wie Barack Obama, deren kulturelle Agenda aus christlicher Perspektive nicht neutral bewertet werden könne.

Westliche Gesellschaften würden vorläufig weiterbestehen, weil die in ihnen vorhandene kulturelle Substanz noch ausreiche, um ihr Funktionen vorläufig zu ermöglichen. Die schleichende Zerstörung dieser Substanz erfordere jedoch ein immer stärkeres Eingreifen eines immer mächtiger werdenden Sozial- und Überwachungsstaates. Am Ende dieser Entwicklung könne unter anderem das Ende der freiheitlichen Gemeinwesen abendländischer Tradition stehen.

Der Auftrag des Christentums in einer zerfallenden Welt

Christen hätten den Auftrag zum Dienst an den Menschen in einer zerfallenden Welt. Dieser Auftrag müsse individuell, vor allem aber auch im gemeinschaftlichen Rahmen, etwa im Rahmen von Erneuerungsbewegungen wie dem Opus Dei, geleistet werden.

Im heraufziehenden Chaos würden kulturell entwurzelte Menschen sich verstärkt die Frage nach Identität stellen und nach festem kulturellen Boden sowie nach bewährten Antworten auf die Grundfragen des Menschen suchen. Christen, die treu zu Tradition und Lehre der Kirche stehen, seien in der Lage, ihnen diese Antworten zu geben. Das Christentum verfüge über eine umfassende kulturelle Alternative zu Verfall und Auflösung.

Man lebe in einer Zeit, die es Christen nicht erlaube, weiterhin Schwäche zu zeigen oder weitere Kompromisse mit den Kräften der Auflösung zu schließen oder sich an diese anzupassen. Die Unterschiede zwischen christlicher Weltanschauung und den fehlgeleiteten Visionen säkularer linker und rechter Ideologien müssten schärfer herausgestellt werden.

Der hl. Augustinus habe daran erinnert, dass die Geschichte der große Vernichter von Illusionen sei. Im Sinne Leon Bloys käme es am Ende für den Christen nur darauf an, ob er ein Heiliger gewesen sei oder nicht. Das Beispiel der Heiligen sei das einzige unwiderlegbare Argument für die Wahrheit dessen was Kirche lehre, und alle Christen seien dazu berufen, diesen Weg mit der Hilfe Gottes zu gehen.

Hintergrund

Im Juli 2017 hatte Erzbischof Chaput vor dem drohenden demographischen Erlöschen Europas und einer möglichen islamischen Zukunft des Kontinents gewarnt. Zuvor hatte erklärt, dass es der Auftrag des Christentums in der gegenwärtigen Lage sein müsse, Zellen intakten Lebens in den sich ausweitenden Verfallsumfeldern zu bilden, die als Identitätskern einer späteren Erneuerungsbewegung wirken könnten.

In seinem Buch „Strangers in a Strange Land“ hatte er sich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in westlichen Gesellschaften und christlichen Antworten darauf auseinandergesetzt. Christen müssten sich darauf einstellen, dem biblischen Bild entsprechend in diesen Gesellschaften „Fremde in einem fremden Land“ zu werden. Dies stelle für das Christentum jedoch keine neue Herausforderung dar. Wo Christen diese erfolgreich bewältigt hätten, sei ihnen dies nicht durch Rückzug gelungen, sondern durch die Transformation ihres Umfelds.

Zuletzt hatten wir hier seine Gedanken zum Rittertum als zeitlosem Vorbild dienstbereiter Männlichkeit vorgestellt. (ts)

15 Kommentare

  1. Bazillus hat es auf den Punkt gebracht. Werter Philosil, genau diese Erkenntnis ist letztlich die Konsequenz, aus dem, was meine Wenigkeit versucht hat, zu beschreiben und Bazillus gnadenlos auf den Punkt gebracht hat. Bazillus ist mein Nickname. Ich hatte nur vergessen, dass ich mich mit meinem Klarnamen hier angemeldet habe. Sorry, alte Gewohnheit.

    Dieser Blog nennt sich Sankt Michael – Christliche Antworten auf drängende Fragen in Europa. Sankt Michael, ein Erzengel, immer im Streit gegen den alten Drachen, den Durcheinanderwerfer Satan. Liegt in diesem Blognamen nicht bereits ein Teil der Lösung?

    Papst Franziskus ist durchaus zu kritisieren in seinen politischen Ambitionen. Aber der Name Satan, den er des Öfteren im Munde führt, kann auch heilsame Sprache sein. Wer den Ursprung des Bösen nur im Menschen selbst verortet, ist m. E. religiös auf dem Holzweg. Wer Jesus bewusst nachfolgt, kann die Hölle, kann Satan vergessen. Die Verkündigung der Hölle ist nicht wichtig. Die Kirche ist jedoch Seelsorge für alle, eben auch für diejenigen, die Jesus nicht nachfolgen und darum kann sie die Hölle in der Glaubensverkündigung aus seelsorgerischen Gründen nicht vernachlässigen.

    Der Islam ist manisch krankhaft auf die Hölle fixiert. Das war und ist und wird auch immer der falsche Ansatz bleiben, genauso wie der, die Existenz der Hölle zu negieren. Jesus als Ziel zu stärken, die Hölle nicht ganz aus dem Blickwinkel verlieren als Voraugenhalten, dass ein Seelenleben auch schief gehen kann ohne Jesus ist m. E. die richtige Mischung. Nur der Mut, die Hölle wieder überhaupt in die Glaubensverkündigung aufzunehmen im Sinne Christi ist m. E. mehr als wichtig und erforderlich und für so manche Seele möglicherweise ewig überlebenswichtig.

    So makaber es klingt und ist. Der Abschied vom Teufel oder der Abschied von der Hölle macht das Christentum überflüssig, das Kreuz und Leid Jesu sowie die Auferstehung wäre wohl nicht notwendig gewesen. Wer Jesus nicht ernst nimmt auch in seinen Aussagen über die Hölle, hat Jesus m. E. nicht verstanden. Die Kirche sollte diesen Punkt realistisch sehen. Das Wort Jesu: „Fürchtet den, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann,“ sollte von allen Seelsorgern ernst genommen werden.

    Wir können sogar bei der jetzigen Glaubensverkündigung noch weitergehen. Es braucht nicht eine gute Tat, um in den Himmel zu kommen. Ja, in letzter Konsequenz kommen Menschen, die sich keinen Deut um Gott und seine Gebote geschert haben und die miesesten Taten bis hin zum Massenmord an Menschen begangen haben in den Himmel. Und der Himmel ist dann auch für die Menschen vorgesehen, wenn sie sich selbst umbringen, um schneller in den Himmel zu kommen. Ganz schön schräg, diese Vorstellungen, aber sind sie nicht letztlich die Konsequenz?

    Selbst im Gleichnis vom Barmherzigen Vater oder dem Verlorenen Sohn ist die Umkehr, die Reue des Sohnes selbst aus den miesesten Gründen (aus Angst vor dem Verhungern) der Grund der Barmherzigkeit des Vaters. Was aber ist mit denen, die nicht bereuen und nicht umkehren? Was ist mit denen, die ohne Reue ohne das Bewusstsein der Existenz der Hölle sündigen. Der Ehebrecherin hat er mit auf den Weg gegeben und sündige nicht mehr.

    Dem Schächer am Kreuz hat er das Paradies versprochen, dem anderen nicht. Jesu kryptische Aussage zu Judas. Es wäre besser, er sei nie geboren worden, lässt den Gläubigen auch nicht gerade beruhigt zurück. Das Gleichnis des Lazarus sollte zu denken geben. Und wer die Exorzismen Jesu als Heilung von Krankheit wertet, ist m. E. falsch informiert. Seit wann kann mit Krankheiten gesprochen werden? Auch die Seligpreisungen, die neuerdings nur noch mit „glücklich hier auf Erden“ interpretiert werden, sollte man als das verstehen, was sie bedeuten, nämlich nicht nur das Glück im Diesseits, sondern auch die Seligkeit im Jenseits bei Gott.

    Wie wir es drehen und wenden: Ohne Hölle, ohne das Voraugenführen der Hölle, (nicht die krankhafte Angstmacherei vor der Hölle), keine Erlösung, keinen christlichen Himmel, kein Frieden, selbst nicht auf Erden.

    Wer hat das noch gesagt? Die größte List des Teufels ist die, uns glauben zu machen, dass er nicht existiere.

  2. Lieber Bazillus,

    In der Tat machen Sie mir gerade eine Sache bewusst: Die lasche Verkündigung des Glaubens ohne Hölle ist in diesem Zusammenhang verantwortungslos. Und Ihre provozierende Frage geht doch im Grunde noch weiter: Was macht das Leben für einen Sinn, wenn doch alle eh in den Himmel kommen? Wo kann dann der Mensch noch wachsen?

  3. Werter Philosil,
    wunderbare Beschreibung der Hölle als den Zustand der Seelenexistenz in der Gottesferne, die wie Liebeskummer hoch unendlich in der Seele brennt. Die Hölle hat Gott nicht geschaffen, sondern ist, wie Sie völlig richtig ausführen, aus der sündhaften Abkehr von Gott und seine Geboten entstanden. Soweit sind wir uns völlig einig.

    Kann also mit der Haag’schen „Abschaffung der Hölle“, sei es durch Totschweigen oder durch Nichtverkündung nicht indirekt die Legitimierung des traurigen Jetztzustandes der laschen Glaubensverkündigung durch die Kirche direkt zu tun haben? Fühlen sich die Kirchenoberen durch solche Theologieansätze nicht zu sicher, um dann dem Zeitgeist des Jetzt hinterherzulaufen. Ist die „Versuchung“ so zu handeln entgegen dem Gebot Jesu nicht für die Seelsorge mehr als gefährlich?

    Muss dieser Ansatz nicht auch mit in diese Diskussion einfließen, wenn es um den Verlust der christlichen Identität geht? Darum bleibt meine provozierende Frage:

    Wenn alles in den Himmel kommt, wie viele Priester dies so sehen,, weil die „Hölle“ ja leer ist, ist nicht nur Satan überflüssig, sondern jeglicher Glaube und die Kirche erst recht. Sägt die Kirche dann mit dieser höllenlosen Verkündigung nicht an dem Ast, auf dem sie sitzt? Darf ich soweit gehen, dies zu schreiben? Ich ergänze: Nach der Abkehr von Gott, also nach dem Sündenfall im Paradies und hier auf Erden: Ohne Hölle kein Glauben an Gott?

    Ist diese Sichtweise nicht mit oder sogar die Hauptursache für diese Art der Glaubensverkündigung, die niemandem eine Last aufbürden will für Jesus, eine Verkündigung, die den breiten Weg des Sichtreibenlassens ohne Konsequenz befürchten zu müssen?

  4. Werter Waldgänger, werter Philosil,
    ich kann jedes Wort unterschreiben, was Sie beide zum Thema noch Wichtiges beigetragen haben und danke Ihnen für Ihre konstruktiven Beiträge.

    Das Gesundschrumpfen, so denke ich, wird auch eintreten, ob wir das wollen oder nicht, leider. Aber mit wenigen kann im Grunde wie zu Zeiten Jesu wieder der christliche Glaube in seinen Fundamenten im direkten Bezug auf Jesus Christus wieder erstarken, um dann Zeichen in einer weitgehend atheistisch geprägten Wohlstandsgesellschaft setzen zu können. Nicht, dass dies mein Wunsch ist, sondern da braucht wohl niemand prophetische Fähigkeiten, um diese Erscheinungen nüchtern feststellen zu können, zumindest hier in Westeuropa.

    Aber begann nicht der Zerfall des Christentum in Westeuropa erst so richtig nach dem 2. Vatikanum? Nicht, dass ich darin die Ursache sähe. Jedoch ist der Zeitpunkt doch interessant. 2. Vatikanum, 68-Generation, Sartre, Simone de Beauvoir, Feminismus, Linksdogmatik. Und da haben leider die KIrchen irgendwie keinen Gegenpol setzen können und vielleicht auch wollen. Im Grunde fing da letztlich diese zersetzende Laschheit in der Verkündigung doch an. Inwieweit die Kirche das hätte ändern und besser machen können, ist eine zweite Frage.

    Kommunionbänke, Kanzeln, die einem Bildersturm in einigen Kirchen glichen, wurden herausgerissen. Damit hat die Kirche in Deutschland auch architektonisch den Weg hin zur Laschheit hin, polit-zeitgeisthörig dem Protestantismus zugewandt, ein wenig eingeschlagen. Gott wurde nur zum Mittel zum Zweck benutzt, damit es dem Menschen, dem „Vergöttlichten“, besser ging. Die Ehrfurcht vor Gott ging verloren, die Ehrfurcht vor dem Menschen als dem zunehmenden Maß aller Dinge, auch in der Kirche, setzte ein.

    Ein Thema wurde bislang strikt ausgepart. Wie geht der Christ mit dem Dogma der Hölle um. Muss die Kirche in der Verkündigung nicht die Hölle und Satan vor Augen führen und führt sie damit nicht wieder den Angstglauben ein? Sich vor dieser Frage zu drücken, scheint mir schädlich zu sein. Seitdem die Kirche die Sünde nicht mehr im unmittelbar Privat-Individuellen sieht, sondern das Böse aus dem Menschen kommend, verallgemeinert und eher als innerirdisch-psychologisches Problem ansieht, bleiben Beichtstühle, Beichtzimmer immer leerer. Jesus hat vor der Macht Satans eindringlich gewarnt. Die Kirche hat das nicht mehr nötig, obwohl gerade dieser Papst Satan des Öfteren auf der Zunge führt. Die Kirchen haben Angst, sich diesem Thema konkret zu widmen, damit ihnen, wie Sie, werter Waldgänger schrieben, die letzten „Kirchgänger“ abgeschreckt werden. Umkehr allgemein, aber wenig Konkretes. Richtig ist zwar auch, dass der Hölle und Satan im Glaubensleben nicht zu viel Raum zugebilligt werden sollte, aber ist der totale Wegfall noch christliches Gedankengut? Höllenpredigten will und sollen auch nicht auf die Gemeinden niederprasseln. Aber hilft Verschweigen der jenseitigen Realität dem Glaubensleben weiter? Klar ist auch, wenn ein Christ mit all seinen Kräften wenigstens versuchsweise Jesus nachfolgt, auch wenn er immer wieder fällt, ist Satan Marginalität und sollte es auch bleiben.

    Aber wie geht die Kirche mit den vielen Seelen draußen außerhalb des Christentums um und mit den Gläubigen innerhalb der Kirche, die keine Verbindung mehr zur Kirche und zum Glauben haben? Sicher ist es so, dass ein Angstglaube wie im Islam überwunden werden musste. Das war auch richtig so.

    Aber inwieweit darf die Kirche den Menschen vor Augen führen, dass die Hölle, so meine Überzeugung, durchaus existent ist und sie ist mit Sicherheit nicht leer ist und der Teufel sich eben nicht verabschiedet hat, wie der Theologe Haag (im Dunstkreis von Herrn Küng) behauptet hat. Abschied vom Teufel mag ja eine interessante Vorstellung sein. Biblisch begründet ist sie nicht. Die Eliminierung des personalen Bösen führte zur zweifelhaften Freiheit in der Kirche, die jedoch letztlich am „nur Guten“ zerbricht. Das Böse wird nur noch im innerseelischen Bereich des Menschen gesehen.

    Wenn alles in den Himmel kommt, ist nicht nur Satan überflüssig, sondern jeglicher Glaube und die Kirche erst recht. Darf ich soweit gehen, dies zu schreiben? Ohne Hölle kein Glauben an Gott? Bitte helfen Sie mir in dieser Frage. Wäre das wirklich streng genommen nicht die logische Konsequenz? Und könnte nicht der Satanist bis zum Atheisten, der Christ bis zum Agnostiker und jeder Mensch, egal, welchem Glauben oder Ideologie er angehört, ob Mutter Theresa oder Stalin oder andere Tyrannen dann in den Himmel eintreten und wäre das Gericht Gottes dann noch erforderlich? Ich glaube schon, dass dies eine Kernfrage des christlichen Glaubens im Glaubensbewusstsein sein sollte, nicht jedoch, Satan zur Hauptperson und die Hölle zum erstrebenswerten Zustand im Jenseits avancieren zu lassen.

    Danke für Ihre Stellungnahmen und für Ihre sinnvollen Erweiterungen.

    • Lieber Herr Kemmer,

      In der Tat sprechen Sie ein großes Thema im Glauben an und geben zu Gleich einen Teil der Antwort: Nicht in einen Glauben der Angst zurückzufallen. Ich bin der Meinung, dass wir unseren Glauben tatsächlich nur besser erklären müssen. Die Hölle ist schließlich nicht ein eigenständiger Ort. Durch den Tod gelangen wir in einen Zustand in Gott. Lieben wir Gott und streben zu Ihm, werden wir eins mit Ihm. So ist der Zustand das Paradies, Licht und Liebe. Sind wir aber getrennt, empfinden wir Gottes Liebe als Feuer. Hölle ist also die Trennung (Sünde) oder Abwesenheit Gottes. Sünde ist daher nicht zu verwechseln mit einer belasteten Kreditkarte oder einem wuchernden Leberfleck auf der Stirn, die ausgebrannt werden. Es ist ein Abweg auf der Reise zur Einigung mit Gott (die Ostkirche nennt diese Vergöttlichung „Theosis“), ähnlich dem Rotkäppchen, das sich von den Blumen im Wald vom Weg abbringen lässt. Dieser Weg lässt sich aber sehr wohl mit einer innerlichen Eigenverantwortung beschreiben und entsprechend wieder aufnehmen. Der Teufel als Verführer wirkt in all den Schwächen, die uns eben vom Weg abbringen. Er ist damit weniger dämonisch als das abergläubische Bild des Mittelalters oder Hollywood suggeriert, dennoch erfahrbar und das auch auf einer psychologischen Ebene. Dann vor allem, wenn die Psychologie nicht nur auf einer materiellen Ebene verstanden wird, die der Optimierung des Menschen dienen soll, sondern auch geistig ist und den Menschen ein Bewusstsein für seine Freiheit schafft. Der freie Wille des Menschen hat nämlich immer die Wahl, sich für den Weg zu Gott zu entscheiden (Metanoia).
      Somit bleibt die Hölle, ist aber nicht mit dem dämonischen Fantasiebild gleichzusetzen und auch keine reine Drohkulisse eines streng urteilenden Gottes. Sie ist Ergebnis einer bewussten oder unbewussten Abkehr.

  5. Lieber Waldgänger, lieber Herr Kemmer,

    Ich erlaube mir noch ein, zwei Kommentare.
    Der erste betrifft den Religionsunterricht, der meines Erachtens nach immer mehr dem Zeitgeist angepasst ist. Ökumene, Multikulti, Vergleich zu anderen Religionen. Eigentlich wäre der letzte Punkt gar nicht so uninteressant, würde ein Vergleich durch die tatsächliche Vermittlung des eigenen Glaubens zustande kommen. Da aber immer mehr Soziales, gar Sozialpolitisches zu Tage tritt, geht das Zentrum des Christentums verloren: das Geistige.
    Das führt zum nächsten Punkt, dem Verlust des Glaubens auch innerhalb der Kirche. Dazu ein Beispiel: Ich habe über ein Projekt mit einem evangelischen Pfarrer gearbeitet. Nach einigen Gesprächen merkte ich an, dass für mich selbstverständlich Christus von den Toten auferstanden ist. Das schien ihm zu krass. Jedendalls brach der Kontakt ab und auch das Projekt wurde ziemlich einseitig vollendet.
    Das führt mich zur Ökumene. Ich halte viel von ihr, da sie das Verständnis des Glaubens wieder zum Kern führen kann. Jedenfalls zwischen den Katholiken, byzantinisch Orthodoxen sowie den altorientalischen orthodoxen Kirchen, wie den Armeniern, Syrern und Kopten. Auch wenn ich keinem evangelischen Christen das Christsein absprechen möchte, so glaube ich, dass eine Ursache der westlichen Probleme in der evangelischen Lehre zu finden ist. Auch die Probleme der katholischen Kirche sehe ich in der Adaption evangelischer Haltungen.
    Schauen wir doch mal zum Vergleich in den Osten. Griechenland, Serbien: volle Kirchen. Dort, wo 70 Jahre der Atheismus geherrscht hat, (Russland, die Ukraine, Bulgarien, Georgien, Armenien, Rumänien): volle Kirchen. Und man kann nicht behaupten, dass diese Länder nicht ebenfalls technisch modern wären oder durch die Reihe undemokratisch.
    Zu guter Letzt die Kirchensteuer. Die größten Einnahmen seit Jahren bei den leersten Kirchen (Achtung Neudeutsch:) ever. Marx tritt für die Homoehe ein, nimmt sein Kreuz auf dem Tempelberg ab, Wölky als der Chefsozialist der Umverteiler, die gegen Menschen beten (unser Kreuz hat keine Haken) und Boote gleich goldenen Kälbern zu Altären umfunktionieren. Einen Zentralrat der Katholiken, der eine demokratische Partei nur deshalb zum Kirchtag einlädt, weil sie nunmal im Bundestag ist, plus einer Jugendorganisation, die diese Entscheidung kippen will. Schafft bitte diese Kirchensteuer ab! Wo ein Pater ist, der eine Gemeinde geistig begleitet, wo Spiritualität und Tiefe zu finden ist, da füllt sich die Kirche. Dort sitzt der AFDler neben einem christlichen Flüchtling und verherrlicht Gott. Da kommen auch genügend Spenden zusammen. Und lasst die evangelische Kirche bei einer Ökumene außen vor. Die ist nun schon jedem Zeitgeist eiligst vorausgeeilt und zwar schon seit den Hexenverbrennungen; die haben nämlich in deren Gebieten am stärksten gewütet. Über die Deutsche Kirche oder Genderpolitik will ich bei denen gar nicht erst reden.

  6. @Walgänger:
    Zu ergänzen wäre bei den Ägyptern noch folgendes.
    Sie empfanden die Herrschaft Byzanz‘ als Unterdrückung. Nach der Eroberung der Muslime waren sie zunächst freier. Dies mag daran liegen, dass die Eroberer selbst wohl noch nicht völlig islamisiert waren. Es gibt neuere Forschungen, die davon ausgehen, dass zu Beginn der arabischen Expansion ein erheblicher Teil der Araber noch christlich war. Insbesondere die Beamten in Bagdad sollen christliche Araber gewesen sein, die – neben den Juden – als einzige die Bildung besaßen, das Reich zu verwalten (die Forschung bezieht sich dabei auf die Überlieferung griechischer Schriften) (dazu: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur. Frankfurt 2011).
    Des Weiteren hat die Islamisierung sehr viel Kraft aus der Spiritualität der Sufis gezogen. Sie hatten Ähnlichkeiten mit der christlichen Spiritualität und machten es somit Christen leichter zu konvertieren. Die dogmatisch sunnitische Lehre zieht erst später ein und löst ab und unterdrückt die Sufis (Vgl. dazu auch die Entwicklung in Pakistan).

  7. Lieber Herr Kemmer,

    es ist mir wichtig, Ihnen mitzuteilen, dass ich Sie keineswegs von Ihrem Glauben abbringen möchte. Im Gegenteil – Ihre Überzeugungen beeindrucken mich und ich habe den Eindruck, dass Sie hinter das blicken, was der Pfarrer „Geheimnis des Glaubens“ nennt. An dieser Stelle beginnt man mitunter, die Wahrheit HINTER den Wörtern und Begriffen zu erkennen …

    Nun ist das Thema unseres Gedankenaustauschs aber nicht die Glaubensstärke einzelner Personen und auch nicht der Punkt, in welcher Weise diese glaubensstarken Einzelnen biblische und kirchliche Lehren betrachten und deuten, sondern es ist die Frage, warum so viele Europäer ihre christliche Identität verloren haben bzw. immer noch verlieren.

    Ich glaube nicht, dass man hier die Glaubensstärke Einzelner zum Maßstab machen kann. Von daher denke ich, nein, fürchte ich, dass die von mir weiter oben geäußerten Annahmen doch einiges für sich haben.

    Das Christentum ist einer großen Mehrheit der modernen Menschen intellektuell zu schwer, zu schwierig geworden in einer vordergründig leichten und durch aufgeklärte Rationalität gekennzeichneten Zeit. Es ist (zu) schwer zu verstehen für viele unserer Zeitgenossen. Allein die „kulturchristlichen“ Bestände (also z.B. kirchliche Feiertage, die Kirche im Dorf, das Läuten der Glocken) werden von der Mehrheit unserer Landsleute noch geschätzt – und angesichts der Identitätskrise unserer Gegenwart ab und an sogar wieder verteidigt. Man ziehe daraus aber keine zu hoffnungsvollen Schlüsse.

    Es droht sich heute auf schaurige Weise die Situation zu wiederholen, die im frühen Mittelalter das ehemals christlich-byzantinische Nordafrika, Ägypten und Syrien betraf. Ein erhebliche Teil der Bevölkerung wechselte dort nach dem Jahr 700, also nach der Eroberung durch moslemische Araber, vom theologisch zu anspruchsvollen (und in unterschiedliche Konfessionen zerrissenen) Christentum zum Islam. Einige Leute sicher auch wegen der Kopfsteuer und der Karriere, andere aber auch der Einfachheit des Islams wegen.
    Der Islam ist in theologischer Hinsicht ja sehr anspruchslos und simpel.

    • Werter Waldgänger,
      selbstverständlich haben SIe recht. So sieht meine Wenigkeit den Glauben ganz privat.
      An einigen Stellen habe ich versucht, auf Ihre Einwände zu antworten wie z. B. auf Ihren Einwand der mystischen Erfahrung und habe Stellung genommen zu den Dogmen.

      Dann bin ich aber doch auch zu sehr ins Persönliche abgeschweift und wollte wohl zeigen, dass die „Geheimnisszugänge“ nicht so verschlossen sind, wie sie zunächst scheinen. Und wenn mir das als Laie möglich ist, so sollte dies doch auch den studierten Theologen möglich sein.

      Auf der anderen Seite habe ich doch hoffentlich auch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Kirche selbst, eben weil sie die „Geheimnisse“ um Dreieinigkeit und Erlösung so stiefmütterlich behandelt und im Grunde von ihren Gläubigen kaum noch etwas fordert, im Gegensatz zu unserem Herrn Jesus Christus, viele Menschen einfach nur interessenlos zurückgelassen hat. Ich wollte im Grunde nur demonstrieren, dass es zwar immer Geheimnisse bleiben werden, aber deren Zugang doch nicht zu schwer verstehbar ist. Wenn die Verkündung des Glaubens dahingehend verstanden werden solle, das alles gut ist und synkretistisch beliebig, dann fragen sich die Menschen, warum sie dann noch glauben, zur Kirche gehen oder mich ansonsten spirituell betätigen sollen.

      Mir ging es darum, deutlich zu machen, dass die Kirchen vom Bischof bis zum Pfarrer eben Glaubenssubstanz nicht mehr ausreichend verkündet haben und so mitgeholfen haben, dass der Glaubensschwund überhaupt in dem Maße hat einsetzen können. Jetzt ist es im Grunde zu spät. Die jungen Leute sind weg. Da sind mehrere Generationen letztlich unwissend (und damit meine ich jetzt nicht hochtrabendes Glaubenswissen) geblieben.

      Wenn eine religiöse Gruppe oder Organisation wie die Kirche in der Öffentlichkeit nur mehr als Sozialverein wahrgenommen wird und nur dort seine Berechtigung bei den Menschen, die mit Glauben nichts am Hut haben, erfährt, nicht aber mehr als Jesusglaubenvermittlungsinstitution, dann wird sie auch nicht mehr ernst genommen und viele sind dann abgewandert. Denn soziales Verhalten kann ich auch in weltlichen Sozialvereinen an den Tag legen. Wenn sie den Glauben aber nicht mehr ausreichend vermittelt, vermittelt sie auch Jesus Christus nur noch halbherzig. Wie soll da Begeisterung für Jesus und den Glauben aufkommen in den Menschen?

      Und in diesem Punkt, so meine ich, muss ein Umdenken innerhalb der Kirche stattfinden.

      Machen Sie doch einmal eine Umfragen samstags in der Fußgängerzone und fragen die Menschen nach Ostern, Pfingsten oder Weihnachten. Sie würden erstaunt sein, wie viel Nichtglaubenswissen Sie zu hören bekämen, insbesondere bei jungen Menschen. Da ist einfach keine Substanz mehr vorhanden. Diese Substanz hätte in der Schule im Religionsunterricht grundgelegt werden können. Aber offensichtlich hat diese Lehrstruktur des kirchlichen Religionsunterrichts in den Ländern versagt.

      Im Grunde müssen wir die Menschen bei 0 abholen.

      Sie schreiben: Das Christentum ist einer großen Mehrheit der modernen Menschen intellektuell zu schwer, zu schwierig geworden in einer vordergründig leichten und durch aufgeklärte Rationalität gekennzeichneten Zeit.

      Was ist am Christentum denn so schwer zu verstehen? Wer sich an Jesus hält, ist doch im Grunde schon gerettet. Selbst wenn er die Dreieinigkeit und den Erlösungsgedanken nicht erfassen kann, so bleibt doch immer Jesus als Weg, Wahrheit und Leben. Daraufhin kommt doch jeder bewusst lebende Christ im Christentum klar. Wenn ein Christ mit den Dogmen der Kirche Schwierigkeiten hat, so soll er einfach nur im Evangelium nachschauen und Jesus nachfolgen. Hat Jesus denn so schwer Theologisches gesagt? Ich glaube nicht. Die Schwierigkeiten der intellektuellen Theologie ist doch eher von den Menschen geformt worden.

      Nehmen wir Jesus doch einfach beim Wort und folgen ihm. Das ist doch intellektuell wohl kaum schwierig, schon eher gefühlsmäßig und willensmäßg. Die Feindesliebe muss erst einmal innerlich verdaut werden. Ich glaube nicht, dass die 21 koptischen Märtyrer in Libyen hochtheologisches Denken ihr eigen nannten. Aber sie sind Jesus gefolgt bis in den Tod. Darauf kommt es doch im Christentum an. Die Nachfolge Jesu. Und die ist nicht schwer zu begreifen, wohl jedoch zu leben. Immer bzw. vielfach das Du in den Vordergrund stellen, ist nicht einfach und ist eine Herausforderung. Die selbstbewusste Zurücknahme des „Ichs“ ist schon viel schwieriger, jedoch nicht intellektuell, sondern schwer zu leben.

      Warum haben die Christen ihre Identität verloren? Hat Bischof Chaput schon beschrieben. Ich brech das mal auf deutsch herunter (bitte diesen Satz nicht zu ernst nehmen) .

      1. Durch die Laschheit der Glaubensvermittlung der Kirchen ist allgemeine Glaubensverdunstung eingetreten.
      2. Durch die immer stärker werdenden atheistischen Ideologien, mit denen sich die heutigen säkular wähnenden Menschen leider immer stärker identifizieren können.
      3. Durch die Fortschritte der Wissenschaft, die jedoch auch heute noch an ihre Grenzen stoßt, aber bei den Menschen das Gefühl geweckt habt, dass alles wissenschaftlich machbar und Gott überflüssig geworden ist; der Materialismus hat Hochkonjunktur
      4. Durch den Wohlstand, der die Menschen spirituell zumindest denkfaul und lethargisch hat werden lassen.
      5. Ablenkung von morgens bis abends durch Arbeit, Brot und Spiele. Gott spielt einfach keine Rolle mehr im Leben der Menschen.
      6. Die Nichtertragbarkeit der Stille (ich bin der Ausbildung tätig: Fast jeder Azubi bekommt „Entzugserscheinungen“, wenn kein Radio läuft!)
      7. Der Glaube ist verdunstet, der Aberglaube kommt vielfach zur Tür herein. Spiritismus und Co. sind wohl auch auf dem Vormarsch und da kommt dann die These der Gotteserfahrbarkeit von Waldgänger wieder ins Spiel.
      8. Sexualität der Beliebigkeit und dadurch Erstarken der Bindungslosigkeit.
      9. Die Ansprüche an den Partner werden immer größer, so als Gottersatz. Kann kein Mensch aushalten,schon gar nicht erfüllen, volle Überforderung, Ehen, wenn überhaupt geheiratet wird, gehen in die Brüche.
      10. Zerstörung der Familie im biblischen Sinne. (8 – 10 = ein Komplex)
      11. Paradigmenwechsel im Bewusstsein des Unrechts (Abtreibung ist legal, Euthanasie von Alten ist legal, Bigamie, Kinderehe, Polygamie wird mit der Zeit immer „legaler“.

      Herr Bischof Chaput hat das alles jedoch viel profi-mäßiger ausgedrückt, als ich es je könnte.

      Die Wege des Herrn sind unergründlich. Vielleicht ist der Islam, dem so viele Gläubige bewusst mit gelerntem Glauben hinterherlaufen, ein Instrument oder ein Ansporn, den eigenen Glauben wiederzuentdecken. Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese Drei. Am größten aber ist die Liebe.

      Wie sollen wir Strategien entwickeln, diesen entchristianisierten Zustand in Europa umzukehren? Das scheint mir die alle entscheidende Frage zu sein.

      Mir fällt da nicht viel ein außer, dass erst die Kirche in Europa beginnen sollte, eine innerglaubensstärkende Bestandsaufnahme erst in den klerikalen Kreisen, die dann auch Auswirkungen haben könnte auf die Gläubigen (oder sogar umgekehrt). Aber die sind meist alt. Ich denke, dass in Europa sich das Christentum gesundschrumpfen muss, um dann zu voller Blüte wieder aufzuerstehen. Eine andere Möglichkeit sehe ich leider nicht. Ich hoffe, dass ich mit meinem Pessimismus auf viel Widerspruch und noch mehr Hoffnung stoße.

      Offenisichtlich brauchen Christen Armut, Verfolgung oder sonst irgendeine Not, um ihr Christsein neu zuentdecken, Wie krank können Christen sein? Anstatt in den Dankesmodus zu wechseln, lassen sie Gott sausen, lassen sie ihre christliche Identität ohne Not den Bach runter gehen.

      Als konkreten Ansatz, wie junge Leute wieder gewonnen werden könnten, sehe ich die Stärkung der Bewusstseinserkenntnis der Verfolgungssituation von Christen in islamischen und kommunistischen Machtbereichen, vor allem da in echter und praktischer Ökumene in Zusammenarbeit mit der Jugend gesamtchristlicher interkonfessioneller Kirchen wie den Aramäern, den Kopten, den orthodoxen und den evangelischen und anderen. Zumindest wäre da ein griffiger Ansatz möglich, indem sich die jungen Leute einmal die Situation von Christen dort anschauen und so könnten sie dann den eigenen Glauben neu entdecken und sich dort engagieren bei Kirche in Not, open doors oder CSI und anderen christlichen Menschenrechtsorganisationen. Sie sollten sich anschauen, wie Kirche, wie Christsein in Diskriminierungssituation „geht“, welchen Mut das erfordert und welche Herausforderung es bedeutet, Christ zu sein. Und nicht wie hier „Christsein zum Nulltarif“.

      Ob diese Strategie aufgeht, kann ich nicht sagen, aber einen Versuch wäre es wert, vielleicht im Kleinen, welches sich dann entwickeln könnte. Da hätte meine Wenigkeit etwas Hoffnung. Ich hoffe, dass ich jetzt im Thema geblieben bin. :) (Sollte ein Smiley werden, hat aber wohl nicht geklappt!)

      Die Ökumene, auf tragfähige Füße gestellt, sprich, jede Konfession behält ihre Dogmen, ihre Strukturen, ihre Traditionen, jedoch im Sozialen, in der Liebe zu Gott und dem Nächsten, im Menschenrechtsbereich, da muss praktische Ökumene des Zusammenhalts, der Einigkeit betrieben werden. Da werden Chancen vertan ohne Ende.

      2000 Jahre theologische Unterschiedlichkeit und Kampf bis hin zum Hass gegeneinander sind genug.
      Jetzt müsste die Zeit der praktischen Ökumene angepackt werden. Ich glaube, das wäre der Weg der Christenheit der Welt, aber wohl leider nur eine Utopie, ein Wunschtraum. Aber ohne das wird das Christentum weder glaubwürdig noch anziehend.

      Wenn Jesus das christliche Trauerspiel auf Erden sieht, wird er bestimmt nicht in Jubel ausbrechen. Selbst Streit in der Grabeskirche in Jerusalem. Einfach nur abstoßend. Die westlichen Kirchen kümmern zu wenig um die verfolgten Mitgeschwister und die anderen Kirchen sind sich auch untereinander nicht grün. Diözese München hilft Diözese Hamburg. Wunschtraumdenken? Auch innerhalb der einzelnen Kirchen vielfach Streit und Zwietracht im Kleinen wie im Großen. Das muss sich ändern.

      • Lieber Herr Kemmer,

        welche große Bedeutung Sie der „Laschheit der Glaubensvermittlung“ und dem Wohlstand beimessen, ist mir bewusst geworden. Ich hatte es auch schon in Ihrem Kommentar vom 24. 2. bemerkt, war aber wenig darauf eingegangen.

        Ich denke, es ist völlig offensichtlich, dass Sie damit Recht haben, wenn Sie betonen, dass die Kirchen „Laschheit in der Glaubensvermittlung“ zeigen, dass sie wenig fordern und zu wenig Substanz vermitteln, dass sie auch nur noch selten glaubensstarke Vorbilder präsentieren usw.
        Das ist erstens faktisch richtig und zweitens werden diese Unterlassungen auch gewiss eine Wirkung haben.

        Im Gegenteil zu Ihnen denke ich aber, dass diese Sache zwar EINE Rolle spielt und auch ein Grund ist, aber nicht unbedingt der größte und entscheidende.
        Für den größten halte ich – wie schon erwähnt – die immer stärkere Verbreitung einer naturwissenschaftlich-skeptishen Denkweise in Verbindung mit dem Vordringen atheistischer Ideologien und einer zivilreligiösen atheistischen Ersatzreligion, die „DEN Menschen“ vergöttert.

        Das sind Punkte , die auch in Ihrer sehr hilfreichen Zusammenfassung von Bischof Chaput auftauchen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass es bei Chaput die Punkte 2 und 3 sind und dass sie bei ihm nicht an erster Stelle stehen.

        Wenn man nun darüber nachdenkt, WARUM die Kirchen die „Laschheit der Glaubensvermittlung“ zeigen, dann gibt es im Grunde nur zwei Antworten.

        a) Die Kirchenfunktionäre bis hin zu den Pfarrern meinen, dass sie mit einer traditionell-intensiven Glaubensvermittlung die modernen Menschen nicht mehr erreichen können und sie dadurch eher abschrecken würden.
        Mit anderen Worten: Sie verlangen wenig, damit nicht auch noch die letzten Kirchgänger, die letzten Interessenten für die Erstkommunion bzw. die wenigen Konfirmanden „abgeschreckt“ werden.
        Inwieweit diese Sorge berechtigt ist, ist eine ganz andere Frage.

        b) Die Kirchenfunktionäre bis hin zu den Pfarrern haben SELBST den christlichen Glauben – teils sogar den Gottglauben – in erschreckend hohem Maße verloren und sind bereit, bei der politisch gewünschten Schaffung einer (wie auch immer gearteten) ökumenischen Einheitsreligion für die „Eine Welt“ mitzumachen.
        Karrierefördernd ist das heute gewiss …

        Aus echt christlicher Sicht wäre letzteres natürlich Häresie und Verrat.

        Zu Ihren Strategien:
        a) Ein „Gesundschrumpfen des Christentums“ als Strategie sehe ich zwar als irgendwie interessante, aber unbedingt lange und von vielen Seiten aus zu betrachtende Sache. Da gibt es viel zu bedenken.
        Und man kennt ja auch den Spruch „Operation gelungen, aber Patient tot …“
        Wie klein kann man schrumpfen, damit noch genug da ist … ?
        Oder gärtnermäig gesagt: Man kann nur soweit zurückschneiden, wie noch Knospen und Substanz zum Neuaustrieb da sind.

        b) Die Verfolgungssituation von Christen bewusster zu machen, ist natürlich sinnvoll.

        c) Ökumene, so wie Sie es verstehen, finde ich gut.

        Einen vermutlich ganz wichtigen Punkt für den Niedergang des Christentumns möchte ich noch hinzufügen. Es ist dies der immer stärkere Verlust politischer Rückendeckung. Vor 110 Jahren galt noch das Bündnis von „Thron und Altar“. Der Staat wollte und stützte die Kirchen.
        Auch in den 1950er und 1960er Jahren wurden die Kirchen noch in einem erheblichen Maße politisch gestärkt. In Bayern sogar noch bis vor einigen Jahren.

        Die heute Mächtigen betrachten das Christentum aber entweder als unwichtig bis störend oder sie versuchen es in ihrem Sinne zu unterwandern und zu instrumentalisieren. Der nächste politische Hebel zum Erzwingen willfähriger Kirchenleitungen wird das Sägen an der staatlichen Einziehung der Kirchensteuer sein. So erziehen sich die Funktionseliten heute ihr kirchliches Personal.

        Wie stark eine christliche Kirche OHNE staatliche Protektion ist, lässt sich in Frankreich studieren.

        @ PhilosII
        Danke für die gute Ergänzung.

  8. Werter Waldgänger,
    leider glaube ich schon, dass es viele Menschen gibt, in denen der „Wohlstand“ geistliche Trägheit hervorruft. Sie haben recht, wenn viele Menschen außerhalb der Kirchendogmen geistliche Nahrung suchen. Ich meinte aber schon eher den Durchschnittsmenschen, der außer Vereinsleben, TV, Sport, Fußball , Weltmeisterschaften, Kino, Olympia und anderen Konsummöglichkeiten erst überhaupt nicht auf die Idee kommen könnte, dass der Sinn des Lebens auch Höheres im Diesseits und Jenseits zu bieten hat. Ich glaube schon, dass die Sinn-Frage in dieser Wohlstandsgesellschaft für viele völlig überflüssig geworden sind. Im Übrigen hat auch die Ideologie des Atheismus allein im Osten Deutschlands seine Spuren hinterlassen. Wie wollen Sie einem Atheisten von Göttlichem erzählen, der der festen Überzeugung ist, dass nach dem Tode alles aus sei.
    Ich habe einen atheistischen Brieffreund, bei dem der Sinn des Lebens im „gut über die Runden kommen“ liegt und dass nach dem Tode leider nichts mehr zu erwarten sei.
    Also ich bin von Kindheit an, bin jetzt 64, jeden Sonntag zur Kirche gegangen. Die Kirchen waren rappelvoll, und das nicht nur zu Ostern und Weihnachten. Selbstverständlich wurden hinten in der Kirche vor dem Frühschoppen die neuesten Schweinepreise besprochen und vieles andere mehr. Aber da war das Glaubensleben schon noch intakter. Und stellen Sie sich einmal vor, da gingen noch Kerle in die Kirche, die Männer links, die Frauen rechts.

    Wenn Sie schreiben, dass es um den Niedergang des Christentums geht, den ich im Grunde auch beschrieben habe, dann haben dieser Glaubensverlust und damit einhergehend der Glaubensidentitätsverlust direkt miteinander zu tun. In der Kirche macht sich wohl leider kaum jemand die Mühe, auch nur den Versuch zu starten, die Dreieinigkeit oder andere Glaubensgeheimnisse wei die Erlösung den Menschen verständlich darzubringen. Dabei gäbe es durchaus ansprechbare Ansätze.

    Das wäre auch ein Themenfeld, um den Menschen den Sinn des Christentum zu verdeutlichen. Nun bin ich theologischer Volllaie und kann dies nicht so bewerkstelligen, wie dies studierte Damen und Herren der Theologie könnten. Aber eines ist sicher: Wäre nicht irgendjemand auf die Dreieinigkeit im Gottesbild gekommen, müsste sie erfunden werden.

    Wer Jesu Lehre, Handeln, Tod und Auferstehung aus dem Gottesbild herausschält, bekommt einen unvollkommenen Gott. Es verbleibt beim kriegerischen Gott des AT, der die Gerechtigkeit an die erste Stelle setzt und hier und da neben dem Levitikus der Todesstrafen auch mal Gnade vor Recht gewährt.

    Erst die gedankliche und glaubensmäßige Vollintegration Jesu in das christliche Gottesbild macht aus dem Gott des AT doch erst im absolut Guten den undenkbar Größten und Vollkommenen. Durch Jesus selbst, und darum ist er das inkarnierte Wort Gottes auf Erden wie das Johannes im Prolog so wunderbar beschreibt, ist dieser Gott auch der größte in der Demut, in der Solidarität mit dem leidenden Menschen. Und es ist kein „Labergott“, ein Vorschriftengott, der sich selbst nicht an seine eigenen Vorschriften halten muss, sondern er wird durch Jesus einer, der es ernst meint mit dem Menschen, der sich von ihnen töten lässt und den Weg alles Irdischen zunächst geht, bis er in der Auferstehung seine endgültige Göttlichkeit beweist. Fiele das weg, wäre Gott doch im Grunde auch nur ein Wesen, welches unerreichbar über dem Menschen stehen würde. Auch nur meine Meinung.

    Auch das Erlösungswerk Jesu sehe ich von Ihnen und vielleicht auch von der Kirche zu einseitig interpretiert. Da habe ich mir erlaubt jenseits aller Theologie meine eigene Definition zu geben. Gott ist sündenlos. Darum hat auch er als einziger die Fähigkeit, zu erlösen! Zweifel an der Erlösung der Sünder kann man doch nur dann haben, wenn ich Jesus nicht als „Bestandteil“ Gottes selbst ansehe, sondern nur als Mensch. Wenn ein Gott so weit geht, sich abschlachten zu lassen, sich ans Kreuz schlagen zu lassen, um dann aufzuerstehen, so ist dieses Werk an sich schon die Erlösung für jeden Menschen, dass er, wenn er an Jesus glaubt, was er historisch vorgelebt hat, erlöst ist von dem atheistischen Ansatz, dass nach dem Tode alles aus ist. Der Bund mit Gott erblüht somit aufs Neue, und zwar historisch echt. Auferstehung als Methapfer bringt nix.

    Ich persönlich sehe die Erlösung selbst durch das Leiden Christi auch nicht nur als Einbahnstraße:
    Erlösung Jesus – Mensch. Auch die Erlösung Jesus – Gott ist durch sein Werk bestens gelungen.

    Ich erweitere praktisch den Erlösungsansatz, indem Jesus als Sohn Gottes, als Gott selbst, nicht nur durch das Kreuz, sondern durch sein ganzes Leben von der Empfängnis bis zur Auferstehung nicht nur den Menschen von einem unvollkommenen Gottesbild, welches Angst einflößend war, erlöst hat, sondern indem er auch sich selbst, also den Vater im Hl. Geist als den Gott des AT von seinem Image als unvollkommenem Gott erlöst hat und somit Gott in den Augen der Menschen vervollkommnet hat, sozusagen.

    Und wenn ich diese Gedankengänge verinnerliche, dann bekomme ich vielleicht kein mystisches Erlebnis, aber ich persönlich fühle mich auf dem richtigen Weg.

    Theologisch mag das alles nicht haltbar sein. Aber diesen Glauben habe ich. Ich erspare mir die vielen Evangeliumsstellen, die auf die Dreieinigkeit hindeuten an dieser Stelle anzugeben. Der Sinn der göttlichen Dreieinigkeit ist wie Gott selbst unendlich. Die Liebe Gottes muss in sich selbst fließen. Liebe kann in Gott auch nur auf gleicher Ebene fließen, nicht vom Vater zum Vater, da fließt nix. Aber vom „Vater“ zum „Sohn“, vom „Sohn“ zum Hl. Geist“ hin und her in einem Überfluss, dass die Liebe Gottes nicht in diesem Kreis bleiben will und sich dann auch auf die Menschen niederschlagen will. Die Menschen versäumen es nur, diese Liebe anzunehmen.

    Gott lässt ihn nicht töten. Gott lässt sich selbst töten. Jesus will es so. Die Protagonisten wie Henker, Pilatus, das „Kreuzige-ihn-Volk“ und die feigen Jünger sind doch nur Beiwerk des Erlösungswerks Jesu. Er brauchte die Öffentlichkeit, damit sein Werk bekannt wurde. Durch die Sünde ist diese Welt verkorkst worden. Durch die Sündenlosigkeit Gottes, sprich Jesu, ist die Hoffnung auf ein Leben im Himmel wieder gestiegen. Das nenne ich profan „Erlösung“. Es mag sein, dass die Juden und Muslime diesen Gott so nicht sehen wollen, weil sie Almacht immer falsch interpretieren und Liebe Gottes im Grunde nur von oben herab fließen kann und nicht in der Solidarität mit dem Menschen. Das aber ist ihr Problem, es sollte nicht auch das innerchristliche werden.

    Ich glaube naiv an die Wirkung des Hl. Geistes, der sich in dem Konzil von Nizäa durchgesetzt hat.

    Ja, Menschen wollen Erfahrung, völlig richtig. Das aber ist nur schwer zu bekommen, wenn der Glaube nicht fest ist. Erweckungserlebnisse wie Paulus sie hatte, sind selten. Vielfach sind evangelikale Gottesdienste vielfach aber auch Massen- und Selbstsuggestion. Da müssen wir unterscheiden lernen. Selbstverständlich wären nach menschlichem Ermessen ständige Wundererfahrungen das beste für den Menschen. Klar, aber so einfach läuft das nicht. Aber Gott will um seiner selbst willen geliebt werden. Und Jesus hat uns durchaus zum Teil allein gelassen und seine Gläubigen auf das vorbereitet, was ihnen blühen kann, z. B. Verfolgung. Und mir klingelt angesichts Ihres Textes auch noch das „Selig sind, die nicht sehen, (spüren, hören, schmecken, fühlen,) und doch glauben“. Das, werter Waldgänger, erwartet er von uns, ob uns das schmeckt oder nicht.

    Darum halte ich die meisten Dogmen der Kirche als durchaus sinnvoll, denn sie geben uns einen Glaubensanker. Nur vermitteln sollte die Kirche das auch. Sie sollte die wichtigsten Dogmen erklären, aber da mangelt es. Benedikts Glaube und Vernunft sind schon Teil der Lösung.

    Nur der Glaube wird den Kindern leider nicht mehr beigebracht weder in Schule noch im Elternhaus und in der Kirche nur in mehr als abgeschwächter Form. Und wenn der Nachbar eine göttliche Erfahrung gemacht hat, fragt sich der andere Nachbar, warum Gott ihn nicht liebt, weil er keine solche Erfahrung machen durfte. Mystische Erfahrungen sind oftmals Blendwerk. Dann sind wir nämlich wieder bei Kain und Abel. Das Opfer des Abel nahm Gott an, das des Kain nicht, so dass er zum Mörder seines Bruders wurde.

    Es wird immer Menschen geben, die keine mystischen Erfahrungen machen werden, auch wenn sie sich noch so anstrengen. Und was bleibt denen? Die Dogmen, die jedoch nicht nur wie §§ wahrgenommen werden wollen, sondern sie wollen in Verbindung mit Jesus selbst auch verinnerlicht werden.

    Das könnte ein Lösungsansatz unter mehreren sein. Aber die vernunft- und glaubensgemäßige Anerkennung der Göttlichkeit Jesu ist nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt. Jesus will um seiner selbst als Gottes Sohn geliebt werden. Wenn ich den Kindern dieses elementare Glaubenswissen nicht beibringe, woher soll dann das Interesse für Katechismus und Dogmen und andere Dinge kommen?

    Offensichtlich ist es ein Problem auch für Kirchenführer, Vorbild im festen Glauben zu sein. Denn aus diesem Glauben heraus, sind mystische Erfahrungen leichter zu bekommen, aber eben nicht für alle und das kann sehr schmerzlich sein. Darauf würde ich mich als Christ nicht verlassen.

    • @ Herr Kemmer

      Herzlichen Dank für Ihre große und eindrucksvolle Antwort.
      Natürlich kann und werde ich darauf jetzt nicht innerhalb von Minuten oder Stunden antworten können.
      Später.
      Ich wünsche Ihnen einen guten und gesegneten Sonntag!
      Gruß

      • Werter Waldgänger,

        ist voll ok. Ist ja alles auch nur meine persönliche innere Glaubensdar- und -vorstellung, die jeder Theologe oder andere Christ möglicherweise leicht in der Luft zerpflücken könnte. Ich habe keine Ahnung von theologischen Dingen. Aber für mich ist diese Vorstellung rund.

        Auch ich wünsche Ihnen einen guten und gesegneten Sonntag.

  9. Gute Analyse des Jetztzustandes durch Bischof Chaput.

    Fakt ist aber wohl auch, dass die Menschen solange nicht nach ihren Wurzeln und somit nach ihrer individuell-kulturellen Identität fragen, solange es ihnen materiell wohl ergeht. In meinem beruflichen Umfeld spielen das Christentum nicht die geringste Rolle, wohl eher die Tarifverhandlungen. Die Frage ist doch letztlich, warum Menschen ihre christliche Identität verlieren, weil es ihnen gut geht. Da muss doch die Frage erlaubt sein, welchem Christentum diejenigen angehangen haben, die, nur weil es ihnen gut ging, ihren Glauben verloren haben?

    Die Frage ist doch: Warum ist aus einem (aus der Not heraus) bittenden Christen (z.B. der Nachkriegszeit – nie wieder Krieg) mit festem Glauben nicht nahtlos ein dankender Christ mit eben demselben festen Glauben geworden?

    Die Rolle der Kirche in diesem jahrzehntelangen Ringen kommt mir bei dieser Analyse erheblich zu kurz. War und ist nicht auch die Kirche, nicht Katechismus oder Lehre der Kirche, sondern eher das Bodenpersonal in der Verkündigung zumindest lange bis heute dem politisch sich wandelnden Zeitgeist hinterhergelaufen? Ich möchte nicht wissen, wie viele Christen und Priester und Laien auch der Kirche z. B. die Grünen gewählt haben, obwohl diese die ersten Tabubrüche im Sinne der christlichen Lehre zu ihrem politischen Kampf gemacht haben.

    Die Begrifflichkeiten haben sich geändert. Aus dem „Leib Christi“ der Realpräsenz Jesu auf dem Altar ist im Religions- und Kommunionsunterricht das „heilige Brot“ geworden. Aus der Himmelfahrt Jesu eine besondere Hinwendung zum Vater, aus der Auferstehung wurde das Sinnbild des Lebens. Ein Gott, ein Jesus der Indifferenz, der Biegsamkeit ist übriggeblieben.
    Wurde nicht das neue Lebensgefühl des „breiten“ Weges“ auch in der Kirche als Eintrittskarte in den Himmel verkündet?

    Der Umgang mit Abtreibung war und ist zwar richtig als Ablehnung vorhanden, aber die Vehemenz fehlte. Die Begeisterung, sich für das Leben einzusetzen, fehlt in der Kirche bis heute. Kein Bischof läuft beim „Marsch für das Leben“ mit.
    Welches Sündenverständnis in der Sexualität wurde denn noch kirchlicherseits propagiert? Es wurde nichts mehr dazu gesagt, feige geschwiegen. Selbst die kinderverderbenden linken Lehrpläne greift die Kirche kaum an, möglicherweise in dem Bewusstsein, dann nicht modern genug zu erscheinen? Mit der AfD wird nicht gesprochen, wohl aber mit genau den Parteien, die solche Lehrpläne unterstützen bis hin zur „C“DU. Grüne und Linke sind genauso kirchen- und christenfeindlich eingestellt. Satan kam in der Kirche nur noch als Synonym für das Böse vor, nicht mehr als der personelle Böse.

    Hat die Kirche nicht dem Denken Vorschub geleistet, die christliche Soziallehre ohne Gott hoffähig gemacht zu haben? Stichwort Befreiungstheologie?

    Bischof Chaput: Die Unterschiede zwischen christlicher Weltanschauung und den fehlgeleiteten Visionen säkularer linker und rechter Ideologien müssten schärfer herausgestellt werden.

    Was aber geschieht gerade? Die Kirche läuft auch heute noch dem Zeitgeist hinterher. Was ist denn heute in der „deutschen“ Kirche noch das wahre Christentum? Ich denke, da muss erst innerhalb der Kirche, zuerst in den oberen Reihen eine echte geistige Bestandsaufnahme erfolgen, die den Anspruch haben muss, was Wahrheit ist und da kommt halt immer wieder das Evangelium ins Spiel. Inwiewieit ist dem „historischen Jesus des schmalen und beschwerlichen Weges“ und nicht dem „verkündeten Wunschjesus des breiten Weges“ zu folgen?

    Denn da liegt wohl die Wurzel des Übels zumindest im innerkirchlichen Leben.

    Bereitet die Kirche auf Christenverfolgung durch den Islam ausreichend vor? Kann dies mit diesem laschen Christentum, welches hier verkündet wurde und teilweise wird, überhaupt noch bewerkstelligt werden? Laufen, wenn es darauf ankommt, die „Christen“ nicht reihenweise zum Islam über, wenn sie vor die existenzielle Wahl gestellt werden Muslim zu werden oder Nachteile in Kauf nehmen zu müssen? Und unsere Kinder und Kindeskinder werden – wenn diese Politik so weiterläuft – vor die Wahl gestellt werden. Die Kirche und die Politik heute und der vergangenen Jahre haben sich für diesen Weg entschieden zum Nachteil der folgenden Generationen.

    Machen wir uns nichts vor. Europa hat sein Christentum völlig ohne Not aufgegeben und ist den „Rattenfängern“ des sozialistisch-atheistisch-humanistischen Liberalismus nachgelaufen mit dem Segen vieler Kirchenleute.

    Provozierend gefragt: Stimmt der alte Satz noch? „Not lehrt beten?“ oder gilt vielmehr der Satz „Ist mir doch egal, an was ich glaube, wir beten doch alle denselben Gott an?“ oder „Hauptsache, ich tue Gutes“. Reicht es aus, weil ich mich liebe, Nächstenliebe zu schenken ohne das Glaubensfundament?

    Steht das gute Werk der Nächstenliebe ohne Christusglaube auf theologisch gleicher Stufe mit dem guten Werk der Nächstenliebe aus dem Christusglauben heraus?

    Ist das gute Werk Gott selbst ohne Glauben? Ist das gute Werk die Personifizierung Gottes?

    Berühren sich Himmel und Erde – wie es in einem Lied heißt – wirklich, wenn ich Gutes tue aus mir heraus ohne Gott, ohne Jesus in mein Denken einzubeziehen?

    Was hat die Kirche – und genau diese sollte diese Frage an sich selbst richten – an dem Wort Jesu nicht verstanden: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“

    Oder kurz gefasst: Alles tun um Seinetwillen? „Alles meinem Gott zu Ehren in der Arbeit in der Ruh“ Nicht das Gute tun, um das eigene Image zu polieren, welches heute leider so hoch im Kurs steht?

    Das Ego zurücknehmen und Jesus in den Vordergrund stellen. Ich denke, das ist auch in der christlichen Soziallehre das A und O. Wird dies genügend herausgestellt? Jeder Laie im Altardienst muss sich selbst prüfen: Tu ich dies, um mein Image aufzupolieren oder tu ich dies als echten Gottesdienst?

    Ich denke, – nur meine Meinung -, dass dies die Fragen sind, wenn es für das Seelenheil eines jeden Menschen geht. Die Feindifferenzierung ist irgendwie abhanden gekommen.
    Wird bei jeder kirchlichen Zusammenkunft des Kirchenvorstandes oder des Pfarrgemeinderates zu Beginn oder zum Ende noch ein Gebet gesprochen? Wenn dem so ist, bitte ich um Entschuldigung, dass ich das Nichtgebet angenommen habe.
    Bei der Zusammenkunft von Kirchenchören weiß ich, dass nicht gebetet wird. Warum nicht?
    Wird in der Caritasgruppe, wenn sie sich trifft, gebetet und das gute Werk in den Rahmen Gottes eingestellt? Ich weiß es nicht.
    Wird in den Messdienergruppen gebetet? Bereitet sich der Priester auf die heilige Messe noch vor?

    Nicht, dass früher alles besser war. Die Angst vor der Beichte war übel. Darum wird kaum noch gebeichtet.

    Aber was haben Messdiener denn noch zu tun am Altar?
    Das ehemalige Stufengebet war ein Türöffner für die hl. Messe. Das Messdiener- Opferungsgebet ist weggefallen. Anstatt diese in deutscher Sprache beten zu lassen, ließ man sie lieber ganz weg. Wieder ein Stück guter Tradition weg, ein Stück Gebet und das auch noch durch Kinder, gerade damals auch noch für Jungen weg. Der Messdienerdienst ist Laientätigkeit und den Laien wurde ein Stück Gebetstradition weggenommen völlig ohne Grund. M. E. schwerer Fehler.

    Vielleicht hätte dieses Gebet, von Millionen Messdienerinnen und Messdienern über die Welt hinweg über Generationen gebetet, die Welt ein kleines Stück zum Besseren verändern können. Oder glauben wir nicht mehr an die Kraft des Gebetes?

    So haben die jungen Leute verlernt zu beten, selbst die Messdiener. Wann haben junge Leute heute noch die Gelegenheit mit einem Priester allein zu beten? War dieses Gebet kein Dienst an Gott und kein Dienst an und stellvertretend für die Gemeinde? Kindergebet dringt durch die Wolken, sagte man. Das wurde rigoros abgeschafft. Tut mir heute noch in der Seele weh. Beim Stufengebet und beim Eintritt in den direkten Altardienst hatten sie die Möglichkeit. So etwas kann wieder eingeführt werden!

    Es sind die kleinen Dinge, die oft schmerzlich vermisst werden. Die alten Mütterchen, die den Rosenkranz beteten, wurden belächelt. Heute werden sie schmerzlich vermisst in diesem kalten Theologiegeschäft der sachlichen Argumentationsketten ohne inneres Glaubensgefühl. Dieses Volksfrömmigkeit ist verschwunden.

    Die Heiligen- und Marienverehrung ist so gut wie weggefallen. Damit ist Jesus selbst leichter zur Angriffsfläche geworden. Welche Vorbilder haben junge Christen jetzt? Wer kennt da schon seine Namenspatron oder andere Heilige als Vorbilder christlichen Glaubens.

    Die jungen Christen vermissen so etwas nicht mehr, weil sie es nicht mehr kennenlernen durften. Es wäre innerkirchlich ein gutes Zeichen, diese Gebete wieder einzuführen. Sie bringen dann auch den Wert einer hl. Messe besser zum Ausdruck.

    Fazit: Die Kirche selbst hat ein gutes Stück dazu beigetragen, diese von Bischof Chaput zu Recht erstellte Analysezustände zu erreichen.

    • @ Lieber Herr Kemmer

      Sie schreiben:
      „Die Frage ist doch letztlich, warum Menschen ihre christliche Identität verlieren, weil es ihnen gut geht.“
      Der erste Teil Ihrer Frage ist sehr wichtig, der zweite Teil Ihres Satzes nimmt hingegen schon eine Vermutung vorweg.

      Ich denke aber nicht, dass Ihre Annahme den Kern des Problems trifft. Wohlstand entfernt die Menschen ganz allgemein oft von den wesentlichen und geistigen Fragen.
      Da stimme ich Ihnen gerne zu.

      Bei unserer Betrachtung geht es aber nicht so sehr um ein Desinteresse an geistigen, metaphysischen und religiösen Fragen – ein solches Desinteresse erkenne ich eigentlich auch gar nicht – sondern es geht explizit um den Niedergang des Christentums.

      Mir scheint, die Menschen verlieren in dem Maße den Glauben an christlich-kirchliche Dogmen – nicht unbedingt den Glauben an Gott, aber an kirchliche Lehrsätze – wie der Wunsch zu wissen stärker wird als die Bereitschaft, etwas von anderen Menschen Gelehrtes und Behauptetes (d.h. christliche Dogmen) zu glauben.

      Und dies erst recht, wenn das zu Glaubende in naturwissenschaftlicher oder logischer Hinsicht fragwürdig erscheint. So ist doch gerade der Kern der christlichen Lehre, nämlich dass Gott seine sündenfreien Sohn töten lässt, um dadurch die sündenbehafteten normalen Menschen zu erlösen eine Vorstellung, die modernen Menschen ganz einfach unlogisch oder im besten Falle völlig unverständlich erscheint. Eine gedankliche Zumutung! Weshalb soll denn ausgerechnet der Sündenfreie sterben? Und wieso sollen die Sündenbehafteten dann durch diesen Tod befreit sein? Und wer war Jesus überhaupt? Die Frage der Trinität! Darüber haben ja schon vor 1600 Jahren Arianer und Monophysiten sehr unterschiedlich gedacht. Dass sich nun der „mittlere Weg“ beim Konzil von Nicäa zwischen Arianismus und Monophysitismus durchgesertzt hat, ist nun in gewisser Weise auch bloß zufällig … Hat sich da nicht einfach bloß Kaiser Konstantin durchgesetzt?!

      Ja, wir sind hier beim KERN des christlichen Glaubens. Und diesen Kern mögen heutige Menschen nicht mehr einfach so glauben, nur weil es seit 2000 Jahren, genauer gesagt seit Paulus, so verkündet wird.

      Die Funktionäre unter den heutigen linken Gutmenschen-Christen haben zumindest DAS begriffen. Allerdings geben sie trotzdem die falsche Antwort – nämlich weitere Verweltlichung, Apotheose „des Menschen“ und humanitärer Universalismus – und eben nicht die Hinwendung zur Stille und zum Unaussprechlichen.

      Moderne Menschen wollen Erfahrung; wollen eigene Erfahrung. Das ist ja auch der Grund, weshalb die evangelikalen Prediger in Amerika heute in der ganzen christlichen Szenierie noch mit den größten Erfolg haben. Eigentlich als einzige.
      Ähnliches gilt für einige christliche Mönchsgemeinschaften und den im Westen häufiger gewordenen Buddhismus, da in diesen Bereichen die eigene Erfahrung (einer unio mystica) eine größere Rolle spielt.

      Der Prozess des Glaubensverlusts ist doch seit Langem im Gange; hat bereits im 19. Jahrhundert begonnen und im Adel oft sogar schon vorher. Er hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lediglich mächtig an Tempo und Intensität zugelegt und dann auch ländliche und eher traditionelll eingestellte Regionen mit erfasst.
      Eine massive Säkularisierung gab es auch schon im Berlin des Kaiserreichs um 1910 – nur, dass damals die Obrigkeit noch auf „Thron und Altar“ setzte und viele Kirchen bauen ließ, um die Menschen von den Sozis wegzubringen.

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