Paul Berman: Populismus als Symptom kultureller Auflösung

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der amerikanische Publizist Paul Berman ist in Deutschland vor allem durch sein Werk „Terror und Liberalismus“ bekannt geworden. In einem aktuellen Beitrag im Magazin „Tablet“ beschreibt er den Verfall des Konservatismus in den USA und den Aufstieg des Populismus als Symptome kultureller Auflösung. Angesichts dieser Entwicklung erfordere die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften die Wiederherstellung eines traditionellen Staats- und Führungsethos.

  • Im Zuge kultureller, aber auch sozialer Auflösungserscheinungen hätten sich offenbar große Teile der Bevölkerung der USA von diesem Ethos abgewandt. Dieses habe von Inhabern politischer Führungsämter Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Gravitas, Anstand, Professionalität und Vernunftorientierung gefordert. Das Gegenbild zu diesem Ethos sei der unkultivierte, emotionale, vulgäre Demagoge.
  • Frühere Präsidenten seien zum Teil schlechte Charaktere gewesen und hätten diesem Ethos innerlich keinesfalls immer entsprochen. Sie hätten dennoch versuchen müssen, diesem Ethos wenigstens in ihrer äußerlichen Haltung zu entsprechen, um als potenziell für ein Führungsamt geeignet betrachtet zu werden.

Die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften würde voraussetzen, dass deren politische Führungen das traditionelle Staats- und Führungsethos der westlich-europäischen Kultur innerlich wie äußerlich verkörperten. Dazu seien Maßnahmen der Elitenbildung erforderlich, die ein ausreichend starkes Potenzial an glaubwürdigem, im Sinne dieses Ethos geformtem Führungsnachwuchs hervorbringen müssten. Zudem seien Maßnahmen kultureller Erneuerung erforderlich, die vermitteln müssten, dass die Ablehnung des Elitären keine geeignete Antwort auf die Korrumpierung vorhandener Eliten sei.

Bewertung und Folgerungen

Das von Berman angesprochene Ethos geht auf römische Wurzeln zurück und wurde durch das Christentum übernommen und in seinem Geiste weiterentwickelt. Wie sich gegenwärtig zeigt, wird dieses Ethos außerhalb seines christlichen Kontexts zu einer immer weniger glaubwürdigen, auf Dauer nicht aufrecht zu erhaltenden Fassade.

  • John Adams, einer der Gründerväter der USA und einer ihrer ersten Präsidenten, hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der freiheitlich-republikanische Staat und seine Verfassung eine christlich geprägte Bevölkerung und Kultur als Grundlage voraussetzen würden und ohne diese nicht funktionieren könnten.
  • Das traditionelle Staats- und Führungsethos beruht auf der Annahme der Existenz einer transzendenten Ordnung und geistiger Ideale, denen eine Staatsführung zu entsprechen habe.
  • Moderne Vorstellungen gehen im Gegensatz dazu davon aus, dass gesellschaftliche Ordnungen und die materiellen Ideale, auf denen sie beruhen, von Menschen und ohne transzendente Bezüge geschaffen würden. In populistischen Ideologien kommt dies in ausgeprägtem Materialismus sowie der Idealisierung der Masse und ihrer Impulse zum Ausdruck.

Da sowohl korrumpierte Eliten als auch ihre populistischen Herausforderer gleichermaßen durch modernes Denken geprägt sind, erscheinen die Perspektiven der von Berman eingeforderten kulturellen Erneuerung kurzfristig als ungünstig.

  • Der Politikwissenschaftler Charles Murray, der Historiker Michael Lind und der Sozialgeograph Christophe Guilluy hatten die sozialen und kulturellen Polarisierungs- und Auflösungsprozesse in westlichen Gesellschaften beschrieben, auf die Berman sich bezieht. Kulturell progressive, vor allem mit ihren eigenen Interessen beschäftigte Eliten würden demnach kulturell entwurzelten Mittel- und Unterschichten gegenüberstehen, die ihrerseits wachsendem Druck zahlenmäßig stärker werdender kulturfremder Migrantengruppen ausgesetzt seien.
  • Dieser Prozess könne dem Soziologen Wolfgang Streeck zufolge in westlichen Gesellschaften in der Herausbildung einer oligarchischen Geld- und einer sie tragenden Funktionselite münden, denen populistische Strömungen verschiedener Art gegenüberstehen würden. Im Konflikt zwischen diesen Gruppen würden die Reste liberaler Ordnung sowie ihre kulturellen Grundlagen langsam zerrieben werden.

Relevante kulturelle Ressourcen oder Akteure, die eine Umkehr dieser Entwicklung und eine Erneuerung westlicher Gesellschaften ermöglichen könnten, kann Streeck nicht erkennen. Der erwähnte Prozess werde daher in einem Chaos enden, in dem sich dann neue Ordnungskräfte herausbilden müssten. (ts)

3 Kommentare

  1. Es hilft alles nichts. Der Kampf um Wahrheit, Größe, Frieden, Gerechtigkeit und vieles mehr ( was Christen in der Bitte „Dein Reich komme“ zusammenfassen ) findet von Person zu Person statt, und er wogt in den Details des Alltags aller Menschen. Während der Artikel den „Populismus“ in Frage stellt, und vielleicht eigentlich das „Niedere“ in der Demokratie meint, gibt es eine Realität, die auf Dauer nichts anderes zuläßt, als die Herrschaft der Mehrheit bzw der durch Populisten und deren Rhetorik „zusammengeschusterten“ Mehrheit. Ausnahmen bestätigen die Regel. All die „Kim-Systeme“, Diktaturen und bösen Unterdrückungsstaaten müssen und werden fallen. Es hat schon so viele gegeben. Keiner hat es „ewig“ durchgehalten. Auch der Islam muß fallen, weil er ein System der Unterdrückung ist. Allerdings hat er seine Macht nun schon 1400 Jahre stabilisiert. Alle diese kranken Systeme müssen fallen, und wir brauchen uns mit ihnen nicht zu beschäftigen. Wir müssen sie bekämpfen, nicht darüber diskutieren. Beschäftigen muß uns diese banale Realität, daß ein Staat nur so gut sein kann, wie seine Bürger ein Ethos haben und es hochhalten. Meine ( leider wohl unbeweisbare ) These ist, daß es dieses Ethos genau dem Grad der Verchristlichung der Gesellschaft entspricht. Eine Demokratie kann ihre eigenen Voraussetzungen weder generieren noch garantieren. Die kommen aus dem Christentum. Wenn das Christliche degeneriert, dann auch die ganze Gesellschaft. Allerdings werden „sie“ es dann immer noch Demokratie nennen. Und ja, es wird auch tatsächlich die Herrschaft des ( dann „gottlosen“ ) Volkes sein. Und es wird durchsetzt sein von Korruption, Intrigen, Verbrechen, Haß, Unklarheit, Lügen und Unreinheit, und im wesentlichen ohne Hoffnung auf einen Ausweg. Zurück zum Kampf Person um Person. Es wird nichts anderes möglich sein, als daß von gläubigen Christen NEU der Sauerteig des Christlichen peu a peu wieder eingebracht wird in das Ganze.

  2. Warum ist der Islam so stark? Weil er in Jahrhunderten denkt und agiert wie dies jede Religion tun sollte. Westliche Demokratien denken von Wahl zu Wahl und wie wir an der jetzigen Groko-Bildung beispielhaft gesehen haben, zeigen die politischen Eliten, dass es ihnen letztlich nur noch um den eigenen Machterhalt geht, nicht um das Wohl der Bevölkerung, der sie verpflichtet wären, einhergehend mit den persönlichen Vorteilen, sich aus den Steuerzahlerfressnäpfchen bedienen zu können.

    Die Schlussfolgerung meines Vorkommentators kann ich mich vollends anschließen. Danke! Auch der Verfasser des Artikels ist zielführend:

    John Adams, einer der Gründerväter der USA und einer ihrer ersten Präsidenten, hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der freiheitlich-republikanische Staat und seine Verfassung eine christlich geprägte Bevölkerung und Kultur als Grundlage voraussetzen würden und ohne diese nicht funktionieren könnten.

    Auch Papst Benedikt XVI im Bundestag, der den hl. Augustinus bemühte, sinngemäß: „Nimm das Recht weg und was ist der Staat anderes als eine Räuberbande?“, stößt in dieselbe Kerbe. Das Recht ist ein mehr als abstrakter Begriff, der jedoch mittels christlicher Ethik und Vernunft gefüllt durchaus den längerfristigen Politreligionen gleichwertiges Paroli bieten könnte. Aber das ist nicht gewollt, dafür ist das Christentum zu schwach geworden und die Kirchen leider zu jesuslethargisch und jesuskumpelig.

    Da braucht es kein Prophetentum, um zu erkennen, dass die Menschen Europas erst durch das Tal der Tränen gehen müssen, um wieder beten zu lernen. Die koptischen 21 Märtyrer in Libyen, durch den IS getötet, hatten wohl von Haus aus einen festen Glauben mitbekommen. Dieser feste Glauben ist in Europa nur noch sehr selten anzutreffen. Glaube muss im Gebet geübt werden und er muss das eigene Leben prägen, sonst verliert Europa die letzten Reste seiner christlichen Wurzeln. Ob hier, bei der Verkündung des einen Gottes für Muslime und Christen, auch nur ein Christ standhaft bleiben wurde oder nicht doch, um sein Leben zu retten, den Islam annehmen würde; denn wir beten ja laut beider Kirchen denselben Gott an, kann also nicht falsch sein. Nach der Lehre der Kirchen ist das Märtyrertum für Jesus Christus überhaupt nicht mehr notwendig, denn auch der Islam und alle anderen Religionen bietet den Himmel, das Nirwana oder die ewigen Jagdgründe an, denn schließlich kommt doch jeder in den Himmel, oder?

    Das wäre somit auch eine Konsequenz aus den zweitvatikanischen Dokumenten, m. E. ein fataler Irrtum, ja, eine Irrlehre. Diese müsste zurückgenommen werden. Darüber sollte die Kirchenführung einmal nachdenken.

    Wie sollen wir das Christentum wieder ansiedeln und stärker werden lassen? Da kann es sicher keine Patentlösung geben. Eine charismatische christliche Führungspersönlichkeit ist zurzeit weder in Rom, erst recht nicht in der „deutschen“ Kirche feststellbar. Im Gegensatz zu Jesus bieten die Kirchen den bequemen Weg ins Himmelreich an, denn beim steilen Weg, den Jesus seinen Jüngern anbot, müsste sich der Mensch nach Gottes Geboten strecken und das ist ihm mit diesen Kirchenlehren zeitgeisthörig kaum noch zuzumuten. „Selig, die um meinetwillen verfolgt werden, ihrer ist das Himmelreich“. Das sind die Zumutungen, die Jesus für Christen bereit hält. Sind wir für die kommende Christenverfolgung in wenigen Jahrzehnten – falls es überhaupt noch solang dauert – durch den Islam seelisch-geistig vorbereitet? Wohl kaum. Ich hoffe noch immer auf Jesu persönliches Eingreifen. Bei vielen Muslimen hat er es schon mit Macht getan, so dass diese konvertiert sind. Hoffen und beten wir.

    Das größte Hindernis am Erstarken des Christentums ist dieses selbst. Wie sollen sich die Christen vereinen?

    Die kath. Kirche ist bei vielen anderen christlichen Gemeinschaften sogar verhasst, als die „Hure Babylons“ angesehen. Die Jesuiten werden als Weltverschwörer zusammen mit den Illuminaten und Freimaurern zusammen mit der jüdischen Weltverschwörung gebrandmarkt, der Papst als Antichrist dargestellt, der mit den Finanzeliten die NWO initiert, erst recht als Jesuit. Auch die verschiedenen orthodoxen Kirchen sind sich nicht grün, der Streit um die Deutungshoheit ist beschämend unter Christen. Und die Ökumene zwischen Kath. Kirche und evangelischer Kirche läuft ja wohl eher auf eine Evangelisierung der kath. Kirche hinaus.

    Anstatt die kath. Kirche, die Jesuiten sich mit diesen Verschwörungstheorien intensiv beschäftigen in der Zeit des Internets und dort brennt es gewaltig und viele Menschen informieren sich dort, schläft die Kirche den Schlaf des Lethargischen, als ob sie das alles nichts anginge. Wie viele Videos kursieren diesbezüglich im Internet auf youtube. Bei den Kommentaren nur einige wenige kirchenschützende Kommentare. Sicher kann mit Verschwörungstheoretikern nicht diskutiert werden. Warum antwortet die Kath. Kirche nicht mit Videos an gleicher Stelle und operiert mit Gegenfakten und -argumenten? Wo sind die Stellungnahmen der Jesuiten und der kath. Kirche zu solchen schwerwiegenden Vorwürfen oder habe ich sie alle überlesen? Oder gibt es etwa diese Gegenfakten nicht?

    Ich denke, da sollte die Kirche endlich einmal aufwachen und dort im Netz massive Zeichen setzen. Geld hierfür ist vorhanden. Im eigenen Saft braten und nur nette Zustimmung in Wohlfühldiskussionszirkeln rund um den eigenen Kirchturm zu unterhalten und zu fördern, ist in der heutigen Zeit zu wenig.

    Fakten, die die Verschwörungstheoretiker wie Flaggen vor sich hertragen, müssen, wenn möglich widerlegt werden, ebenfalls mit Fakten. Wenn man es nicht versucht, hat man schon verloren.
    Auch die Reaktion der Kirche mit der AfD nicht sprechen zu wollen, war mehr als kläglich. Kein Mensch darf von der Kirche ausgeschlossen werden, auch nicht Menschen mit den abstrusesten Ansichten. Wieder ein Punktverlust für die Kirche, wenn ein Prof. Meuthen kein persönliches Gespräch mit Offiziellen der Kirche führen kann. Auch Afd-Mitglieder und -wähler sind Seelen. Während jegliches Gespräch mit allen anderen Parteien, die Abtreibungsgesetze, Ehe für alle und andere antichristlichen Gesetze erfinden und einsetzen, willkommen geheißen werden, wird die AfD öffentlich gemieden. Niemand muss sich mit der AfD Identifizieren, aber wenn Kirche Gespräche verweigert, die sie mit Vertretern des christenfeindlichen Islam führt, so ist dies mehr als kontraproduktiv.

    Welches Bild gibt die Kirche aktuell ab? Reiche Kirche in München hilft den eigenen Glaubensgeschwistern in Hamburg kein bisschen. Wie soll das bei den Menschen ankommen?

    Selbst in der Einigkeit im Glauben und in der Liebe – selbst untereinander – hapert es bereits, was für eine Image, das nach draußen getragen wird!?

    Damit muss angefangen werden. Die Erfahrung lehrt, dass die eigene Identität immer in einer konträren Diskussion gestärkt wird, nicht in gleichgerichteten Dialogen, die sich gegenseitig Honig um den Mund schmieren.

    • Viele gute Gedanken erkenne ich in den Aussagen von Ihnen, sehr geehrter Herr Kemmer. Alles richtig – und: LEIDER richtig !

      Aufgrund Ihrer Ausführungen meine ich, eine Art Parallele zwischen unserer „gottlosen“ weltlichen Gesellschaft und unserer „heutigen“ katholischen Kirche erkennen zu können:

      Die einen sind inhaltlich leer und abgrundtief LASCH geworden in allem. Scharf schießen können sie schon noch, aber nur gegen jene, die vor den Folgen einer übergroßen Beliebigkeit und grenzenlosen „Offenheit“ warnen.

      Die heutigen Vertreter unserer Kirche halten die eigentlich noch reichlich vorhandenen Glaubensinhalte zurück und sie sind SCHLÄFRIG geworden. Wach und streng können sie auch schon noch sein, aber nur gegen jene, die „Aufwachen!“ rufen, oder „Umkehren!“ oder „Festhalten an der reinen Lehre!“.

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