Daniele Giglioli: Der Verlust männlicher Tugend in der postmodernen Gesellschaft

Spinello Aretino - Sankt Michael und andere Engel (Ausschnitt/gemeinfrei)

Daniele Giglioli lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Bergamo. In einem aktuellen Aufsatz kritisiert er, dass westliche Gesellschaften durch Anstrengungen zur Zerstörung ihres traditionellen Männlichkeitsverständnisses erhebliche Risiken eingingen. Die damit verbundene Tendenz zur Effeminisierung mache diese Gesellschaften zunehmend unfähig dazu, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

Giglioli ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine kulturkritische Schrift „Die Opferfalle“ bekannt geworden, in der er sich mit der Tendenz westlicher Gesellschaften auseinandersetzt, moralischen Status nicht mehr mit herausragenden guten Taten, sondern mit einem Opferstatus zu verbinden. Dies führe zu Effeminisierung, unter anderem in Form einer wachsenden Idealisierung von Passivität und Schwäche, was diese Gesellschaften zunehmend unfähig mache, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

In seinem aktuellen Aufsatz setzt sich er sich mit dem zunehmenden Verlust männlicher Tugend in westlichen Gesellschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner und neo-marxistischer Ideologien, etwa des Feminismus, auseinander. Die Folgen dieser Entwicklung seien gefährlich:

Die eigentliche Gefahr einer Dekonstruktion der patriarchalen Ideologie besteht darin, dass zusammen mit der Ideologie auch jene Tugenden langsam verschwinden, die der männlichen Dimension zugeschrieben wurden: Mut, Redlichkeit, Verantwortung, Sorge um das öffentliche Leben, Gemeinsinn.  […] Die Tatsache aber, dass die Tugenden […] im Verschwinden begriffen sind, ist der hohe Preis, den wir gerade dafür bezahlen. Zumindest so viel steht darum fest: Das Ende des Patriarchats wird weder schmerzlos noch wirkungslos über die Bühne gehen. […]

Die Männer praktizieren die sogenannten männlichen Tugenden kaum noch. Die schlimmsten Exemplare – die Weinsteins – scheinen vom männlichen Charakter lediglich dessen raubtierhafte Züge, rohe Gewalt und Präpotenz geerbt zu haben. Die besten Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen sich derweil oft darauf zu beschränken, jene Züge für sich zu beanspruchen, die einst dem vermeintlich weiblichen Charakter zugeschrieben wurden: Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Schutzbedürfnis. Einem Jungen hat man früher beigebracht, dass Weinen sich für einen kleinen Mann nicht zieme. Heute gilt ein Mann, der weint, ipso facto als anständig, ehrlich, feinsinnig, spontan, gefühlvoll.

Eine dauerhafte Gesellschaft benötige zu ihrem Fortbestand jedoch auch tätige männliche Tugenden und das  „Vermögen, Städte – und damit Institutionen, Erfindungen, Gesetze und Werke – zu gründen“. Sentimentale und zerbrechliche Männer wären kaum in der Lage, diesen Auftrag zu erfüllen.

Bewertung und Folgerungen

Das traditionelle abendländische Ethos der Männlichkeit hatte unter anderem der katholische Theologe Romano Guardini in seinem Aufsatz „Vom ritterlichen Manne“ beschrieben. Auf diesem Ethos beruht auch das ebenfalls von Guardini beschriebene politische Ethos des Abendlandes, das den Herrscher als Diener des Gemeinwohls versteht. Es ist dieses Ethos, gegen das sich neo-marxistische Ideologie explizit richtet, wenn es von der Bekämpfung des „Patriarchats“ und des „Sexismus“ spricht.

Kern dieses Ethos ist die christliche Vorstellung einer besonderen Berufung des Mannes zum schützenden Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen sowie zur asketischen Selbstkontrolle und zur Einhegung seiner Schwächen und ungeordneten Triebe. Daraus entstand seit dem Mittelalter eine weltweit einzigartige Kultur der Männlichkeit.

Der Historiker Werner Paravicini hatte in diesem Zusammenhang betont, dass die auch heute noch in westlichen Gesellschaften vorherrschende Vorstellung der Liebe zwischen Mann und Frau sowie der Achtung des Mannes gegenüber der Frau ein Werk der christlichen bzw. der ritterlichen Kultur des Mittelalters sei. In der Antike habe es diese Vorstellung nicht gegeben, und auch in anderen Religionen und Kulturen existiere sie so nicht:

Es hat den Anschein, als wäre im Adel des 12. Jahrhunderts und zunächst auf diesen beschränkt die ‚Liebe‘, ob weltlich oder geistlich, und die Gleichberechtigung der Geschlechter (und die Frauenschönheit) gleichsam erfunden worden – von den Männern […].

Sowohl der Feminismus als auch die von Harvey Weinstein repräsentierten kulturellen Verwahrlosungstendenzen stießen in ihrem Wirken seit den 60er Jahren jedoch nicht auf eine intakte abendländische Tradition der Männlichkeit, sondern auf kulturelle Institutionen, die meist nicht mehr die Kraft hatten, um diesen Herausforderungen zu begegnen.  Dazu gehört bis heute auch eine in Teilen effeminierte Kirche, welche entsprechende Warnungen des hl. Apostels Paulus überwiegend ignoriert und authentische, traditionelle christliche Männlichkeit kaum noch vermittelt oder vorlebt. (ts)

2 Kommentare

  1. Harvey Weinstein repräsentiert keine kulturellen Verwahrlosungstendenzen, er tat bloß das, was seinesgleichen schon immer getan hat. Die Namen sind austauschbar und könnten auch Kirk Douglas, Woody Allen oder Roman Polanski heißen.

  2. Fehlt sogar z. B. die männliche Gegengeschlechtlichkeit schon in den ersten Lebensmonaten des Kleinkindes, so kann zum Beispiel die frühe und für die Sprach- bzw. Kognitiventwicklung des Kleinkindes entscheidend wichtige Mutter-Kind-Dyade um das 4- 5. Lebensjahr durch den Vater nicht langsam umstrukturiert werden.
    Da das Kleinkind sich schrittweise von der engen Mutterbindung lösen muss, benötigt es eine Anlehnung an den Vater. Neben diesem Halt ist der Vater später ein immer stärkeres Orientierungs- und Identifikationsobjekt und damit unverzichtbar.
    [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4]

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