Der Gralsmythos und die Spiritualität des christlichen Rittertums

Edwin Austin Abbey - Der goldene Baum und die Erlangung des Heiligen Grals (gemeinfrei)

Der englische Historiker Richard Barber gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der mittelalterlichen höfischen Kultur. In seinem Werk „Der Heilige Gral: Geschichte und Mythos“ analysiert er die verschiedenen Strömungen des Gralsmythos. Dieser sei entgegen moderner Verzerrungen eindeutig als Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters zu identifizieren, in dem die Kultur und Spiritualität des christlichen Rittertums zum Ausdruck komme.

Dabei macht er deutlich, dass der Mythos und seine unterschiedlichen Überlieferungen in den Kulturen Europas zu tief und zu vielfältig sind, um vollständige, eindeutige und abschließende Interpretationen zu ermöglichen. Ausgestattet mit Kenntnissen über das religiöse Denken des Mittelalters könne man den Versuch einer Interpretation jedoch wagen, ohne in die häufig grotesken Fehldeutungen zu verfallen, welche die moderne Wahrnehmung des Gralsmythos prägten.

Hintergrund

Der Gralsmythos wird in einer Reihe von Werken beschrieben, die in den Jahren zwischen 1190 und 1250 von Chrétien de Troyes, Robert de Boron, Wolfram von Eschenbach und anderen Autoren verfasst wurden, als die abendländische Kultur sich auf dem Höhepunkt ihrer geistigen Kraft befand.

  • Anders als die Ritterepik des Mittelalters beschreibt der Gralsmythos keine militärischen Taten, sondern die Spiritualität des christlichen Rittertums, an dessen Angehörige sich die Autoren richteten. Der Mythos handele einem der Autoren zufolge von „Rittern und edlen Männern“, die „willens waren, Mühen und Härten zu erdulden, zum Lobpreis des Gesetzes unseres Herrn Jesus Christus“.
  • Laut Barber handele es sich beim Gralsmythos in erster Linie um ein Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters. Die Reformation habe den Mythos abgelehnt, weil er sich offensichtlich auf das katholische Verständnis des Abendmahls stütze und in ihn auch außerbiblische Bezüge, etwa aus keltischen Mythen oder dem apokryphen Nikodemus-Evangelium, eingeflossen seien. Auch die katholische Gegenreformation habe dem Mythos distanziert gegenüberstanden.

Themen des Gralsmythos

Die Spiritualität des christlichen Rittertums werde laut Barber vor allem in den im Gralsmythos behandelten Themen sichtbar.

  • Schützender Dienst: Der Gral als metaphysisches Zentrum der Welt werde durch einen Orden von Gralsrittern geschützt. Deren Einsatz sei überwiegend geistlicher Natur und bestehe vor allem in Anstrengungen, die eigene Seele vor Korrumpierung zu bewahren. wozu der Gral ihnen Kraft verleihe. Eschenbach zufolge bedeute das Hüten des Grals, „sich der Askese hinzugeben“. Der Gral befände sich auf einer Burg und nicht in einer Kirche, was unterstreiche, dass dieser einer Bedrohung ausgesetzt sei, wobei er nicht direkt bedroht werde, sondern seine Wirkung. In einigen Varianten des Mythos wirken die Gralsritter zudem verborgen in einer von Instabilität gekennzeichneten Welt, in der sie ein stabilisierendes, die Ordnung und den Frieden erhaltendes Element darstellen.
  • Das Heilige: Der Gral sei nur für Menschen sichtbar, die einen spirituellen Reifeprozess durchlaufen hätten. Auch die Gralsburg sei für die meisten Menschen unsichtbar und befinde sich an einem entlegenen, von der materiellen Welt getrennten Ort.
  • Krise, Zerfall und Auflösung: Die Welt des Gralsmythos befände sich in einer Krise bzw. in Auflösung und sei verwüstet, weil der Gralskönig und die Gralsritter sich hätten korrumpieren lassen und die Gnade Gottes nicht mehr durch den Gral in die Welt hinein wirken könne. In einigen Varianten des Mythos wird die Verwüstung des Landes als Folge des Wirkens der durch Sünde korrumpierten Eliten oder des Unvermögens der korrumpierten Gralsritter geschildert, ihren Dienst in der Welt zu leisten.
  • Berufung und Auftrag: Nur ein Held bzw. ein Ritter von besonderer Tauglichkeit und Reinheit könne den Gral und die Gralsburg finden, durch seine Taten den kranken bzw. korrumpierten Gralskönig heilen oder ablösen und dadurch das Wirken des Grals in der Welt und das Ende der Krise bewirken. Der entsprechende Held fühle sich zum Rittertum berufen und erlange zunächst die militärische Tauglichkeit, durch die er Mitglied der Tafelrunde werden könne, bevor er oder die Gemeinschaft den übernatürlichen Auftrag zur Suche nach dem Gral erhielten.
  • Entwicklung und Prüfung: Der Held entwickele sich im Zuge seiner Suche nach dem Gral spirituell und durchlaufe eine Reihe von Prüfungen, was verschiedenen Helden unterschiedlich gut gelinge. Die Prüfungen seien dabei vor allem spiritueller Natur und würden unter anderem in Versuchungen bestehen. Sakramente wie Taufe, Beichte und Kommunion seien wesentlicher Bestandteil der Entwicklung des Helden. Wolfram von Eschenbach betone zum Beispiel, dass der Held nur durch „die Kraft der Taufe die Kameradschaft derer erlangen“ könnte, „die den Gral anschauen“. Entscheidend für die Erfüllung des Auftrags sei es zudem, die richtige Frage nach der Natur und dem Zweck des Grals zu stellen.

Der vollkommenste Ritter könne seinen Auftrag schließlich erfüllen und ermögliche die Heilung des Gralskönigs oder übernehme sein Amt, wodurch er in eine höhere Form des Dienstes eintrete. Er ermögliche die Erneuerung des Landes und die Wiederherstellung der Ordnung, weil die Gnade Gottes nun wieder durch den Gral in die Welt hinein wirken könne.

Dabei werden geistliche und sonstige Aspekte von Tauglichkeit im Männlichkeitsideal des Rittertums, das im Gralsmythos zum Ausdruck kommt, nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sie ergänzen einander. Der zum höchsten Dienst taugliche Mann muss im Sinne des Rittertums zunächst auch im militärischen Sinne tauglich sein. Parsifals Entwicklung, die ihm letztlich die Erfüllung seiner Berufung ermöglicht, beginnt dementsprechend mit seiner militärischen Ausbildung, endet aber nicht dort. Das Ideal des umfassend tauglichen Mannes wurde später von Pius II. in seiner Schrift über die Ausbildung der militärischen Verteidiger des Christentums weiter ausgeführt.

Was ist der Gral?

Barber zufolge beziehe sich der Gralsmythos auf die katholische Lehre von der Realpräsenz Jesu Christi in der Eucharistie. Dies gehe aus den Eigenschaften hervor, die der Gral laut der verschiedenen Versionen des Gralsmythos habe.

  • Die wesentlichen Eigenschaften des Grals seien übernatürlich. Seine materiellen Eigenschaften, wie die seiner Form als Schale oder Kelch, seien nachrangig. Wichtig seien der Inhalt des Grals und das, was durch ihn wirke.
  • Der Gral sei etwas, das der Welt verlorenging und das zum Heil der Menschen gesucht und gefunden werden müsse, was aber nur denen gelingen könne, die nach der Heiligung ihres Lebens strebten und zu dessen Schau derjenige, der danach suche, würdig sein müsse. Wer hingegen in Sünde lebe oder nicht getauft sei, könne oder dürfe den Gral nicht sehen.
  • Mit dem Gral sei das vollkommene und zugleich für den Menschen geheimnisvolle Gute verbunden und es sei der höchste Wunsch der Gralssucher, dieses vollständig zu sehen. In der Version Robert de Borons sterbe der ritterliche Held Galahad nach dem Anblick des enthüllten Grals, den er als „das Wunderbare, das alles andere übertrifft“ und als den „Quell unerschrockener Tapferkeit, der Taten Triebfeder“ beschreibt.
  • Der Gral stelle eine Verbindung zwischen materieller und immaterieller Welt da, und Gott verkünde durch ihn den Gralsrittern seinen Willen. Der Gral sei das metaphysische Zentrum der Welt, von dem aus der Segen Gottes in die Welt gelange und von dem sie lebe. Wo diese Verbindung durch die Korrumpierung der Hüter des Grals unterbrochen werde, setzten Verfall und Niedergang in der Welt ein.
  • Das Wirken des Grals heile, ernähre und stärke das Leben. Der Gral sei zudem äußerst mächtig und in der Lage, Wunder zu bewirken.

Der Anblick des Grals werde als mystische Erfahrung beschrieben. So sage Galahad in einer Version des Mythos:

Denn jetzt sehe ich offen, was die Zunge nicht beschreiben noch das Herz erfassen kann. Hier sehe ich den Anfang jeglichen Wagemuts, die Grundursache aller Tapferkeit, hier sehe ich das Wunder aller Wunder.

Der Gral habe zudem in fast allen Versionen des Gralsmythos einen unmittelbaren Bezug zu Jesus Christus und zur Eucharistie. Er sei je nach Darstellung entweder der Kelch des letzten Abendmahles, mit dem laut der im apokryphen Nikodemus-Evangelium wiedergegebenen Legende Joseph von Arimathäa das Blut Christi aufgefangen habe, oder allgemein ein Behältnis, das eine Hostie enthält. In einer Version des Gralsmythos befinde sich im inneren des Grals ein Kind, während in einer anderen ein Engel darin jeden Karfreitag eine Hostie ablege. Die mit der Enthüllung des Grals verbundene Gralsprozession trage Züge der katholischen Liturgie.

Moderne Verzerrungen des Gralsmythos

Barber kritisiert moderne Interpretationen des Gralsmythos, die diesen entstellt oder verzerrt wiedergeben und falsch deuten würden. Die Romantik des 19. Jahrhundert habe damit begonnen, den christlichen Kern auszublenden und ihn durch moderne, nationale Bezüge zu ersetzen. Dazu habe man etwa die keltischen Bezüge des Mythos deutlich übertrieben dargestellt. Die Historikerin Sandra Franz hatte in diesem Zusammenhang die neuheidnisch-völkischen Religionsentwürfe beschrieben, die in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert entstanden waren und sich dabei auch auf den Gralsmythos bezogen.

Zu den verzerrenden Darstellungen gehört jedoch nicht Richard Wagners Oper „Parsifal“, die sich eng am Text Wolfram von Eschenbachs orientiert. Weil Wagner die christlichen Aspekte des Mythos betonte, wandte sich Friedrich Nietzsche von ihm ab.

Auch die in jüngerer Zeit entstandenen Interpretationsansätze, wie der durch den Schriftsteller Dan Brown populär gemachte feministische Ansatz, würden laut Barber auf Unkenntnis bzw. dem Unverständnis der realen kulturellen und religiösen Ursprünge und Bezüge des Mythos beruhen.

Barber kritisiert zudem die pseudo-traditionalistische Entstellung des Gralsmythos durch den Esoteriker Julius Evola. Dieser habe sich zwar der Sprache der Tradition sowie entsprechender Bilder und Symbole bedient, aber ebenfalls den christlichen Kern des Mythos durch moderne (in seinem Fall esoterische) Bezüge zu ersetzen versucht. Er sei bei seiner Entstellung des Gralsmythos besonders weit gegangen, indem er diesen als Ausdruck einer von ihm erfundenen, im Mythos nicht nachweisbaren antichristlichen „hyperboräischen Tradition“ darzustellen versuchte. (ts)

1 Kommentar

  1. Wieder einmal zeigt sich, daß der gute echte Kern so mancher nachträglicher Verzerrungen ( verursacht oft genug durch ausgesprochenen Kirchenfeinde ) aus unserer geliebten katholischen Kirche stammt. Es scheint mir eine „Myriade“ von antikirchlichen Geschichtsklitterungen zu geben.Und leider scheint sich die Wahrheit nicht immer „mit der Zeit“ durchzusetzen. Die Verdrehungen und Lügen gegen die Kirche sind in allen Jahrhunderten ( und Jahrzehnten ! ) produziert, und viel zu wenig widerlegt worden durch gründliches Aufdecken der zeitbedingten verlogenen Verleumderei. Ein eher harmloses ( grobes, weniger raffiniertes ) Beispiel ist ja die Behauptung einer „mittelalterlichen Päpstin Johanna“ mit all den frivolen Inhalten. Auch heute noch würden schätzungsweise 80% der Menschen den folgenden Satz für richtig finden: „im Mittelalter – hat die kath Kirche – Millionen von Frauen – als Hexen verbrannt“, und das, obwohl jeder einzelne Aussageteil völlig falsch ist. Und obwohl das seriös längst nachgewiesen ist, bleibt es fest haften in den Köpfen. Der „Gegenspieler“ hat da ganze Arbeit geleistet, in allen Jahrhunderten, und heute noch. Heute dienen ihm die ZDFs usw mit völlig schrägen reißerischen ( und antikatholischen ) Machwerken. Zurück zum Heiligen Gral, den ich ja jeden Sonntag ( und öfter ) erleben darf. Zwar bin ich kein Held, aber nach Empfang des Leibes Christi, denke ich meistens, JETZT ist mein Leben erfüllt, JETZT darf das Ende sein. Und wie wundere ich mich, daß der angestrebte Besuch einer Heiligen Messe bei vielen so oft nur „alltagsmäßig“ angegangen wird. Wie eine Gewohnheit. Gewohnheit ? Ich begegne hier der höchsten Macht des Universums und dem Schöpfer allen Lebens, und mehr: er liebt mich und verlangt nach mir, und will daher seinen Leib mit meinem Leib vereinigen. Was für eine Sensation und großes unüberbietbares Glück. Das Blut Christi ist dabei. Im Becher. Im Heiligen Gral. Dem Echten !

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