Nassim Nicholas Taleb: Eigenschaften krisenfester Gemeinwesen und Institutionen

Ambrogio Lorenzetti - Allegorie der guten Regierung (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Risikoforscher und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb lehrt an der New York University und ist vor allem für seine Voraussage der Finanzkrise von 2008 bekannt geworden. In seinem Werk „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ setzt er sich mit den Eigenschaften krisenfester Systeme auseinander. Er betont dabei, dass traditionelle Ansätze in der Regel besonders dazu geeignet seien, die Krisenfestigkeit und damit auch die Nachhaltigkeit eines Gemeinwesens zu stärken.

Er schuf den Begriff „Antifragilität“ zur Beschreibung der Gesamtheit der Eigenschaften jener Systeme, die Herausforderungen nicht nur standhielten, sondern durch sie stärker würden und daher auf optimale Weise zur deren Bewältigung in der Lage seien. Sie seien dadurch robusten und resilienten Systemen, die Herausforderungen nur standhielten ohne sich an sie anzupassen, überlegen.

Die Eigenschaften krisenfester Gemeinwesen

Krisenfeste Systeme bzw. Gemeinwesen würden laut Taleb die nachfolgend beschriebenen antifragilen Eigenschaften aufweisen.

  • Aktiver Umgang mit Schwächen und Bedrohungen: Sie würden aktiv nach möglichen Bedrohungen suchen, diese frühzeitig erkennen und seien dadurch in der Lage, sich auf sie einzustellen. Sie würden ihr Umfeld und ihre Lage zudem vom Negativen ausgehend betrachten und die Reduzierung von unnötiger Komplexität sowie von Schwächen und Verwundbarkeiten anstreben und dadurch Risiken präventiv reduzieren. Dazu gehöre, dass sie das Scheitern untauglicher Systemelemente förderten anstatt es herauszuzögern, zum Beispiel durch die Übernahme privater Risiken durch das Gemeinwesen, bevor sie systemrelevant („too big to fail“) würden.
  • Meritokratie und persönliche Verantwortung: In ihnen würden Entscheidungsträger die Risiken ihrer Entscheidungen persönlich tragen, und ihr Schicksal sei unauflöslich mit dem des Systems verbunden. Ein Beispiel dafür sei ein Schiff, dessen Kapitän nach traditionellem Verständnis im Fall des Untergangs mit diesem unterzugehen habe. Sie seien zudem meritokratisch organisiert und würden die Übertragung von Verantwortung von früheren Erfolgen abhängig machen, während sie diese bei Misserfolg konsequent wieder entziehen würden.
  • Aufrechterhaltung hoher Standards: Sie würden nicht primär Stabilität anstreben, sondern sich in dosierter Form Belastungen aussetzen, die sie zur Herausbildung von Stärken und Eliminierung von Schwächen zwingen würden, etwa in Form hoher Standards.
  • Dezentralität und Vorsorge: Sie seien dezentral bzw. in kleinen Einheiten organisiert und würden Reserven und Redundanzen bilden. Zentralistische Strukturen seien hingegen allgemein fragil, könnten auf Herausforderungen nur langsam reagieren und würden im Notfall benötigte Reserven als ineffizient betrachten.

Modernes Denken erhöht die Verwundbarkeit eines Gemeinwesens

Modernes Denken würde laut Taleb die Verwundbarkeit von Systemen erhöhen, weil sein oft naives Verständnis von Rationalität sowohl die Folgen von Komplexität als auch langfristige sowie indirekte und nichtlineare Auswirkungen von Handlungen unterschätzen würde. Es überschätze gleichzeitig die Möglichkeit, auf Grundlage theoriegeleiteter Ansätze komplexe Systeme steuern, ihre Entwicklung prognostizieren oder auf sie Einfluss nehmen zu können.

Modernes Denken gehe außerdem häufig von moralisch aufgeladenen Abstraktheiten aus, von denen auf die Wirklichkeit bzw. darauf, wie sie sein solle, geschlussfolgert werde. Gleichzeitig habe es die Tendenz, die Möglichkeit krisenhafter Entwicklungen zu unterschätzen und existenzielle Herausforderungen in seiner Neigung zum positiven Denken umso stärker auszublenden, je akuter sie würden. Das Ergebnis sei, dass die Wirklichkeit häufig verzerrt wahrgenommen und Lagen unzutreffend beurteilt würden, was zu schlechten Entscheidungen führe.

Es neige zudem dazu, traditionelle Lösungen und Ansätze als „irrational“ abzulehnen, die im Gegensatz zu theoriebasierten Ansätzen jedoch unter komplexen Bedingungen langfristig erprobt seien und ihre Tauglichkeit bewiesen hätten. Traditionelles Denken sei seinem Wesen nach daher antifragil und modernen Ansätzen oft überlegen, was seine Krisentauglichkeit angehe.

Bewertung und Folgerungen

Taleb, dessen Stil es Lesern nicht immer leicht macht, die Stärken seiner Argumentation zu erkennen, beschreibt in seinem Werk keine neuen Gedanken. Es gelingt ihm aber zu begründen, warum traditionelle Ansätze und Konzepte anderen häufig in der Praxis überlegen sind, was ihre Fähigkeit zur Schaffung und Aufrechterhaltung nachhaltiger Systeme angeht.

Die folgenden Konzepte christlicher Weltanschauung erzeugen zum Beispiel Antifragilität im Sinne Talebs:

Auch in dieser Hinsicht beruhen moderne, im Sinne der Beschreibung Talebs zur Fragilität neigende Gesellschaften somit auf kulturellen Voraussetzungen, die sie selbst nicht erzeugen können. Um nachhaltig sein zu können, benötigen sie daher auch in diesem Zusammenhang christliche Impulse. (ts)