Kulturelle Resilienz: Das Ethos alter christlicher Großfamilien

George Romney - The Children of Granville, 2nd Earl Gower (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Familie ist die Grundlage jeder nachhaltigen Gesellschaft und der wichtigste Träger ihrer materiellen und kulturellen Kontinuität. Insbesondere die Großfamilie hat sich zudem als Institution erwiesen, die auch in schwierigen Umfeldern die Aufrechterhaltung und Weitergabe von Kultur ermöglicht. In jüngerer Zeit wurden Details über die inneren Abläufe der niederländischen katholischen Unternehmerfamilie Brenninkmeijer bekannt, die in diesem Zusammenhang Aufschluss über die Faktoren geben, die den langfristigen Erfolg einer Familie bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe ermöglichen.

Die rund 1800 Mitglieder starke Familie Brenninkmeijer gehört zu den wohlhabendsten Familien Europas und ist unter anderem Eigentümerin des Textilhandelsunternehmen C&A, das sie über sechs Generationen hinweg aufgebaut und betrieben hat. Aus einem Beitrag im „Manager Magazin“ sowie Darstellungen des Familienoberhaupts Maurice Brenninkmeijer geht hervor, dass vor allem das Ethos und die Tradition der Familie die Faktoren sind, die ihre Dauerhaftigkeit und ihren Erfolg ermöglichten.

Das Ethos der christlichen Großfamilie

Das Ethos und die Tradition der Familie sind den über sie vorliegenden Berichten zufolge von den folgenden Faktoren und Eigenschaften gekennzeichnet:

  • Die Gründer der Familie seien Hausierer aus einfachsten Verhältnissen gewesen. Sie hätten auf der Grundlage eines Ethos der Disziplin, Sparsamkeit und Verschwiegenheit im 17. Jahrhundert die Grundlagen der Familientradition geschaffen.
  • Die Familie definiere sich durch die von ihr gepflegte katholische und niederländische Identität, aber auch über die Bindung an ihre ursprünglich deutschen Wurzeln und eine „erdverbundene Kultur“, die man bewahren wolle. Die Familienmitglieder würden regelmäßig in Mettingen in Deutschland zusammenkommen, wo die Familie ihren Ursprung habe. Dies ermögliche es den Mitgliedern, trotz globaler geschäftlicher Einsätze „die alte Verbundenheit“ zu spüren.
  • Das Ethos der Familie sei in einem „Unitas“ genannten Codex festgehalten. Das entsprechende Dokument besäße das Familienoberhaupt und trage dessen Inhalte bei Zusammenkünften vor, ähnlich wie der Abt eines Klosters aus der Regel seines Ordens vorträgt.
  • Laut Familienoberhaupt habe es sich über die Generationen hinweg als größte Herausforderung erwiesen, die Familie als „eine gleich gerichtete Gruppe mit ähnlichen Werten und Absichten“ aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass jede Generation verantwortungsvoll mit dem anvertrauten Erbe umgehe. Dazu diene neben dem Familienkodex auch die Führung der Familie durch einen meritokratisch ausgewählten inneren Kreis.
  • Der innere Kreis der Familie unterwerfe sich besonders hohen Anforderungen, was christliche Lebensführung angehe. Der „fundamentale Wert“, der diesen Kreis aneinander binde, sei laut Familienoberhaupt „unser katholischer Glaube“. Es gebe zudem gewisse Vereinbarungen über unseren Lebensstil“. Personen, die diesen Anforderungen nicht entsprächen und zum Beispiel ihre Ehe scheiden ließen, würden von Führungspositionen ausgeschlossen oder aus diesen entfernt. Zudem werde erwartet, viele Nachkommen zu haben.
  • In der Familie werde zudem langfristiges Denken betont. Laut Familienoberhaupt würden Verbindlichkeit und Loyalität bei Entscheidungen bevorzugt. Man träfe „bewusst einige Entscheidungen fürs ganze Leben, eine ist die Heirat, eine zweite das gemeinsame Unternehmen.“
  • Die Familienmitglieder (ursprünglich nur die Söhne) unterlägen von Jugend an einem strengen meritokratischen Ausleseprozess, der mit der Einführung in das Ethos und die Tradition der Familie beginne. Nach Beendigung der Schulzeit sei vorgesehen, dass die Mitglieder eine zehnjährige interne Ausbildung durchlaufen, die auf der niedrigsten Hierarchieebene im Unternehmen der Familie beginne. Um die Tauglichkeit für spätere Führungsfunktionen festzustellen, würden Mitglieder regelmäßig Prüfungen und Beurteilungen unterzogen, wobei die fähigsten Personen besonders gefördert und in den inneren Führungskreis der Familie aufgenommen würden.
  • Das über die Generationen geschaffene Erbe des Familienunternehmens werde nicht an individuelle Mitglieder der Familie vererbt, die sich ihr eigenes Vermögen erarbeiten müssten. Die Anteile des Unternehmens würden durch Mitglieder des inneren Kreises gehalten, die diese beim Ausscheiden aus dem Kreis in einem bestimmten Alter an jüngere Nachrücker abgeben müssten. Auf individuelle Vermögen könnten Familienmitglieder bis zum Alter von 36 Jahren nur mit Zustimmung eines von der Familie eingesetzten persönlichen Beraters zugreifen.

In der Familie werde außerdem ein ausgeprägtes Dienstethos gegenüber Gemeinwesen und Kirche gepflegt. Das aktuelle Familienoberhaupt diente als Offizier in den niederländischen Streitkräften, während andere als Bischöfe oder Äbte von Klöstern dienten. Zeitweise seien zehn Prozent des Nettogewinns für karitative Zwecke mit lokalem Bezug eingesetzt worden, und die Mitglieder würden sich auch persönlich sozial engagieren. Es sei ein Ziel der Familie, in die eigene religiöse Gemeinschaft zu investieren“.

Aktuelle Auflösungserscheinungen in Folge der Abkehr vom Familienethos

In jüngerer Zeit seien in der Familie Auflösungserscheinungen zu beobachten gewesen. Dies steht nach Darstellung von Wirtschaftsmedien im Zusammenhang damit, dass sich jüngere, als „Modernisierer“ bezeichnete Angehörige der Familie im Zuge des Einflusses der allgemeinen kulturellen Liberalisierung gegen deren „archaische Sitten und überkommene Rituale“ und damit verbundene Einschränkungen gewandt hätten:

Doch immer weniger Clanmitglieder wollen im Gleichschritt marschieren. „Der Zusammenhalt der Familie wird geringer“, berichtet ein enger Mitarbeiter der Sippe. Vor allem die jüngeren, angeheirateten Frauen rebellieren gegen die Schwiegereltern. Sie stemmen sich gegen die althergebrachte Beschränkung auf Kinder, Küche und Kirche – und sie trichtern ihrem Nachwuchs nicht mehr die tradierte Ordnung ein.

Zudem sei der innere Zusammenhalt geschwächt worden, nachdem erstmals Scheidungen innerhalb des Führungskreises geduldet worden seien. Die Bereitschaft, Einschränkungen in der eigenen Lebensführung auf sich zunehmen um zum Führungskreis zugehören zu können sowie die Stärke der Bindung an diesen Kreis sei in Folge des Abbaus von Anforderungen an die Lebensführung der Mitglieder zurückgegangen.

Bewertung und Folgerungen

Christliches Leben in Deutschland und Europa wird sich unter den für die Zukunft zu erwartenden Bedingungen in besonderem Maße auf Netzwerke von Familien und von ihnen getragene Solidarstrukturen stützen müssen, so wie es derzeit bereits in vielen Staaten der Fall ist, in denen Christen als Minderheit leben.

Oft kommt dabei christlichen Unternehmerfamilien eine besondere Bedeutung zu, deren Mitglieder Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft einnehmen, ihren Einfluss zugunsten der christlichen Minderheit geltend machen, durch internationale Vernetzung Unterstützung für ihre Anliegen mobilisieren, christliche Solidarstrukturen finanziell unterstützen und zudem Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen.

Maßnahmen zur Unterstützung der Bildung starker Familien und Großfamilien, die dazu in der Lage sind, diese Aufgaben zu leisten, wären eines von vielen noch zu schaffenden strategischen Vorhaben zur Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in Deutschland und Europa. (ts)