Prognose amerikanischer Nachrichtendienste: Europas „dunkle und schwierige Zukunft“

David Roberts - Die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die kürzlich erschienene Studie „Global Trends – Paradox of Progress“ des amerikanischen „National Intelligence Council“ (NIC) prognostiziert Europa in den kommenden beiden Jahrzehnten eine Reihe krisenhafter Entwicklungen und spricht in diesem Zusammenhang von einer „dunklen und schwierigen Zukunft“.

Der „National Intelligence Council“ ist eine Einrichtung amerikanischer Nachrichtendienste zur Analyse strategischer Fragen. Sie erstellt regelmäßig Zukunftsstudien, die vor allem auf Beiträgen nichtbehördlicher Experten beruhen. Die aktuelle, in diesem Beitrag behandelte Studie ist auch auf Deutsch unter dem Titel „Die Welt im Jahr 2035- Gesehen von der CIA und dem National Intelligence Council“ erschienen.

Der Studie zufolge werde Europa in den Jahren bis 2035 wahrscheinlich von zunehmender Instabilität und einer Reihe konvergierender, sich gegenseitig verstärkender Krisentendenzen erfasst werden:

  • Europa würden wahrscheinlich weitere strategische Schocks bevorstehen, etwa in Form einer erneuten Eskalation der Euro- und Staatsschuldenkrise sowie im Zusammenhang mit anhaltend hoher oder zunehmender Migration.
  • Der Migrationsdruck auf Europa werde vor allem wegen zunehmender Instabilität an der Peripherie Europas bzw. im Mittleren Osten und Nordafrika sowie in Subsahara-Afrika weiter zunehmen. Von dieser Instabilität könnten auch bevölkerungsreiche Staaten wie Ägypten und Algerien betroffen sein, was sich in besonders hohem Migrationsdruck auswirken würde.
  • Aufgrund von voraussichtlich anhaltend schwacher Konjunktur und hohen Schuldenlasten würden Staaten oft nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um den wachsenden Herausforderungen zum Beispiel durch Transferleistungen zu begegnen. Dies würde Verteilungskonflikte fördern, vor allem zwischen Migranten und sozial schwachen europäischen Bevölkerungen.
  • Aufgrund des möglichen Scheiterns der EU und des Euros, zunehmenden wirtschaftlichen Drucks auf die Mittelschichten (unter anderem durch die schwache Konjunktur sowie durch Automatisierung), migrationsbedingten Herausforderungen und der oben erwähnten Verteilungskonflikte sei eine weitere politische Polarisierung bzw. Radikalisierung des politischen Lebens in Europa wahrscheinlich. Die bestehenden liberalen politischen Ordnungen und ihre Eliten könnten dabei weiter an Rückhalt in den jeweiligen Bevölkerungen verlieren.
  • Unter Muslimen würden islamistische Tendenzen voraussichtlich weiter zunehmen, was speziell in Europa durch ausbleibende Integrationserfolge verstärkt werden könnte. Daraus ergebe sich auch eine Zunahme der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus. Dies wiederum würde die Tendenz zu ethnischer und politischer Polarisierung zusätzlich verstärken.

Die vorliegenden Informationen und bereits jetzt sichtbaren Tendenzen würden darauf hindeuten, dass Europa und anderen Teilen der Welt eine „dunkle und schwierige Zukunft“ bevorstehen könnte.

Hintergrund

In den 2004 und 2012 erschienenen Vorgängerstudien entwarfen die Experten ebenfalls überwiegend negative Szenare, was die Zukunft Europas angeht:

  • Man beobachte die globale Tendenz, dass sich politische Akteure verstärkt entlang ethnischer oder religiöser Linien aufstellen, was durch zunehmende ethnische Vielfalt und Migration gefördert werde. Identitätsfragen würden in den kommenden Jahren voraussichtlich immer stärker das politische Geschehen prägen.
  • Im Rahmen von Identitätspolitik würden Gruppen verstärkt versuchen, Gesellschaften in ihrem Sinne umzugestalten, was Konflikte mit anderen Gruppen nach sich ziehe, die sich dadurch herausgefordert fühlten. Insbesondere ethnische oder religiöse Gruppen, die einen hohen Anteil junger Männer (“youth bulge”) aufweisen, würden ihre Identität dabei verstärkt auf aggressive Weise artikulieren.

Europa werde aufgrund der demographischen Entwicklung und der Zuwanderung jünger Männer aus Subsahra-Afrika und dem Mittleren Osten in besonderem Maße von kulturellen und ethnischen Polarisierungstendenzen betroffen sein. Integration und Assimilation von Muslimen blieben hier verstärkt aus, was zur Herausbildung islamisierter Räume sowie zu Konflikten führen werde:

Countries with growing numbers of Muslims will experience a rapid shift in ethnic composition, particularly around urban areas, potentially complicating efforts to facilitate assimilation and integration. …[T]he increasing concentration could lead to more tense and unstable situations, such as occurred with the 2005 Paris surburban riots.

Die Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation oder Rezessionen und ethnisch-religiöser Polarisierung werde wahrscheinlich innere Konflikte in den betroffenen Gesellschaften erzeugen.

In europäischen Sicherheitsbehörden gibt es ähnliche Erwartungen:

Bewertung und Folgerungen

Exakte langfristige Prognosen sind grundsätzlich nicht möglich und die Studien der amerikanischen Behörden erheben diesen Anspruch auch nicht. Wahrscheinliche und plausible positive Szenare der politischen, kulturellen und demographischen Entwicklung Europas lassen sich aus diesen und anderen Studien vergleichbarer Art jedoch kaum herleiten. Wir berücksichtigen dies in unserer Bewertung der Lage des Christentums in Europa sowie in unserem Entwurf für eine Strategie zur Kontinuität des Christentums in Europa.

Davon abgesehen werden solche Studien durch einen nachrichtendienstlichen Hintergrund nicht per se glaubwürdiger, insbesondere dann, wenn sie zur Veröffentlichung vorgesehen sind:

  • Die Führungen solcher Behörden bestehen meist aus politischen Beamten, deren Karriere von den Entscheidungen der Regierungen abhängig ist, die sie beraten sollen.
  • In vielen westlichen Staaten ist dabei die Tendenz zu beobachten, politische Entscheidungen unabhängig von strategischer Beratung dieser Art zu treffen. Von den Führungen der Nachrichtendienste erwartet man in diesem Zusammenhang zum Teil, dass sie bereits getroffene Entscheidungen durch die Mitteilung widersprechender Bewertungen nicht in Frage stellen.
  • Die Führungen solcher Behörden kommen solchen Forderungen häufig nach und geben Arbeitsergebnisse vielfach nur in angepasster Form an Regierungen weiter, wobei bereits in nachgeordneten Hierarchieebenen schrittweise eine Filterung erfolgt und diese meist umso unverbindlicher formuliert werden, je näher sie politischen Entscheidungsträgern kommen.

Frühere Behauptungen des Bundeskriminalamts, dass es keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko terrorisischer Anschläge in Deutschland in Folge unkontrollierter Zuwanderung von Muslimen gebe, sind ein Beispiel dafür, wie auf der Arbeitsebene vorliegende Erkenntnisse und Bewertungen im Zuge des beschriebenen Prozesses auf dem Weg zu den Entscheidungsträgern aus Berichten verschwinden.

Gespräche mit Mitarbeitern der Arbeits- und mittleren Hierarchiebene in Sicherheitsbehörden und Nachrichtendiensten in Deutschland zeigen jedoch, dass diese die oben zusammengefassten Ergebnisse der Studien der amerikanischen Nachrichtendienste im Wesentlichen teilen, wobei die Bewertung der künftigen Entwicklung Europas häufig noch deutlich negativer ausfällt. (ts)

1 Kommentar

  1. Alles hat auch gute Seiten:
    Wenn man in ein paar Jahren die meisten europäischen Länder als „Dreckloch (Shithole)- Staaten“ bezeichnen kann, verliert der Begriff seine üblen, rassistischen Charakter.

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