Gustav Seibt: Die Sehnsucht des Menschen nach Heimat

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Gustav Seibt betrachtete kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“ das Konzept der Heimat, das nur in der deutschen Sprache vorhanden sei. Es beschreibe eine Grunderfahrung des Menschen und sei Ausdruck eines in der Natur des Menschen angelegten Strebens nach Bindung.

  • Heimat sei vor allem eine Erfahrung. Sie sei „der vertraute Raum“ sowie „die Sicherheit des Daseins in der Elternwelt“. Erst in zweiter Linie sei Heimat der „Ort, den man verlassen muss, um in der Welt etwas zu werden, der Ort von Abschied und vielleicht Heimkehr.“
  • Die Heimat sei „größer als die Familie und kleiner als das Vaterland.“ Das Konzept beschreibe eine konkrete Bindung, die stärker sei als jene, die mit der modernen Vorstellung von Gesellschaft verbunden sei.
  • Die Bedeutung der Heimat erfahre man erst, „wenn man sie verlässt oder verliert, wenn sie in Frage gestellt ist.“

Moderne Ideologien, die anstelle des Strebens nach Bindungen das Individuum sowie aufgrund ihres materialistischen Charakters ökonomische Erfordernisse wie Flexibilität und Mobilität betonten, würden dadurch der Natur des Menschen nicht gerecht und lösten deshalb ein verstärkte Sehnsucht nach Heimat aus.

Zu den modernen Ideologien zähle auch der Nationalismus, der den Nationalstaat über alle anderen Bindungen des Menschen stellt:

Der oft geäußerte Verdacht, Heimat und Nationalismus gehörten zusammen, ist historisch ohnehin unzutreffend. Im Gegenteil hat wenig so sehr zur Schwächung der vertrauten Heimatumgebungen beigetragen wie der moderne Nationalstaat. Der Nationalstaat ersetzte Herrschafts- und Gesellschaftformen auf Sichtweite durch rationale Verwaltungen. Er brach in die Lebenswelten ein als Steuer- und Militärstaat, mit Bürokratie und Wehrpflicht. Die persönlichen Loyalitäten gegenüber einem Monarchen und seiner Dynastie oder den Feudalherren ersetzte die Nation durch Staatsbürgerschaft, durch eine abstrakte Staatssymbolik mit Fahnen und Hymnen, durch Geschichtsmythen und Ideologien, die mithilfe der allgemeinen Schulpflicht, eines zentral gesteuerten Ausbildungswesens und nicht zuletzt durch die Presse vermittelt wurden. Aus Dorfgenossen wurden Mitbürger. Die einst regional und ständisch verfasste Gesellschaft spaltete sich in überregionale Klassen und Parteien. Mit urtümlichen lokalen Gemeinschaftsgefühlen war es vorbei.

Das Streben des Menschen nach Heimat und sein „Drang zu kleinen Gemeinschaften“ seien zeitlos und fänden gegenwärtig ihren Ausdruck in „edler Landlust“ oder „in ökologischem Bewusstsein“. Die „massenhafte Ankunft von Heimatlosen“ werde künftig „die Kurve des Heimat-Begriffs wieder nach oben treiben.“

Hintergrund

Christliche Weltanschauung beruht auf der Anerkennung der Existenz einer Natur des Menschen, der nicht wie in modernen Ideologien als beliebig formbar betrachtet wird. Das Streben des Menschen nach Bindungen, die nicht auf individuellen Nutzenerwägungen beruhen und daher von modernen Weltanschauungen als irrational betrachtet und daher abgelehnt werden, wird in christlicher Weltanschauung zudem als prinzipiell gut bewertet und bejaht.

Der Staatsphilosoph Edmund Burke beschrieb in diesem Zusammenhang das, was Seibt als den „Drang zu kleinen Gemeinschaften“ bezeichnete, als Grundlage jeglicher Gemeinschaft von Menschen:

To be attached to the subdivision, to love the little platoon we belong to in society, is the first principle (the germ as it were) of public affections. It is the first link in the series by which we proceed towards a love to our country, and to mankind.

In der katholischen Soziallehre ist dieser Gedanke Bestandteil der Prinzipien der Subsidiarität und der Solidarität, welche die Stärkung von Bindungen wie die an die eigene Heimat im Rahmen der umfassenden Bindung des Menschen an Gott vorsehen. (ts)