Aleida Assmann: Achtung gegenüber der eigenen Geschichte als Voraussetzung kultureller Kontinuität

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Kulturwissenschaftlerin und Ägyptologin Aleida Assmann lehrte unter anderem an der Universität Konstanz und hat sich vor allem mit Fragen der Erinnerungskultur auseinandersetzt. In einem in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichten Gespräch äußerte sie sich unter anderem über der Achtung gegenüber der eigenen Vergangenheit als Voraussetzung kultureller Kontinuität.

Dabei verneinte vehement die Frage eines Journalisten, ob es im antiken Ägypten Anstrengungen in die Richtung gegeben habe, „die riesige, mehrere Jahrtausende alte Geschichte einfach mal über Bord zu werfen, sich zu befreien von dem Muff der Vergangenheit“:

Nichts läge den alten Ägyptern ferner. Niemand kam dort jemals auf die Idee eines solchen radikalen Modernismus. Niemand dachte dort jemals an Muff. Die Vergangenheit wurde dort niemals als eine Belastung empfunden. Dieses Gefühl findet sich in keinem einzigen altägyptischen Text. Die jahrtausendealte Vergangenheit war die Basis der Welt, in der sie lebten. Sie waren stolz auf sie.

Assmann deutete zugleich an, dass sie nicht davon ausgehe, dass es der Moderne gelingen werde, die Natur des Menschen zu diesbezüglich zu verändern. So würden etwa traditionelle Begriffe und Konzepte wie „Ehre“ und „Schande“, die „in post-heroischen Zeiten seit längerem aus unserem aktiven Wortschatz verschwunden“ seien, weiterhin starke Emotionen wachrufen, wenn man sich unter Verletzung moderner Tabus auf sie berufe. Es sei daher möglich, dass diese von der Moderne als überholt betrachtete Konzepte zurückkehren könnten:

Im individuellen Gedächtnis gibt es viele schlafende Spuren, die vielleicht niemals aufgeweckt werden. Da wartet etwas. Einsatzbereit.

Bewertung und Folgerungen

Kulturen wachsen auf der Grundlage eines durch eine Religion gestifteten Ordnungsprinzips transzendenten Kulturzielen entgegen. Dabei müssen die im Geist dieses Prinzips geformten und von ihm durchdrungenen kulturellen Eliten jeder Generation neu entscheiden, was sie aus dem Bestand des Geschaffenen an die nachfolgende Generation weitergeben und was sie entfernen, neu aufnehmen oder weiterentwickeln.

Der moderne Kulturbegriff geht hingegen davon aus, dass Kulturziele rein materieller Natur sind, und dass der Bruch mit dem, was im oben zitierten Gespräch „Muff der Vergangenheit“ genannt wurde, Voraussetzung zur Erreichung dieser Kulturziele sei.

  • Um die eigenen Utopien als attraktiver erscheinen zu lassen, schaffen moderne Ideologien karikierende Zerrbilder der Vergangenheit, die deren Schwächen herausstellen, die sie aus eigener Kraft überwindende historische Entwicklung sowie die Leistungen der Vergangenheit jedoch leugnen.
  • Die Vergangenheit dient dabei als Projektionsfläche für die moralisierende Selbsterhöhung der Moderne auf Kosten der Erinnerung an die Werke früherer Generationen. Indem das Vergangene als rückständig und irrational dargestellt wird, soll der revolutionäre Bruch mit ihm legitimiert werden.

Der Philosoph Alain Finkielkraut schrieb 1999 über den modernen Umgang mit der Geschichte:

Wenn die Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ; und dann entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangenen Generation und verkehrt sich in Ablehnung. Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden, und sie findet nur noch Halt in einem Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat.

Zudem ist der Versuch, die Erinnerung an das Vergangene auszulöschen, eine seit den Bilderstürmen übliche Vorgehensweise moderner Ideologien, die gegenwärtig in der Entfernung christlicher Symbole, Bezüge und Konzepte aus dem gesellschaftlichen Leben in Erscheinung tritt.

Auch das Umschreiben von Geschichte im Sinne der eigenen Ideologie gehört zu diesen Vorgehensweisen. Wesentliche Teile der Aufklärung etwa leugneten die ihr vorausgegangenen Werke abendländischer Kultur und schufen das bis in die Gegenwart nachwirkende Klischee eines „finsteren Mittelalters“, das sie alleine und aus eigener Kraft überwunden hätten.

Moderner Geschichtsrevisionismus wird gegenwärtig auch in Versuchen sichtbar, die Vorstellung durchzusetzen, dass Europa seine kulturellen Leistungen vor allem islamischen Einflüssen verdanke, Kultur in Europa sich in den vom Islam unterworfenen Teilen am höchsten entfaltet hätte und Muslime zudem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut hätten.

Im Zuge ihres Bruchs mit der Vergangenheit trennt sich die Moderne jedoch zunehmend auch von dem Erfahrungs- und Traditionsschatz, der ihr Funktionieren und ihre Leistungen zeitweise ermöglichte, und zerstört dadurch ihre eigenen kulturellen Grundlagen. Papst Franziskus hatte auch in diesem Sinne kürzlich die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt betont und dazu aufgerufen, diese Bindung wiederzuentdecken und zu erneuern. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“. Auch der Soziologe Ruud Koopmans hatte darauf hingewiesen, dass Kultur sich nur aus historischer Kontinuität heraus entwickeln könne, nicht jedoch auf Grundlage einer rein negativen Darstellung der eigenen Vergangenheit.

Wie Assmann mit ihrem Kommentar über das völlig andere Geschichtsverständnis des alten Ägyptens deutlich macht, kann eine solche Kultur, welche die eigene Vergangenheit nicht achtet, nicht von Dauer sein. Dieses Problem der Moderne kann aber  durch die Ansprache der laut Assmann „einsatzbereit“ in der Natur des Menschen und der Erinnerung verborgenen „schlafenden Spuren“ korrigiert werden. (ts)