Hans Urs von Balthasar: Christ ist, wer im Dienst steht

Die Streiter Christi - Darstellung auf dem Genter Altar (gemeinfrei)

Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar suchte 1965 in seiner Schrift „Wer ist ein Christ?“ nach dem Kern der christlichen Identität.

Christ sein bedeutet, im Dienst zu stehen

Christ sei von Balthasar zufolge derjenige, der im Dienst stehe. Die Forderung nach Selbstlosigkeit und ständigem „Zur-Verfügung-Stehen“ im Rahmen einer dienenden Berufung würde die Identität des Christentums bestimmen.

  • Wer Christ sei, kenne seine Berufung und setze sein Leben für sie ein, wobei diese Hingabe bis zum Opfertod gehen könne. Derjenige Mensch verwirkliche sein Dasein am stärksten, „der es, für eine endliche Aufgabe, die ihm wert erscheint, so gründlich wie möglich einsetzt.“
  • Wer Ja zu Gott sage, erhalte eine solche Berufung und „seine Sendung zu den Menschen“. Diese könne auch ein „Weltauftrag“ sein, der in „Familie, Staat, Gesellschaft“ zu leisten sei.
  • Es gebe dabei „nur einen einzigen wahren Einsatz“, nämlich „den für die Brüder, für die Welt“ und den „Einsatz des Menschen, dem der Bruder mehr wert ist als sich selbst“. Der Christ praktiziere seinen Glauben, indem er „die ihm geschenkten Gnaden in Umlauf zugunsten der Mitmenschen“ einsetze.

Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet.“

Dienst und Tauglichkeit

Wirksamer Dienst setze Tauglichkeit voraus. Wer dienen wolle, müsse etwas geben können und im Bereich seiner Berufung „tüchtig und beschlagen“ sein. Tauglichkeit setze vor allem aber den Willen zum Dienst in Form von Freiwilligkeit, der Bejahung des eigenen Auftrags und der Absage an den eigenen Egoismus voraus.

Der Mensch erhalte für seinen Auftrag Fähigkeiten von Gott, die er nicht verbergen, sondern einsetzen solle. Aus den wenigen Jahren des eigenen Lebens müsse man an Dienst herausholen, was nur möglich sei, und den Ehrgeiz haben, diesen so gut wie möglich zu leisten.

Die Härte des christlichen Dienstes als Probe Gottes

Dieser Dienst sei mit Härten verbunden, die als Erprobung der Seele durch Gott verstanden werden sollten. Gott könne sich eines Menschen erst sicher sein, „wenn er ihn, wie Gold im Feuer, erprobt hat.“

Da das Christentum im Dienst erbrachtes Leid unabhängig von der Wirksamkeit des Dienstes als sinnvoll erachte, gebe es für Christen kein sinnloses Opfer. Das Christentum „vertieft die Möglichkeit, sein Leben in einer Aufgabe hinzugeben, fast unendlich, da […] vor allem das Leiden, dort wo man nichts Aktives mehr leisten kann, mit in das Werk, in die Fruchtbarkeit hineinbezogen wird.“

Das Christentum als die Religion des Dienstes

Die gesamte christliche Religion habe diesen Dienst zum Inhalt. So sei für Christen die Bibel das „Wort, das den volleren Gehorsam lehrt“ und die heilige Messe „die Anbetung ihres Herrn und die Belehnung mit seiner Kraft für seinen Auftrag“. (ts)

5 Kommentare

  1. Mir scheint Urs von Balthasars Theologie ganz fundamental richtig zu sein. Ich frage mich, ob er auch die Grenzen des „Dienstes“ gesehen hat. Der Christ als Kuh, die sich „unendlich“ melken läßt ohne aufzumucken, das scheint mir richtig, und es setzt voraus, daß „die Kuh“ weiß, woher sie ihre Energie bekommt: von Gott, Jesus, dem Hl. Geist, der Kirche und den Sakramenten. Nicht in Ordnung wäre es, wenn die Kuh sich „aus Jux und Tollerei“ schlachten ließe. Ein christliches Deutschland soll den unterentwickelten Ländern helfen bis zur Selbsaufgabe. Nicht soll es sich überfremden lassen, so daß es untergeht und verschwindet – und niemand wäre mehr geholfen. Der Vergleich mit Christus, der sich sehr wohl „schlachten“ läßt, ist nicht immer eins zu eins umsetzbar. Das erinenrt an das Herrenwort von der „anderen Wange“, die man dem Aggressor hinhalten soll. Gemeint ist die Überwältigung durch Liebe, nicht jedoch die Ermunterung und Stärkung des bösen Geistes, der den Angreifer möglicherweise beherrscht.

    • https://www.youtube.com/watch?v=R6tR_URPdp0

      Something now, is something that will always be
      This is far beyond some earthbound human plan
      In this universe we’re merely specks of sand

      Nothing more than man

      Tell me – How did it come to this?

      What we do, may light an unexpected fuse
      Every left or right may lead to consequences
      If the butterfly should flap its wings
      If an angel sings

      Tell me – How did it come to this?
      Tell me – How did it come to this?

      Once a child, I tried to hold eternity
      Take a leap of faith and never fear the fall
      But as I floated to those distant shores
      I would hit the wall

      How could I believe…
      There was something on the other side of it all
      More than any man could truly understand
      More than I could comprehend
      So how did it come to this?

      Honestly, I never thought I’d seek adventure in my life
      Never thought that I would walk so dark a road
      In this universe we’re merely specks of sand
      Nothing more than man

      Honestly, I never thought I’d read such judgement in my life
      Never thought that I would fall upon this road
      And if that butterfly should flap its wings
      If an angel sings

      So how did it come to this?
      How did it come to this?

      „So spricht Gott, der Herr: Lasst euch warnen, ihr Führer Israels! Ihr solltet für mein Volk wie Hirten sein, die ihre Herde auf eine gute Weide führen. Aber ihr sorgt nur für euch selbst. ….

      Die schwachen Tiere füttert ihr nicht, die kranken pflegt ihr nicht gesund; wenn sich ein Tier ein Bein bricht, verbindet ihr es nicht. Hat sich ein Schaf von der Herde entfernt, holt ihr es nicht zurück; und wenn eines verloren gegangen ist, macht ihr euch nicht auf die Suche. Stattdessen herrscht ihr mit Härte und Gewalt. ….

      Ihr bekommt es mit mir zu tun! Ich ziehe euch zur Rechenschaft, denn ihr tragt die Schuld, dass meine Schafe leiden. Ihr sollt nicht länger ihre Hirten sein. Ich lasse nicht mehr zu, dass ihr nur für euch selbst sorgt; ich rette die Schafe aus euren Klauen, damit ihr sie nicht mehr auffressen könnt!“
      ( Hesekiel 34, 2 – 10 )

      „Jesus zog durch die Städte und Dörfer der Umgebung. Er lehrte in den Synagogen und verkündete die Botschaft vom Reich Gottes. Und überall, wo er hinkam, heilte er Menschen von ihren Krankheiten und Leiden.

      Er hatte tiefes Mitleid mit den vielen Menschen, die zu ihm kamen, denn sie hatten große Sorgen und wussten nicht, wen sie um Hilfe bitten konnten. Sie waren wie Schafe ohne Hirten.“
      ( Matthäus 9, 35 – 36 )

      • Aus der Zeitschrift „Tumult“:

        „H A N S W I L L E N B E R G

        ANDENKEN

        Es nehmet aber und gibt Gedächtnis die See,
        und die Lieb auch heftet fleißig die Augen.
        Was bleibet aber, stiften die Dichter

        Friedrich Hölderlin,
        1808

        Was bleibet aber von den Dichtern?
        Die sind seelenlos geworden
        seelenlos vom sterblichen Gedenken
        sind seelenlos geworden wie die Priester
        voll des Gedenkens der Taten
        die sind geschehen im eitlen Weltgetriebe
        und entblöden sich nicht lächerliche Grußauguste
        zu sein an Bahnsteigkanten bevor sie den letzten Zug
        der abfährt aus dem Abendlande besteigen
        und legen ab das Kreuz vor neuen Herren
        und verleugnen den der es trug um es wieder zu legen
        auf seine und seiner verwirrten Schafe Schultern
        und auf sich selbst voll Lieb sind gerichtet ihre Augen

        und wenden ab den Blick
        von der ewig sich wandelnden See
        die nehmet Gedächtnis
        unbesehen
        und gibt Gedächtnis
        nur dem offenen Blick“

        Quelle: https://static1.squarespace.com/static/530b8d53e4b091b1a79671f2/t/5a2524f39140b7c0eace43c0/1512383731365/TUMULT_Winter2017-18_Willenberg.pdf

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