Angela C. Contzen: Mythen, Symbole und die Identität Europas

Caspar David Friedrich - Klosterfriedhof im Schnee (gemeinfrei)

Die Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Angela C. Contzen hat sich in ihrer Arbeit vor allem mit der abendländischen Kulturgeschichte und Symbolik auseinandergesetzt. Mit ihrem aktuellen Buch „Die Wurzeln unserer Kultur – Natur, Kunst, Mythologie, Feste und Bräuche im Jahreslauf“ will sie einen Beitrag zur Leitkulturdebatte sowie zu „Erinnerung und Selbstbewusstsein“ leisten. Sie betont dabei die Bedeutung des Christentums als Kern der Identität Europas und sieht in alten Mythen, Bildern und Symbolen Wege, um die Menschen Europas zu sich selbst zurückzuführen.

Sie stützt sich bei ihrer Suche nach den Wurzeln und dem Wesen Europas vor allem auf das tiefenpsychologische Denken des Psychologen C.G. Jung und des von ihm beeinflussten Mythologen Joseph Campbell. Dementsprechend sieht sie vor allem in Mythen, Bildern und Symbolen die wesentlichen Ausdrücke kultureller Identität:

Als Kulturraum hat Europa, wie jeder Kulturraum, einen identitären Aspekt. […] Wenn wir von unserer Kultur sprechen, dann meinen wir auch – und vielleicht sogar zuerst – all die Bilder und Geschichten, die uns seit unseren frühesten Kindertagen begleitet haben. […] All diese Bilder, Geschichte und Bräuche haben von Anfang an unser Denken und Empfinden, unsere Erfahrungen und unser Selbstbewusstsein geprägt – und tun es bis heute. Das ist unsere Heimat. Das ist der geistige Ort, an dem wir zu Hause sind. Das ist unsere Kultur. Das ist unsere Identität.

Das Christentum als Kern der europäischen Identität

Contzen betont dabei, dass eine Religion den Kern jeder Hochkultur bilde und dass diese Religion im Fall der Hochkulturen Europas das Christentum sei:

Im Zentrum jeder Kultur steht immer ein religiöser Kult. Über Jahrtausende entsteht alle Kultur aus einem metaphysischen und mythologischen Urgrund – auch wenn wir das heute nicht mehr wissen oder nicht mehr wissen wollen. Man kann nicht über Kultur sprechen, ohne über Religion zu sprechen. […] Die christliche Religion ist die Matrix der europäischen und überhaupt der westlichen Kultur. […] Das Christentum definiert die Grenze des europäischen Kulturraumes. Erst jenseits dieser Grenze beginnt eine andere Welt.

Sie beruft sich in diesem Zusammenhang auch auf C.G. Jung, der in der Ansicht, dass Europa seine christliche Identität durch Entfernung vom christlichen Glauben bereits verloren habe, eine „Verblendung die ihresgleichen sucht“ sah. Das „Christentum ist unsere Welt“ und habe mehr als ein Jahrtausend lang alle Aspekte europäischer Identität geprägt und geformt und auch bestimmt, was an nichtchristlichen Einflüssen in seine Tradition aufgenommen worden sei. Der Einfluss des Christentums auf die Identität Europas sei so tiefgreifend, dass auch diejenigen Menschen von ihm geprägt seien, die sich nicht zu ihm bekennen.

Die gegenwärtige religiöse Lage Europas

Auch wenn die christliche Prägung Europas weiterhin gegeben sei, hätten sich moderne Ideologien zum radikalen Bruch mit diesen Wurzeln entschieden und würden als „Totengräber der christlichen Religion“ agieren. Das Ergebnis sei die Auflösung der europäischen Identität:

Was aber ist mit unserer Religion? […] Die modernen europäischen Gesellschaften haben ihr religiöses Erbe einer so heftigen Kritik ausgesetzt und es so gründlich liberalisiert, dass es unter ihren Händen verfällt. Unsere Zeit ist von einem weitreichenden und tief gehenden Verlust der alten christlichen Religion geprägt […]. Die Entchristlichung in Westeuropa und vor allem in Deutschland ist ein beispielloser Vorgang. Nie zuvor hat eine Gesellschaft ihre eigene religiöse Tradition in einem solchen Ausmaß verworfen und vergessen. Mit der Religion aber verliert der Mensch nicht nur ein Stück seiner eigenen Geschichte und Kultur. Der Verlust trifft ihn viel tiefer.

Diese Entwicklung habe auch auf Teile des Christentums selbst übergegriffen. Insbesondere der Protestantismus sei „in einem chronischen Bildersturm befangen“ und habe den Großteil der überlieferten Religion sowie „religiöse Symbole und Rituale über Bord geworfen und sich immer mehr dem Zeitgeist angepasst.“

Gleichzeitig gewinne die Frage nach der eigenen Identität durch die Konfrontation mit dem kulturell Fremden in Form des Islams zunehmend an Bedeutung und zwinge dazu, Antworten zu finden. Religiös kraftlos gewordene moderne Europäer mit ihrer Neigung zur Schaffung neuer Patchwork-Religionen würden dabei einem Islam gegenüberstehen, dessen Identitätsverständnis „unerschütterlich stark und unverbrüchlich“ sei:

Der europäische Mensch steht unvermittelt vor einer Religion, die noch ein Gefühl von Gemeinschaft und Identität stiftet, das ihm selbst völlig fremd geworden ist.

Dass den damit verbundenen Herausforderungen vor allem mit Toleranzbekundungen begegnet werde, unterstreiche die Kraftlosigkeit des modernen Europäers und dessen allgemeinen Mangel an Verständnis für religiöse Dinge sowie sein Versagen dabei, entsprechende Frage angemessen ernst zu nehmen. Viele Menschen könnten „offenbar jede Religion akzeptieren“, die „in einem fremden oder exotischen Gewand daherkommt – nur die eigene nicht“.

Sie zitiert den Roman „Unendlicher Spaß“ des Schriftstellers David Foster Wallace, um die geistige Lage des modernen Europas zu illustrieren:

Irgendwer hat gelehrt, dass Tempel nur für Fanatiker sind, und hat die Tempel weggenommen und versprochen, dass keine Tempel mehr nötig sind. Und jetzt gibt es keinen Schutz. Und keine Landkarte, um den Schutz eines Tempels zu finden. Und ihr tappt alle im Dunkeln einher.

Sie zeichnet ein trauriges Bild des modernen Menschen, der in einer entzauberten, aller geistigen Dinge und aller Bindungen beraubten Welt lebe und der „Einsamkeit von Menschen, die allein in großstädtischen Apartments hausen und denen nichts bleibt als der unerschütterliche Wunsch nach einer Liebe, die ihr Alleinsein beendet.“

Europa kann über seine Mythen und Bilder zu sich selbst zurückfinden

Die geistige Lage Europas erfordere eine Wiederanbindung an seine kulturellen Wurzeln:

Was wissen wir noch von unserer Kultur? Wie weit haben wir das Wissen um die Wurzeln unserer Kultur, um unsere geistigen und religiösen Traditionen, eigentlich verloren? Und ist ohne dieses Wissen ein Begriff wie „Leitkultur“ nicht bloß eine Phrase? […] [N]ur im Bewusstsein der eigenen kulturellen Identität kann der europäische Mensch eine selbstbewusste und souveräne Haltung finden gegenüber dem Fremden, das ihn gegenwärtig und wohl auch künftig herausfordern wird.

Die Grundfragen des Menschen seien zeitlos, weshalb die über lange Zeiträume durch Erfahrung und Bewährung im Leben gewachsenen Antworten darauf nicht veraltet seien, sondern im Gegenteil modernen, auf Theorie und Abstraktion beruhenden Entwürfen an Weisheit und Tiefe meist überlegen seien.

Contzen geht davon aus, dass die durch die über Jahrhunderte erfolgte gegenseitige Durchdringung von Religion und menschlicher Erfahrung bzw. durch die „Verschränkung von Natur und Religion“ geschaffenen Bilder und Symbole die „Wirklichkeit des europäischen Menschen geformt“ hätten, eine lebendige Erfahrung ausdrücken würden. Sie könnten auch weiterhin ihre Wirkung entfalten und die Menschen zu sich selbst zurückführen:

In der abendländischen Kultur sind Natur, Religion und Kunst über alle Jahrhunderte eng miteinander verbunden. Erst in der Moderne werden sie getrennt und separiert und fallen auseinander. Im Kreis des Jahres aber gehören diese Dinge bis heute zusammen. Im Jahreslauf, in dem und mit dem wir bis heute leben, ist das kulturelle Erbe Europas noch immer aufbewahrt und wie auf einer Landkarte präzise eingezeichnet.

Die entsprechenden Bilder und Symbole seien „jahrtausendealte und in Stein und Schönheit geschlagene Muster, in deren Spuren wir immer noch wandeln“:

Wir meinen die Bilder von winterlichen Landschaften und blühenden Frühlingswiesen, wir meinen die Weihnachtsfeste und das Geläut der Glocken, wir meinen eine Messe oder ein Requiem, meinen Regenpfützen und Herbstabende mit Hunderten von Märchen und Liedern. Wir meinen die Bilder von Seerosen, Sonnenblumen oder apokalyptischen Reitern, von Madonnen und einem gekreuzigten Messias, von einer schaumgeborenen Venus oder einem gefesselten Prometheus, dem ein Adler mit spitzem Schnabel die Leber herauspickt. Wir meinen Kathedralen, Labyrinthe und ein Schiff, das eine unbekannte Küste sucht. Wir meinen die Geschichten von Narren, Helden und gefallenen Engeln, von einer großen Flut und einem geheimnisvollen Garten, den Gott pflanzt zur Seite des Morgens. […] Eine verschneite Landschaft und ein Kind in einem Stall. Eine flammende Zypresse und ein Kirchturm unter einem Sternenhimmel. Eine antike Tempelruine und eine Madonna im Rosenhag, ein kahler Eichenwald und ein windschiefes Kreuz.

Bewertung und Folgerungen

Der Ansatz, an den Contzen anknüpft, hat in der Vergangenheit einige Menschen vom Christentum weg- und zu neuheidnischen oder pantheistischen Strömungen hingeführt. Er ist mit Risiken verbunden, da die Bilder und Symbole, auf die er zurückgreift, tatsächlich sehr kraftvoll sind. Sie können einen Weg zu Glauben eröffnen und Transzendenzerfahrungen ermöglichen, weil in ihnen das Heilige und die nichtmateriellen Teile der Wirklichkeit auf eine für viele Mensche vergleichsweise leicht greifbare Weise sichtbar werden können.

  • Die Suche nach Gott endet jedoch verfrüht, wo sie nicht weiter führt als zur Erfahrung der Größe und Macht der Natur, des Geheimnisses uralter Dinge oder der Einbindung des Menschen in die Natur sowie der Weisheit und Tiefe von Tradition und Mythos. Dass dieser Ansatz im 19. und 20. Jahrhundert auch schädliche Wirkung hatte, liegt jedoch auch daran, dass die Kirche den entsprechenden Teil hres eigenen Erbes damals und heute weithin vernachlässigt.
  • Contzen selbst scheint eine distanzierte Freundin des Christentums zu sein, deren eigene angedeutete Glaubenserfahrung viel mit den erwähnten Transzendenzerfahrungen und der Faszination von den in den Tiefen der Seele wirkenden geheimnisvollen Kräften zu tun hat. Sie bemüht sich darum, die Erfahrung dieser Kräfte immer wieder auf das Christentum zurückzubinden und sie vor seinem Hintergrund zu deuten, was sie in ihrem Buch aber nicht immer theologisch hinreichend stützt. Ein Beispiel dafür ist ihre Deutung der Hölle, die sie nicht theologisch, sondern psychologisch interpretiert.
  • Zudem gibt es einzelne Widersprüche in ihrem Buch. So schreibt sie an einer Stelle, dass das Christentum eine „unversöhnliche Trennung von Geist und Natur“ betreibe und die Natur „verteufelt“, während ein Großteil ihres Buches das Gegenteil belegt und zeigt, wie das Christentum die europäische Tradition der Naturerfahrung durchdrungen und integriert hat. Zudem weist sie selbst auf das Christentum prägende Gedanken des hl. Augustinus oder des hl. Thomas hin, die in der Betrachtung der Schöpfung einen Beitrag zur Gotteserkenntnis sahen.

Insgesamt aber versucht sie – anders als neuheidnische Autoren – nicht, das Christentum aus der Tradition und Identität Europas herauszudefinieren, sondern betont, dass es derjenige Faktor war, der wertvolle Dinge verschiedenster Herkunft integriert, vollendet und zu einem neuen Erbe geformt hat. Sie betont auch, dass das Christentum in Europa nicht als Zerstörer des Gewachsenen in Erscheinung trat, sondern als dessen Vollender, und dabei Traditionen aufgriff und sie überlieferte, die zum Teil vermutlich deutlich älter als 5000 Jahre sind.

Ihr Werk kann kulturell von der Moderne geprägte Menschen daran erinnern, dass die Wirklichkeit größer ist als ihre materiellen Bestandteile und dass es in ihr Kräfte wirken, die größer sind als der Mensch sowie Dinge, die erhabener sind als alles, was er aus eigener Kraft schaffen könnte. Es erinnert auch daran, dass die Tradition Europas in den mehr als tausend Jahren vor dem Anbruch der Moderne durch diese Dinge geprägt wurde. In diesem Sinne kann Contzens Werk einen Beitrag dazu leisten die Grundlagen dafür zu legen, dass die Menschen Europas wieder zu ihren Wurzeln und zu Gott finden können. (ts)

3 Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag!
    Danke.

    Die Sicht von Angela C. Contzen ist geradezu exemplarisch für unsere heutige Misere:

    Da ist also jemand, der das gewaltige Ausmaß der christlichen Prägung Europas durchaus erkennt (dies bereits im Gegensatz zum herrschenden linken Establishment), jemand der ganz zutreffend das Christentum sogar als Kern der europäischen Identität begreift – und sich dennoch nicht wirklich zu einer überzeugten christlichen Haltung entschließen kann.

    Das ist die ganze Misere: Das Erkennen dessen, was schief läuft, ohne sich mit ganzer Überzeugung für das als besser Erkannte einsetzen zu können.
    Das ist tragisch.

    Das ist etwas, was auch mir bekannt ist: Das Leiden an einem archaisch und überaltert wirkenden Christentum, das es einem so schwer macht, sich ganz dafür einzusetzen.
    Insofern hat – abstakt gesprochen – die christliche Tradition auch Schuld am Unglück, weil es ihr nicht mehr gelingt, viele moderne Menschen zu überzeugen.

    Contzen, die 1953 Geborene, sympathisiert heute wieder mehr mit dem ja auch kirchlich geprägten Christentum, das sie ehedem vermutlich kritisch gesehen hat in ihrem jahrelangen Suchen nach der echten Wahrheit zwischen Buddha, Kabbala, Gnosis und Evangelium.
    Sie nähert sich an, sie versucht allgemein-spirituelle Aspekte wieder am und im Christentum zu verorten, sie analysiert das Problem, weiß um dessen Bedeutung – und fremdelt dennoch.

  2. Ich kann das, worüber Contzen schreibt, sehr gut nachvollziehen. Es gibt so etwas wie eine Naturreligion der deutschen Romantik, die Rüdiger Sünner in dieser Dokumentation beschrieben hat:
    https://www.youtube.com/watch?v=tw2DzA_zjk4
    Von „Neuheiden“ würde ich da nicht sprechen, denn man verehrt nicht germanische Gottheiten.
    Früher war ich davon sehr begeistert und fand von dort einen Zugang zur christlichen Mystik, auf deren Gedanken der „Geburt Gottes in der Seele“ die Romantik sich gerne beruft. Von dort an war es für mich nicht mehr weit bis zum Christentum.
    Das Problem der Romantiker ist aus meiner Sicht, dass sie Gott darauf reduzieren, ein biologisch im Menschen angelegter Impuls zu sein, der sich in Form erhabener Gefühle beim Betrachten des Schönen und dem Wunsch nach naturgemäßem Leben im Menschen regt. Der Gott der romanischen Naturreligion somit kein richtiger Gott, sondern etwas, das zufälligen Naturabläufen untergeordnet ist bzw. aus ihnen hervorgegangen sein soll.

  3. Das Problem ist das gleiche wie auf der politischen Ebene: Nicht alle Menschen sind in der Lage, den Zusamenhang von Ursache und Wirkung, den tieferen Sinn von etwas, die Bedeutung von Symbolik, zu erkennen.
    Tolkien hat in seinem Mittelerde-Opus das heidnische Europa und das Christentum miteinander versöhnt, wobei er sich den mönchischen Autor des „Beowulf“ zum Vorbild nahm. Tolkien war ein erzkonservativer, monarchistisch gesinnter, patriotischer Katholik. Trotzdem finden viele Liberale,Grüne und Linke seine Bücher toll. Diese Menschen sind einfach nicht in der Lage, Symbole und die Wahrheit von Mythen zu verstehen. Daher KÖNNEN sie sich gar nicht mit dem alten, wahren Europa identifizieren.

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