Patrick Deneen: Die Selbstzerstörung des Liberalismus

Pieter Bruegel der Ältere - Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Patrick Deneen lehrt an der katholischen University of Notre Dame in den USA. Sein neues Buch „Why Liberalism Failed“ wird hier noch ausführlicher vorgestellt werden. In einem Gespräch mit dem Magazin „Crux“ hat er vorab erläutert, worin er die wesentlichen Selbstzerstörungstendenzen im Liberalismus sieht.

Als „Liberalismus“ definiert er dabei alle progressiven modernen Ideologien, die von einem materialistischen Weltbild ausgingen, vorwiegend ökonomische Ideale anstrebten, traditionelle Bindungen sowie gewachsene Kultur als irrational betrachteten oder auflösen wollten und die entsprechende staatliche Umgestaltung aller Bereiche der Gesellschaft anstrebten.

  • In liberalen Ideologien sei ihr Scheitern systemisch angelegt. Alle liberalen Strömungen würden im Zuge ihres politischen Erfolges ihre eigenen Grundlagen auflösen und schließlich zerstören.
  • Die Stärken liberaler Demokratien würden vorwiegend auf kultureller Substanz beruhen, die der Liberalismus als gegeben voraussetze, ohne ihren religiösen Ursprung zu verstehen. Diesen würde der Liberalismus als irrational oder irrelevant ansehen, weshalb er kulturelle Substanz nicht regenerieren könne und sie zunehmend verbrauche.
  • Indem der Liberalismus dadurch gewachsene Kultur, Normen, Institutionen und Bindungen zunächst schwäche und schließlich zerstöre, vernichte er schrittweise seine eigenen Grundlagen und die der Gesellschaften, die er präge. So würde etwa die Auflösung traditioneller Normen eine immer umfassendere Gesetzgebung erfordern, während die Auflösung traditioneller Bindungen und Kultur Vereinzelung und dysfunktionale Lebensstile hervorbringe, die einen immer umfassenderen Sozialstaat erforderten.

Am Ende des Liberalismus würden daher nicht freie Menschen und freie Gesellschaften stehen, sondern alle Bereiche des Lebens regulierende Staaten und vom Staat abhängige sozial und kulturell dysfunktionale Bevölkerungen bindungsloser Einzelmenschen, die den Sinn ihres Lebens in Konsum und Produktion sähen.

Da die Folgen der von ihm bewirkten Auflösung nur zeitversetzt sichtbar würden, sei die entsprechende Entwicklung in liberalen Gesellschaften derzeit kaum aufzuhalten oder umzukehren. Für Christen ergebe sich daraus der Auftrag, dem Eindringen liberaler Ideologie in die Kirche entgegenzuwirken und Räume zu schaffen, die auch nach der Selbstzerstörung liberaler Gesellschaften funktionsfähig blieben. (ts)

3 Kommentare

    • Das Buch von Kleine-Hartlage ist zwar etwas abstrakt geschrieben, aber trotzdem sehr gut.

      Man könnte diue Sache so zusammenfassen: Liberalismus „funktioniert“ immer dergestalt, dass er zunächst gegen eine bereits vorhandene stärkere ältere Ordnung wirkt, diese etwas abschwächt und sie schließlich zersetzt – und doch gleichzeitig parasitär von deren Bestand zehrt.

      Sobald der Liberalismus herrschend geworden ist, ist er nicht mehr liberal und verwandelt sich in etwas ganz anderes. Da überdies der geistige, kulturelle und soziale Bestand verjubelt wurde, bleibt am Ende nicht viel übrig – was wiederum die Tendenz zu aggressiver Außenpolitik zwecks Beutegewinnung fördert.
      Weh dem, der Wüsten birgt …

      Ist der Vergleich mit einem Krebsgeschwür so falsch?

      • @Waldgänger
        Es ist m.E. beinahe freundlich, von einem Krebsgeschwür zu sprechen. Das Prinzip, den Menschen mit einem falschen Freiheitsversprechen zu täuschen und zu seiner Selbstzerstörung zu verführen, ist nahezu satanisch.

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