Herfried Münkler: Europa fehlt eine Kultur des Heldentums

Józef Brandt - Die Schlacht von Wien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und gehört zu den wenigen in seinem Fach in Deutschland, die sich mit Fragen im Bereich Strategie und Sicherheit auseinandersetzen. In einem aktuellen Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt er über die Verwundbarkeit der postheroischen Gesellschaften Europas und kritisiert, dass diesen „Heldenerzählungen“ und ein Konzept des Heldentums fehlen würden.

In den Nationen Westeuropas habe sich nach den Erfahrungen der Weltkriege eine postheroische Kultur durchgesetzt. Diese lehne die Vorstellung, dass es Ideale gebe, die eswert seien, Opfer zu bringen, grundsätzlich ab. Man brauche jedoch weiterhin zum Dienst und zum Opfer bereite Menschen, weil auch postheroische Gesellschaften Feinde hätten:

Das Phantasma des Heldischen als Bedeutsamkeitsversprechen aus der Bahn geratener junger Männer motiviert auch die Terroristen und Selbstmordattentäter, die unsere Gesellschaften immer wieder in Angst und Schrecken versetzen. Sie lassen die Frage aufkommen, ob das Land womöglich doch Helden nötig habe, um sich dieser Bedrohung zu erwehren. Postheroische Gesellschaften sind extrem verwundbar; einige wenige können in ihnen das Selbstbewusstsein von Millionen infrage stellen.

Helden würden in den Kulturen Westeuropas jedoch nur als fiktive Gestalten in amerikanischen Filmen oder als ironisierte „Helden des Alltags“ akzeptiert werden.  Europa würde dadurch versuchen, sich vom Problem des Mangels an echtem Heldentum und Heldenerzählungen abzulenken. Dies sei jedoch Ausdruck von „kollektiver Schizophrenie.“

Bewertung und Folgerungen

Münkler zufolge sei Europas “mürrische Indifferenz” gegenüber islamischem Terrorismus ein Ausdruck von Stärke, der europäische Gesellschaften krisenfester mache, was er jedoch nicht näher begründet. Tatsächlich jedoch scheint auch die nach Anschlägen zu beobachtende allgemeine Passivität eher ein Ausdruck jener postheroischen Einstellung zu sein, die sich Herausforderungen nicht stellen will und zu ihrer wirksamen Bekämpfung nicht fähig ist.

Der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hatte vor einiger Zeit zudem ähnlich wie Münkler einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. In diesem Zusammenhang forderte er ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht“:

Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.

Dabei übersehen sowohl Münkler als auch Gauck, dass das Christentum in Europa in den Jahrhunderten seines Wirkens ein Konzept des Heldentums sowie „Heldenerzählungen“ geschaffen hat, die Europa über lange Zeit getragen haben und auf die man jederzeit wieder zurückgreifen könnte:

  • Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb das Christentum als in seinem Kern heroische Religion bzw. als „die große Lehre von der Selbst-Hingabe und Selbst-Überwindung“. Der Kardinalpatron des Malteserordens, Kardinal Raymond Burke, hatte kürzlich diesen heroischen Charakter des Christentums unterstrichen und betont, dass Christen immer wieder im Dienst am Nächsten auch im Kampf gegen die Herausforderungen dieser Welt hervorgetreten seien.
  • Keine andere Religion betont die Themen Dienst und Opfer, also heroische Aspekte des Glaubens, auch nur annähernd so stark wie das Christentum. Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar bezeichnete diese Aspekte daher als die entscheidenden Glaubenskriterien des Christentums: „Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.“ Postheroische Christen kann es nicht geben, weil diese aufhören würden, Christen zu sein.
  • Der katholische Philosoph Robert Spaemann hatte die „heiligen Erzählungen“ beschrieben, die das Christentum in Europa geschaffen habe. Dazu gehöre auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“. Ansätze zur „Aneignung der großen heiligen Erzählung“ durch das Europa der Gegenwart bewertet Spaemann positiv. Dies „könnte Zeichen für eine Wende sein, in der die Christenheit ihre Identität zurückgewinnt“.

Da die postheroischen Gesellschaften Europas vor allem durch radikale Strömungen im Islam herausgefordert werden, würde sich eine Anknüpfung an die große christliche Tradition der Abwehr solcher Strömungen in besonderem Maße anbieten. Das Christentum kann hier durch die Bereitstellung kultureller Ressourcen erneut einen wichtigen Dienst an Europa leisten. Mit zunehmender Verbreitung säkularer postheroischer Tendenzen benötigen entsprechende Gesellschaften zudem in immer größerem Maße den Dienst von Christen, die zu Opfern im Dienst an den Menschen dieser Gesellschaften bereit sind.

Mit der Erschließung und Aufbereitung der Elemente dieser großen Erzählung befassen wir uns auf unserer Portalseite über das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes. Die heroischen Aspekte des Christentums werden auf unserer Portalseite über Glaubensfragen näher behandelt. (ts)

5 Kommentare

  1. Sehr geehrter ts,
    die „Zeller Zeitung“ setzt noch einen drauf: „Die Bundeswehr entsendet Osmanen-Bataillion nach Polen“ um die Demokratie wieder herzustellen.
    Es ist bezeichnend, dass aus einer auch von Feinden respektierten, ja teilweise bewunderten Armee (an den militärischen Erfolgen der Osmanen im 19. Jh. und dem I.Weltkrieg waren deutsche Ausbilder nicht ganz unbeteiligt) ein unerschöpflicher Quell für Satire wurde. So etwas haben die gefallenen Bundeswehrsoldaten nicht verdient.

    • Lieber Herr Varga,
      danke für den Hinweis auf diese m.E. sehr gelungene Satire. Ich habe mir erlaubt, Ihrem Kommentar den entsprechenden Link hinzuzufügen.

  2. „Da die postheroischen Gesellschaften Europas vor allem durch radikale Strömungen im Islam herausgefordert werden, würde sich eine Anknüpfung an die große christliche Tradition der Abwehr solcher Strömungen in besonderem Maße anbieten.“

    Absolut richtig. Aber: Gäbe es eine Prognose, die noch irrealer wäre als die Übernahme heroischer christlicher Narrative durch die EU? Einer EU, welche über Jahrzehnte geplante Zwischenziele „EGKS“, „EG“ und „EU“ ihrer Vollendung als „Vereinigte Staaten von Europa“ entgegen läuft und deren antichristliche Denkungsart dabei immer offener zutage tritt?

    Was könnte einem zu der Annahme bringen, die EU würde auf christliche Narrative zurück greifen wollen? Und selbst wenn: von welchen Kirchenmännern sollte sie denn diese empfangen? Von Papst Franziskus? Nach dessen öffentlichen Verlautbarungen wohl eher nicht.
    Nennen Sie mir nur einen einzigen Diözesanbischof, welcher öffentlich die Kreuzzüge als legitime Verteidigung der christlichen Stätten bzw. Pilgerzüge verteidigen würde.

    Ihnen fällt grade keiner ein?

    Mir auch nicht.

    • @Kirchfahrter Archangelus
      Man kann m.E. nicht mehr tun als christliche Impulse anzubieten, wenn selbst ein Herfried Münkler erkennt, dass etwas wichtiges verloren gegangen ist. Es gibt übrigens durchaus Anzeichen dafür, dass gerade die Herausforderung durch den Islam viele säkulare Europäer wieder nach ihren eigenen religiösen Wurzeln oder religiösen Antworten auf den Islam suchen lässt. Die nicht geringe Zahl täglicher Suchtreffer dieser Art auf diese Seite zeigen, dass es m.E. nicht ganz umsonst ist, solche Impulse zu verbreiten. Tatsächlich ist auch die Resonanz direkter Anfragen und Unterstützungsangebote so hoch, dass wir mit den Antworten deutlich im Verzug sind. An dieser Stelle bitte ich für diese Verzögerungen um Entschuldigung; kommende Woche wird das alles nachgeholt werden.
      Davon, die EU auf einen anderen Kurz zu bringen, sind diese und andere Initiativen natürlich noch weit entfernt. Aber vielleicht reicht es ja auch schon aus, wenn in der Zeit nach der EU genügend Menschen da sind, die für das echte Europa einstehen.
      Und auch wenn die Bischöfe im deutschsprachigen Raum in öffentlichen Äußerungen zurückhaltend in dem Punkt sind, den Sie ansprechen, so gibt es m.E. doch den einen oder anderen, der sich ansatzweise in diese Richtung geäußert hat:
      Christoph Schönborn (Wien)
      – Andreas Laun (bis vor kurzem Salzburg)
      – Elmar Fischer (bis vor kurzem Feldkirch)
      Ludwig Schick (Bamberg)
      Rudolf Voderholzer (Regensburg)
      – Vitus Huonder (Chur)
      – Stefan Oster (Passau)
      – Alois Schwarz (Klagenfurt)
      Ich bin da optimistisch.

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