Egon Flaig: Die Ehrung der Vorfahren als Voraussetzung kultureller Kontinuität

Das christliche Europa - Ausschnitt aus dem Genter Altar (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Althistoriker Egon Flaig lehrte an den Universitäten Greifswald und Rostock und ist unter anderem durch seine Gedanken zur Konfliktgeschichte des Islams bekannt geworden. In einem aktuellen Aufsatz setzt er sich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in europäischen Gesellschaften auseinander die auch eine  Folge des Verlusts der „kulturellen Dankbarkeit“ gegenüber den eigenen Vorfahren seien. Ursache dieser Entwicklung sei das Wirken postmoderner, neomarxistischer und liberaler Ideologien, die entsprechende Bindungen aus unterschiedlichen Motiven heraus bekämpfen würden.

Kulturelle Kontinuität und ihre Gegner

Die Vorstellung eines Gemeinwohls beruhe auf einer geteilten Bindung an eine kulturelle Tradition. Kulturelle Vielfalt stelle in diesem Zusammenhang in der Regel keinen Gewinn, sondern ein Problem dar. Kultur beruhe auf der Reduzierung von Vielfalt durch Stiftung von Bindungen und Schaffung von Gemeinsamkeiten.

  • Nur auf dieser Grundlage könne der republikanische Pluralismus im Sinne seines Leitsatzes „e pluribus unum“ aus kulturell unterschiedlichen Gruppen eine Einheit formen und Fremde, aber auch nachfolgende Generationen integrieren.
  • Postmoderne und neomarxistische Ideologien, die seit den 1970er Jahren in Europa die kulturelle Hegemonie erlangt hätten, würden hingegen zunehmend eine Erinnerungskultur durchsetzen, welche die europäische Geschichte und Tradition als eine Serie von Verbrechen an der Menschheit darstelle.
  • Um ihre kulturrevolutionären Ziele voranzutreiben, versuchten diese Strömungen, die Bindungen der Völker Europas an ihre Tradition und Kultur zu zerstören. Dazu würden sie ein „radikal neues Bild der Weltgeschichte“ konstruieren, das „mittels offenherziger Verfälschung von historischen Tatsachen“  eine allgemeine Schuld der Völker Europas gegenüber der Menschheit behaupte. Gleichzeitig werde diesen Völkern „Erlösung“ von ihrer angeblichen Schuld in Aussicht gestellt, wenn sie sich gegen ihre Tradition, Geschichte und Kultur wenden würden.

Dieses „selbstmörderische“ Vorhaben sei in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich gewesen und werde mittlerweile auch durch liberale, globalistische Strömungen unterstützt, „welche die Menschen reduziert auf ihre bloße Eigenschaft, Arbeitskräfte zu sein“ sowie darauf, „ökonomisch motivierte Wesen ohne kulturelle Imprägnierung“ zu sein.

Postmoderne europäische Eliten als „bildungslose Barbaren“

Produkte dieser Entwicklung seien etwa der französische Präsident Emmanuel Macron, der erklärt hatte, dass eine französische Kultur nicht existiere, sowie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz, die ähnliches über deutsche Kultur behauptet hatte. Er nennt sie eine„bildungslose Barbarin“:

Wer sich noch gebildet nennen darf, wird eingestehen, dass die abendländischen Gemeinsamkeiten der Menschen unseres Kulturkreises um ein Vielfaches größer und intensiver sind als die nationalen Besonderheiten, denn die nationalen Kulturen ruhen auf einem gewaltigen abendländischen geistigen Sockel. Dass es jedoch kulturelle Besonderheiten gibt und dass sie liebevoll gepflegt werden – im alltäglichen Umgang ebenso wie in der Literatur, in der Musik, in Theatern und Zeitschriften –, kann nur leugnen, wer entweder bar aller Bildung ist oder aber sich fanatisch ideologisiert.

Die kulturelle Auflösung Europas in Folge seines Bruchs mit der eigenen Vergangenheit

In Folge der durch die Durchsetzung dieser Ideologien bewirkten Auflösung von historisch-kulturellen Bindungen würden europäische Gesellschaften zunehmend in Interessengruppen und Parallelgesellschaften zerfallen, die „nicht mehr willens sind, sich einem Gemeinwohl unterzuordnen“:

[E]in solches Bewusstsein laugt den Zusammenhalt der Bürger aus, einen Zusammenhalt, auf den Demokratien existentiell angewiesen sind. Man kann die Demokratie nicht bewahren, wenn man nicht mehr weiß, auf welchen kulturellen Grundlagen sie aufruht.

Diese Auflösungsprozesse seien für kurzfristig denkende Menschen „zunächst kaum wahrnehmbar“, was ihre Identifizierung und Bekämpfung erschwere.

Abendländische Alternativen zu kultureller Auflösung

Kulturelle Substanz werde über viele Generationen hinweg aufgebaut. Ihre Weitergabe und Weiterentwicklung von Generation zu Generation setze Dankbarkeit gegenüber den eigenen Vorfahren voraus. Diese habe daher im antiken Rom als „Pietas“ den Rang einer politischen Tugend gehabt. Als Vorfahren seien dabei mehr noch als die eigenen biologischen Vorfahren diejenigen wahrgenommen worden, in deren geistig-kultureller Tradition man stehe.

Bewertung: Die Ehrung der Vorfahren und das vierte Gebot des Christentums

Flaig neigt in seinen Schriften zum Teil dazu, die Tradition Europas verkürzt zu betrachten, indem er das Erbe Europas auf das der Aufklärung und seine antiken Bezüge reduziert.

  • Er gerät dadurch zuweilen in Widersprüche, da die von ihm kritisierten Ideologien einen wesentlichen Teil des aufklärerischen Erbes ausmachen, auf dass er sich beruft. Die besseren Teile der Aufklärung, in deren Tradition Flaig sich sieht, waren dabei diejenigen, die den Rahmen christlicher Weltanschauung nicht ablehnten, was er jedoch nicht erwähnt. Seine Kritik bleibt daher stellenweise unvollständig, weil sie sich ihrer Grundlagen nicht bewusst ist und den Kern der Unterschiede zwischen den besseren und den schlechteren Strömungen der Aufklärung nicht benennt.
  • Wegen seines stellenweise verengten Blicks übersieht Flaig zudem auch in seinem aktuellen Text, dass die von ihm als Gegenmittel zu kultureller Auflösung betrachtete römische Tugend der Pietas nur deshalb auch nach dem Ende der Antike mehr als tausend Jahre lang von den Eliten Europas praktiziert werden konnte, weil sie in das Christentum integriert worden war, dessen viertes Gebot es Christen aufträgt, Vater und Mutter zu ehren.

Dies entwertet jedoch Flaigs Gedanken nicht. Johannes Paul II. hatte in seinen Betrachtungen über das vierte Gebot den von Flaig vorgebrachten Gedanken aus christlicher Perspektive vertieft:

Das Erbe, das er übernimmt, verbindet ihn fest mit denen, die es ihm übertragen haben und denen er soviel verdankt. Er seinerseits […] wird fortfahren, dieses Erbe weiterzugeben. Deshalb besitzt auch das vierte der Zehn Gebote eine so große Bedeutung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ […]. Wir müssen alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern. Diese Aufgabe ist wichtig für alle Gesellschaften, besonders aber wohl für jene […] die diese Existenz und ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen.

Johannes Paul II. betonte dabei, dass der Einsatz für die kulturelle Kontinuität der christlich geprägten Gemeinwesen Europas eine Form des Dienstes des Christentums an Europa darstelle. (ts)

2 Kommentare

  1. Einem großen Teil der französischen Wähler ist es völlig egal, ob Macron an die Existenz der französischen Kultur glaubt oder nicht. Weit mehr fällt ins Gewicht, dass Macron dafür sorgt, dass die spätjakobinische Misswirtschaft vom Geld der arbeitenden Deutschen und steuerpflichtigen Gastarbeiter in der BRD subventioniert wird. Dann glaubt Tsipras wahrscheinlich auch nicht an die Existenz einer griechischen Kultur…

  2. Wobei man natürlich dafür erstmal seine biologischen Vorfahren kennen muß. Dies ist bei den nachwachsenden Generationen (sofern nicht gleich verhütet oder abgetrieben) bereits größtenteils (i.d.R. bzgl. des Vaters) nicht mehr der Fall. Hinzu kommt, dass z.B. persönliche „Familiengeschichte“ nur sehr schwierig rekonstruierbar ist, wenn die Frau Mama a) den Herrn Papa nur eine Nacht lang sah oder b) eine Vielzahl weiterer One-night-stands oder zumindest „Lebensabschnittsgefährten“ mit ins traute Heim brachte. Selbiges gilt für die Herren der Schöpfung genauso.
    Alleine die Anzahl der Halb- und Stiefgeschwister macht da mutlos, nach den Wurzeln zu forschen…

    Sicherlich hatte so jede Zeit ihren moralischen Verfall, aber ich kenne keine, welche ihre rechtlichen Strukturen den realen Gewohnheiten angepaßt hätte (Rechte außerehelicher Kinder, nichtverheirateter Eltern und Paare, „Ehe für alle“ etc.). Es gilt rechtlich nicht mehr „Was ihr sollt“ im Hinblick auf Gottes Gebote und biologischen Weiterbestand von Staat und Volk, sondern ein rein hedonistisches „Was ihr wollt“.

    Reizvoll, sich vorzustellen, welche Personen wohl von der heutigen Masse als „Vorfahren wahrgenommen werden, in deren geistig-kultureller Tradition man steht“. Realistischerweise werden dies wohl Personen sein, welche der Masse medial gezielt nahegebracht werden, da die Annahme abwegig scheint, dass die meisten jemals selbst ein gutes Buch in die Hand nehmen und am Ende noch reflektieren werden.

    Mithin stehen die Chancen gut, dass sich die allermeisten in der „geistig-kulturellen Tradition“ eines Dieter Bohlen oder „GZSZ“, „GNTM“ oder anderer Vier-Buchstaben-Formate wähnen.

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